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Das Vernünftige, Mittlere, Gemäßigte

aufbruch-ins-ungewisseBei Telepolis ist ein bemerkenswertes E-Book erschienen, das sich der Frage widmet, wie denn Alternativen zum Kapitalismus aussehen können. Tomasz Konicz, einer der Herausgeber des E-Books, formuliert es im begleitenden Artikel »Wege aus dem Kapitalismus« recht drastisch:

Wir leben in einer extremistischen Gesellschaft, die beständig irre Ideologien wie Rechtsextremismus oder Islamismus ausschwitzt. Als Extremisten können folglich diejenigen Apologeten kapitalistischer Herrschaft bezeichnet werden, die dieses zu einem Schlachthaus der Menschheit mutierende System immer noch als alternativlos und als die “beste aller möglichen Welten” bezeichnen. Die Suche nach einer Systemalternative stellt hingegen das einzig Vernünftige, Mittlere, Gemäßigte dar: Es ist ein Unterfangen, dem sich ein jeder Spießer zu verschreiben hätte, der sich Sorgen um die Zukunft seiner Kinder macht – und der erkannt hat, dass deren Abrichtung zu Mobbingmaschinen, wie sie jetzt in der Mittelklasse gang und gäbe ist, ihnen keine lebenswerten Zukunftsperspektiven eröffnen wird.

Christian Siefkes und ich waren mit Beiträgen beteiligt. Hier das Inhaltsverzeichnis:

Tomasz Konicz: Wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst. Wie Deutschlands Medien und Ökonomen mit der Tatsache der säkularen Stagnation des spätkapitalistischen Weltsystems umgehen

Ludger Eversmann: Die Digitale Dinge-Allmende. Die materiellen Existenzbedingungen neuer höherer Produktionsverhältnisse werden gerade ausgebrütet im Schoß der alten Gesellschaft, man muss sie nur auch als solche erkennen

Michael Albert und Florian Zollmann: Parecon – Partizipatorische Ökonomie. Welche Institutionen können zivile Werte im Wirtschaftsalltag der Menschen verankern und eine Veränderung der Gesellschaft bewirken?

Jürgen Neumann: Welche Wege führen aus der Krise? Hat der Kapitalismus noch eine Chance oder müssen wir uns auf die Suche nach Alternativen begeben?

Andreas Exner: Es rettet uns keine höhere Technologie. Die Voraussetzung für eine neue Gesellschaft liegt in den “neuen” Menschen, die eine postkapitalistische Hochtechnologie nutzen

Ludger Eversmann: Schafft volkseigene “Infofakturen”! Von einem neuen Paradigma der Produktion zu einem neuen Paradigma der Ökonomie

Richard Wolff: Demokratisierung der Unternehmen statt Staatsinterventionismus. Die Linke braucht neue Ansätze und Visionen, um erfolgreich in der gegenwärtigen Krise agieren zu können

Abdullah Öcalan: Demokratischer Konföderalismus. Das Projekt der “demokratischen Moderne” ist ein Gegenentwurf zur zentralistisch-bürokratischen Moderne (eine deutliche längere Fassung dieses Texts gibt es als freies PDF)

Elke Dangeleit: Das Modell Rojava. Die Erprobung einer direkten kommunalen Demokratie mit emanzipatorischen Zügen stellt die Systemfrage an die Staaten im Nahen Osten, daher rührt die Gegnerschaft

Ludger Eversmann: Total Eclipse. Dämmerung des Kapitalismus, atomare Katastrophe oder Morgendämmerung einer Neuen Zeit?

Tomasz Konicz: Die wunderbare Welt des Jeremy Rifkin. Wie der Mainstream den Postkapitalismus diskutiert, ohne auch nur eine Ahnung vom Begriff des Kapitals zu haben

Arno Klönne: Der Kapitalismus auf dem Rückzug? Teilen und Kollaborieren statt Profitieren

Christian Siefkes: Peer Produktion. Wie im Internet eine neue Produktionsweise entsteht

Robert Kurz: Marxsche Theorie, Krise und Überwindung des Kapitalismus. Fragen und Antworten zur historischen Situation radikaler Gesellschaftskritik

W. Paul Cockshott, Allin Cottrell: Planungskonzepte für eine sozialistische Ökonomie. Grundzüge eines Systems, das Konsumentenwünsche erfüllen kann und gleichzeitig die Ökonomie zu sozialer Gerechtigkeit und Umweltverträglichkeit führt

Reinhard Jellen: “Do-It-Yourself-Urbanismus”. Hanno Rauterberg über neue Tendenzen des Stadtlebens

Lars Lange: Die Energiewende ist vollbracht. Jetzt brauchen wir die Entwicklung einer Postwachstumsstrategie

Elisabeth Voß: Die schöne neue Shareconomy und ihre Schattenseiten.

Norbert Rost: Postwachstumsökonomie. Vom “Negativzins” in der Haben-Gesellschaft

From: keimform.deBy: Stefan MeretzComments

Shareconomy – die neue Einhegung des Teilens

streifzuege62[Kolumne Immaterial World in der Wiener Zeitschrift Streifzüge]

Für die Durchsetzung des Kapitalismus war es notwendig, die Menschen durch die „Einhegung der Commons“ von ihren Subsistenzmitteln zu trennen. Zu den traditionellen Commons gehörte die gemeinschaftliche Nutzung von Naturressourcen: Wiesen, Weiden, Wälder, Wasser. Gewohnheitsrechtlich wurden sie geteilt genutzt und boten vor allem kleinen Bauernhöfen und Landarbeiter_innen ein Auskommen. Mit dieser Art des Teilens war mit der Einhegung Schluss. Freie, aber vereinzelte Lohnarbeiter_innen mussten fortan ihre Arbeitskraft verkaufen, um die Existenz ihrer getrennten, von der Warenökonomie abgespaltenen Privathaushalte zu sichern.

Der Privathaushalt, der allein für sich die Geldmittel beschafft, war in der Zeit des Fordismus ein Erfolgsmodell, das in der sich gegenwärtig ausbreitenden Krise jedoch seinen Modellcharakter verliert. Alte Denk- und Handlungsmuster werden in Frage gestellt, neue Lebens- und Handlungsweisen etablieren sich. Zu ihnen gehört eine Wiederentdeckung des Teilens. Der exklusive Privatbesitz ist nicht mehr erstrebenswert, die gemeinsame Nutzung von Ressourcen spart nicht nur Geld, sondern durchbricht auch soziale Trennungen. Warum nicht das Auto, den Garten, die Wohnung, die Werkzeuge und anderes mehr gemeinschaftlich nutzen?

Das Teilen ist eine positiv-reziproke Handlung. Die involvierten Menschen beziehen einander wechselseitig ein. Alle haben etwas davon, und dennoch wird nicht getauscht, denn das, was sie davon haben, ist sehr vielfältig und unberechenbar. Im Kern geht es um die (Wieder-) Herstellung menschlichen Reichtums jenseits von Tausch und Geld. Tauschen hingegen ist negativ-reziprok strukturiert. Die einen wollen möglichst viel haben, die anderen möglichst wenig geben. Im Tausch werden die Menschen strukturell voneinander getrennt.

Die Shareconomy, auch kollaborative Ökonomie genannt, macht aus Teilen wieder Tauschen. Sie ist eine moderne Form der Einhegung des Teilens, ist ein Weg der Verwarenformung menschlicher Beziehungen. Ressourcen werden nicht mehr gemeinschaftlich genutzt, Teilen ist also keine soziale Handlung mehr, sondern der Eigentümer einer Ressource teilt diese auf in einen selbst zu nutzenden und einen vermietbaren Teil – physisch oder zeitlich. Teilen wird verdinglicht, ganz wie Marx es für den Warenfetisch beschriebt: Das Verhältnis von Sozialem und Dinglichem, von Mittel und Zweck kehrt sich um. Die Ressource ist nicht mehr Mittel zur gemeinschaftlichen Bedürfnisbefriedigung, sondern ihr Zweck ist der Gelderwerb. Diesem fremden Zweck ist nun das Soziale als Mittel untergeordnet. Das Soziale wird kommodifiziert. Ich lerne nicht mehr Menschen kennen, um mit ihnen eine gute Zeit zu haben, zum Beispiel bei der gemeinsamen Nutzung meiner Wohnung, sondern ich lerne neue Kunden kennen, um ihnen temporär mein Zimmer gegen Bezahlung zu überlassen. Vermieten statt Teilen, Kunden finden statt menschlicher Begegnung.

Shareconomy ist Ausdruck der Krise. In Griechenland vermieten viele ihre Häuser und Wohnungen über AirBnB – aus Not. Wenn Arbeitskraft nicht mehr gefragt ist, bleiben oft keine anderen Ressourcen, die noch zur Verwertung taugen. Ökonomisch gesehen handelt es sich dabei um eine Umleitung von Einkommen: „Ich gebe dir von meinem Einkommen für die Nutzung deiner Ressource, bessere damit dein Einkommen auf und spare selbst dabei“. Dabei wird nicht nur kein neuer Wert geschaffen, sondern das gemeinsame Nutzen von Ressourcen vermindert den Absatz und damit die Produktion der entsprechenden Waren. Das ist ökologisch sinnvoll, aber ökonomisch bedrohlich, weil es die Krise befördert. Der Kapitalismus kann nur existieren, wenn Verwertung mittels Produktion und Absatz neuer Waren gelingt.

Individuell ist die Vermietung eigener Ressourcen eine Möglichkeit, das eigene Budget aufzubessern bzw. durch Nutzung der günstigen Angebote Ausgaben zu reduzieren. So schont die massenhafte Nutzung von UberPop (Vermittlung privater Fahrten) den eigenen Geldbeutel, ist jedoch für die Taxi-Unternehmen eine existenzbedrohende Konkurrenz. Doch die Logik, dass mein Fortkommen stets immer auch auf Kosten von anderen geht, durchzieht die Warengesellschaft als Ganzes. Die Exklusionslogik betrifft ebenso die Lohnarbeiter_innen und Unternehmer_innen wie eben auch die Shareconomy.

Ganz im Sinne der Schumpeterschen schöpferischen Zerstörung löst die Shareconomy bestimmte Märkte auf und schafft neue. Wird Carsharing zum Massenphänomen, sinkt die Autoproduktion. Wird der nächste Griechenland-Urlaub massenhaft im AirBnB-Quartier verbracht, müssen viele Hotels schließen. Im Unterschied zu früheren Innovationszyklen ist der schöpferische Anteil jedoch wesentlich kleiner als der zerstörerische: Große Marktsegmente werden zersetzt, und der Rest wird umverteilt. Dass daraus einige spezialisierte Vorreiter als Sieger hervorgehen, liegt auf der Hand. In den USA ist innovative Disruption – flächendeckende Marktzerstörung bei punktueller Innovation – explizite Strategie des Venture-Kapitals. Autokannibalismus statt Kapitalverwertung, und die Shareconomy bietet ein Spielfeld dafür.

Unter dem Label Shareconomy werden jedoch auch commonsorientierte Praktiken subsummiert, die mit Ökonomie nicht viel zu tun haben. Alle Projekte müssen sehen, wie sie die finanziellen Mittel aufbringen, die sie im Kapitalismus nun einmal benötigen. Die Scheidung geschieht dort, wo die gemeinschaftlichen Praktiken am Teilen oder am Tauschen orientiert sind. Dort wo Commoning und Geldlogik getrennt sind, ist der Widerstand gegen die Reintegration in die Warenproduktion am größten.

Obwohl die Tauschlogik mit der Shareconomy revitalisiert wird und dadurch das Teilen vergiftet, sorgt es dennoch für einen Mentalitätswandel. Nicht mehr alles selbst zu besitzen, sondern sich Ressourcen zu teilen – und sei es gegen Geld – ist ein Schritt in die Richtung zur Wiederentdeckung des bedürfnisorientierten Teilens und des Commoning. Doch dieser Schritt ist bewusst zu gehen. Von alleine kommt der Abschied vom Tauschen nicht, zu sehr ist das bedingungsvolle, miteinander verkoppelte Geben und Nehmen Teil der alltäglichen Handlungsweise geworden. Zu lernen ist: Nur Teilen jenseits von Geld und Tausch ist echtes Teilen.

From: keimform.deBy: Stefan MeretzComments

Anarchokommunistische Klassiker: Errico Malatesta (1)

Errico Malatesta (gemeinfrei, Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:ErricoMalatesta.gif) Ein Kommentar von Justin hat mich dazu gebracht, mich intensiver mit den Gesellschaftsvorstellungen des Anarchokommunismus zu beschäftigen. Das lohnt sich, da es in der Tat große Ähnlichkeiten zu unseren Keimform-Perspektiven gibt. Ich beginne mit Errico Malatesta, einem italienischen Anarchisten, der von den 1870er Jahren an fast 60 Jahre lang aktiv war.

Gegen politische und wirtschaftliche Unterdrückung

Malatesta (1891) zufolge gibt es zwei Arten von Unterdrückung, politische und wirtschaftliche. Politische Unterdrückung basiert auf Gewalt oder deren Androhung: wer nicht tut, was ich sage, oder wer gegen meine Gesetze verstößt, der oder dem drohen Verhaftung und Gefängnis (oder Schlimmeres).

Wirtschaftliche Unterdrückung ergibt sich aus der exklusiven Kontrolle von Land und anderen zum Leben benötigten Mitteln durch Einzelne oder Gruppen. Wer selbst nicht zu diesen privilegierten Gruppen gehört, ist gezwungen, ihnen die eigene Arbeitskraft (oder deren Produkte) zu verkaufen, um überleben zu können.

Anarchistinnen (ich verwende weibliche und männliche Formen zufällig im Wechsel) stellen sich gegen beide Formen von Unterdrückung, die politische (die auf Macht und der Drohung mit Gewalt basiert) ebenso wie die wirtschaftliche (die auf Eigentum basiert). Darin unterscheiden sich die „eigentlichen“ oder „linken“ Anarchisten von den heute insbesondere in den USA verbreiteten Marktanarchistinnen oder „Libertären“, die mit ungleichen Eigentumsverhältnissen und der daraus folgenden wirtschaftlichen Unterdrückung und Ausbeutung keine Probleme haben.

Kritik der parlamentarischen Demokratie

Was ist gegen Regierungen einzuwenden, wenn sie demokratisch bestimmt werden, durch allgemeine Wahlen? Malatesta (1891) weist darauf hin, dass wirtschaftliche Ungleichheit zwangsläufig auch zu Ungleichheit im politischen Prozess führt. Wer genug Geld hat, hat viel mehr Möglichkeiten, die öffentliche Meinung und die Regierung in seinem Sinne zu beeinflussen als diejenigen, die den ganzen Tag damit beschäftigt sind, ihr Überleben zu sichern. Auch unterschiedliche Bildungsniveaus spielen eine Rolle und diese hängen wiederum eng mit der persönlichen wirtschaftlichen Ausgangsposition zusammen. Allgemeines Wahlrecht ermöglicht also keineswegs die allgemeine und gleiche Beteiligung aller.

Zudem wird eine Regierung, an die eben der Anspruch gestellt wird, die Gesellschaft zu „regieren“ und alle eventuell auftretenden Probleme „in den Griff zu kriegen“, zwangsläufig die entsprechende Geisteshaltung entfalten. Sie wird alle gesellschaftlichen Entwicklungen von polizeilichen Standpunkt aus betrachten und sich fragen, ob und wie sie eingreifen kann und muss und wie sie durch Gesetze und andere Zwangsmaßnahmen für „Ordnung“ sorgen kann. Eine gesellschaftliche Selbstorganisation, bei der die Menschen selbst herausfinden, was für sie gut ist, und sich bei eventuellen Konflikten zusammensetzen, um nach für alle annehmbaren Lösungen zu suchen, wird so erschwert bis unmöglich gemacht.

Ergänzend wäre noch anzumerken, dass gemäß Malatestas Anspruch, keine politische oder wirtschaftliche Unterdrückung zuzulassen, die politische Unterdrückung von Minderheiten durch die Mehrheit ebenso wenig akzeptabel ist wie die Unterdrückung der Mehrheit durch eine Minderheit. Dass Gesetze demokratisch beschlossen wurden, also direkt oder indirekt dem Mehrheitswillen entsprechen, bedeutet somit noch lange nicht, dass sie alle – auch die, die nicht einverstanden sind – binden.

So dürften die meisten Menschen in westlichen Ländern zustimmen, dass die gesetzliche Sanktionierung homosexueller Handlungen – heute noch in vielen Ländern Realität – illegitim ist, und zwar auch dann, wenn eine Mehrheit in dem entsprechenden Staat sie gutheißt. Die Mehrheit hat kein Recht, Minderheiten nach Belieben den eigenen Vorstellungen zu unterwerfen. Richard Stallman (1994) drückt dies so aus:

Es ist von fundamentaler Bedeutung, dass nicht Gesetze entscheiden, was richtig und was falsch ist. Jeder Amerikaner sollte wissen, dass es in den 1950ern in vielen US-Staaten für eine schwarze Person gegen das Gesetz war, im vorderen Teil des Busses zu sitzen; aber nur Rassisten würden sagen, dort zu sitzen, war falsch.

Solidarische Selbstorganisation

In Malatestas (1891) Vision einer anarchistischen Gesellschaft gibt es weder eine Regierung, deren Wille für alle bindend ist und notfalls gewaltsam durchgesetzt werden kann, noch gibt es die Notwendigkeit, sich selbst – die eigene Arbeitskraft oder deren Ergebnisse – zu verkaufen, um überleben zu können. Es gibt also keinen Staat, der „das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beansprucht“ (Max Weber, zitiert nach Wikipedia 2014) – Anarchistinnen lehnen das staatliche Gewaltmonopol ab, da ihrer Meinung nach überhaupt niemand Gewalt ausüben darf, außer in Notwehr. Es gibt aber auch keinen Markt, auf dem mit Arbeitskraft und deren Produkten gehandelt wird, und keine Firmen, die Menschen beschäftigen und ausbeuten, um Profite zu machen.

Stattdessen besteht die Gesellschaft aus einem Netzwerk selbstorganisierter Vereinigungen (Assoziationen), mittels deren die Beteiligten ihre Existenz, ihre Entfaltungsmöglichkeiten und ihr Wohlbefinden sichern. Grund für diese freiwillige Kooperation und gegenseitige Hilfe ist die Einsicht, dass man durch Zusammenarbeit besser und eher zum Ziel kommt, während sich ein vereinzeltes Individuum schwertut und ein allgemeiner Konkurrenzkampf gegen andere allen schadet – nicht nur den Verlierern, sondern auch den (momentanen) Gewinnerinnen, die immer damit rechnen müssen, in der nächsten Runde ihrerseits auf der Strecke zu bleiben.

Malatesta sieht die Entwicklung der Kooperationsfähigkeit sogar als entscheidenden Schritt in der Evolution des Menschen: nur in der Gruppe, durch Kooperation und Absprachen, konnten die frühen Menschen gedeihen. Die Sprache mit ihrer potenziell unbegrenzten Ausdrucksfähigkeit – das Merkmal, das den Menschen wohl am deutlichsten von anderen Tierarten unterscheidet – hat sich seiner Ansicht nach als Kooperationsmittel entwickelt.

Solidarische Selbstorganisation bedeutet für Malatesta, dass die Produktionsmittel – Land und andere Rohstoffe sowie Arbeitsmittel – allen gehören und gemeinsam genutzt werden. Er bezeichnet dies als „Abschaffung des Privateigentums“ (ohne dabei auf Privateigentum, das nicht als Produktionsmittel angesehen werden kann, weiter einzugehen). Eine effektive Abschaffung des Privateigentums setzt für ihn auch die Abschaffung von Regierungen voraus, da diese sonst immer wieder private Eigentums-Vorrechte oder andere Privilegien einführen und durchsetzen würden (siehe weiter unten für eine Diskussion dieses Punkts).

Das Verschwinden von Privateigentum und Herrschaft würde aber keineswegs ein Ende der gesellschaftlichen Kooperation bedeuten, ganz im Gegenteil. Wo die Kooperation heute unter Zwang erfolgt (man muss die eigene Arbeitskraft verkaufen, um überleben zu können) und in erster Linie privilegierten Gruppen zugute kommt (man arbeitet für den Profit der Aktionärinnen oder sonstigen Kapitalgeber), wäre sie dann freiwillig und ungezwungen und würde allen zugute kommen.

Die Gesellschaft würde sich durch die freie und freiwillige Beteiligung aller spontan selbst organisieren. Die gesellschaftliche Organisation würde dezentral, von unten nach oben, erfolgen. Sie würde sich zuerst den dringendsten Bedürfnissen widmen, aber dann immer weiter um sich greifen, bis sie auch exotische Sonderwünsche erfüllen kann.

Malatesta bezweifelt nicht, dass auch komplexe Angelegenheiten wie Post und Eisenbahnen – die zu seiner Zeit Staatsbetriebe waren – in freiwilliger Selbstorganisation betrieben werden können. Je mehr Menschen solche Dienste nutzen wollen und je dringender ihr Bedürfnis danach ist, desto eher werden sich Freiwillige finden, die sich darum kümmern. Und die Freiwilligen sind selbst in der Lage, praktische Lösungen für alle sich ergebenden Probleme zu finden. Sie brauchen keinen Staat, der ihnen Vorschriften macht, sondern ihre Kontrolleure sind die Nutzerinnen selbst, die ihnen schon erzählen werden, wenn sie unzufrieden sind. Auch das sind Gedankengänge, die uns bei Keimform vertraut sind.

Malatesta betont, dass Arbeitsteilung und Kooperations- und Verwaltungsaufgaben dadurch nicht verschwinden würden. An die Stelle von Regierungsvorschriften oder hierarchischen Kommandostrukturen würden freie Vereinbarungen zwischen den Menschen treten, die als Nutznießer oder Freiwillige an bestimmten Diensten oder Produkten interessiert sind. Dabei wären alle gleichberechtigt, es gäbe niemand mehr, der aufgrund seines Amtes oder seiner Stellung im Produktionsprozess besonders privilegiert ist.

Egoismus und Altruismus

Kein anderer gesellschaftlicher Modus kann Malatesta zufolge des Wohlergehen der Menschen so gut sicherstellen wie die solidarische Selbstorganisation. Wer dies verstanden hat, wird die anarchistische Gesellschaft schon aus rein egoistischen Gründen befürworten. Egoismus und Altruismus (Sorge um das Wohlergehen der anderen) sind also keine Gegensätze, sondern fallen bei richtiger gesellschaftlicher Organisation zusammen. Auch diese Idee ist uns bei Keimform schon begegnet.

Beispiele für Selbstorganisation

Als Beispiele für mehr oder weniger anarchistische Selbstorganisation, die weder von der Regierung angeordnet noch durch Profitinteressen motiviert ist, nennt Malatesta wissenschaftliche Organisationen und Kongresse, Hilfsorganisation wie die Wasserrettungsorganisationen und das Rote Kreuz und Arbeiterorganisationen. Zweifellos würde er heute Freie-Software-Projekte und andere Peer-Projekte als weitere Beispiele ansehen.

Eine „gute“ Regierung?

Können Regierungen nicht doch uneigennützig und zum Wohle aller handeln? Malatesta bezweifelt das. Er weist darauf hin, dass die Regierenden selbst ja schon notwendigerweise gewisse Privilegien haben – andernfalls wären sie keine Regierung, sondern ein ganz normaler Teil der Bevölkerung. Regierung und Gesellschaft ohne Privilegien schließen sich also gegenseitig aus.

Zur Frage, ob Regierungen nicht übergangsweise eine gewisse Rolle spielen könnten, bis sie schließlich überflüssig werden und verschwinden – entsprechend der marxistischen Vorstellung vom allmählichen „Absterben des Staates“ im Sozialismus – verweist Malatesta auf ein Phänomen, das man als Variante des Parkinsonschen Gesetzes ansehen kann:

Jede Institution wird immer darauf hinwirken, dass sie in Zukunft mindestens ebenso sehr gebraucht wird wie heute.

Eine sich selbst überflüssig machende Regierung ist also eine Illusion.

Eine Regierung kann zudem niemals alle zufriedenstellen. In jeder strittigen Position muss sie sich Verbündete suchen, um sich durchzusetzen, und diese Verbündeten müssen umworben und belohnt werden. Auch deshalb kann selbst eine gutwillige Regierung nicht auf die Zusicherung und Durchsetzung gewisser Privilegien – ob Privateigentum, Macht oder anderes – verzichten.

Literatur

(Wird fortgesetzt.)

From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Solidarische Ökonomie der Commons

Ausweg aus dem Wachstumsgetriebe der Marktwirtschaft

Beitrag für den Tagungsband zum Kongress “Solidarische Ökonomie” 2013 zu meinem Workshop. Der hervorragend gestaltete und inhaltlich spannende Band ist sehr zu empfehlen. [Repost]

Weltweit dominiert die kapitalistische Produktionsweise das Leben der Menschen. Sie unterliegt einem Drang und Zwang zum Wachstum, der sozial und ökologisch verheerend ist. Anders als historisch ältere Formen von Wirtschaft, die zum Teil Märkte inkludierten, ist die kapitalistische Produktionsweise wesentlich Marktwirtschaft. Sogar die Lebenszeit wird zur Ware.

In einer Marktwirtschaft haben die Produkte zweifache Gestalt: Sie sind Gebrauchswerte mit konkretem Nutzen und zugleich abstrakter ökonomischer Wert, der sich im Geld ausdrückt. Reichtum erscheint also in doppelter Form. Abstrakter Reichtum ist eine allgemeine Form des Reichtums, Geld verkörpert pure soziale Macht. Als solche dominiert Geld die Gebrauchswerte. Die Produktion hat daher die Erzielung von Geldgewinn zum Zweck, nicht die Befriedigung konkreter Bedürfnisse. Diese ist notwendige Bedingung, nicht aber zureichender Zweck der kapitalistischen Produktion.

Drang und Zwang zum Wachstum

Daraus resultiert (1) ein Drang zum Wachstum. Geld als solches hat keinen Gebrauchswert, es unterscheidet sich von sich selbst nur der Menge nach. Wenn alles gekauft und verkauft werden muss, Ausgaben mit Einnahmen verglichen werden, dann wird Geldgewinn zum Produktionszweck. Weil Geld abstrakten Wert verkörpert, man es „nicht essen kann“, gibt es keine objektivierbare Grenze der Gewinnproduktion, Geld macht niemals „satt“. Die Produktion von Geldgewinn und die Herstellung von Gebrauchswerten, die gesamtgesellschaftlich dafür notwendig ist, sind daher maßlos.

Es resultiert aus der Existenz einer Marktwirtschaft (2) ein Zwang zum Wachstum. Geld verkörpert allgemeinen Reichtum und bildet deshalb auch den Zusammenhang der Menschen mit der Gesellschaft. Ohne Geld sind wir nicht vollwertig anerkannt. Deshalb konkurrieren alle um Geld und versuchen, sich möglichst viel davon anzueignen. Geldgewinn muss maximiert werden.

Von der Nische in die Breite: Demonetarisierung als soziale Basisinnovation

Die Voraussetzung einer Postwachstumsgesellschaft ist folglich eine Demonetarisierung. Direkte menschliche Beziehungen müssen den Markt ersetzen. Demonetarisierung ist eine soziale Basisinnovation, die sich in Nischen entwickelt. Beispiele sind Solidarische Ökonomien und Gemeingüter (Commons) im Bereich der Landnutzung oder der digitalen Information. Es gibt dort keine Lohnarbeit, Märkte verlieren an Bedeutung und der Staat spielt keine tragende Rolle. Herrschaftsverhältnisse und Ausschlussmechanismen können reflektiert und zurückgedrängt werden.

Die weitere Verbreitung dieser Basisinnovationen erfordert Meta-Innovationen. Eine Vielzahl solidarökonomischer Einheiten oder von Gemeingütern macht noch keine solidarische Postwachstumsökonomie. Bewusste Steuerungsmechanismen müssen entwickelt werden. Die Groß-Kooperative Mondragón oder die Kibbuzim der 1960er Jahre zeigen, wie das möglich sein kann, illustrieren aber auch, dass Alternativen problematisch bleiben, solange die kapitalistische Produktionsweise ihr Umfeld ist.

Die Alternative: Gleichheit ohne Geld

Eine Alternative muss das Geld und damit auch den Markt überwinden, und zwar in Richtung von erheblich mehr soziale Gleichheit. Zugleich würde ein hohes Ausmaß sozialer Gleichheit die Bedeutung von Geldverhältnissen minimieren und diese letztlich überflüssig machen.

Regionalwährungen sind kein Ausweg aus Markt, Ausbeutung und Konkurrenz. Ebenso wenig hilft zinsloses Geld. Der Zins ist nicht die Ursache von Wachstum, sondern würgt es im Extremfall ab. Fragwürdig ist auch die Perspektive einer staatlichen Steuerung. Denn der Staat ist ein Herrschaftsapparat, kein neutrales Werkzeug schöner Ideen.

Es gilt vielmehr anzuerkennen: Der Markt parasitiert immer schon an dem, was wir in direkter Kooperation, lokal, regional und global machen, im Haushalt, im Betrieb, in sozialen Netzwerken, Bewegungen und im Ehrenamt. Die Alternative ist schon im Hier-und-Jetzt vorhanden. Wir müssen sie entfalten. Und das geht nicht mit, sondern nur gegen Kapital und Staat.

In einer solchen Perspektive machen Forderungen nach Globalen Sozialen Rechten, dem Ausbau öffentlicher Güter, einem bedingungslosen Grundeinkommen und Erleichterungen für solidarische Ökonomien Sinn. Der Knackpunkt liegt jedoch darin, dem Markt fortschreitend Ressourcen zu entziehen und den Staat zugunsten einer freien und gleichberechtigten gesellschaftlichen Koordination über gestaffelte Gremien abzubauen.

From: keimform.deBy: Andreas ExnerComments

„Wo hört Nische auf und fängt Transformation an?“

Christina Kaindl, Caroline Rosenthal, Thomas Lohmeier und Christian Siefkes (zum Vergrößern klicken)[Repost aus dem Onlinemagazin prager frühling. Die sehr umfangreiche aktuelle Ausgabe ist ganz den Commons gewidmet.]

Gespräch mit Caroline Rosenthal, Christina Kaindl und Christian Siefkes

Über das emanzipatorische Potential von Commons und über deren Beschränkungen sprachen wir mit dem Programmier und Publizisten Christian Siefkes, der Psychologin Christina Kaindl sowie Caroline Rosenthal, von Rathausstern Lichtenberg. Die Bürgerinitiative will auf dem Gelände einer ehemaligen Polizeiwache in Berlin-Lichtenberg Wohnraum, einen Stadtteilgarten, Versammlungsräume, ein Nachbarschaftscafé und eine Kita schaffen.

prager frühling: Caroline, du engagierst dich, bei den Rathaussternen. Was ist euer Anliegen?

Caroline Rosenthal: Wir haben den Rathausstern als eine Art Statement, als ein Experiment geplant: Wir wollten ausprobieren, ob Menschen, die das nicht professionell machen, an einem Berliner Liegenschaftsvergabeverfahren teilnehmen können und in den angeblich verbesserten Vergabeverfahren auch wirklich eine Chance haben. Aber wir unterscheiden uns auch von klassischen Hausprojekten. Wir sind da ähnlich wie das Philosophikum …

pf: … einem Projekt, das bezahlbaren Wohnraum in einem zum Abriss vorgesehenen Hochhaus der Frankfurter Universität schaffen will …

Caroline: … dass wir nicht in erster Linie schöne Wohnungen für uns wollen. Wir machen das Projekt schon auch für den Kiez. Sicher wird der eine oder die andere aus der Projektgruppe dort wohnen oder sein Kind in die Kita bringen, die wir auf dem Gelände planen, aber die meisten Bewohner_innen stehen noch nicht fest. Außerdem soll das Gelände ja viel mehr umfassen: Projekträume, eine große Kita, ein offen begehbares Gelände mit Garten und Nachbarschaftscafé, das die Nachbarschaft selbst bespielen soll.

pf: Ihr seid dabei ein Hausprojekt als Teil des Mietshäusersyndikats zu gründen. Das hat zur Folge, dass das Haus nicht mehr ohne weiteres verkauft werden. Warum macht man das?

Caroline: Wir haben uns dafür entschieden, weil wir das Prinzip richtig finden, dass Immobilien eben nicht nach zehn oder fünfzehn Jahren, wenn die ursprüngliche Gruppe keine Lust mehr hat, zurück auf den Immobilienmarkt fallen und zur Gentrifizierung der Nachbarschaft beitragen. Wir sind Anhänger des Mottos: Die Häuser denen die drin wohnen. Wir wollen zwar, dass die Leute, die drin wohnen das Haus besitzen und frei über das Gebäude verfügen können. Aber sie sollen es nicht verkaufen können und sie müssen sich bei größeren Veränderungen mit der Mitgliederversammlung des Syndikats abstimmen. Dafür die Beteiligungskonstruktion des Mietshäusersyndikats zu nutzen, die eigentlich auf dem prototypisch kapitalistischen Organisationsmodell GmbH beruht, ist eine interessante Umnutzung.

Christian Siefkes: … ja gewissermaßen ein Hack der GmbH.

pf: Christina, findest Du das auch einen gelungenen Hack der Eigentumsverhältnisse?

Christina Kaindl: Das fällt mir schwer zu beantworten. Ich sage das jetzt nicht auf euch bezogen, sondern etwas allgemeiner: Es gibt ja in Berlin eine Reihe von Hausprojektgruppen auf der Suche nach Möglichkeiten des Erwerbs von Eigentum. Ich stehe denen meisten sehr sympathisierend gegenüber, viele haben einen linken Hintergrund oder machen das als linkes Projekt. Ob damit aber schon die Eigentumsform betroffen ist? Viele Leute, die sich für solche gemeinschaftlichen Anschaffungen interessieren, haben eher einen akademischen Hintergrund, können sich ganz gut selbst organisieren, viele gerade weil sie links aktiv sind. In meinem Haus in Kreuzberg, wo mit der Privatisierung von Mietswohnungen der Anteil türkischer Familien von vormals sechs, auf eine gesunken ist. Und ich bin da eher Teil des Problems, auch wenn ich zur Miete wohne. Von denen hört man recht wenig über Wohngruppen, die übers Mietshäusersyndikat finanziert werden. Es gibt eine bestimmte Selektivität im Zugang. Das ist keine Gemeinheit des Modells, wirkt aber trotzdem. Die Einführung einer effektiven Mietobergrenze, würde den Verbleib im Kiez und eine Bremse gegen Gentrifizierung wahrscheinlich effektiver verwirklichen. Konkret: Wenn ein klassisches Hausprojekt ein Haus zusammen kauft, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Leute bald wieder ausziehen nicht übermäßig groß. Mir ist zwar sympathisch, wenn man Dinge dem Markt entzieht. Wenn man aber eine Momentaufnahme macht, ist es eine Form des kollektiven Privateigentums. Und dieser Prozess der Schaffung kollektiven Privateigentums spielt sich in einem Umfeld des allgemeinen Rückgangs von Mietwohnraum ab. Da liegt ein klassenspezifischer Zugang, zumal es ja auch Leute gibt, die sich auch mit Mietshäusersyndikat niemals leisten könnten, ein Haus zu kaufen. Diese Frage stellt sich bei Projekten im Feld der Commons öfters: Wie kann man allgemeine gesellschaftliche Ungleichheitsdimensionen in einem solchen Projekt bearbeiten?

Caroline: Das is ne gute Frage, das wird bei uns auch diskutiert: Uns ist klar, dass unser Modell aber auch unsere spezifische Situation mit der Vergabe, viele Leute ausschließt. Es braucht schon eine riesige Kommunikationsbereitschaft und –fähigkeit sowie sehr viel Zeit, allein um sich an diesen ganzen Gesprächen zu beteiligen. Dieses Verständnis von transparenter Basisdemokratie ist im Kontext der Hausprojektszene relativ üblich – einfach oder niedrigschwellig ist es deshalb nicht. Wir diskutieren bei uns, in wie fern bei einem großen selbstverwalteten Projekt, wo es für die Teilhabe an der Planung schon enorm viele Voraussetzungen braucht, auch Menschen ohne viele soziale oder kulturelle Ressourcen profitieren können. Ich bin dafür, dass immer ein Teil der Wohnungen öffentlich ausgeschrieben wird. Andere finden, dass ein Hausprojekt sehr viel von Menschen erwartet. Die müssen auch im Alltag viel Verantwortung übernehmen und Koordinationsarbeit erbringen, und öfter mal Chaos aushalten. Gerade in der Anfangsphase ist es schwierig, wenn nicht alle auf einem ähnlichen Level sind und Ideen und Prinzipien teilen. Ich bin trotzdem dafür. Deswegen wäre es auch gut, wenn es mehr öffentliche Unterstützung gäbe, Stichwort Wohnungsbauförderung. Und auch die Bezirke könnten viel mehr einbringen und Anreize schaffen. Leider sind wir da ganz auf uns gestellt.

pf: Das ist ja eine wichtige Frage. Sozialer Ausschluss …

Caroline: Es gibt da ganz verschiedene Überlegungen – von sehr weitgehenden wie der Offenlegung aller Einkommensverhältnisse bis hin zu weichen, eher auf Freiwilligkeit abzielenden Vorschlägen. Das praktische Problem bisher: Wir können noch gar nicht absehen, wie hoch die Mieten sind. So lange Du nicht weißt, wie hoch die Baukosten sind, ist das schwer konkret zu machen. Am Anfang haben wir diskutiert ob wir gleich Solizimmer einplanen können. Da gab es sehr viele Vorschläge zum Beispiel: Solizimmer für Kinder von Leuten mit geringem Einkommen, für Leute ohne oder mit prekärem Aufenthaltsstatus. Zum Schluss hatten wir mehr Solizimmer als reguläre. Letztlich haben sich die Pragmatiker durchgesetzt, die gesagt haben: Erst müssen wir schauen, ob wir überhaupt die Gesamtmiete tragen können.

Christian: Dafür finde ich Ideen, wie sie in der solidarischen Landwirtschaft verwirklicht werden, spannend. Die Idee ist dort Lebensmittel für alle Beteiligten zu produzieren. Viele von denen haben das Konzept der Bieterrunde. Die setzen sich einmal im Jahr zusammen und fragen: Was brauchen wir und was soll produziert werden? Dann wird geschätzt, was das ungefähr kosten wird. Anschließend wird der Hut rumgereicht und jeder schreibt anonym auf einen Zettel, was er oder sie beitragen kann. Wenn das nicht reicht, geht es in die zweite Runde. Meistens sind spätestens nach der dritten Runde die Kosten gedeckt.

Caroline: Clevere Lösung. Führen wir sofort ein, wenn alles fertig ist, denn das Modell funktioniert nur, wenn man ein stabiles System hat und die Kosten kennt. Wegen unserer fluiden Form und der äußeren Umstände, die sich wegen des komplizierten Vergabeverfahrens quasi wöchentlich ändern können, ist das bisher nicht umsetzbar.

pf: Kommen wir einmal bei den äußeren Rahmenbedingungen und damit zum Verhältnis von Commoning und Staat: Braucht es z. B. den Wohlfahrtsstaat um die Grundlagen für Commoning zu schaffen? Um Zeit, finanzielle Ressourcen um Zuge von Umverteilung bereitzustellen oder wird der Staat sukzessive durch eine Ausdehnung des Commoning ersetzt?

Christian: Im Idealfall setzt der Staat gute Rahmenbedingungen. Im schlechteren Fall kann es Gesetze geben, die Commoning quasi unmöglich machen und im besseren Fall kann es durchaus Förderung von Projekten geben. Ein Beispiel aus der Welt der freien Software: Es gab den Versuch zu verbieten, dass Leute Inhalte verschenken. Wenn Du was Intellektuelles machst, solltest Du dafür bezahlt werden. Das war gut gemeint, hätte aber die freie Softwareentwicklung unmöglich gemacht. Zum Glück gab es damals bereits Leute, die darauf aufmerksam gemacht haben und dafür gesorgt haben, dass es eine Ausnahmeklausel gegeben hat: Wenn das Ergebnis nicht einem Einzelnen zu Gute kommt, sondern der Öffentlichkeit geschenkt wird. Das ist ein Beispiel, wo die staatlichen Rahmenbedingungen wichtig sind.

Aber ich würde den Fokus anders legen, weil Commons sehr viel älter sind, als der moderne Staat. Das zeigt, dass Commons nicht zwingend auf den Staat angewiesen sind, weswegen ich sie auch eher als eine Alternative zum Staat ansehen würde.

Christina: Ich habe da ein anderes Staatsverständnis. Ich bin eher durch Gramsci geprägt und für mich lässt sich Staat nicht nur darauf reduzieren, dass er die Rahmenbedingungen und die Gesetze macht. Im Staat drücken sich die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse aus, die durch allgemeine Strukturen durchzogen sind, Klassenverhältnisse, Ausbeutungsverhältnisse, Profitorientierung usw. Ich glaube, dass es Probleme aufwirft, wenn wir als Linke diesen Diskurs so schmal machen würden: Staat soll einen Rahmen geben und ansonsten machen lassen … Mir stellt sich zumindest die Frage: Wie bekommen wir die grundlegenden Ungleichheitsstrukturen in den Blick, die die Gesellschaft durchziehen? Wie wirkt das, was in kleinen oder großen Zusammenhängen entwickelt wird auf Gesellschaft? Wie wird das Verhältnis von Innen und Außen bestimmt? Wo hört die Nische auf und wo fängt die Transformation an?

Caroline: Wir haben als Initiative keine gemeinsame Haltung zu Staatsverständnis. Wir engagieren uns konkret für Liegenschaftspolitik in Berlin, und sind da sehr nah daran an dem was die Initiative „Stadt neu denken“ fordert. Das ist ja nicht nur eine transparente Liegenschaftspolitik, die die sich vom Höchstpreisverfahren verabschiedet. Sondern die Forderung geht dahin, dass die Stadt ihre Grundstücke behalten soll. Es steht ihren nicht zu, die zu verkaufen, ohne BürgerInnen zu fragen. Wissen wir, wofür wie die Flächen in zehn oder hundert Jahren brauchen? Grundstücke sollen natürlich genutzt werden, aber bitte in Erbbaurecht. Wie die Nutzung aussieht, auch da müssen Bürger_innen selbstverständlich mitentscheiden.

Aber natürlich haben wir inzwischen auch Erfahrung mit Themen wie Selbstausbeutung. Projekte wie unseres, ohne Gewinnerwirtschaftung, lassen sich ohne wohl nicht stemmen, es sei denn es gäbe ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das wäre natürlich auch staatlich zu organisieren.

Christina: In Bezug auf Selbstausbeutung gibt es das Problem, dass aus der Perspektive der Selbstermächtigung die Welt manchmal ganz klein wird und die zu entscheidenden Probleme ganz groß. Umverteilung wird dann leicht ein Thema unter den Mitbewohner_innen. Gerade bei selbstverwalteten Betrieben ist aber ja auch die Frage, wie sie sich auf dem Markt verhalten, also ob sie z.B. in Konkurrenz zu klassischen Betrieben treten, in denen ggf. Tariflöhne gezahlt werden. Die United Steel Workers in den USA begleiten z.B. Kollektivbetriebe und sorgen dafür, dass kein Dumping erfolgt und die Lebensinteressen der Beschäftigten gewahrt bleiben – und das Ganze gedacht wird.

pf: Christian, wäre das von Christina genannte Modell, Gewerkschaften in selbstverwaltete Betriebe zu lassen, auch etwas für die Community der freien SoftwareentwicklerInnen?

Christian: Ich würde sagen, dass man sich bei etwas, das man gerne macht, nicht selbst ausbeuten kann. Da ist es egal ob man Fußball spielt, für Wikipedia schreibt oder freie Software programmiert. Außerdem sind Programmierer recht privilegiert. Sie werden gut bezahlt und finden gute Jobs. Und häufig werden die ProgrammiererInnen ja auch von Firmen bezahlt, die von der freien Software dann auch profitieren. Daher stellt sich dort die Frage so nicht.

Aber als gesellschaftliches Prinzip würde ich gern da hinkommen, dass man überhaupt keine Bezahlung mehr braucht. Dass es also eine Art Grundauskommen gibt: nicht geldvermittelt, sondern produktvermittelt, dass man freien Zugriff auf die Güter des Grundbedarfs hat und nicht mehr gezwungen ist, seine Arbeitskraft zu verkaufen. Da sehe ich die Begrenzung des Staates, denn der ist schließlich darauf angewiesen, dass die Verwertung im Kapitalismus funktioniert.

pf: Wenn man aber wie Caroline über Grundeinkommen redet, braucht es da nicht einen Staat, der die Umverteilung organisiert.

Christian: Umgekehrt: Es ist ja der Staat, der Eigentumsverhältnisse schützt. Eigentumsrechte sind ja durchgesetzt. Es braucht ein anderes Paradigma, bei dem es um die Produktion für die Erfüllung von Bedürfnissen geht und nicht für die Kapitalverwertung. Vieles von dem, was heute Eigentum ist, würde dann keinen Sinn mehr machen. Das geschieht ja auch, durch z.B. Landbesetzungen wo sich auch die Leute die Dinge holen, die sie zum Leben brauchen.

Christina: Dabei werden sie halt in vielen Ländern leicht mal erschossen. Es ist ja nicht nur der Staat, der Eigentum garantiert. In ihm drücken sich Machtverhältnisse aus, die sich ja auch in privatisierten Formen durchsetzen lassen. Ein guter Teil der Truppen an den Grenzen der USA haben private Verträge. Die Frage ist: Welche Vorstellung von Transformation haben wir? In der Vorstellung einer Keimform, sprießt die postkapitalistische Gesellschaft aus dem Bestehenden. Nur: Wie verhält sich das zu den machtvollen Grenzen, die dem Ende der warenförmigen Produktion entgegenstehen werden?

Christian: Ich denke, dass Eigentum ja auch uninteressant werden kann. Der Fabrikbesitzer einer gut gehenden Fabrik ruft vielleicht das Militär. Aber da wo sich Produktion nicht mehr rentiert und Eigentum uninteressant für den Besitzenden wird, kann man natürlich ansetzen.

Caroline: So haben diese Hausprojektsachen ja auch mal angefangen. Es gab die Idee, man könne für wenig Geld die Häuser kaufen, die kein Investor will. Deshalb leben doch überall auf der Welt die Armen in den unattraktivsten Gegenden. Wir sehen jetzt aber auch immer wieder, dass Gruppen versuchen am regulären Markt teilzunehmen. Warum auch nicht – wir sind doch keine Menschen zweiter Klasse, die nur dort leben dürfen wo kein anderer hin will.

Christina: Ich habe Zweifel, dass man zu Porsche gehen und sagen kann: Diesmal nehmen wir uns eine Fabrik, wo noch alles gut läuft. (Allgemeines Gelächter) Im Ernst, es ist ja ein reales Modell, dass Beschäftigte Fabriken übernehmen, die deren BesitzerInnen nicht mehr wollen. Wenn man sich die in Argentinien übernommenen Betriebe anschaut, unterscheidet sich sicher das Alltagsgefühl der ArbeiterInnen. Der Lohn ist sicher auch etwas anders als vorher, aber nicht viel. Ansonsten sind das abgeranzte Fabriken, in denen man dann acht oder mehr Stunden steht. Das wird auch dann nicht viel schöner, wenn man sie selbst verwaltet. Die berühmtesten besetzten Fabriken haben ja für den internationalen Haute-Couture-Markt produziert. Und das sind dann Zwänge, in denen sich die Leute bewegen.

In den USA gibt es Versuche, dass Produktionskooperativen im Dienstleistungsbereich mit öffentlichen Körperschaften wie Universitäten Kooperationen aushandeln, es entsteht ein Netzwerk von alternativen Betrieben, bis zu kooperativen Banken, die die Gründung von Belegschaftsbetrieben finanzieren. In Teilen wäre es auch in Deutschland möglich, Vergabestandards auszuhandeln. Die öffentlichen Einrichtungen verpflichten sich, bestimmte Kriterien einzuhalten. Das ließe sich auf Ebene der Landesgesetzgebung verwirklichen. Allerdings nur wenn die Freihandelsabkommen zurückgeschlagen werden können.

pf: Trotzdem, bei aller Skepsis, siehst Du denn Potentiale für eine Demokratisierung der Wirtschaft.

Christina: Ich glaube schon, dass Commons exemplarisches Lernen ermöglichen können. Bei Lenin hieß es „Jede Köchin muss in der Lage sein, die Staatsmacht auszuüben.“ Wie aber kommt die Köchin da hin? Wenn Menschen lernen, dass sie die wichtigen Entscheidungen bis zu wirtschaftlichen Entwicklungen und Planungen selbst fällen können, lernen sie, sich als geschichtsmächtig zu denken – wenn es gut läuft. Ein Beispiel: Die Initiative der IG Metall Esslingen in Baden Württemberg, die von dem verstorbenen Sieghard Bender stark geprägt wurde, hat versucht, exemplarische Modelle von Wirtschaftsdemokratie zu verwirklichen. Eine Element waren regionale Sozial- und Wirtschaftsräte, in denen Bedarf und Produktion abgestimmt werden sollten. Einerseits finde ich es sinnvoll die Frage des Bedarfs gegen die Profitlogik zur Geltung zu bringen. Dass also nicht nur die Beschäftigten, sondern auch die Bewohner der Region ihren Bedarf zu Geltung artikulieren. Der Haken: Überall, wo es einen starken Zusammenhang zwischen Export und Wohlstand der Region gibt, kann der „Bedarf“ durchaus auch in der Sicherung der Exportindustrie bestehen kann.

Die Frage bleibt die Universalisierbarkeit. Wie drückt sich der eigentliche Bedarf z.B. gegenüber den deindustrialisierten Strukturen in Mecklenburg-Vorpommern oder gar global aus? Wenn man all diese Leute mit in die Bedarfserhebung einbezieht, könnte dabei herauskommen, dass die Leute in Mecklenburg finden, die Hälfte der Produktion gehöre zu ihnen verlegt. Es braucht daher, wenn man über Konversion spricht, eine Instanz, die Bedarfe gesamtgesellschaftlich formuliert.

pf: Christina hat jetzt beschrieben, dass bei Commons bei den ganz großen Fragen an Grenzen kommen. Ist es also wirklich, dass sie nur für Nischen taugen?

Christian: Ich sehe das nicht so. Es gibt ja jetzt schon sehr große Projekte: Mietshäusersyndikat, Wikipedia, Linux … Ein Problem sehe ich eher bei Projekten, die weiter für den Markt produzieren wollen. Da bleibt das Transformationspotenzial sehr begrenzt.

Christina: Egal ob man für den Markt produziert oder nicht, er ist ja trotzdem da.

Caroline: Ja, das müssen wir auch feststellen. Selbst wenn es uns gelingt das Gelände zu „retten“ bleiben wir mit dem Markt verwoben und dann noch vertraglich an die Stadt gefesselt. Wir kaufen für mindestens 1,4 Mio das Gelände und müssen es dann in einem eng gesetzten Zeitrahmen entwickeln. Wir müssen zusätzliche Kredite aufnehmen, nur für eine Bürgschaft im Falle von Vertragsstrafen. Wir haben mal angefangen mit der Frage: Was wollen wir auf dem Gelände entstehen lassen. Jetzt sind wir dabei für jeden Quadratzentimeter tausend verschiedene Kosten auf die Mieten umzulegen … natürlich ohne jeden Gewinn für uns und trotzdem, was da rauskommt gefällt uns zum Teil gar nicht.

Um die Kredite zu decken werden die meisten Bewohner Mieten zahlen müssen, die derzeit nicht unter den Marktmieten liegen. Das wird in dreißig Jahren anders sein … aber bis dahin … Das ist schon manchmal sehr frustrierend. Wir stellen uns jeden Tag die Frage, ob sich der enorme Aufwand dafür lohnt. Noch beantworten wir sie mit „ja“.

Christina: Das ist ja das gemeine. Hier betreiben Leute Umverteilung zwischen Armen und ganz Armen, während sich die anderen einfach ihre Villa in Dahlem kaufen. Das macht eigentlich nur klar, wo man hingehen muss. Oder was noch alles in die Commons einbezogen werden muss.

Christian: Die können sich ihre Villa aber auch nur leisten, wenn wir die Produkte kaufen, die sie verkaufen möchten. Für mich bleibt es dabei, dass die Perspektive eigentlich die Aufhebung des Marktes sein muss. Es gibt ja Bereiche, in denen der Markt schon fast verschwunden ist. Es gibt keinen Markt für Enzyklopädien mehr oder für bestimmte Programmierwerkzeuge, weil sich dort die Wikipedia und freie Software durchgesetzt haben. Da wäre eben zu schauen, ob das nicht auch für Lebensmittel und andere Dinge geht.

Caroline Rosenthal ist Mitglied von Rathausstern Lichtenberg. Die Initiative versucht seit 2012 das 6000 qm Gelände große Gelände einer früheren Polizeiwache zu kaufen und hat erreicht, dass der Liegenschaftsfonds des Landes Berlin bei der Veräußerung des Geländes nicht mehr allein nach dem höchsten Gebot entscheidet. Die Initative steht kurz vor Abgabe des Finalen Angebots und sucht derzeit dringend Menschen, die das Projekt mit Direktkrediten ab 500 € unterstützen.

Christina Kaindl ist Redakteurin der Zeitschrift LuXemburg. Neben Aufsätzen und Büchern zur Kritischen Psychologie hat sie verschiedene subjekt- und hegemonietheoretische Arbeiten herausgegeben. Sie leitet den Bereich Strategie und Grundsatzfragen bei der LINKEN.

Christian Siefkes arbeitet als Programmierer und ist einer der Gründer von Keimform. Er ist der Autor von u.a. „Beitragen statt tauschen“ und „Freie Quellen oder wie die Produktion zur Nebensache wurde“.

Das Gespräch aufgezeichnet haben Thomas Lohmeier und Stefan Gerbing.

From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Nicht-aufteilbare Arbeiten im Freiwilligenspiel

Lily Braun (gemeinfrei, Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lily_Braun.jpg)(Voriger Artikel: Vorzüge und Abwandlungen des Freiwilligenspiels)

Das Freiwilligenspiel basiert auf der Grundidee, dass die Menschen die notwendigen und gesellschaftlich gewünschten Tätigkeiten freiwillig und selbstbestimmt untereinander aufteilen. Die benötigten Tätigkeiten werden dabei in öffentlich einsehbaren Listen gesammelt, aus denen sich die Menschen Aufgaben heraussuchen, die ihren Interessen und Fähigkeiten entsprechen. Allerdings gibt es auch Aufgaben, die sich nicht auf diese Weise aufteilen lassen, sondern bei denen von Anfang an klar ist, wer sich dafür zuständig fühlt.

Eltern wollen sich vielleicht um ihre jungen Kinder kümmern; andere haben pflegebedürftige Verwandte, Lebenspartner oder Freunde, die sie betreuen möchten. Und Hausarbeiten (kochen, waschen, putzen, kleine Reparaturen durchführen etc.) können am ehesten von den im jeweiligen Haushalt lebenden Personen erledigt werden.

Eine absolute Notwendigkeit, dass solche Tätigkeiten von bestimmten Personen übernommen werden, gibt es freilich nicht. In früheren Zeiten wurden die Kinder wohlhabender Familien oft von Ammen, Kindermädchen und Hauslehrern aufgezogen. Und zu Beginn des 20. Jahrhundert aufgekommene sozialistisch-feministische Reformbewegungen strebten eine kollektive oder “industrielle” Reorganisation dieser Tätigkeiten an.

So sah das von der Sozialdemokratin Lily Braun konzipierte „Einküchenhaus“ eine zentral bewirtschaftete Großküche für jedes Mietshaus sowie Kinderhorte und -krippen vor. Dies sollte Frauen aller Schichten von der Hausarbeit und Kinderbetreuung entlasten (Reuschling 2013: 156f). Später wurden ähnliche Ideen in manchen der israelischen Kibbuzim über mehrere Generation hinweg erfolgreich umgesetzt, etwa die gemeinschaftliche Erziehung der Kinder und Jugendlichen unter Gleichaltrigen mit nur losen Kontakten zu ihren Eltern. Ebenfalls verbreitet war die kollektive Haushaltsführung, die allerdings immer noch großteils von Frauen übernommen wurde (ebd.: 166ff).

Es gibt also keine gesellschaftliche Notwendigkeit dafür, dass bestimmte Dinge nur von ganz bestimmten Personen übernommen werden können. Dennoch sollten die Menschen in der Lage sein, sich bewusst für solche Aufgaben zu entscheiden, die dann niemand anders übernehmen kann, und das Freiwilligenspiel muss flexibel genug sein, mit solchen Entscheidungen umzugehen.

Eine weitere Aktivität, die sich nicht delegieren lässt, ist das Lernen. Wenn ich mir bestimmte Fähigkeiten und Kenntnisse aneignen will, bin ich damit eine gewisse Weile lang beschäftigt. Und wenn ich das Gelernte später zur Re/produktion der umfassenden Quasi-Flatrate einsetze, kommt es auch der Allgemeinheit zugute. Somit sollten meine Ausbildungszeiten auch als Beiträge ins Freiwilligenspiel einfließen können.

Berücksichtigung nicht-aufteilbarer Aufgaben bei der Berechnung des Durchschnittsbeitrags

Care-Arbeit, Ausbildung und andere nicht-aufteilbare Aufgaben können bei den Vorbereitungen zu einer neuen Spielrunde mit abgefragt und berücksichtigt werden. Jede Freiwillige gibt an, ob sie während des kommenden Jahres mit nicht-aufteilbaren Aufgaben beschäftigt sein wird, und schätzt den Umfang dieser Tätigkeiten ab. Je nachdem, wie hoch der Umfang der individuell abgeschätzten nicht-aufteilbaren Aufgaben ist, gilt die Freiwillige damit als anteilig oder voll beschäftigt; die Höhe der von ihr und von den anderen erwarteten Beiträge wird entsprechend berechnet.

Ein Beispiel für anteilige Beschäftigung: Ich will im kommenden Jahr einen Programmierkurs absolvieren, der mich schätzungsweise 200 Stunden beschäftigen wird. Diese 200 Stunden fließen in den insgesamt aufzuteilenden Aufwand ein. Angenommen, die anschließende Berechnung ergibt einen Durchschnittsbeitrag von 640 Regelstunden und ich will mich in Höhe des Durchschnittsbeitrags beteiligen. Dann verbleiben für mich 640 – 200 = 440 Regelstunden, für die ich mir weitere Aufgaben suchen soll. (Nicht-aufteilbare Aufgaben gehen mit normaler Gewichtung in die Aufwandsschätzung ein, da von Anfang an klar ist, wer sie übernimmt und sie also nicht höhergewichtet werden können oder müssen; eine Zeitstunde entspricht hier einer Regelstunde.)

Ein Beispiel für volle Beschäftigung: Ich schätze, dass ich mich im Lauf des Jahres etwa 1095 Stunden lang um meine beiden Kinder kümmern werde (3 Stunden pro Tag). Diesen Beitrag will ich auf jeden Fall erbringen und mich ansonsten mindestens in durchschnittlicher Höhe beteiligen. Da mein individueller Beitrag über dem Durchschnittsbeitrag liegt, bin ich damit schon voll beschäftigt; alle anderen Aufgaben werden unter anderen Freiwilligen aufgeteilt.

Auf diese Weise könnten Care-Tätigkeiten, Hausarbeit, Ausbildungszeiten und anderen Aktivitäten, die anderen zugute kommen, ohne aber frei aufteilbar zu sein, ins Freiwilligenspiel einfließen. Die mit ihnen Beschäftigten können so nicht fälschlich für unbeschäftigt oder „Trittbrettfahrerinnen“ gehalten werden, sondern es ist klar, dass sie auf ihre Weise ihren Beitrag leisten.

Bürokratie bei Beitragspflicht

Und wenn sich das Freiwilligenspiel zur Organisation der Quasiflat als nicht ausreichend erweisen sollte, sondern es stattdessen eine Beitragspflicht gibt, wie im letzten Artikel als Möglichkeit skizziert? Grundsätzlich können auch dann nicht-aufteilbare Aufgaben auf dieselbe Weise berücksichtigt werden, allerdings könnten eventuell weitere bürokratische Regelungen nötig werden.

Heute gibt es in Deutschland etwa „Pflegestufen“, die festlegen, wie viel Betreuungsaufwand für pflegebedürftige Personen je nach ihrem Gesundheitszustand besteht. Bei einer Beitragspflicht könnten ähnliche Obergrenzen für das Sich-Kümmern um Pflegebedürftige oder Kinder festgelegt werden; mehr Aufwand kann dafür dann nicht abgerechnet werden, selbst wenn es real länger dauert. Auch für Studien- und Ausbildungszeiten könnten Obergrenzen festgelegt werden, bis zu deren Höhe sie maximal angerechnet werden. Wer sich darüber hinaus weiterbilden will, kann dies zwar machen, muss es aber in seiner „Freizeit“ tun.

Im besseren Fall könnte allerdings auch bei Beitragspflicht auf solchen bürokratischen Overhead verzichtet werden. Nötig wird er wohl nur, wenn die Mehrheit der Menschen das Gefühl bekommt, dass andere nicht-aufteilbare Aktivitäten nur vorschieben, um sich vor der Beitragspflicht zu drücken. Wenn sich die Menschen gegenseitig vertrauen, sollte es ohne gehen.

Und wie im letzten Artikel ausgeführt, sehe ich sowieso gute Gründe für die optimistische Annahme, dass das Freiwilligenspiel robust genug sein sollte, um eine Beitragspflicht gar nicht erst nötig zu machen.

Fortdauern geschlechtsspezifischer Stereotypen

Eine in diesem Kontext drohende Gefahr ist allerdings, dass bestimmte Aufgaben weiterhin überwiegend von bestimmten Personengruppen übernommen werden könnten. Und zwar nicht, weil sie darauf besonders viel Lust haben, sondern weil dies von ihnen erwartet wird. So könnte es passieren, dass sich Klischees darüber halten, was Frauen und was Männern besonders „liegt“, und dass deshalb Hausarbeiten und Care-Tätigkeiten weiterhin in erster Linie von Frauen erledigt werden, während bei Autoreparaturen, Müllabfuhr und Softwareentwicklung Männer dominieren.

Ein Problem an solchen Klischees ist, dass sie selbstverstärkend sind: Je mehr ein Geschlecht bei bestimmten Tätigkeiten dominiert, desto schwieriger wird es für Angehörige des anderen, solche Aktivitäten überhaupt erst einmal als „ihr Ding“ ansehen zu können und damit ernst genommen zu werden. Die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten jedes und jeder Einzelnen werden so eingeschränkt.

Einen Automatismus, der dies aufbrechen könnte, gibt es wohl nicht. Es bleibt nur ein bewusster Umgang damit und die aktive Unterstützung und Ermunterung aller, die sich solchen Trends entgegenstellen.

(Wird fortgesetzt.)

Literatur

  • Reuschling, Felicita (2013): Domestic Utopias. In jour fixe initiative berlin (Hg.): „Etwas fehlt“ – Utopie, Kritik und Glücksversprechen. Münster: edition assemblage.
From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Vorzüge und Abwandlungen des Freiwilligenspiels

Freiwillige beim Spielen(Voriger Artikel: Das Freiwilligenspiel)

Das vorgeschlagene Freiwilligenspiel zur selbstorganisierten Arbeitsaufteilung vermeidet weitgehend die Nachteile eines ganz informellen Modells der reinen Freiwilligkeit. Reine Freiwilligkeit kann zu einer äußerst unausgewogenen Lastenverteilung führen: Einzelne übernehmen möglicherweise viel mehr oder viel undankbarere (auch für ihr eigenes Empfinden) Aufgaben als andere, um zu verhindern, dass sie sonst womöglich liegen bleiben. Auch Verantwortungsgefühl gegenüber der Community kann dazu führen, das manche immer mehr Aufgaben übernehmen, da es kein Feedback dazu gibt, was von einer erwartet wird und wann man genug getan hat. Beim Freiwilligenspiel kann sich zwar jeder nach eigenem Ermessen stärker oder weniger stark engagieren, doch weiß man dabei immer, wie man relativ zum Durchschnittsbeitrag steht.

Bei reiner Freiwilligkeit droht auch, dass die Bedürfnisse derer, die etwas nicht selbst erledigen können, womöglich auf der Strecke bleiben, wenn sich niemand anders hinreichend motiviert fühlt, sich darum zu kümmern. Beim Freiwilligenspiel werden alle für die Organisation der umfassenden Quasi-Flatrate nötigen Aufgaben aufgeteilt und jede Freiwillige trägt ihren Anteil dazu bei. Das Raymond’sche „scratching an itch“ – etwas machen, dessen Ergebnisse einem selber wichtig sind (Raymond 2001) – ist hier als Motivator also weniger bedeutend. Ich kann ohne Weiteres Dinge machen, die mir liegen und die anderen zugute kommen und zugleich darauf vertrauen, dass sich andere um die für mich wichtigen Dinge kümmern.

Dass als wichtig empfundene Aufgaben womöglich liegen bleiben, weil alle lieber anderes machen, kann zwar nicht ganz ausgeschlossen werden, doch können die Syndikate dem zumindest entgegen wirken durch das Höhergewichten von „unbeliebten“ Aufgaben, für die es an Freiwilligen fehlt. Reine Freiwilligkeit kann auch langfristige Planung und Großprojekte schwierig machen, weil unklar ist, ob die interessierten Freiwilligen lange genug dabei bleiben und ob sich andernfalls motivierte Nachfolger für sie finden. Im Freiwilligenspiel ist das einfacher: Hat sich die Gesellschaft zur Durchführung eines Projekts entschlossen, werden alle dafür nötigen Aufgaben aufgeteilt und kommen potenziell für alle, die ihren Teil zur gesellschaftlichen Reproduktion beitragen wollen, in Frage.

Die problematischen Aspekte der Arbeitsteilung in traditionellen Commons sollten ebenfalls nicht auftreten. In traditionellen Commons hat die Einzelne kaum Wahlmöglichkeiten in Bezug auf die zu leistenden Aufgaben. Beim Freiwilligenspiel suchen sich alle gezielt die Tätigkeiten aus, die sie erledigen möchten, weil sie Lust darauf haben oder gut darin sind. Deshalb (und weil Aufgaben bei Bedarf hochgewichtet werden können) eignet sich das Spiel auch für die Organisation komplexer arbeitsteiliger Prozesse mit Dutzenden oder Hunderten unterschiedlicher Aufgaben, die verschiedene Talente und Qualifikationen erfordern. In traditionellen Commons werden dagegen meist nur relativ gleichförmige Arbeitspakete aufgeteilt. Alle müssen alles machen können oder Traditionen diktiert den Einzelnen, was sie zu tun haben, etwa in Form unterschiedlicher Geschlechterrollen.

In traditionellen Commons besteht in der Regel zudem eine Beitragspflicht. Ein individuelles Opt-out ist schwierig und muss von der Community akzeptiert werden. Im Freiwilligenspiel wird die Entscheidung zur Beteiligung und ihr genauer Umfang dagegen von den Einzelnen getroffen und muss nicht begründet werden.

„Trittbrettfahrer“-Risiko und Beitragspflicht

Dass alle diese Entscheidung individuell treffen, führt allerdings auch zu dem Risiko, dass das Spiel mangels Freiwilliger kollabieren könnte. Jede Einzelne hat die Möglichkeit, sich als Freiwillige zu beteiligen oder nicht, kann aber in jedem Fall die produzierten Güter nutzen. Je mehr Menschen sich also nicht oder nur in geringem Maße beteiligen, desto höher wird die Arbeitsbelastung für die verbleibenden Freiwilligen.

Eine sinkende aktive Beteiligung könnte so zu einem Teufelskreis führen: Die noch Aktiven haben einerseits immer mehr zu tun und sehen andererseits immer mehr „Trittbrettfahrer“, die es sich auf ihre Kosten gut gehen lassen. Das könnte weitere Freiwillige zum Ausstieg bewegen und so bald das völlige Scheitern des Spiels bewirken. Dann hätten auch die Trittbrettfahrerinnen Pech gehabt; eine andere Lösung zur Aufteilung der anfallenden Tätigkeiten müsste gefunden werden.

In diesem Fall wäre eine Beitragspflicht nach dem Modell der traditionellen Commons die naheliegende Lösung. Die Erbringung des Durchschnittsbeitrags wäre dann nicht länger freiwillig, sondern für alle arbeitsfähigen Erwachsenen (z.B. zwischen 18 und 63) verpflichtend, sofern sie die per Quasiflat hergestellten Güter im vollem Umfang nutzen wollen. Individuell gewünschte Befreiungen von der Beitragspflicht wären zwar möglich, müssten aber beantragt und begründet werden. Die Koregion müsste ein Gremium einsetzen (z.B. per Los oder Wahl), das über solche Befreiungen entscheidet.

Verweigert man die eigenen Beteiligung, ohne dafür Gründe vorzubringen, die das Gremium akzeptiert, wären Sanktionen die unvermeidliche Konsequenz (andernfalls bestünde die Beitragspflicht nur auf dem Papier). Der Zugang zu bestimmten per Quasiflat zugänglich gemachten Gütern könnte verweigert oder eingeschränkt werden. Allerdings dürften die drohenden Sanktionen meiner Meinung nach nicht so gravierend sein, dass sie das Leben oder die Gesundheit der betroffenen Person gefährden könnten, da niemand das Recht hat, über Leben und Tod anderer Menschen zu entscheiden. Zumindest die Befriedigung lebenswichtiger Grundbedürfnisse müsste also weiterhin möglich sein.

Die Aufteilung der notwendigen Arbeiten würde durch die Beitragspflicht bürokratischer werden. Die Motivation vieler Beteiligter würde wahrscheinlich ein Stück weit sinken, weil sie nicht mehr freiwillig beitragen, sondern ihren Pflichtanteil erfüllen müssen. Dennoch würde sich auch diese Version der Quasiflat deutlich vom kapitalistischen Modell unterscheiden: Die Menschen würden die Erledigung der nötigen Aufgaben weiterhin unter sich aufteilen und so gemeinsam für die Befriedigung der Bedürfnisse aller arbeiten. Niemand müsste sich in Konkurrenz mit ungewissem Ausgang gegen andere durchsetzen.

Allerdings ist das Risiko, dass aufgrund zu vieler „Trittbrettfahrer“ eine Beitragspflicht nötig wird, meiner Einschätzung nach viel geringer als es heute scheinen mag. Menschen haben nicht nur konsumtive, sondern auch produktive Bedürfnisse – jahrein, jahraus nur bequem am Strand zu liegen oder Internetvideos zu gucken, würde wahrscheinlich die wenigsten dauerhaft glücklich machen. Gleichzeitig würde ein Trittbrettfahrerverhalten zur psychologisch unbefriedigenden Situation einer einseitigen Abhängigkeit führen. Man ist von anderen abhängig, ohne deren Aktivitäten man nicht überleben könnte (das gilt für alle Menschen in jeder Gesellschaft), gleichzeitig tut man aber nichts für andere, was die einseitige in eine gegenseitige Abhängigkeit auflösen würde. Auch die eventuell von Freundinnen oder Bekannten gezeigte Irritation oder Missbilligung, wenn man im Gegensatz zu ihnen nichts beiträgt, könnte eine abschreckende Wirkung entfalten.

Und nicht zuletzt ist das Freiwilligenspiel so konzipiert, dass es der Einzelnen leicht zugängliche Informationen dazu bietet, in welchem Umfang und auf welche Weisen sie sich an der allgemeinen gesellschaftlichen Vorsorge beteiligen kann. Dieses Feedback verpflichtet zwar zu nichts, dürfte aber den Effekt haben, dass man die eigene Rolle im gesellschaftlichen Prozess überdenkt und sich entsprechend verhält.

„Entbürokratisierung“ zur reinen Freiwilligkeit

Auch wenn es niemand formelle Pflichten auferlegt, ist das Freiwilligenspiel immer noch mit einer gewissen Bürokratie verbunden. Das wäre unnötig, wenn die Menschen die anfallenden Tätigkeiten spontan unter sich aufteilen würden, ohne auf die Feedbackmechanismen des Freiwilligenspiels angewiesen zu sein. Es dürfte auch dann noch Listen der zu erledigenden Aufgaben und der auszufüllenden Tätigkeitsfelder geben, doch alle würden spontan im eigenen Ermessen entscheiden, ob und in welchem Umfang sie sich einbringen. Wenn sich dies als ausreichend erweist, um für alle gewünschten Tätigkeiten jemand zu finden, der sie zum richtigen Zeitpunkt erledigt, würden die Bieterrunden und die Zeiterfassung des Freiwilligenspiels überflüssig.

Dies kann insbesondere dann der Fall sein, wenn der Wunsch vieler Menschen, sich auf sinnvolle und für andere nützliche Weise zu betätigen, groß genug ist, um alle zu erledigenden Aufgaben abzudecken (und potenziell noch mehr). Eine Annäherung an diesen Zustand kann von zwei Seiten aus erfolgen. Einerseits dadurch, dass der Umfang der benötigten Aufgaben – insbesondere von solchen, auf die wenige Lust haben – aufgrund von höherer Automatisierung und verbesserter gesellschaftlicher Organisation zusammenschrumpft. Und andererseits dadurch, dass sich die Haltung der Menschen zur Arbeit dahingehend entwickelt, diese – zumindest in begrenztem Umfang und in ihrer selbstbestimmten und selbstorganisierten Variante – nicht mehr als lästige Notwendigkeit anzusehen, sondern als befriedigenden Teil des Lebens.

Ein völliger Verzicht auf die Feedbackmechanismen des Freiwilligenspiels ist allerdings nur dann empfehlenswert, wenn sichergestellt ist, dass die Tücken der reinen Freiwilligkeit vermieden werden. Wenn also alle mit den übernommenen Aufgaben zufrieden sind, statt dass sich manche aus Verantwortungsgefühl abrackern, während andere nur tun, worauf sie Lust haben. Sofern Eigenarbeit verbreitet ist, sollte sie nicht dazu führen, dass Einzelne ausgeschlossen werden, weil sie diese Tätigkeiten nicht selbst übernehmen können oder wollen und es niemand gibt, die sie ihnen abnimmt.

Es ist gut möglich, dass die gesellschaftliche Entwicklung in einer cosyndikalistischen Gesellschaft in diese Richtung gehen wird. Die Aushandlungsprozesse des Freiwilligenspiels könnten sich mit der Zeit als unnötig formell erweisen und zugunsten reiner, spontaner Freiwilligkeit fallen gelassen werden.

Sollte diese Entwicklung nicht eintreten, sondern sich die Spielregeln des Freiwilligenspiels (wahrscheinlich in weiterentwickelter Form) weiterhin als sinnvoll erweisen, wäre das aus meiner Sicht aber auch kein Beinbruch.

Die am Schluss des letzten Teils aufgeworfene Frage nach dem Umgang mit schlecht delegierbaren Tätigkeiten (z.B. sich um die eigenen Kinder kümmern) ist noch offen geblieben, aber der nächste Artikel kommt bestimmt.

(Fortsetzung: Nicht-aufteilbare Arbeiten im Freiwilligenspiel)

Literatur

  • Raymond, Eric S. (2001): The Cathedral & the Bazaar. 2. Aufl. Sebastopol: O’Reilly.
From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Home Stories: Keimformen, Wünsche und Zufallsfunde

Streifzüge Nr. 60/2014[Alle »Keimformen«-Artikel in Streifzüge 60/2014]

Einem lieben Wunsch kann leicht passieren, dass er etwas findet, was er zu schnell für das Gesuchte hält. Columbus glaubte bis an sein Lebensende daran, 1492 den Seeweg nach China (das damals zu „Indien“ zählte) entdeckt zu haben, obwohl er auf einem ganz anderen Kontinent gelandet war. Manchmal ist es sicherer, auf unerwartete oder gar unerwünschte Entdeckungen zu setzen.

Zwei ganz normale VWL-Professoren (Ralf Reichwald/Frank Piller, Interaktive Wertschöpfung, Wiesbaden 2006) entdeckten z.B. vor sieben Jahren etwas Neues, was sie in ihrer gewohnten wertfixierten Sprache „interaktive Wertschöpfung“ nannten. Sie hatten routinemäßig betriebswirtschaftliche Modelle untersucht und zu ihrer Überraschung festgestellt, dass es tatsächlich etwas Neues zu beobachten gab, das mit der klassischen BWL nicht zu erklären war: „Die interaktive Wertschöpfung ergänzt die … beiden klassischen Koordinationsformen (Hierarchie und Markt) durch einen dritten Weg: das Organisationsprinzip einer ‚commons-based-peer-production‘. Diese Organisation des Wertschöpfungsprozesses verlangt eigene Organisationsprinzipien und Kompetenzen der Akteure. Beispiele bilden die Selbstselektion und Selbstorganisation von Aufgaben durch (hoch) spezialisierte Akteure, deren Motivation vor allem die (eigene) Nutzung der kooperativ geschaffenen Leistungen ist. Hinzu kommt jedoch eine Vielzahl weiterer sozialer, intrinsischer und extrinsischer Motive.“ (S. 314)

Auch in der aktuellen Keimformdebatte sind mir die Entdeckungen am liebsten, die nicht durch eine allzu präformierte Sicht zustande kommen; Keimformen also, die auf den ersten Blick kaum als solche zu erkennen sind. Keimformen, die in der Mitte oder am progressiven Rand des alten Systems entstehen und dann empirisch nachweisen müssen, dass sie eventuell die Potenz haben, auch über die Logik des bestehenden Systems hinauszugehen.

Zum Beispiel das Geschäftsmodell „Flatrate“ oder „all inclusive“: Diese beiden erfolgreichen Geschäftsmodelle der letzten 10 Jahre sind vollständig kapitalistisch kalkuliert: Sie sollen Kunden anlocken und Marktanteile vergrößern (müssen sich also „rechnen“), beinhalten aber eine Logik, die durchaus im Widerspruch zum ehernen Äquivalenztausch-Prinzip unserer Geld-Logik steht. Sie erlauben in einem begrenzten Rahmen (der natürlich zuvor mit Geld dem Geltungsbereich der Geldlogik abgekauft wurde) nach eigenen Bedürfnissen zu leben – ohne sich auf die Matrix des Wertes zu beziehen.

Wenn die Unternehmer und Manager der Geldlogik eines können (müssen), dann ist es das: Rechnen. Und wenn dabei das Geschäftsmodell Flatrate oder „all inclusive“ erfolgreich wird, ist das nicht nur kein Nachteil, sondern in der Form der „Nachfrage“ ein Beweis dafür, dass das Neue tatsächlich (massenhaft) verstanden und gewollt wird. Offensichtlich ist es nicht nur denkbar, sondern empirisch feststellbar, dass Menschen auch ohne monetäre Fremdbestimmung mit (hier erst einmal temporär) freien Gütern vernünftig umgehen können.

Ein Hotelier auf Mallorca sagte mir in einem Interview, er glaube an „all inclusive“ und gehe davon aus, dass es sich in nächster Zeit weiter durchsetzen werde. Es zeige, dass sich seine Kunden spätestens am dritten Tag daran gewöhnt hätten, nach ihren Bedürfnissen zu leben. Spätestens dann würden sie aufhören, sich die teuersten Speisen und Getränke vom Buffet zu nehmen und die pauschal bezahlten Ansprüche nach dem alten Nachkriegsmotto auszunutzen: lieber den Magen verrenkt als dem Wirt was geschenkt! Sie würden dann tatsächlich nur das und soviel davon nehmen, wie sie gerade Lust hätten – so wie alle anderen Lebewesen auf der Erde.

From: keimform.deBy: Uli FrankComments

Arbeit, Spiel und Selbstentfaltung

Sisyphus arbeitet gar nicht, denn was er tut, hat keinen ZweckNachdem es zu den von mir vorgeschlagenen unterschiedlichen Definitionen von „Arbeit“ viel Kritik gab, hier ein neuer Versuch, die überhistorische Dimension dieses Begriffs in den Griff zu kriegen. Ich hatte damals die Definition des Gabler Wirtschaftslexikon (2014) als „zu breit“ kritisiert, doch scheint mir, man kann sie retten, indem man einen Zusatz einfügt, der sie vom „zweckfreien“ Spiel (und ähnlichen Tätigkeiten) abgrenzt. Zu diesem Zweck möchte ich folgende Definition vorschlagen:

Arbeit: jede zielgerichtete, soziale, planmäßige und bewusste Tätigkeit, deren Zweck (Ziel) sich nicht im Tätigsein selbst erschöpft.

Arbeit unterscheidet sich also zunächst von Tätigkeiten, die überhaupt kein Ziel haben oder rein instinktiv erfolgen. Karl Marx schreibt dazu:

Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört. Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. (MEW 23: 193)

Was hat es mit dem Adjektiv „sozial“ (also gesellschaftlich, auf die Gesellschaft bezogen) in der Definition auf sich? Was bedeutet es für Eigenarbeit, also Arbeit, deren Ergebnis in erster Linie mir selber zugute kommt, etwa das Aufbauen eines Ikea-Regals, in das ich meine Bücher stellen will, oder das Abspülen des Geschirrs, von dem ich morgen wieder essen will? Wird sie zur Nicht-Arbeit erklärt, weil ihr die soziale Komponente fehlt? So sieht es Helmut Leitner, doch mir leuchtet diese Unterscheidung nicht ein, da dann ein und dieselbe Tätigkeit mal Arbeit und mal Nicht-Arbeit wäre, je nachdem wer ihr Nutznießer ist. Und das, ohne dass sich an der Tätigkeit und der Einstellung der Handelnden zu ihrem Tun irgendetwas ändern müsste.

Ich würde das „sozial“ stattdessen so auffassen, dass Handelnder und Nutznießer potenziell unterschiedliche Personen sein können, auch wenn sie im konkreten Einzelfall zusammenfallen. Es könnte ja auch jemand anders das Regel aufbauen oder das Geschirr abspülen, und dann würde es sich eindeutig um Arbeit handeln. Daher bleibt es auch Arbeit, wenn ich es selber mache.

Wenn Nutznießerin und Handelnde hingegen zwingend dieselbe Person sind, fehlt dieser soziale Aspekt, so dass man nicht von Arbeit sprechen kann. So etwa, wenn ich als Zuschauer zu einem Fußballspiel fahre, das ich mir ansehen will. Ohne dort zu sein, könnte ich das Spiel auch nicht sehen (jedenfalls nicht „in echt“), daher kann mir die Fahrt niemand abnehmen. Fahre ich hingegen zur Bibliothek, um ein Buch abzuholen, das ich lesen will, handelt es sich um Arbeit, denn das Abholen des Buchs könnte auch jemand anders für mich erledigen. (Den Hinweis auf diesen Unterschied verdanke ich meinem Bruder Martin.)

An der Gabler-Definition stört mich, dass sie sehr umfassend ist und etwa auch Spiele jeder Art zu „Arbeit“ zu erklären scheint. Die obige Definition vermeidet dies durch den Zusatz, dass der Zweck der Tätigkeit über das bloße Tätigsein hinausgehen muss. (Möglicherweise wird das auch durch das Adjektiv „sozial“ schon ausgedrückt, doch kann es nichts schaden, es explizit zu machen.) Bei „Spielen“, die der Unterhaltung anderer dienen – Theaterspiel, Profisport – ist dies der Fall. Profisportlerinnen und Schauspieler arbeiten, um die Zuschauerinnen zu unterhalten oder zu bilden. (Deshalb wäre es auch Arbeit, wenn ich nicht als Zuschauer, sondern als mitspielender Profi zum Stadion fahren würde, da Vorbereitungen für Arbeit selbst schon Arbeit sind.)

Anders sieht es beim „zweckfreien“ Spiel aus, das eine Gruppe von Personen oder eine Einzelperson nur für sich spielt. Natürlich ist auch dieses nicht wirklich zweckfrei (daher die Anführungszeichen), doch liegt der Zweck im Tätigsein selbst – die Beteiligten spielen, um sich zu entspannen, sich zu unterhalten oder sich die Zeit zu vertreiben. Würden sie nicht selbst spielend tätig, träte dieser Effekt nicht ein (im Gegensatz zum Theaterzuschauer, der anderen das Tätigsein überlässt). Hier handelt es sich also nicht um Arbeit (gemäß der obigen Definition), sondern um etwas, das man um seiner selbst willen tut.

Wie ist es nun mit der Selbstentfaltung, die ja in Keimform-Diskussionen traditionell eine wichtige Rolle spielt? Meiner Ansicht nach kann man sinnvollerweise von Selbstentfaltung sprechen, wenn Arbeit und Spiel zusammenkommen. Also bei Tätigkeiten, die einen Zweck haben, der über das bloße Tätigsein hinausgeht und zumindest potenziell anderen zugute kommt, die man aber auch gerne macht, aus Lust am Tun (auch wenn sie durchaus anstrengend sein können, wie auch andere Spiele, z.B. im Hobbysport).

Franz hat gegen meine ursprüngliche Definition von Arbeit/S (selbstentfaltete Arbeit) als „nützliche Arbeit, die auch Selbstzweck“ ist, eingewandt, dass es durchaus das Wissen um die Zweckhaftigkeit bzw. Nützlichkeit der Arbeit sein kann, das einen motiviert, sie gerne und mit Genuss zu tun. Das ist sicher richtig: dass man eine Tätigkeit genießt, kann durchaus eine Konsequenz davon sein, dass man um ihren Nutzen für andere weiß. Andererseits kann der so entstehende Nutzen auch ein eher zufälliger Nebeneffekt einer „spielerischen“ Tätigkeit sein, die die Tätigen auch gerne und mit Befriedigung tun würden, wenn es diesen Nebeneffekt nicht gäbe.

Literatur

From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Das Freiwilligenspiel

Freiwillige beim Spielen(Voriger Artikel: Arbeitsteilung, aber wie?)

Was wäre ein guter Ansatz, die umfassende Quasi-Flatrate zu organisieren und die dafür notwendige Arbeit/N aufzuteilen? Die im vorigen Teil diskutierten Modelle der reinen Freiwilligkeit sowie der traditionellen Commons haben beide ihre Vor- und Nachteile, keines kann rundherum überzeugen. Das im Folgenden vorgeschlagene Freiwilligenspiel kombiniert Elemente dieser beiden Modelle und versucht dabei, ihre jeweiligen Schwächen zu vermeiden.

Das Freiwilligenspiel ist ein kooperatives Spiel, bei dem alle Mitspielerinnen nur gemeinsam gewinnen oder verlieren können. Ziel des Spiels ist, die für die Produktion der Quasiflat nötige Arbeit unter den Bewohnern der entsprechenden Koregion so aufzuteilen, das alles erledigt wird und sich niemand benachteiligt oder überfordert fühlt. Das Spiel ist gewonnen, wenn und solange die Quasiflat erfolgreich organisiert wird und alle nötigen Aufgaben zum benötigten Zeitpunkt und gut erledigt werden. Es ist verloren, wenn dies nicht klappt.

Es kann gelingen, wenn die anfallenden Arbeiten ungefähr gleichmäßig unter allen erwachsenen, körperlich und geistig fitten Einwohner aufgeteilt werden, ohne dass aber der Einzelnen verpflichtende Vorgaben gemacht werden, wie viel oder was sie zu tun hat. Regeln und Empfehlungen für das Spiel werden von der virtuellen Bewohnerinnenversammlung der Koregion festgelegt, an der sich alle Einwohner beteiligen können und die auch sonst die Ausgestaltung der Quasiflat regelt. Grundsätzlich können sich alle, die in der Region wohnen oder für längere Zeit zu Besuch sind, als Mitspieler („Freiwillige“) melden. Die Bewohnerinnenversammlung legt dabei den Altersbereich fest, in dem die Teilnahme als Freiwilliger empfohlen wird (z.B. allen über 18 und unter 63), doch das ist weder verpflichtend noch ausschließlich. Wenn sie wollen, dürfen auch Jüngere und Ältere mitmachen, und niemand muss.

Die Vorbereitungen

Das Spiel wird in Runden gespielt, die jeweils ein Jahr dauern – am Ende des Jahres wird Bilanz gezogen. Vor Beginn jeder Runde melden sich alle, die mitmachen wollen, als Freiwillige an. Gleichzeitig wird die in diesem Jahr aufzuteilende Arbeit abgeschätzt, auf Grundlage der im Vorjahr angefallenen Arbeit. Sind Änderungen in bestimmen Bereichen absehbar, können die Syndikate den für diesen Bereich geschätzten Aufwand entsprechend anpassen. So dürfte mehr Arbeit anfallen, wenn die Nachfrage nach einem bestimmten Produkt in der zweiten Hälfte des Vorjahres angezogen hat und vermutlich auf dem erhöhten Niveau verharren oder weiter ansteigen wird; oder wenn absehbar ist, dass ein größerer Teil bestimmter langlebiger Güter in diesem Jahr an seine Verschleißgrenze kommt und ausgetauscht oder repariert werden muss. Weniger Arbeit ist absehbar, wenn durch den nach und nach stattfindenden Austausch von Maschinen der Aufwand für die Herstellung bestimmter Güter sinkt oder wenn die Nachfrage für bestimmte Güter eine fallende Tendenz aufweist.

Maßeinheit der geschätzten und tatsächlich aufgewandten Arbeit ist die Regelstunde – die oft, aber nicht immer einer echten Stunde Arbeit entspricht, wie unten erläutert wird. Aufgrund der Aufwandsschätzung und der Gesamtzahl der angemeldeten Freiwilligen weiß jede Freiwillige, wie viele Regelstunden sie beizutragen hat, um einen proportionalen Anteil zum Gesamtaufwand beizusteuern. Angenommen etwa, in einer bestimmten Koregion wurden für die Re/produktion aller im Rahmen der Quasiflat genutzten Güter im Vorjahr insgesamt 1000 Millionen Regelstunden aufgewendet. Die Abschätzung für die nächste Runde ergibt für einige Bereiche Steigerungen, anderswo Abnahmen – insgesamt eine leichte Abnahme auf geschätzte 960 Millionen Regelstunden. Ein Großteil der erwachsenen Einwohnerinnen hat sich als Freiwillige angemeldet, außerdem manche Jugendliche und Senioren, insgesamt 1,6 Millionen Menschen. Auf jeden Freiwilligen entfällt somit ein Durchschnittsbeitrag von 960/1,6 = 600 Regelstunden.

Die Freiwilligen sind aber nicht gezwungen, so viel beitragen (sie sind zu gar nichts gezwungen), sie können auch mehr oder weniger beitragen. Jeder legt für sich fest, wie viel er relativ zum Durchschnittsbeitrag arbeiten möchte. Diverse Jugendliche, Seniorinnen und Leute, die schon wissen, dass sie einen größeren Teil des Jahres außerhalb der Region verbringen werden, wollen zwar einen Beitrag leisten, begnügen sich aber mit 50%. Jemand will mehr Zeit für eigene Aktivitäten haben und deshalb nur 80% erbringen. Jemand anderes hatte es im letzten Jahr ruhiger angehen lassen und will dafür dieses Jahr 115% einbringen. Die meisten bleiben aber bei 100%. Nachdem sich alle entschieden haben, wird die Summe der so individuell festgelegten Beitragsanteile zusammengezählt und ergibt das 1,5-millionenfache des Durchschnittsbeitrag. Auf dieser Basis wird der Durchschnittsbeitrag neu berechnet: 960/1,5 = 640 Regelstunden.

Jede Freiwilligen multipliziert diesen Durchschnittsbeitrag mit dem individuell festgelegten Anteil und erhält so die Anzahl der Regelstunden (RS), die sie im Lauf des Jahres gemäß der Spielregeln beitragen soll (320 RS bei 50% Anteil, 736 RS bei 115% Anteil). Da sich der Durchschnittsbeitrag durch die Neuberechnung relativ stark (um fast 7%) verändert hat, können alle ihren individuellen Anteil nochmal überprüfen und gegebenenfalls erhöhen oder senken. Manche, die ihren individuellen Anteil eher niedrig angesetzt hatten, erhöhen ihn vielleicht, um die anderen zu entlasten; andere senken ihn, weil ihnen die Arbeitsbelastung sonst zu viel wird. Anschließend werden die Individualanteile erneut zusammengezählt und so ein neuer Durchschnittsbeitrag berechnet. Weicht dieser maximal um 5% vom zuvor berechneten ab, bleibt es dabei; andernfalls kann sich das Spiel von individueller Anpassung und kollektiver Neuberechnung gegebenenfalls noch mehrmals wiederholen, bis dies der Fall ist.

Diese individuell/kollektive Festlegung der individuell beizutragenden Arbeitszeiten entspricht den „Bieterrunden“ der Solidarischen Landwirtschaft, nur dass es dort um finanzielle Beiträge geht (vgl. HecMeck 2013, Cropp 2013).

Aufgabenteilung

Nach diesen Vorbereitungen kann nun die eigentliche Aktivität der neuen Spielrunde beginnen (die Vorbereitungen selbst müssen also noch in der vorigen Runde abgeschlossen werden): die Re/produktion der für die Quasiflat insgesamt nötigen Güter. Dafür veröffentlichen alle in den mitspielenden Syndikaten vertretenen Kooperativbetriebe Listen der von ihnen benötigten Tätigkeiten. Die Freiwilligen suchen sich jeweils Aufgaben heraus, die ihren Fähigkeiten und Interessen entsprechen und bei denen die weiteren Rahmenbedingungen (z.B. der Ort der Tätigkeit) stimmen.

Mit welchen Tätigkeiten und in welchem Betrieb jede Freiwillige ihren selbst bestimmen Arbeitsbeitrag leistet, entscheidet sie grundsätzlich selbst, jedoch in Abstimmung mit den entsprechenden Betrieben und anderen involvierten Freiwilligen. Haben sich für eine Tätigkeit oder einen Betrieb schon genügend Freiwillige gefunden, müssen sich weitere Interessierte stattdessen etwas anderes suchen. Bei zu vielen geeigneten Bewerberinnen für bestimmte Tätigkeiten kann auch per Los entschieden werden, wer zum Zug kommt.

Kommen die Mitarbeiterinnen eines Betriebs zu dem Schluss, dass es einem neuen Freiwilliger an den nötigen Fähigkeiten fehlt oder er menschlich nicht ins Team passt, können sie ihm die Mitarbeit verweigern. Eine Ablehnung muss gegenüber der Abgelehnten begründet werden und diese kann bei dem entsprechenden Syndikat Einspruch dagegen erheben. Dies soll verhindern, dass Ablehnungen aufgrund z.B. rassistischer, sexistischer oder transphober Vorurteile erfolgen, was ein Verstoß gegen das Prinzip der Vorurteilsablehnung wäre.

Benötigte Fähigkeiten kann man gegebenenfalls durch Verweis auf eine passende Ausbildung oder frühere Tätigkeit nachweisen oder durch Bestehen eines Tests. Oder man übernimmt erst einmal einfachere Aufgaben in dem Betrieb und lernt nach und nach dazu, wenn die anderen Betriebsangehörigen damit einverstanden sind.

In der Regel wird es deutliche Kontinuitäten geben – die meisten Freiwilligen werden bei einem der Betriebe bleiben, für den sie schon zuvor gearbeitet haben. Die neue Spielrunde beginnt also keinesfalls „bei null“, die meisten Betriebe sind schon eingespielt und es gibt nur von Zeit zu Zeit und in Maßen persönliche Wechsel. Natürlich muss niemand die ganze Zeit bei einem Betrieb bleiben, viele der Freiwilligen werden ihren Arbeitsbeitrag stattdessen auf mehrere Betriebe, Branchen und Tätigkeiten aufteilen. Jemand könnte etwa im Frühjahr und Winter (wenn dort besonders viel zu tun ist) in der Landwirtschaft arbeiten, im Winter in einem Krankenhaus und im Sommer Pause machen.

Auch ob man den eigenen Arbeitsbeitrag eher gleichmäßig verteilt erbringt (etwa drei Stunden an jedem Wochentag das ganze Jahr über, nur unterbrochen durch einige Wochen Reisen) oder auf intensive Arbeitsphasen beschränkt (etwa vier Monate Vollzeitarbeit und den Rest des Jahres frei) ist jeder grundsätzlich selbst überlassen. Wichtig ist nur, dass die anderen in den involvierten Betrieben mit dem Arbeitsmodus einverstanden sind und dass es gesamtgesellschaftlich aufgeht, sprich dass die eigene Arbeit auch dann gebraucht wird, wenn man sie leisten will. Es können nicht alle im August Sommerpause machen.

Die von den Freiwilligen erbrachte Arbeitszeit wird im Betrieb erfasst und an das jeweilige Syndikat übermittelt, das sie wiederum an eine für die ganze Koregion einheitliche Instanz weiterleitet (diese könnte etwa Stundenbüro heißen und wird von der Bewohnerversammlung besetzt). Die insgesamt und in einzelnen Betrieben und Syndikaten erbrachten Arbeitszeiten sind für alle öffentlich einsehbar, nicht aber, wie viel davon auf jede Einzelperson entfällt. Aber jede Freiwillige kann die von ihr erbrachte Arbeitszeit jederzeit abrufen und weiß so, wie viel von ihrem angekündigten Arbeitsbeitrag noch fehlt und wie sie im Vergleich zum gesellschaftlichen Durchschnitt steht.

Gewichtete Arbeit

Was, wenn es an Freiwilligen für bestimmte Aufgaben mangelt, wenn z.B. (um ein altes Beispiel von mir aufzugreifen) die Müllabfuhr nicht genügend potenzielle Mitarbeiter findet? In diesem Fall könnte das betroffene Syndikat auf die Idee der gewichteten Arbeit aus meinem Buch Beitragen statt tauschen (Siefkes 2008) zurückgreifen. Mit solchen Aufgaben verbrachte Arbeitszeit zählt dann als länger als sie tatsächlich gedauert hat. Bleiben die nötigen Müllwerker-Stellen vakant, kann das Syndikat das Gewicht dieser Tätigkeit etwa auf 120% erhöhen – 50 Minuten Müllabfuhr zählen dann so viel wie eine Stunde (1,2 x 50 min) anderer, normal gewichteter Tätigkeiten. Der oben eingeführte Begriff Regelstunde misst derart gewichtete Arbeitszeit – in diesem Fall entsprechen 50 Zeitminuten einer Regelstunde. Syndikate können das Gewicht von Aufgaben erhöhen, aber nicht auf unter 100% absenken, daher kann eine Regelstunde einer Zeitstunde entsprechen oder kürzer sein, aber niemals länger.

Freiwillige können also den zeitlichen Aufwand ihres Arbeitsbeitrags verringern, indem sie sich für höhergewichtete Tätigkeiten entscheiden. Wer sich zur Erbringung des Durchschnittsbeitrag von 640 Regelstunden bereit erklärt hat und sich als Müllwerkerin betätigt, muss insgesamt nur etwa 533 Zeitstunden arbeiten (1,2 x 533,33 = 640). Motiviert dies noch nicht genügend Freiwillige, könnte das Syndikat das Gewicht der Aufgabe noch weiter erhöhen, z.B. auf 150% (dann entspricht eine Regelstunde 40 Zeitminuten) oder gar 200% (30 Zeitminuten).

Aber ist dieser ganze Ansatz überhaupt erfolgversprechend, wo doch die Freiwilligen selbst entscheiden, ob und in welcher Höhe sie beitragen? Ich denke schon, da sich wahrscheinlich viele der Community ausreichend verpflichtet fühlen dürften, um nicht ohne guten Grund weniger als den Durchschnittsbeitrag erbringen zu wollen. Wer sich für höhergewichtete Aufgaben entscheidet, kann so den eigenen Beitrag leisten und trotzdem noch viel Zeit für andere Aktivitäten haben.

Die Übernahme höhergewichteter Aufgaben kann zudem gut für die eigene Reputation sein. Aufgabengewichte sind öffentlich, so dass alle sehen können, dass es etwa an Müllwerkerinnen fehlt und sich also diejenigen, die diese Aufgabe übernehmen, um die Community besonders verdient machen.

Aufgrund dieses doppelten Vorteils für Freiwillige in höhergewichteten Tätigkeiten (kürzere Arbeitszeiten, möglicherweise höhere Reputation) besteht ein gewisses Risiko, dass die in einem Syndikat Aktiven das Gewicht mancher Aufgaben ohne Not erhöhen möchten. Doch da in den Syndikaten neben den Betriebsangehörigen der entsprechenden Branche jeweils auch die Nutzer der von ihnen hergestellten Güter gleichberechtigt vertreten sind, sollte sich das verhindern lassen. Ist der Zugang zu einer höhergewichteten Aufgabe durch Aufnahmeprüfungen oder Ähnliches beschränkt, werden die Nutzerinnen in ihrem eigenen Interesse genau hinsehen, ob diese Beschränkung nötig und angemessen ist. Denn durch die Höhergewichtung mancher Aufgaben erhöht sich die insgesamt aufzuteilende Arbeit ein wenig, da sie in Regelstunden (nicht Zeitstunden) gemessen wird. Wer andere (normalgewichtete) Aufgaben übernimmt, muss daher etwas länger arbeiten, um den Durchschnittsbeitrag zu erbringen.

Der Umfang des Durchschnittsbeitrags wird zu Beginn der Spielrunde erstmals berechnet, kann danach aber immer noch leichte Veränderungen erfahren, wenn sich die Datenlage ändert und genauer wird. Manche Aktivitäten dauern kürzer oder länger als gedacht, unhervorgesehene Arbeiten kommen hinzu, anderes erweist sich als unnötig, Freiwillige ändern ihre Pläne oder fallen wegen Krankheit oder Schwangerschaft aus.

Der individuell festgelegte Beitrag dürfte statt als exakte Vorgabe eher als Richtwert dienen, von dem Freiwillige nach unten oder oben abweichen können, wenn es gerade passt. Etwa indem sie die Zeit bis zu Beginn der nächsten Spielrunde noch überbrücken, wenn es nur noch wenige Wochen sind und gerade kein geeigneter Vertreter in Sicht ist. Bei bedeutenden Abweichungen vom eigentlich vorgesehene Arbeitspensum kann die Freiwillige sich ja entschließen, im Folgejahr zum Ausgleich entsprechend mehr oder weniger zu arbeiten.

Unter welchen Umständen kann dieses ernsthafte Spiel funktionieren und einen geeigneten Mittelweg zwischen reiner Freiwilligkeit einerseits und anteiliger Arbeitspflicht andererseits darstellen? Wie gut wird es dem Anspruch gerecht, die Nachteile dieser beiden Modelle zu vermeiden? Und wie werden Aktivitäten einbezogen, die sich nicht frei aufteilen lassen, sondern eigentlich nur von ganz bestimmen Personen gemacht werden können (z.B. das Kümmern um die eigenen Kinder)? Das wird nächstes Mal Thema sein.

(Fortsetzung: Vorzüge und Abwandlungen des Freiwilligenspiels)

Literatur

From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments