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Die Arbeit und der fiktive Tropf

Titelbild der Krisis-Ausgabe (zum Vergrößern klicken)Norbert Trenkle hat für die (nur noch digital erscheinende) Krisis einen Antwortartikel auf meine Untersuchung Geht dem Kapitalismus die Arbeit aus? (1, 2) geschrieben: Die Arbeit hängt am Tropf des fiktiven Kapitals.

In meinen Artikel hatte ich vorsichtig geschlossen, dass „Lohoff und Trenkle […] im Vergleich zur von Heinrich (2007) postulierten tendenziell unendlichen Ausdehnungsfähigkeit des Kapitalismus […] der Wahrheit näher zu kommen“ scheinen. Dieses abwägende Fazit befriedigt Trenkle nicht – er argumentiert, dass die Zahlen eine deutlichere Sprache sprechen. Dafür führt er im Wesentlichen zwei Argumente an, von denen mir das eine mehr, das andere weniger einleuchtet.

Induzierte Wertproduktion?

Weniger einleuchtend finde ich das Konzept der „induzierten Wertproduktion“, dem zufolge ein immer größerer Teil der Warenproduktion ohne die Akkumulation von fiktivem Kapital nicht möglich wäre. Dazu rechnet Trenkle kreditfinanzierten privaten und staatlichen Konsum, Investitionen und Infrastrukturmaßnahmen, die durch den „Verkauf von Eigentumstiteln (wie Anleihen und Aktien)“ ermöglicht werden, sowie Investitionen im Bausektor, sofern diese durch „Immobilienspekulation“, d.h. durch Hoffnung auf künftige Preissteigerungen, ermöglicht werden.

Trenkle betrachtet dies als „induzierte Wertproduktion“ (13), die vom fiktiven Kapital abhängig ist. Hätte die private Konsumentin nicht einen Kredit aufnehmen oder ihre Kreditkarte belasten können, dann hätte sie sich den neuen Fernseher nicht leisten können und die Realwirtschaft wäre etwas weniger stark gewachsen bzw. etwas stärker geschrumpft. Die Konsumentin ist damit allerdings auch eine Verpflichtung eingegangen, da sie den Kredit später (mit Zinsen) zurückzahlen muss. Gelingt ihr das nicht (sie könnte Privatbankrott anmelden oder unverschämter Weise einfach sterben), ist der Kredit geplatzt und die Verwertung des fiktiven Kapitals an einer kleinen Stelle ins Stocken geraten. Den Hersteller des Fernsehers schert das allerdings nicht, er hat sein Geschäft gemacht. Schon deshalb ist nicht einzusehen, warum die „induzierte Wertproduktion“ nicht „zählen“ sollte, wenn es darum geht, ob bzw. wie stark die Realwirtschaft wächst oder schrumpft – was Trenkle unterstellt, aber nicht wirklich begründet.

Ein Problem für die Realwirtschaft würde nur dann entstehen, wenn das fiktive Kapital eines Tages komplett verschwinden würde und wenn darüber hinaus auch die Zentralbanken (die Kredit aus dem Nichts erschaffen können), die Kreditvergabe verweigern würden statt als „lender of last resort“ zu fungieren. Dann könnte sich niemand mehr verschulden und kreditfinanzierte Käufe wären nicht mehr möglich, was tatsächlich zu einer massiven Absatzkrise und einem Einbruch der Realwirtschaft führen würde.

Aber ist das ein realistisches Szenario? Ich habe meine Zweifel, zumal Trenkle selbst mit eindrucksvollen Zahlen über das gigantische Wachstum des fiktiven Kapitals aufwartet – Kapitalmarktwaren inklusive Derivaten betragen inzwischen das Zwölffache des Bruttoweltprodukts, während sie noch 1980 nur geringfügig über dem Bruttoweltprodukt lagen (15). Dass sich die Besitzer aller dieser virtuellen Reichtümer entschließen könnten, sie den Finanzmärkten zu entziehen und stattdessen in „reale“ Güter (etwa Gold) umzutauschen, scheint schon deshalb ausgeschlossen, weil schlichtweg nicht genug „reale“ Güter zu finden wären.

Warum die Ausgabe von Anleihen und Aktien durch Firmen auf eine krisenhafte Entwicklung hindeuten sollte, ist noch weniger einzusehen. Vielmehr handelt es sich um einen ganz normalen und schon ziemlich alten Aspekt des Kapitalismus – Firmen greifen auf Fremdkapital zurück, um stärker wachsen zu können und ihre Eigenkapitalrendite zu verbessern. Nehmen wir an, eine Firma macht einen Profit von sechs Prozent auf das eingesetzte Kapital und leiht sich (ob durch Kreditaufnahme oder Ausgabe von Anleihen) ebenso viel Kapital/Geld, wie sie an Eigenkapital schon hat, zu einem Zinssatz von drei Prozent. Dann verbleiben die restlichen drei Prozent als zusätzlicher Gewinn bei den Eigentümern der Firma, die ihre Eigenkapitalrendite so von sechs auf neun Prozent gesteigert hat. Aber auch die Kreditgeber/Anleihenkäuferinnen profitieren, denn sie haben ja den vereinbarten Zins erhalten und so ihr Geld vermehrt.

Die Ausgabe von Aktien ist etwas anders zu analysieren, deutet aber ebenfalls nicht auf ein „Problem“ für den Kapitalismus hin. Aktien sind kein Fremdkapital, sondern die Aktionäre werden selbst zu Miteigentümern der Firma – sie dürfen abstimmen, wenn es um wesentliche strategische Entscheidungen geht, und werden in Form von Dividenden an Gewinnen beteiligt. Da Aktien im Regelfall an der Börse gehandelt werden, steigt und fällt ihr Preis in Abhängigkeit von der wirtschaftlichen Entwicklung der Firma. Dabei spielt nicht nur die aktuelle Situation, sondern auch die Erwartung der Marktteilnehmerinnen in Bezug auf künftige Entwicklungen eine Rolle. Aktienmärkte bringen also ein zusätzliches spekulatives Element in den Kapitalismus, aber letzten Endes ist alle kapitalistische Produktion spekulativ. Warum es für die Analyse der Realwirtschaft von Bedeutung sein sollte, ob eine Firma an der Börse gehandelt wird oder nicht, ist nicht einzusehen.

Ebenso wenig leuchtet mir ein, inwiefern die „Immobilienspekulation“ auf die gesamtwirtschaftlich produzierte Wertmasse einen nennenswerten Einfluss haben sollte. Sie hat sicherlich einen Einfluss auf die Preise, da Immobilienkäuferinnen in Erwartungen künftiger Preissteigerungen bereit sind, mehr zu zahlen als das sonst der Fall wäre. Spekulativer Leerstand von Neubauten dürfte jedoch die absolute Ausnahme sein – Gebäude werden nicht nur in der Hoffnung auf künftige Preissteigerungen gebaut, sondern sie werden auch unmittelbar vermietet oder von den Käufern selbst genutzt. Das würde auch ohne die Hoffnung auf künftige Preissteigerungen passieren, wenn auch vielleicht zu niedrigeren Verkaufspreisen. Für die Wertanalyse kommt es auf solche Preisschwankungen aber nicht an.

Lebt der Kapitalismus über seine Verhältnisse?

Unterschwellig scheint mir dem Konzept der „induzierten Wertproduktion“ die Idee der „schwäbischen Hausfrau“ zugrunde zu liegen, die nur ausgibt, was sie zuvor redlich verdient hat. Der Kapitalismus würde gemäß dieser von Trenkle allerdings nicht offen geäußerten Argumentationslinie zunehmend „über seine Verhältnisse leben“, weil sich die Käuferinnen mehr und mehr verschulden müssen und sich die gekauften Waren „eigentlich“ gar nicht leisten könnten.

Dazu nennt Trenkle eindrucksvolle Zahlen, so hat sich die private Verschuldung in den USA seit 1980 mehr als verdoppelt, von 150 auf 350 Prozent des Bruttonationaleinkommens (19). Und auch die weltweite Staatsverschuldung ist bekanntlich gerade seit der Krise von 2008 stark gestiegen. Die durch solchen schuldenfinanzierten Konsum ermöglichte Produktion sieht er als „Vorgriff auf zukünftigen Wert“ (9), der aber aufgrund der mutmaßlich schrumpfenden Wertmasse gar nicht mehr produziert werden könne. Aber ist dem so?

Tatsächlich ist ein Kredit eine Verpflichtung der Schuldnerin, diesen zu gegebener Zeit (mit Zinsen) zurückzuzahlen. Private Schuldner, die praktisch nur durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft Geld verdienen können, müssen also entweder ihren künftigen Lebensstandard einschränken oder in Zukunft noch härter arbeiten, um die Schulden zurückzahlen zu können. Wertproduktion ist dafür aber nicht unbedingt vonnöten – wer etwa als Staatsangestellte oder private Reinigungskraft arbeitet, produziert keinen Wert, verdient aber trotzdem Geld, das zur Schuldentilgung verwendet werden kann.

Private Verschuldung ist also ein Mittel, den Ausbeutungsgrad im Kapitalismus zu erhöhen, sie bewirkt eine zusätzliche Umverteilung von unten (den Arbeitenden) nach oben (den Kapitaleignern). Sie verschärft auch den Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze und drückt so tendenziell das Lohnniveau. Tatsächlich dürfte es kein Zufall sein, dass die stark gestiegene private Verschuldung in den letzten 30 Jahren mit stagnierenden oder sinkenden Reallöhnen einherging.

Steigende Staatsverschuldung hat einen ähnlichen Effekt. Anders als private Schuldner zahlen Staaten ihre Schulden allerdings typischerweise niemals zurück, sondern lösen alte Kredite durch neue ab. Gleichzeitig müssen sie bei steigender Verschuldung (und gleichbleibenden Zinssätzen) jedoch einen immer größeren Teil der Steuereinnahmen für Zinszahlungen ausgeben. Würden nur Kapitalgewinne besteuert, wäre für das Gesamtkapital nichts gewonnen – was der einen Kapitalistin in Form von Zinsen gezahlt wird, würde der anderen in Form von Steuern genommen.

Tatsächlich werden Kapitalerträge und Vermögen in den modernen, um Kapital konkurrierenden Staaten aber nur gering bis gar nicht besteuert. Der Großteil der Steuereinnahmen stammt aus Steuern auf Löhne und Konsum, wird also nicht von den Kapitalisten, sondern von der arbeitenden oder nichtarbeitenden Bevölkerung gezahlt. Gleichzeitig reagieren die Staaten auf steigende Verschuldung mit einer Kürzung ihrer Ausgaben etwa für Gesundheitswesen, Bildung, Arbeitslosen- und Sozialhilfe sowie öffentliche Infrastruktur wie Schwimmbäder, wodurch wiederum der Lebensstandard der Bevölkerung und insbesondere der prekär Lebenden sinkt. Auch steigende Staatsverschuldung verschärft also die Umverteilung von der Masse der Bevölkerung zu den wohlhabenden Gläubigern.

Dass der Kapitalismus über seine Verhältnisse lebt, lässt sich also nicht sagen. Stattdessen hat er sich neue Wege zur verschärften Ausbeutung und Umverteilung von unten nach oben erschlossen.

Weltweit unterschiedliche Produktivitätsniveaus

Einleuchtender finde ich den Einwand, dass die weltweiten Unterschiede im Produktivitätsniveau womöglich größer sein könnten als von mir geschätzt. Ich hatte die chinesische Produktivität auf 80 Prozent westlicher Länder geschätzt; Trenkle führt hingegen Argumente dafür an, dass sie in der Industrie nur 10 bis 30 Prozent der deutschen Produktivität entspricht und in der Landwirtschaft sogar unter 10 Prozent (30f.).

Meine Schätzungen basierten auf der Position eines Landes im Human Development Index, der das Bruttonationaleinkommen pro Kopf, die durchschnittliche Ausbildungsdauer und die Lebenserwartung berücksichtigt. Unplausibel finde ich diese Indikatoren nicht – das Bruttonationaleinkommen pro Kopf zeigt ungefähr, wie gut ein Land in der kapitalistischen Staatenkonkurrenz mithalten kann und besser ausgebildete Arbeitskräfte ermöglichen eine höhere Produktivität.

Zugegebenermaßen willkürlich (was ich im Text auch vermerkt hatte) war hingegen meine Entscheidung, die Produktivität eines Lands auf 100, 80, 60 bzw. 40 Prozent zu schätzen, je nachdem in welchem Quartil (Viertel) des HDI es zu finden ist. Und die gewählten Faktoren wirken sich in der Tat spürbar auf die Ergebnisse aus. Nehmen wir etwa an, dass die Produktivität pro Quartil nicht nur um 20 Prozent fällt, sondern sich halbiert – also 100, 50, 25, 12 Prozent statt der oben genannten Faktoren. Dann ist die gewichtete Zahl der produktiven Arbeitskräfte nur noch um 9,0 Prozent gestiegen (statt 15,3 Prozent), die der Arbeitsstunden um 5,0 Prozent (statt 11,6 Prozent). Für einen Zeitraum von 30 Jahren ist das schon eine äußerst bescheidene Entwicklung, die nah am Nullwachstum entlang schrammt (die jährliche Steigerung der Arbeitskräfte beträgt knapp 3 Promille, der Arbeitsstunden 1,6 Promille).

Allerdings sind auch diese Faktoren willkürlich und ergeben für das wirtschaftlich sehr bedeutende China (im 2. Quartil des HDI) eine Produktivität von 50 Prozent, was deutlich über den von Trenkle angeführten Schätzungen liegt. Kann man Faktoren bestimmen, die nicht rein willkürlich sind?

Zuverlässige Produktivitätsschätzungen für alle untersuchten Ländern dürften kaum aufzutreiben sein, zumal sie auch noch über die unterschiedlichen Wirtschaftssektoren gemittelt werden müssten. Zumindest als Indikator könnte aber die durchschnittliche Lohnhöhe dienen, da sie andeutet, unter welchen Umständen eine Standortverlagerung in ein anderes Land für Unternehmen Sinn macht. Beträgt die durchschnittliche Lohnhöhe im Zielland ein Drittel, dann kann eine Firma fast dreimal so viel Personal beschäftigen und die Verlagerung rentiert sich immer noch (sofern man davon ausgeht, dass die erhöhten Transportkosten relativ zu den Herstellungskosten nur wenig ins Gewicht fallen). Die relative Produktivität im Zielland muss also mindestens so hoch sein wie das relative Lohnniveau.

Allerdings kenne ich auch keine umfassenden Statistiken zum Lohnniveau in verschiedenen Ländern – die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), deren Zahlenmaterial ich verwendet habe, führt zwar eine entsprechende Statistik, die jedoch für zu wenige Länder vorliegt, um verwendbar zu sein. Genaue Statistiken gibt es jedoch für das in jedem Land erwirtschaftetete Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf. Zwischen dem Pro-Kopf-BIP und der Lohnhöhe dürfte es zumindest eine lose Korrelation geben, da ein Großteil der umgesetzten Waren von der arbeitenden oder nicht (mehr) arbeitenden Bevölkerung erworben wird, die dafür ihre Löhne (oder aus Lohnnebenkosten finanzierte Leistungen wie Renten und Arbeitslosengeld) eingesetzt.

Eine mutmaßliche Korrelation zwischen Arbeitsproduktivität und Pro-Kopf-BIP geht also um zwei Ecken und dürfte entsprechend unscharf ausfallen. Als grobe Annäherung in Abwesenheit besserer Statistiken habe ich dennoch eine entsprechende Berechnung durchgeführt.

Dafür habe ich die Pro-Kopf-BIPs der 40 von mir untersuchten Länder (Liste der Weltbank für 2014) zugrunde gelegt. Die Arbeitsproduktivität der zehn Länder mit dem größten BIP (Norwegen, Schweiz, Australien, Dänemark, Schweden, Singapur, USA, Niederlande, Österreich, Kanada) habe ich dabei jeweils auf 100 Prozent geschätzt. Von diesen zehn Länder hat Kanada das niedrigste Pro-Kopf-BIP (50.271 USD). Relativ zu diesem habe ich die Arbeitsproduktivität der anderen Länder geschätzt. Für das an elfter Stelle folgende Deutschland (47.627 USD) beträgt sie damit 94,7 Prozent, für das an letzter Stelle stehende Indien (1.582 USD) 3,1 Prozent. Für China ergibt sich eine Produktivität von 15,1 Prozent, was in den von Trenkle ermittelten Schätzbereich fällt.

Legt man diese stärkere Spreizung der weltweiten Produktivitätsniveaus zugrunde, dann ist die Zahl der entsprechend gewichteten produktiven Arbeitskräfte im untersuchten Zeitraum nicht gewachsen, sondern um 2,0 Prozent geschrumpft. Bezogen auf produktive Arbeitsstunden ergibt sich ein noch stärkerer Rückgang um 6,3 Prozent.

Die Frage der unterschiedlichen Produktivität in verschiedenen Weltregionen hat also in der Tat einen starken Einfluss auf das Ergebnis und kann den Unterschied zwischen einem geringen Wachstum oder einer leichten Schrumpfung machen. Eine sorgfältige Untersuchung dieser Frage könnte sich daher lohnen. Aber in jedem Fall ergibt sich aus dem Zahlenmaterial, dass von einem weltweit „brummenden“ und unbekümmert wachsenden Kapitalismus nicht die Rede sein kann.

From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

UTOPIKON – Wege in eine geldfreiere Gesellschaft

Kaufst du noch oder teilst du schon?„Wie stellen wir uns eine zukunftsfähige Wirtschaft von morgen vor?“

Die Utopie-Ökonomie-Konferenz UTOPIKON
Wege und Herausforderungen in eine geldfreiere Gesellschaft

Neben dem dritten Mitmachkongress utopival gibt es in diesem Jahr zum ersten Mal auch die Utopie-Ökonomie-Konferenz UTOPIKON. 300 Menschen werden sich am 05. November 2016 in der Forum Factory in Berlin inspiriert von fünf Keynotes in 20 Workshops und einem anregenden Rahmenprogramm zu der Frage nach einer zukunftsfähigen Wirtschaft austauschen.

Die Referent*innenliste verspricht einen spannenden Tag, denn zugesagt haben bereits Silke Helfrich, Niko Paech, Friederike Habermann, Uwe Lübbermann, Hanna Poddig, Gerrit von Jorck, Christian Siefkes und viele weitere.

‚Ökonomie‘ kommt von ‚Oikos‘ – Hausgemeinschaft, die Teilhabe aller. Die aktuelle wirtschaftliche Situation lässt jedoch nicht teilhaben, sie separiert eher.

„Wie können wir solidarisch wirtschaften? Wie sehen Alternativen für eine zukunftsfähige Ökonomie aus? Wie möchten wir leben? Welche Wege führen zu einer geldfreieren Gesellschaft und welche Herausforderungen stehen dem entgehen?“ Diese Fragen treiben mich als einen der Initiator*innen der Konferenz um.

Die UTOPIKON möchte dabei Alternativen aufzeigen, Inspiration geben und Austausch ermöglichen.

Die Utopie-Ökonomie-Konferenz wird vom Projekt- und Aktionsnetzwerk living utopia verwirklicht. Die Besonderheit daran: Die UTOPIKON wird wie alle Aktivitäten vom Netzwerk nicht nur vegan, ökologisch und solidarisch gestaltet, sondern vor allem auch geldfrei. „Kein Cent fließt direkt. Die UTOPIKON lebt von der Solidarität und dem Tatendrang aller Mitwirkenden“, sagt Mitorganisatorin Pia Damm. Ein Prinzip fern von Leistung und Gegenleistung, das von der Referent*innentätigkeit über das Konferenzzentrum bis hin zum Essen greift. Damit ist die UTOPIKON selbst ein gesellschaftliches Experiment, mit welchem andere Formen des Wirtschaftens – außerhalb von Tausch- und Verwertungslogik – lebendig und erlebbar werden.

Mehr Infos gibt es unter: UTOPIKON.de oder auch livingutopia.org

From: keimform.deBy: Tobi RosswogComments

Entstehung und Überwindung des Geldes

Fabian Scheidler und ich haben beim Stuttgart Open Fair Forum 2016 einen Kombi-Vortrag gehalten zur Entstehung und Überwindung des Geldes. Da Fabian erkrankt war, konnten wir ihn nur per Skype zuschalten. Hier Audio-Aufzeichnung von Fabian (OGG, MP3) sowie Folien (ODP, PDF) und Audio-Aufzeichnung (OGG, MP3) meines Beitrag (jeweils ohne Diskussion).

Teil 1 (Fabian Scheidler):

Teil 2 (Stefan Meretz):

 

From: keimform.deBy: Stefan MeretzComments

nk und die Rettung der Welt

Versuch einer poststrukturalistischen Polemik
– ein Appell –

[alle Texte der Broschüre „ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück“]Cover der Broschüre "ich tausch nicht mehr - ich will mein Leben zurück"

PROLOG: In den Wald hinein rufen

Ich habe noch nie erlebt, dass es so aus einem Wald herausschallte wie ich hineinrief. Für gewöhnlich kommt aus dem Wald immer dasselbe zu Brei gemischte Brummen. Also gilt das zugrunde liegende Sprichwort[1] nur, wenn es als Imperativ angewendet wird: Rufe so (und nur so) in den Wald, wie es ohnehin schon herausschalllt.

Jetzt will ich zwei ein bisschen widersprüchliche Dinge behaupten: Erstens ist es dann ziemlich ungefährlich, also irgendwie egal, anders zu rufen (es kommt ja doch im Mittel das Mittel heraus); und zweitens ist es ziemlich wichtig, individuell abzuweichen, bestenfalls: wenn Alle anders rufen.

Den Wald fand ich als Kind übrigens gar nicht immer schön: Monokulturen von geradstämmigen Kiefern, aus denen schon aufgrund dem der Pflanzung zugrunde liegenden, quadratischen Punktraster nur ganz bestimmte Brummgeräusche zurückkommen konnten. Es wird also auch ein bisschen darum gehen, wie der Wald überhaupt so aussieht.

PRÄAMBEL die Weißheit mit Löffeln…

Der Text ist als Polemik gemeint. Also werde ich die ganze Zeit mit großen Worten um mich schmeißen (Herrschaft, Gesellschaft, Welt, Kapitalismus, . . .) ohne sie irgendwie zu definieren. Darüber hinaus ist es nur ein sehr kleiner Blick und als Beispiel kommt so richtig nur Kapitalismus als Herrschaftsstruktur vor. Das ist eigentlich viel zu verkürzt und lässt die Verwobenheit verschiedener Herrschaftsmomente ziemlich außer Acht. Ich selbst bin männlich, weiß, aus wohlhabenden Verhältnissen, wohne in Gebieten mit guter Netzabdeckung und schreibe alles in allem aus einer Perspektive, in der der Fokus auf dem Identifizieren und Abgeben von Privilegien liegt.

Ich weiß nicht, ob die Argumentation gut ist und möchte sie gerne diskutieren.

EINLEITUNG vom Richtigen im Falschen[2]

Warum und was überhaupt: die Welt retten? Nun ja, sie ist schlecht, jedenfalls könnte sie besser sein. Und zwar vor allem dort, wo Herrschaftsstrukturen irgendwelcher Arten dominant sind. Bei der Rettung der Welt geht es (mir) also vor allem darum: das Bekämpfen oder Überflüssigmachen solcher.

In diesem Text geht es um meinen Masterplan, wie das anzustellen ist. In Kürze alles vorweg, nämlich so: Es kann keinen Masterplan geben. Es kann keine Insel vorweggenommener Richtigkeit in dieser Falschheit geben (da halte ich es mit Adorno). Vielmehr gilt es, immer und immer wachsam zu bleiben für die Wege, auf denen Herrschaft sichtbar wird und da einzugreifen, wo sie (re)produziert wird. In nicht-geradliniger Bewegung, durch vieles Anderssein und enthaltene kommunikative Akte kann Welt so immer besser werden; jedenfalls nenne ich das so. Der ganze Rest dieses Textes dreht sich nur noch um einen, wie ich glaube, sehr zentralen Aspekt von Herrschaft: deren Reproduktion durch Normalität und deren Performance[3] beziehungsweise Sichtbarkeit.

Ich will speziell aus dieser Sicht versuchen, nk-Projekte als konkrete Handlungsstrategie zur Bekämpfung von Herrschaftsstrukturen darzustellen.

Ich will speziell aus dieser Sicht versuchen, nk-Projekte als konkrete Handlungsstrategie zur Bekämpfung von Herrschaftsstrukturen darzustellen. Damit will ich Fragen nach der politischen Relevanz von nk-Projekten begegnen und dafür werben, sie als einen Weg anzusehen.

ERSTER TEIL Smartphone

Neulich erzählte mir ein Freund von einem Smartphone, das er geschenkt bekommen könne. Keine Nachteile. Er habe ohnehin einen Handyvertrag mit enthaltenem Datenvolumen, sodass auch während der Nutzung keine Kosten anfielen. Knorzig, alt und konservativ kam ich mir vor, als ich mich bei meiner Skepsis ertappte: Tu‘s nicht (er tat‘s natürlich dennoch).

Tage später, als ich eine Freundin fragte, was ich tun müsse, um eine Nachricht von ihrem Smartphone zu schreiben, hatte ich zum Glück schon nachgedacht. Ihren spontanen Ausruf: „Ach Opi, gib schon her, was soll ich schreiben?“ konnte ich jetzt einordnen.

Das ungute Gefühl, das sich in mir beim Anblick all dieser Smartphone-wischenden Menschen ausbreitet, kann ich jetzt erklären. Und zwar: Diese kleinen Technikmonster reproduzieren Herrschaftsstrukturen! Deren allgegenwärtige Nutzung ist Teil einer bestimmten Performance. Durch diese Sichtbarkeit wird eine Normalität konstruiert, die bestimmte Herrschaftsstrukturen reproduziert.

Und zwar: Diese kleinen Technikmonster reproduzieren Herrschaftsstrukturen!

Mensch, wie ich diese Muster satt habe! Jahre zuvor waren es die Handys, deren Massenverbreitung ich irgendwie eher zufällig verpasst hatte. Und auf einmal sah ich mich einer veränderten Kommunikationskultur gegenüber. Natürlich kam ich mir ausgeschlossen vor: Denn das hatte mich ja keinmensch gefragt! Diese Formen kollektiv akzeptierten Verhaltens waren einfach plötzlich da; schlimmer noch, sah ich das zunächst gar nicht als Problem, weil es ja doch immer nur ganz nachvollziehbare vermeintlich persönlich-individuelle Bedürfnisse gab. Nach Erreichbarkeit und so. Und natürlich hab ich jetzt auch eins, und benutze es, und bin sichtbar damit und ja, konstruiere mit an dem, was längst Normalität geworden ist. Gehst du etwa nicht mit der Zeit? Als Teil der herrschenden Norm spreche ich jedes Mal im Namen des Kapitalismus, wenn ich mein Klapphandy aufklappe: „Konsumiere auch du!“.

Ich will an dieser Stelle nicht auch noch über Herstellungsbedingungen und Ausbeutungsverhältnisse im Zusammenhang von Hightech-Produkten klagen. Klar, der Kapitalismus wird sich seine Wohlstandsgefälle immer wieder neu organisieren, um Bedürfnisse zu erfinden, die er dann zu befriedigen weiß. Und dann kommen bestimmt wieder moralische Gründe in Mode. Zum Beispiel der, jetzt nur noch die viel teureren (und damit neue Ausschlüsse hervorrufenden) „fairen“ Telefone zu kaufen, die, wenn sie fair wären, denen, die sie produzieren, ermöglichen würden, selbst welche zu benutzen. Das ist natürlich nicht so. Mein Punkt ist an dieser Stelle auch nicht so sehr, linke Technikverliebtheit für die digitale Weltrevolution zu kritisieren.

Nein, ich rege mich einfach auf, wie verdammt schnell diese vermeintlich kleinen Schritte Normalität konstruieren…

Nein, ich rege mich einfach auf, wie verdammt schnell diese vermeintlich kleinen Schritte Normalität konstruieren und dabei normativ, also herrschaftsförmig, auf gesellschaftliche Strukturen wirken. Und auf die Individuen natürlich, die dann sehr echte Bedürfnisse nach Vernetzung und Up-to-date-sein befriedigen wollen. Nun mögen die individuellen Bedürfnisse unangetastet echt sein[4] – aber dahinter steckt doch ein komplexes Herrschaftssystem mit kapitalistischer Wertschöpfungslogik, neokolonialer Ausbeutung, klassistischer Konstruktion von Differenz[5], patriarchaler Setzung von relevanten Themen, und so weiter[6] . . . !

Die beiden Anekdoten eingangs dieses Abschnitts sollen dabei zweierlei zeigen. Zum einen sind die kapitalistischen Wertmaßstäbe offenbar so normativ, dass sie zunächst als alleinige Entscheidungsgrundlage dienen (wenn mir keine Kosten entstehen, gibt es keine Nachteile). Zum anderen konstruiert die Art, wie über Dinge gesprochen wird, normative Strukturen, wenn zum Beispiel das Attribut „alt“ mit dem Nichtbenutzenkönnen von Smartphones verknüpft wird. Die so konstruierten Strukturen entfalten dann wiederum neue Bewertungskategorien. Es geht hier also insbesondere nicht um Smartphones als etwas Schlechtes. Vielmehr können sie in bestimmten sozialen Umfeldern genau umgekehrt wirken, indem soziale Zugehörigkeit durch so etwas wie sichtbar gemachten (vermeintlichen) „Verzicht“ konstruiert wird. Genau dadurch könnte, sagen wir, eine bildungsbürgerliche Elite eine so konstruierte geistige Überlegenheit zur Schau stellen und damit Herrschaft reproduzieren.

MESOLOG Kühe können schwimmen[7]

Mal gesellschaftlich gesehen: Selbst wenn ein guter „Mittelweg“ wünschenswert sein sollte, also ein bestimmtes Brummen im Wald, ist noch nichts über die individuelle Abweichung davon gesagt. Ein im Mittel 50cm tiefer Teich kann überall 50cm tief sein oder sehr flache und sehr tiefe Stellen aufweisen. Für die enthaltene Wassermenge ist das egal (und für die Überlebenschancen der dorthin geschickten Kühe auch; die können nämlich schwimmen). Wenn alle irgendwie rufen, wird schon das mittlere Brummen herauskommen.

Woher kommt dann dieser Drang zum Einheitlichen? Warum so zurückrufen, wie es ohnehin aus dem Wald hinausschallt? Ist es einfach der geringste Aufwand immer das „Normale“ zu tun — einfach, weil die ganze gesellschaftliche Infrastruktur darauf ausgerichtet ist? Woher „weiß“ mensch überhaupt jeweils, was das „Normale“ ist? Anscheinend gibt es da so eine gesellschaftliche Erzählung vom Guten oder Alternativlosen, aus der die ganzen (naheliegensten) Bewertungskategorien stammen. Ich empfinde das auf eine Weise als ermutigend: Das Scheitern eines Andersverhaltens bedeutet eben deshalb noch nicht dessen Falschsein.

Die Sichtbarkeit eines Andersverhaltens bleibt wohl meistens zunächst mal im Kleinräumigen. Aber ist das schlimm? Ist es nicht vielmehr gar notwendig, weil ein großer Wirkungskreis des eigenen Handelns ja immer auch ferner von denen, die es wahrnehmen, ist? Je ferner aber, umso mehr scheint mir ein inhaltliches Andocken an vieles, was allgemein verstanden, was selbstverständlich, also „normal“ ist, nötig. Umgekehrt ist demnach Nähe nötig, um Raum für die Auseinandersetzungen, Diskussionen und Entwicklungen zu haben, die ein starkes Abweichen vom „Normalen“ braucht, um in seiner Andersartigkeit sichtbar zu werden.

Das soll Mut machen: Messt euren Erfolg nicht daran, wie viele Followers ihr habt!

Das soll Mut machen: Messt euren Erfolg nicht daran, wie viele Followers ihr habt! Je größer der Anspruch, viele Menschen zu „erreichen“, umso weniger tiefgreifend wird die Herrschaftskritik. Als Individuum selbst durchzogen von immer wieder vorgelebten und lange antrainierten normativen Mustern, ist es ja schon eine gewaltige Aufgabe, das eigene Denken und Handeln zu hinterfragen; ja, nur schon dem Selbst gegenüber eine andere Sichtbarkeit zu leben!

Fazit: Es spricht also nichts dagegen, anders zu rufen: Von der Norm abzuweichen. Aber es ist schwer. Und es ist wichtig, viel Abweichlerei zu ertragen; ach, zu betreiben! Um sichtbar nicht herrschenden Normen zu entsprechen. Das ist also auch ein Loblied auf das Öffentliche.

ZWEITER TEIL nk

Ich habe das mit den Smartphones so ausgebreitet, weil ich das Gefühl habe, davon etwas für die eigene widerständige Praxis lernen zu können. Denn das, was die Smartphones können, kann ich auch! Ich vertrete die These, dass die vermeintlich kleine Entscheidung für die (öffentliche) Benutzung eines Smartphones Auswirkungen auf diese Öffentlichkeit hat. Was jene an Sichtbarkeit bezüglich einer kapitalistischen Normalität schaffen, muss doch eine nk-Praxis bezüglich des Gegenteils ebenso können, oder? Darum finde ich es wichtig, eine Kritik an Herrschaftsverhältnissen zu verknüpfen mit einer Praxis. Nicht etwa, um einen Machbarkeitsbeweis anzutreten; nicht um Richtiges im Falschen zu erschaffen; nein, vor allem um trotz all der möglichen Widersprüchlichkeit sichtbar zu sein.

Soweit mein Argument. Ich will es noch ein wenig illustrieren mit ein paar Thesen zu nk. Oder konkret: Warum ist nk eine Praxis, die Welt zu retten?

  1. nk verändert uns und unsere Art zu denken.
  2. nk schafft konkrete Strukturen, die vorbei an herrschender Geldlogik gehen, ja sogar Strukturen, die kollektiv aushandelbar sind und beitragen zu der Möglichkeit, ohne Selbstvermarktung existieren zu können.
  3. nk irritiert, und trägt damit bei zur Sichtbarkeit der Nicht-Allgemeingültigkeit kapitalistischer Logik; oder pointierter: nk führt sie vor, diese herrschende Logik, wenn wir tun, was jene eigentlich verbietet: Produkte ohne Wert[8] schaffen.
  4. nk schafft explizit Raum, um Herrschaftsverhältnisse zu reflektieren (sie also schon mal nicht oder nicht immer als Normalität voraussetzt).
  5. nk schafft Raum, um strukturellen Privilegien entgegenzuwirken. Das soll klein klingen: Natürlich ist der Zugang zu einer nk-Praxis und -Theorie geprägt von Privilegierung9. Idealerweise verstärkt sie solche aber nicht, sondern schafft Strukturen, sie zumindest punktuell eher abzubauen.

EPILOG immer wieder 180 grad

Wir können aus dem Hier und Jetzt heraus einzelne normative Elemente herausgreifen, ihnen eine andere Sichtbarkeit entgegensetzen und damit Herrschaft dekonstruieren. Aber die Strukturen, die wir da schaffen, bergen selbst immer wieder die Gefahr, normativ zu werden, wenn sie das kleinräumige Milieu verlassen, in dem wir sie entstehen lassen. Sei es, weil wir selbst viel zu wenig wissen und selbst als Subjekte dieser herrschaftsförmigen Welt viel zu durchzogen sind von deren Kategorien, um jemals ein fertiges herrschaftsfreies System auch nur zu erdenken. Sei es, weil wir aus unseren verschiedenen privilegierten Positionen heraus bestimmte Sicht- und Handlungsweisen in Bezug auf unsere Vorstellungen nicht kennen (können). Sei es, weil herrschende Strukturen sehr anpassungsfähig sein können und auch unsere Strukturen vereinnahmen könnten10. Deshalb können wir dennoch anfangen, die kleinen Schritte zu gehen! Wir dürfen nur nicht aufhören, immer wieder neu zu hinterfragen, das Anderssein als solches nicht aufzugeben, um flexibel zu bleiben.

Das, was Herrschaft konkret ausmacht, kann sich ständig ändern. Strukturen, die wir heute schaffen, wollen wir morgen vielleicht schon bekämpfen. In diesem Sinne: Widersprüche aushalten!

FUSSNOTE

Die genannten Personen und Dialoge sind frei erfunden.

Die ganze Zitiererei soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich nicht viel Ahnung von den Theorien habe, auf die ich da vermeintlich referiere. Es ist eher ein Spagat — zwischen bloßer Polemik und dem Wunsch, doch auch inhaltlich angreifbar zu sein.

Fußnoten

  • 1. nach dem Sprichwort: „Es schallt so aus dem Wald heraus, wie du hineinrufst“
  • 2. Die Formulierung bezieht sich auf Adornos berühmtes Zitat: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ in Theodor W. Adorno: Minima Moralia (Gesammelte Schriften 4, Frankfurt/M. 1997, Seite 43).
  • 3. Mit Performance meine ich hier das Ausführen von Sprechakten oder auch das Aufführen von Handlungen durch ein Subjekt (wie im Theater); solche Perfomances können dabei selbst als Akte der Verkörperung gesehen werden, das heißt durch sie wird Welt konstruiert. Als sprachtheoretischer Begriff geht er auf John L.
    Austin
    zurück, der als ‚performative Äußerungen‘ Sprechakte bezeichnete, die nicht nur beschreiben, sondern die Welt durch ihr Geäußertsein verändern. Mitunter wird der Begriff ‚Performativität‘ in Abgrenzung dazu verwendet, um insbesondere auch das äußernde beziehungsweise handelnde Subjekt selbst als Teil der durch die Handlung konstruierten Welt zu verstehen.
    Vgl. etwa

    • John L. Austin: Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with Words). Reclam, Stuttgart 1972
    • Jacques Derrida: Signatur Ereignis Kontext, in: Engelmann, Peter (Hg.): Randgänge der Philosophie, Wien 1988
    • Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003
  • 4. Zu kritischen Perspektiven auf Bedürfnisse siehe auch <Bedürfnisse statt Waren – geht das so einfach?
  • 5. Es geht mir hier um das Schaffen von Zugehörigkeitscodes, wie zum Beispiel das Nutzen von Smartphones, oder auch das bewusste Nicht-Nutzen, wodurch sich einzelne Schichten der Gesellschaft zunächst konstruieren und dann voneinander abgrenzen. Solche Konstruktion von Differenz ist für den Kapitalismus wichtig, um zwischen arm und reich, Ausgebeuteten und Profiteuren, zu unterscheiden.
  • 6. Es würde zu weit gehen, die genannten Herrschaftsstrukturen einzeln zu erklären und in Beziehung zu setzen, geschweige denn weitere zu nennen. Sie sollen hier mehr als Beispiele von durch Normalität reproduzierten und verflochtenen Herrschaftsstrukturen dienen.
  • 7. „Die Kuh ist ertrunken, obwohl der Teich im Durchschnitt nur einen halben Meter tief ist“, so oder so ähnlich wird manchmal, z.B. im Mathematikunterricht, auf das Besondere an dem Konzept „Durchschnitt“ beziehungsweise „Mittelwert“ hingewiesen. Der Satz soll klar machen, dass der Teich trotzdem sehr tiefe Stellen haben kann.
  • 8. Mit Karl Marx könnte mensch unterscheiden zwischen Gebrauchswert und (Tausch)wert einer Sache. Gemeint ist hier im engeren Sinne letzterer, der eine Sache zu einer handelbaren Ware auf einem Markt macht. Im Kontext von performativer Konstruktion stellt sich aber die Frage, ob diese wirtschaftstheoretische Unterscheidung der gesellschaftlichen Wirklichkeit entspricht, in der es geradezu „normal“ ist, Tauschwert und Gebrauchswert zu verwechseln. Genau diese fehlende Differenzierung im (kapitalistischen) Alltag verursacht vielleicht gerade die Irritation, die unsere tauschwertfreien Produkte hervorrufen.
  • 9 . Zu Privilegien und Ausschlüssen siehe auch Einschluss statt Ausschluss? – Diskriminierungssensible Zusammenarbeit jenseits von Öffnungsprozessen
  • 10. Zu Vereinnahmung von Nk-Projekten siehe auch Unsere NK-Projekte sind die Keimform einer utopischen Gesellschaft – sind sie das?
Autor*innenbeschreibung:

Mafalda mag Widersprüche, manchmal aushalten, lebt auf einem Wagenplatz in Marburg, strickt, schraubt, lernt, gemüseanbaut, backt und anderes gerne, redet manchmal viel und manchmal wenig, und ist Teil des nichtkommerziellen Ackerkollektiv Wurzeltrotz

From: keimform.deBy: ich-tausch-nicht-mehrComments

Ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück

Theorie & Praxis von nicht-kommerziellen Projekten

Cover der Broschüre "ich tausch nicht mehr - ich will mein Leben zurück"

Im September 2015 ist die umfangreiche Broschüre ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück“ erschienen. In den nächsten Wochen werden auf Keimform.de nach und nach einzelne Artikel aus der Broschüre vor- und zur Diskussion gestellt.

Vorab:

Editorial

Unter dem Label nichtkommerziell finden seit 2005 verschiedenste soziale und ökonomische Experimente statt, deren Gemeinsamkeit darin liegt, dass sie versuchen Geben und Nehmen zu entkoppeln. Diese Broschüre ist nun der Versuch diesen Projekten eine Plattform zu geben.

Auf dem Karlshof im nördlichen Brandenburg, begann 2005 eine kleine Gruppe mit dem Anbau von Kartoffeln. Später kam noch vieles weitere hinzu, z.B. Getreide um damit Brot zu backen oder Lupinen für das Rösten eines Getreidekaffees. Das Besondere an diesem Projekt war das konsequente Entkoppeln von Geben und Nehmen.

Die Kartoffeln und anderen Produkte wurden nicht verkauft und auch nicht anderweitig vertauscht. Sie wurden ohne irgendeine Gegenleistung einfach abgegeben.

Gleichzeitig war die Gruppe natürlich auf Unterstützung angewiesen. Menschen spendeten Geld, liehen oder schenkten notwendige Maschinen oder halfen z.B. bei der Kartoffelernte. Aber ein Anrecht auf die Kartoffeln war mit diesen Hilfeleistungen nicht verbunden. Ganz bewusst wurde so das omnipräsente Tauschprinzip außen vor gelassen. Eine Produktion jenseits des Kapitalismus sollte so ausprobiert und propagiert werden.

Viele Menschen kamen mit diesem Projekt auf dem Karlshof in Berührung und Einige ließen sich davon zu eigenen Experimenten inspirieren. So gibt es inzwischen ein kleines Netzwerk von „nichtkommerziellen“ Projekten, die alle versuchen praktische Erfahrungen mit diesem Ansatz zu machen und damit vielleicht einen kleinen Beitrag zur Überwindung des Kapitalismus zu leisten.

Es sind Experimente, die ausprobieren was passiert, wenn wir gemeinsam tief eingebrannte Glaubenssätze hinter uns lassen, wie beispielsweise: Menschen sind nur dann produktiv, wenn sie die Not dazu zwingt, oder sie sich einen Vorteil davon versprechen. Oder: Was passiert,wenn wir produzieren, weil es das Bedürfnis danach gibt, wenn genommen werden kann, weil es den Bedarf gibt.

Das hört sich jetzt alles vielleicht gar nicht so verrückt an wie es ist.

Bestimmt sind die Meisten in Freundschaften mit ähnlichen Verhältnissen ausgestattet. Nach einem gemeinsamen Essen wird nicht darauf geachtet, ob alle gleichviel beigetragen und gezahlt haben. Nicht-Kommerzialität versucht dieses im Privaten erlebte Verhältnis auf eine größere gesellschaftliche Ebene zu übertragen.

Das dabei so einiges Spannendes passiert, davon will diese Broschüre berichten. Das kleine Redaktionsgrüppchen und die allermeisten AutorInnen der Texte in dieser Broschüre sind schon seit einigen Jahren in diesen Kontexten und Gruppen aktiv. Ende 2013 haben wir uns zusammengetan, um einer größeren Öffentlichkeit von unseren Prozessen zu berichten und unsere Projekte und unseren Ansatz zur Diskussion zu stellen, denn neben vielen bestärkenden Erkenntnissen haben wir auch eine Menge Fragezeichen und Kritik an unseren Praxen.

Wir haben die Broschüre in Themen gegliedert, die alle auf die ein oder andere Weise bedeutend sind für nichtkommerzielle Versuche:

Wenn mensch von Nicht-Kommerzialität das erste mal hört, werden oft viele ungläubige Fragen gestellt: Wie, ihr verschenkt das einfach? Aber wie finanziert ihr das dann? Werdet ihr dann nicht nur ausgenutzt? Und wovon lebt ihr dann?…Um gerade auf solche Reaktionen, die ja sicherlich auch viele unserer Widersprüche zu den uns sonst umgebenden Verhältnissen ausdrücken, zu antworten, gibt es über die Broschüre verteilt vier Teile mit häufig gestellten Fragen, die jeweils kurze Antworten – und Weiterlese-Hinweise enthalten.

So unterschiedlich wie die Motivationen, die mensch zu solchen Experimenten veranlassen, so verschieden sind auch die Verständnisse davon, was „NK“ eigentlich genau bedeutet.

Um diesen Begriff doch noch besser zu fassen, beginnt die Broschüre mit dem Kapitel …und was ist denn jetzt eigentlich genau NK ?

Der Text Nichtkommerzielles Wirtschaften – Vorschlag für einen Wikipedia-Eintrag versucht sich dem Begriff von unterschiedlichen Seiten zu nähern. Im Beitrag Begriffe wird sich auf die Suche nach treffenderen Namen gemacht, da die Bezeichnung „nicht-kommerziell“ ja offenkundig ein wenig schwammig und unverständlich ist.

Mit der Frage, wie denn Leute überhaupt auf die Idee kommen so etwas zu machen beschäftigt sich das Kapitel Veränderungspotential / Sinn und Unsinn von NK. Unterschiedliche Autor*innen berichten über ihre Hintergründe, diskutieren über den Charakter der Projekte, oder konfrontieren die Praxis mit Kommentaren aus China.

Dass sich nicht nur für neu auf die „NK“ Treffende Fragen aufwerfen, sondern auch aus der Praxis heraus, davon handelt unter anderem der Text Zur gesellschaftlichen Wirkung von NK-Projekten. Die Frage ob denn „NK“- Geschichten eigentlich nur eine Form von Charity sind findet in dem Zwiegespräch „Zwei machen sich Gedanken…“ Ein Gespräch über NK & Charity eine Annäherung.

Neben der persönlichen Motivation der Teilnehmenden gibt es freilich auch noch eine gesellschaftliche Ebene. Im Abschnitt Keimformen vs. Vereinnahmung sind unterschiedliche Perspektiven versammelt, die versuchen das gesellschaftsverändernde Potential von NK-Projekten einzuschätzen oder aber mögliche Fallstricke zu benennen. Die Gefahr, dass Versuche, die vermeintlich eine Alternative zum Kapitalismus erreichen wollen, lediglich zu dessen Renovierung beitragen, ist ein Thema im Artikel Unsere NK-Projekte sind die Keimform einer utopischen Gesellschaft – sind sie das?

Dann fragten wir viele bestehende Gruppen nach ihrer Praxis als auch ihren Problemen.

In dem Abschnitt Selbstorganisation & Praxiserfahrung beschreiben vor allem Projekte, die sich um Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion drehen, ihre Erfahrungen.

Der Text Nicht-Kommerzialität im Gesundheitsbereich: die Friedelpraxis beschreibt darüberhinaus den Versuch zweier Heilpraktikerinnen neben ihrem kommerziellen Praxisalltag auch noch eine möglichst tauschfreie Behandlung zu ermöglichen.

Auch wenn Nehmen und Geben entkoppelt werden, braucht es Aushandlungsprozesse unter den Beteiligten. Hiervon handelt das Kapitel Spannungsfelder zwischen Konsument_innen und Produzent_innen. Bei den Texten zu den dort vorgestellten Projekten gibt es jeweils unterschiedliche Strategien mit dieser Zweiteilung umzugehen, oder gar Versuche sie aufzuheben.

Eine unbestreitbare Tatsache in nichtkommerziellen Projekten ist, dass aufgrund des Fehlens von Tausch mensch zurückgeworfen wird auf die eigenen Bedürfnisse: Was will ich eigentlich wirklich? Würde ich diese Tätigkeit auch ohne erwartbare Gegenleistung ausführen?

In dem Abschnitt Bedürfnisse & biographisches Gepäck wird unter anderem davon berichtet was sich in NK-Experimenten an Selbsterfahrungs-Räumen ergeben. Eindringlich wird beschrieben was sich dabei für Türen öffnen können. Das diese Fixierung auf die eigenen Bedürfnisse jedoch auch nicht so leicht über die Widersprüchlichkeiten dieser Gesellschaft hinauskommt, berichtet der Beitrag Bedürfnisse statt Waren – geht das so einfach?.

Ein Knackpunkt der nichtkommerziellen Experimente ist auch die Frage der Finanzierung. Neben den Produktionskosten braucht mensch, um in einer solchen Form tätig zu sein, genug Zeit eben auch eine anderweitige Absicherung. Im Abschnitt Finanzierung oder der Ärger mit dem lieben Geld finden sich kritische Momentaufnahmen als auch die Beschreibung von Versuchen eines anderen Umgangs mit Geld und Absicherung und die damit gemachten Erfahrungen.

Neben der finanziellen Absicherung gibt es noch weitere Hürden, die Menschen an einer Teilnahme an NK-Experimenten hindern.

Im Abschnitt Teilhabe / Einschluss / Ausschluss geht es um das Prägen von Räumen und unbewusst hergestellte Ausschlüsse. Aber auch um Ideen für eine diskriminierungssensible Zusammenarbeit über die eigenen Tellerränder hinweg.

Das solche NK-Projekte, wie sie hier in der Broschüre auftauchen, nicht aus dem Nichts kommen, sondern auch eine materielle Basis brauchen, davon handelt der letzte Abschnitt Strukturen & Voraussetzungen basteln. Hier werden einige unterstützende Bedingungen benannt als auch der Versuch einer kollektiven Entprivatisierung präzisiert.

Da wir diese Broschüre neben unseren anderen nichtkommerziellen Projekten auf die Beine gestellt haben, hatten wir öfter nur sporadisch Zeit für dieses Werk. Wir haben uns trotzdem den Raum dafür genommen und jeden eingehenden Text mindestens einmal auf Lesbarkeit gespiegelt und inhaltliche Nachfragen gestellt. Aus dieser manchmal an Erbsenzählen erinnernden Beschäftigung ist dann Stück für Stück diese Broschüre entstanden.

In den vergangenen eineinhalb Jahren hat sich vieles weiterentwickelt und verändert. Bestimmt würde die ein oder andere Autor*in ihren Beitrag mittlerweile anders schreiben.

Wer den jeweils aktuellen Stand der Projekte wissen möchte ist am Besten darin beraten sich direkt bei den Projekten zu melden, bzw. vorbeizuschauen.

Die wenigsten Autor*innen in dieser Broschüre sind professionelle Schreibende. Es ist eine Vielzahl von unterschiedlichen Stilen und Standpunkten die wir hier versammelt haben. Ebenso gibt es verschiedene Schreibweisen, die die Autor*innen benutzt haben. Manche, so wie diese Einladung ist mit * geschrieben. Andere verwenden den Unterstrich um anzudeuten, dass es mehr als nur zwei Geschlechtsdefinitionen gibt. Wiederum Andere nutzen Binnen-I oder X als geschlechtsneutrales Pronomen. Wir haben es jeweils so gelassen wie es kam.

Wir hoffen, dass Du mit dem Heft etwas anfangen kannst. Gespannt sind wir auf Deine Kritik, Anregungen und Reaktion an broschuere ätt gegenseitig punkt de

Ein großer Dank gilt an dieser Stelle auf jeden Fall noch all den Mitschreibenden, Korrekturlesenden, Zeichnenden, Finanzierenden, Inspirierenden, Helfenden, ohne die dieses hübsche Heft nicht geworden wäre.

Viel Spaß und Anregung beim Lesen wünscht Dir Dein kleines, freudiges Redaktionsgrüppchen.

Inhaltsverzeichnis

1. … und was ist jetzt eigentlich genau NK?

Nichtkommerzielles Wirtschaften – Vorschlag für einen Wikipedia-Eintrag
Begriffe
Ecommony
Häufig gestellte Fragen – Teil 1

2. Veränderungspotential / Sinn und Unsinn von NK

Nk und die Rettung der Welt
Propaganda der Tat – Verschenkemarkt
Zur gesellschaftlichen Wirkung von NK-Projekten
Welcher Bruch mit welchen Verhältnissen?
„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile oder: Die Revolution beginnt im Garten“
NK-Projekte – aus chinesischer Sicht
„Zwei machen sich Gedanken…“ Ein Gespräch über NK & Charity
Wie(so) ich mich an die NKL ranrobbte

3. Keimformen vs. Vereinnahmung

Peercommony – Eine Welt ohne Geld und Zwang
Keimform und gesellschaftliche Transformation
Nicht-Kommerziell oder Abgespalten? Wert-Abspaltung, Nicht-Kommerzialität und die Gefahren vereinseitigender Kritik und Praxis
Unsere NK-Projekte sind die Keimform einer utopischen Gesellschaft – sind sie das?
<a href="https://www.ich-tausch-nicht-mehr.net/de/39/#part-2

4. Selbstorganisation & Praxiserfahrung

Getreide-Ini auf dem Karlshof
Initiativenhof Karl/a/shof
Ackerkollektiv Wurzeltrotz
SoliLa! Gutes Essen für Alle – und zwar umsonst!
„Solidarische“ als „Nicht-Kommerzielle“ – Landwirtschaft Projektskizze und Herausforderungenitle
Nicht-Kommerzialität im Gesundheitsbereich: die Friedelpraxis

5. Spannungsfelder zwischen Konsument_innen und Produzent_innen

SISSI – SommerInfraStrukturSuperInitiative
Die Rebäcka …
Die Kartoffel ist im Weg? Zur Geschichte der NK-Kartoffel

6. Teilhabe / Einschluss / Aussschluss

Die Schenke – Reflexionen über einen Kostnix-Laden in Wien und den Zwiespältigkeiten einer umsonst-ökonomischen Praxis
„So selbstverständlich“ oder Das Problem mit dem Geben und Nehmen
Einschluss statt Ausschluss? – Diskriminierungssensible Zusammenarbeit jenseits von Öffnungsprozessen
Häufig gestellte Fragen – Teil 3

7. Bedürfnisse und biographisches Gepäck

Bedürfnis – und Prozessorientierung
Zur Auseinandersetzung mit verinnerlichten Herrschaftsverhältnissen oder Stichprobe einer NK*Innerei
Bedürfnisse statt Waren – geht das so einfach?

8. Finanzierung oder der Ärger mit dem lieben Geld

Zur Finanzierung von NK-Projekten
Kaskade
Geld für den persönlichen Bedarf?! Auseinandersetzung mit dem Thema persönlicher Geldbedarf im Rahmen nichtkommerzieller Projekte und ein laufendes
Die Wukania Lernwerkstatt – frei.utopisch.widerständig

9. Strukturen & Voraussetzungen basteln

Warum entwickeln sich NK-Aktivitäten im Umfeld der PAG?
Ko.Sy – Kollektives Syndikat – oder kollektives Synapsen zusammenbasteln
Geschichte der NK-Seminare

Häufig gestellte Fragen – Teil 4

From: keimform.deBy: ich-tausch-nicht-mehrComments

Commons und Geld

Bei Treffen des Commons-Instituts in Leipzig vom 29.10. bis 1.11. haben Denis Neumüller und ich einen Vortrag zum widersprüchlichen Verhältnis von Geld und Commons gehalten. Hier die Folien und der Audiomitschnitt — leider in mieser Qualität die erste Minute ist mies, dann ist die Qualität ok (Download Folien: PDF|ODP, Download Audio: OGG|MP3):

 

From: keimform.deBy: Stefan MeretzComments

Commons auf der Solikon 2015

solikon2015Der Kongress Solidarische Ökonomie — kurz Solikon — findet dieses Jahr vom 10. bis 13. September an der TU Berlin statt (Anmeldung). Das Programm ist schier unüberschaubar umfangreich, wer allerdings warenkritische Veranstaltungen sucht, muss sich echt anstrengen. Kritik ist viel, doch wie weit geht sie?

Hier eine subjektive Auswahl von Workshops, die auch mal das Ganze (aka Kapitalismus) in Frage stellen und darüber hinausgehen wollen (zum Teil mit Menschen aus dem Demonetize-Netzwerk):

Fr, 11.9., 9:00-10:30h: Elmar Flatschart: Solidarische Transformation zwischen Politik und Ökonomie. Emanzipation im Spannungsfeld des Politikfetisches

Fr, 11.9., 11:00-12:30h: Christian Siefkes: Commonssyndikalismus – eine nichtkapitalistische, selbstorganisierte (Re)Produktionsweise

Fr, 11.9., 14:30-16:00h: Uli Frank: Einführung in die Kritik der Geldlogik

Fr, 11.9., 14:30-16:00h: Fabian Scheidler: Das Ende der Megamaschine und der Kampf um eine postkapitalistische Zukunft

Sa, 12.9., 9:00-13:00h: Lynn Chang & Stefan Meretz: „Ist Solidarische Ökonomie mit Geld möglich?“ Input und World Café

Sa, 12.9., 14:30-16:00h: Stefan Meretz & Lynn Chang: Von Commons zum Commonismus?

Sa, 12.9., 14:30-16:00h: Friederike Habermann: Ecommony – oder: Auf dem Weg in die Null-Konkurrenz-Gesellschaft?

So, 13.9., 9:00-10:30h: Tilman Wendelin Alder & Lynn Chang: Von Nischendasein zur gesellschaftlichen Neuorganisation – Potentiale und Grenzen Solidarischer Ökonomie

From: keimform.deBy: Stefan MeretzComments

Produktive Arbeit auf dem Prüfstand

Fliegenfischer in Slowenien (Foto von Ziga, gemeinfrei, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Flyfishing.jpg )In dem Artikel Wert und produktive Arbeit hatte ich versucht darzulegen, warum gemäß Marx’ Konzeption nicht alle vom Kapital bezahlte und für den Verwertungsprozess notwendige Arbeit auch als produktiv anzusehen ist. Das hat allerdings nur bedingt geklappt, wie die Diskussion gezeigt hat.

Der Abwechslung halber möchte ich für diesen Artikel daher die Gegenposition einnehmen und erklären, warum es doch sinnvoller sein dürfte, auf diese Unterscheidung zu verzichten. Demzufolge wäre alle für den Verwertungsprozess notwendige Arbeit auch produktiv – eine Position, die schon einige Kommentatoren vertreten haben. Ich freue mich über Feedback darüber, welche Argumentationslinie die überzeugendere ist!

Im vorigen Artikel hatte ich für die Unterscheidung von produktiver und unproduktiver Arbeit auf die Gebrauchswertebene verwiesen. Arbeit, die für die Herstellung eines bestimmten Gebrauchswerts „eigentlich“ nicht nötig ist, sondern nur aufgrund der Eigentümlichkeiten der kapitalistischen Produktionsweise anfällt (z.B. Verkauf oder Lohnbuchhaltung) ist demzufolge nicht produktiv. Das ist allerdings insofern problematisch, als man dann immer eine fiktive „Ideal-“ oder „Alternativgesellschaft“ dem Kapitalismus gegenüber stellen muss. Doch warum sollte es für die Analyse des Kapitalismus alternative Gesellschaften als Gedankenmodelle brauchen? Oder anders gesagt: Warum sollte es die Kapitalistinnen bei ihrer Jagd nach Geldvermehrung jucken, wie eine andere Gesellschaft eventuell verfasst sein könnte?

Ein weiterer Teil meiner Argumentation bezog sich auf die Menge der Gebrauchswerte, die sich die Kapitalisten vom erwirtschafteten Mehrwert kaufen können. Eine Zunahme der gesellschaftsformabhängigen Arbeiten (z.B. Werbung) kann dazu führen, dass die Arbeiterinnen bei stofflich gleichbleibendem Lebensstandard mehr Zeit für die Reproduktion der von ihnen selbst konsumierten Güter aufwenden müssen. Die Mehrarbeit, die in Form von Mehrwert/Profit an die Kapitalisten geht, schrumpft dadurch.

Problematisch an dieser Argumentation ist allerdings, dass auch andere Effekte zu einer sinkenden Ausbeutungs- und Profitrate führen können. Um beim Beispiel „Fischfang“ aus meinem vorigen Artikel zu bleiben: Auch eine Überfischung der Meere könnte dazu führen, dass sieben Stunden nötig sind, um so viel Fisch zu fangen wie zuvor in sechs. Nimmt man dann an (wie ich in dem Artikel), dass die Arbeiter weiterhin stofflich so viel Fisch bekommen wie bisher, würde die Profitrate ebenfalls sinken. Trotzdem leisten die Fischerinnen natürlich weiterhin eindeutig produktive Arbeit.

Was ist der Wert?

Gehen wir einen Schritt zurück: Was ist eigentlich Wert, und was ist das Geld als seine Maßeinheit? Der Wert einer Ware drückt laut Marx die durchschnittliche Arbeitszeit aus, die für die Herstellung gleichartiger Waren gesellschaftlich notwendig ist. Nicht auf den Herstellungsaufwand des einzelnen Artefakts, sondern auf den Durchschnitt kommt es dabei an.

Wert repräsentiert also Arbeitszeit, wenn auch gesellschaftlich vermittelt durch den Mechanismus der Konkurrenz, der dafür sorgt, dass gleichartige Waren im Normalfall auch zu ähnlichen Preisen verkauft werden. Und Geld repräsentiert eine bestimmte Menge Wert, gegen die es eingetauscht werden kann. Geld stellt also ein Anrecht auf die (Arbeits-)Zeit anderer Menschen bzw. auf deren Ergebnisse dar – über je mehr Geld man verfügt, desto mehr Arbeitszeit anderer kann man sich aneignen.

Normalerweise sorgt die Konkurrenz der Warenproduzenten dafür, dass die Austauschverhältnisse ungefähr äquivalent sind – ich kann mir die Ergebnisse der Arbeitszeit anderer aneignen, aber sie eignen sich im Gegenzug die Ergebnisse von ebenso viel meiner Arbeitszeit an. Anders sieht es bei Lohnarbeit aus, wenn eine Firma Menschen nicht ihre Arbeitsergebnisse abkauft, sondern sie vielmehr „anstellt“ und direkt für sich arbeiten lässt. Die Firma muss ihren Angestellten zwar einen Lohn zahlen, der sie befähigt, ihre Arbeitskraft zu reproduzieren, d.h. morgen wieder zur Arbeit zu kommen und auch Kinder in die Welt zu setzen und zu ernähren. Der Wert der Waren, die sich die Arbeiterinnen von ihrem Lohn kaufen können, wird dabei aber regelmäßig unter dem Wert liegen, den sie für die Firma produzieren. Das muss auch so sein, denn ohne diese Differenz würde die Firma keinen Profit machen, aber der Profit bzw. die Hoffnung darauf ist die Triebkraft der kapitalistischen Produktion und der einzige Grund, warum die Firma überhaupt Angestellte einstellt.

(Für eine etwas ausführlichere Darstellung siehe den vorigen Artikel.)

Die Differenz zwischen dem Lohn und dem Wert der von den Angestellten produzierten Waren ist der Mehrwert bzw. Profit. Dieser landet bei den Kapitalgebern, kurz Kapitalisten genannt. Die Angestellten einer Firma arbeiten vielleicht 40 Stunden pro Woche, die Produktion der Waren, die sie sich von ihrem Wochenlohn kaufen können, erfordert jedoch nur 30 Stunden. Der Mehrwert beträgt dann zehn Stunden pro Angestellter und Woche, d.h. zwei Stunden pro Tag.

Dieser Mehrwert landet bei den Kapitalisten, die ihn ihrerseits in Waren umtauschen können, entweder für ihren privaten Konsum oder zur Akkumulation, d.h. zur Ausweitung der Produktion. Ziel aller kapitalistischen Produktion ist die Aneignung von Mehrwert, also von Anspruch auf die Arbeitszeit anderer Menschen.

Kapital ist alles Geld, was zur Akkumulation eingesetzt wird, also vermehrt werden soll. Sobald ich Geld in eine Firma investiere, wird es zu Kapital.

Produktiv vs. unproduktiv neu betrachtet

Auf Basis dieser Begriffsklärung können wir uns nun der von Marx vorgenommenen Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit zuwenden. Produktiv im Marx’schen Sinne ist nur Arbeit, die zur Kapitalvermehrung beiträgt. Was ich zuvor sagte, gilt also nach wie vor:

Arbeit, bei der kein Kapital verwertet wird, scheidet also als produktive aus. Das betrifft alle Arbeit für den Eigenbedarf, die eigene Familie oder Freunde ebenso wie ehrenamtliche Aktivitäten und private Hausangestellte.

Auch die Angestellten von Organisationen, die nicht gewinnorientiert arbeiten, also nicht Geld in mehr Geld verwandeln, sind aus diesem Grund nicht produktiv – Staatsangestellte ebenso wie Mitarbeiter in zwischenstaatlichen Organisationen und im Non-Profit-Sektor.

Was aber ist mit Menschen, die zwar bei Privatunternehmen angestellt sind, aber nicht zum Gebrauchswert der hergestellten Waren beitragen, wie etwa Verkäuferinnen, Wachschützer und Werbefachleute? Deren Arbeit hatte ich – in Anlehnung an Marx – für unproduktiv erklärt aufgrund der Tatsache, dass sie „den gesellschaftlichen Reichtum nicht vermehren“, also keinen Gebrauchswert schaffen.

Gemäß der obigen Analyse kann der Wert zwar dafür genutzt werden, sich Gebrauchswerte anzueignen, aber unmittelbar stellt er etwas anderes dar: Anspruch auf die Arbeitszeit anderer Menschen. Für diese Umverteilung von Arbeitszeit sind im Grunde jedoch nur zwei Faktoren interessant: die Anzahl der Angestellten, die von kapitalistischen Unternehmen beschäftigt werden, und die Mehrwertmenge, die pro Angestellter im Schnitt anfällt. Was genau sie tun – ob sie Gebrauchswerte herstellen, verkaufen, bewachen oder bewerben – ist hingegen gleichgültig, sofern ihre Arbeit nur gesellschaftlich nötig ist, d.h. solange die Konkurrenz nicht unter Einsatz von weniger Arbeit die gleichen Ergebnisse erzielen kann.

Nehmen wir (wie im vorigen Artikel) wieder eine Fischerei als Beispiel: Entspricht der Tageslohn jedes Fischers sechs Stunden Arbeit, während er acht Stunden arbeitet, dann landet der Anspruch auf die Ergebnisse von zwei Stunden Arbeit pro Tag und Angestelltem bei der Eigentümerin der Fischerei. Je mehr Angestellte sie beschäftigt, desto mehr Arbeitszeit anderer kann sie sich aneignen – vorausgesetzt natürlich, dass der gefangene Fisch auch verkauft werden kann und dass die Fischerei (mindestens) ebenso effizient arbeitet wie die Konkurrenz.

Nun braucht aber eine große Fischerei, will sie effizient arbeiten, neben den unmittelbaren Fischfängern auch noch anderes Personal. Sie muss sich um den Verkauf kümmern und dafür entweder selbst Verkäufer beschäftigen (Direktvertrieb) oder aber diese Aufgabe an andere, darauf spezialisierte Unternehmen auslagern (Groß- und Einzelhandel), denen sie dafür einen Teil des Gewinns abtreten muss.

Gemäß der Marx’schen Argumentation ist das Verkaufen nicht produktiv, da die Ware ja schon vorher existiert, sie wechselt lediglich den Besitzer. Andererseits ist unter kapitalistischen Verhältnissen das Verkaufen ein absolut notwendiger Bestandteil der Warenproduktion. Es ist notwendig, um den Kapitalverwertungsprozess G – W – G’ (Geld wird zu verkaufbarer Ware wird zu mehr Geld) abzuschließen. Scheitert der Verkauf, scheitert auch die Kapitalvermehrung. Bedenkt man dies, ist die Argumentation, dass die Ware ja schon vor dem Verkauf existiert, falsch bzw. irrelevant. Denn die noch nicht verkaufte Ware verdankt ihre Existenz bloß dem geplanten Verkauf – dieser mag zwar scheitern, ist aber immer Teil der Kalkulation! Die Arbeit der Verkäuferinnen ist daher unter kapitalistischen Umständen genauso notwendig wie die der direkten Produzentinnen (ob Fischer oder Fabrikarbeiter), somit ist sie auch als genauso wertbildend anzusehen.

Dasselbe gilt für die Arbeit etwa der Lohnbuchhaltung, die bei Marx ebenfalls nicht als wertproduktiv gilt, da sie nur Wertbeträge hin- und herschiebt, aber selbst keine Waren erzeugt. Doch basiert der Verwertungsprozess generell auf dem Verkauf von Waren, wozu auch die besondere Ware Arbeitskraft gehört. Ohne Lohn würden die Arbeiterinnen im Kapitalismus keinen Finger krumm machen, weshalb die Warenproduktion auch ein gewisses Maß an Lohnbuchhaltung erfordert. Die Vorstellung, dass diese unnötig ist, basiert wiederum auf dem Vergleich mit einer anderen (z.B. kommunistischen) Gesellschaft, wo Geld und Lohn vielleicht überflüssig wären. Doch ist nicht einzusehen, warum denkbare andere Gesellschaften für die Analyse des Kapitalismus in irgendeiner Weise relevant sein sollten – diese muss vielmehr voll und ganz von den spezifisch kapitalistischen Umständen ausgehen.

Oder etwa die Werbung, die es Unternehmen ermöglichen kann, größere Stückzahlen abzusetzen und damit vielleicht, aufgrund von Skaleneffekten, den Produktionsaufwand jedes Einzelstücks zu verringern. Wechseln wir das Beispiel und nehmen etwa an, dass in die Produktion eines Bettes je zweieinhalb Stunden Arbeit fließen (entweder direkt als „lebendige Arbeit“ oder indirekt als anteiliger Herstellungsaufwand für Produktionsmittel und Vorprodukte – beides wird hier zusammengezählt). Ein Unternehmen wie Ikea, das viel in Werbung investiert, kann deshalb sehr große Stückzahlen absetzen und sich somit effizientere Großtechnik leisten, mittels derer vielleicht nur noch zwei Stunden Arbeit pro Bett nötig sind. Dazu kommt aber noch die Arbeit der Werber (Kreative, Plakatedrucker und -kleber, Flyerverteiler etc.), die umgerechnet pro Bett vielleicht 15 Minuten beträgt.

Die Konkurrenz muss jetzt mitziehen und ähnlich effizient werden, sofern sie nicht auf der Strecke bleiben will. Die gesellschaftlich nötige Arbeit (= der Wert) ist also pro Bett von 2,5 Stunden auf 2,25 Stunden gefallen. Oder sollte der Wert eines Bettes noch weiter gefallen sein, auf nur 2 Stunden, da die Werbearbeit nicht wertbildend ist? Das ist nicht plausibel, da die Konkurrenz, um denselben Skaleneffekt zu erzielen, ja ebenfalls Werbung machen muss. Auch diese Arbeit ist also gesellschaftlich notwendig, denn ohne sie geht es im Kapitalismus nicht.

Alle Kapitalangestellten produzieren Mehrwert (außer sie sind zu teuer)

Diese Überlegung, dass alle für den Kapitalverwertungsprozess notwendigen Arbeiten auch wertproduktiv sind, also Wert und (unter normalen Umständen) Mehrwert produzieren, kann man auch anhand der Ergebnisse des Arbeitsprozesses durchspielen. Oben hatte ich gesagt, dass Geld (oder abstrakter: Wert) ein Anrecht auf die (Arbeits-)Zeit anderer Menschen bzw. auf deren Ergebnisse darstellt.

Vorgerechnet hatte ich das im letzten Artikel schon anhand der Arbeit eindeutig „produktiver“ Arbeiterinnen wie etwa Fischerinnen. Diese arbeiten etwa 40 Stunden pro Woche (acht pro Arbeitstag), doch von ihrem Wochenlohn können sie sich im Durchschnitt nur Waren kaufen, deren Herstellungsaufwand (= Wert) 30 Stunden (sechs pro Arbeitstag) beträgt. Jeder Fischer produziert pro Woche also zehn Stunden Mehrwert, der bei der Eigentümerin der Fischerei landet. Geht man (wiederum wie im letzten Artikel) davon aus, dass der Ertrag einer Stunde Arbeit im Schnitt für 10 Euro verkauft wird, kann man das Ganze auch in Geld umrechnen: Der in 40 Arbeitsstunden hergestellte Fisch wird für 400 € verkauft, wovon 300 € als Lohn an den Fischer gehen und 100 € als Gewinn bei der Kapitalistin verbleiben. Je mehr Fischer sie für sich arbeiten lässt, desto reicher wird die Kapitalistin also – immer vorausgesetzt, dass sie die produzierte Ware auch verkaufen kann.

Wie ist es nun mit den Verkäufern? Auch diese erhalten ja ihren Lohn. Sagen wir, sie werden so gut bezahlt wie die Fischer, ebenfalls 300 € pro Woche. Geht man nun davon aus, dass alle für die Produktion einer Ware notwendigen Arbeiten wertproduktiv sind, heißt das, dass die Verkäufer ebenfalls 400 € Wert pro Woche produzieren, sprich auch sie erzeugen 100 € Mehrwert für die Kapitalisten.

Von ihren 300 € Wochenlohn können sich die verschiedenen Lohnarbeiterinnen jeweils Waren im Wert von 30 Arbeitsstunden kaufen – wobei diese 30 Arbeitsstunden alle gesellschaftliche notwendigen Tätigkeiten umfassen, neben der direkten Herstellung also auch den Verkauf, Lohnbuchhaltung, Werbung etc. Ist dem so, dann werden die Kapitalisten aufgrund jeder zusätzlich eingestellten Lohnarbeiterin reicher, weil jede Mehrwert produziert. Jede arbeitet pro Woche zehn Stunden länger, als zur Reproduktion ihrer eigenen Lebensweise unter kapitalistischen Umständen nötig wäre. Diese zehn Stunden landen als Geld – als Anspruch auf die Arbeitszeit anderer Menschen – bei den Kapitalisten.

Vorausgesetzt wird dabei lediglich, dass die Lohnarbeiter (auf welche Weise auch immer) ihren Teil zur Produktion von Waren leisten, die sich als verkaufbar erweisen. Und dass das Unternehmen auf dem Stand der Technik produziert und sich keine (oder nur wenige) Ineffizienzen leistet. Verkauft ein Supermarkt mit 40 Verkäuferinnen etwa nur so viele Waren wie andere mit 20, dann ist die halbe Arbeitszeit der Verkäuferinnen gesellschaftlich unnötig gewesen. Sie haben also jeweils nur Wert im Umfang von 20 Stunden pro Woche produziert, weniger als die 30 Arbeitsstunden, deren Wert sie als Lohn erhalten haben (sofern sie so gut bezahlt werden wie alle anderen auch). Ihre Arbeit war für die verantwortlichen Kapitalisten ein Verlustgeschäft.

Generell müssen die Kapitalistinnen also bei der Ausweitung der Produktion auf die Verkaufbarkeit der hergestellten Waren achten und darauf, dass sie niemand für unnötige Arbeit bezahlen. In vielen Fällen wird das heißen, dass zusätzliche Arbeitskräfte aller relevanten Berufe angeheuert werden müssen – mehr Fischerinnen, Buchhalter, Werberinnen etc. In anderen Fällen können Skaleneffekte dazu führen, dass in bestimmten Bereichen Arbeit eingespart und in anderen ausgeweitet wird. Aber wenn die Verhältnisse passen, also die zusätzlich eingestellten Arbeitskräfte auch zur Produktion weiterer verkaufbarer Waren führen, sind diese Arbeitskräfte generell als wertproduktiv anzusehen, ganz egal woraus ihr konkreter Beitrag zum Produktions- und Verwertungsprozess besteht.

Die Marx’sche Unterscheidung, wonach bestimmte für den Verwertungsprozess eindeutig notwendige Tätigkeiten dennoch nicht wertproduktiv sind, hat sich somit als Irrtum erwiesen.

Zur Vermeidung von Missverständnissen

Gemäß dieser Argumentation sind alle zum erfolgreichen Verwertungsprozess nötigen Arbeiten als produktiv anzusehen, ganz gleich ob sie unmittelbar zur Entstehung von Gebrauchswerten beitragen oder nicht. Die Angestellten eines Supermarktes produzieren zwar keine Gebrauchswerte, sondern veräußern diese bloß. Mittelbar tragen sie unter kapitalistischen Verhältnissen aber auch zur Entstehung dieser Gebrauchswerte bei, denn ohne die Möglichkeit der Veräußerung würde die Produktion gar nicht erst anlaufen. Nicht mehr plausibel erscheint mir deshalb auch die in meiner ursprünglichen Artikelreihe geäußerte Argumentation, dass der „Händewechsel“, in dem Ware und im Gegenzug Geld die Eigentümerinnen wechseln, als unproduktiv aufzufassen sei.

Gebrauchswertmäßig stimmt es natürlich, dass beim „Händewechsel“ nur vorhandene Gebrauchswerte getauscht, aber keine neuen erschaffen werden. Doch wertmäßig ist zumindest ein einmaliger Händewechsel notwendiger Bestandteil des Verwertungsprozesses und von diesem nicht zu trennen. Es gibt eine ganze Reihe von Aktivitäten, die für die dauerhafte Durchführung des Produktions- und Verwertungsprozesses nötig sind, aber nicht unmittelbar zur Herstellung der zu verkaufenden Ware beitragen: die regelmäßige Reinigung der Fabrik, der Transport der Ware von der Fabrik zur Verkaufsstätte oder direkt zum Kunden, der Verkauf im Laden oder Online-Shop.

Nach meiner früheren Argumentation hatte ich Reinigung und Transport als produktiv angesehen (weil sie unabhängig von Verwertungsprozess auch für den physischen Produktionsprozess nötig sind), den Verkauf jedoch nicht (weil er nur den „Händewechsel“ vollzieht bzw. nur für den Verwertungsprozess nötig, also Kapitalismus-spezifisch ist). In dieser Unterscheidung schimmert aber wieder der Vergleich mit einer nichtkapitalistischen Alternativgesellschaft durch. Verzichtet man auf einen solchen gedanklichen Vergleich, scheint mir der postulierte Sonderstatus des „Händewechsels“ nicht mehr plausibel, da Verwertungsprozess und physischer Produktionsprozess im Kapitalismus nun mal zusammenfallen und der eine ohne den anderen nicht zu haben ist.

Das bedeutet natürlich nicht, dass man mehr Wert schaffen kann, indem man die Ware fünfmal weiterverkauft, also zusätzliche Händewechsel einführt. Genauso wenig, wie man mehr Wert schaffen kann, indem man die Waren dreimal um die Welt schickt statt sie auf direktem Wege von der Produktionsstätte zum Zielort zu befördern. Für diese Arbeiten gilt vielmehr dasselbe wie für alle anderen: Wertproduktiv sind sie nur, soweit sie gesellschaftlich nötig sind. Alle aufgrund versehentlicher oder auch beabsichtigter Ineffizienzen darüber hinaus geleistete Arbeit schafft nur zusätzliche Kosten, aber keinen zusätzlichen Wert.

Ganz unabdingbar ist aber zumindest ein einmaliger Händewechsel, vom Produzenten zum Kunden, denn dieser ist in der Bewegung G – W – G’ direkt erkennbar. In vielen Fällen gibt es heute stattdessen zwei oder drei Händewechsel, bevor die Waren beim Endkunden, für den sie tatsächlich einen Gebrauchswert darstellt, angekommen ist – weil noch Einzelhandel und ggf. Großhandel dazwischen geschaltet sind. Hier gilt, was im Kapitalismus generell gilt: Produktiv ist die anfallende Arbeit nur im gesellschaftlich notwendigen Umfang, d.h. nur solange die Konkurrenz nicht mit weniger Arbeit dieselben Resultate erzielen kann.

Groß- und Einzelhandel werden sich also nur unter zwei Umständen gegen das Alternativmodell des Direktvertriebs (bloß einmaliger Händewechsel) durchsetzen: Wenn sie entweder die für den Warenverkauf notwendige Arbeit unterm Strich reduzieren oder den Gebrauchswert erhöhen. Und zum Gebrauchswert gehört auch, dass die Ware dort ist, wo die Kundin sie gebrauchen kann, oder jedenfalls in gut erreichbarer Nähe.

Das dürfte der wichtigste Vorteil des Einzelhandels gewesen sein: Für praktisch jede Firma dürfte es sehr viel günstiger sein, alle Supermärkte eines Landes zu beliefern, als ein vergleichbar dichtes Netz an eigenen Verkaufsstellen aufzubauen. Letzteres würde viel unnötige Arbeit erfordern, weil die eigenen Verkaufsstellen sehr viel weniger Kundenverkehr erreichen würden als die Supermärkte (die ja noch viele andere Waren verkaufen) und sich die Verkäuferinnen deshalb relativ oft nur langweilen würden. Während die Alternative, auf ein dichtes Netz an Verkaufsstellen zu verzichten und nur ein Factory-Outlet oder einige wenige Verkaufsstellen in Großstädten zu betreiben, zwar die Kosten senken würde, jedoch auch den Gebrauchswert der angebotenen Waren.

Durch den Internethandel hat sich das allerdings geändert, wodurch der traditionelle Einzel- und Großhandel zunehmend unter Druck gerät, weil er nicht mehr die kostengünstigste (= arbeitssparendste) Variante ist, die Ware auf komfortable Weise an die Kundin zu bringen.

Auch Werbung ist nur insofern produktiv, als sie gesellschaftlich nötig ist. Oben hatte ich argumentiert, dass sie dazu führen kann, dass das werbende Unternehmen mehr Produkte verkauft und aufgrund von Skaleneffekten die pro Einzelstück aufzuwendende Arbeit insgesamt sinkt – und zwar auch dann, wenn man die Werbearbeit mitrechnet. In diesem Fall ist Werbung ein Mittel zur Produktivkraftsteigerung.

Schwieriger wird es für das Unternehmen, wenn es keine Skaleneffekte gibt, die Werbearbeit das Produkt also verteuert (oder, bei gleichbleibendem Preis, den Profit reduziert). Hat die Kundin die Wahl zwischen zwei ihr als gleichwertig erscheinenden Produkten, wird sie im Regelfall wohl das billigere nehmen, nicht das besser beworbene. In diesem Falle wäre die Werbung also nur rausgeschmissenes Geld und hätte keinen Wert gebildet.

Anders sieht es aus, wenn es der Firma gelingt, durch Werbung den „gefühlten Gebrauchswert“ ihres Produkts zu steigern – so konkurrieren im Kapitalismus billige No-Name-Produkte gegen teurere, aber nicht unbedingt hochwertigere Markenartikel. Die Hersteller der letzteren setzen auf Werbung, um ihr Produkt als qualitativ besser, verlässlicher, cooler oder sexyer als Konkurrenzprodukte erscheinen zu lassen. Objektiv messbar mag da nichts dran sein, doch der „gefühlte Gebrauchswert“ wird gesteigert, weshalb die Kundschaft höhere Preise akzeptiert. Werbung ist also unter zwei Bedingungen wertproduktiv: Wenn sie dank Skaleneffekten den Herstellungsaufwand senkt, oder wenn sie den gefühlten Gebrauchswert erhöht.

Auch die bloße Kenntnis eines Namens kann unbewusst zum „gefühlten Gebrauchswert“ beitragen – hat die Kundin die Wahl zwischen zwei gleich teuren und ihr als gleich gut erscheinenden Produkten, wird sie sich vermutlich für dasjenige entscheiden, dessen Markennamen sie kennt. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass Bekanntheit unbewusst als Zeichen für Verlässlichkeit interpretiert wird. Ein Produkt, dessen Namen man schon einmal gehört hat, ohne damit Schlechtes zu assoziieren, wird einem als vertrauenerweckender und tendenziell besser erscheinen als eins, das einem völlig unbekannt ist.

Das kann für Unternehmen zu einem Werbezwang führen: Macht Unternehmen A Werbung, muss Konkurrenzunternehmen B entweder den Preis senken oder ebenfalls Werbung machen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Machen beide Werbung, können beide vielleicht ihren Marktanteil halten – unterm Strich hat sich also nichts verändert, außer dass nun beide Geld für Werbung ausgeben müssen. Ist diese objektiv unnötige, aber unter kapitalistischen Umständen trotzdem erforderliche Werbearbeit wertbildend oder vielmehr nur „Abzug vom Mehrwert“?

Ich würde sagen, dass auch sie wertbildend ist. Früher oder später werden beide Unternehmen ihre Preise erhöhen, um die eigenen Gewinne wieder der gesellschaftlich üblichen Profitrate anzupassen – andernfalls drohte der Abgang der Kapitalgeber (z.B. Aktionäre), die ihr Geld dann lieber in profitablere Firmen stecken würden. Dies deutet darauf hin, dass der Wert der Produkte gestiegen ist, was (aufgrund von Konkurrenzmechanismen allerdings erst mit Verzögerung) auch zu steigenden Preisen führt. Zugleich ist durch die Werbung aber auch der „gefühlte Gebrauchswert“ der Produkte gestiegen, weil sie den Kunden nun bekannt sind.

Ein drittes Unternehmen könnte hingegen auf eine andere Strategie setzen – es könnte auf Werbung verzichten und No-Name-Produkte zum ursprünglichen Preis, also nun billiger als die Konkurrenz, auf den Markt werfen. Aufgrund des Preisvorteils kann auch diese Strategie erfolgreich sein. Dank des Werbeverzichts haben seine Produkte einen geringeren Wert, aber auch einen geringeren „gefühlten Gebrauchswert“ als die der „bekannten“ Konkurrenz.

Fazit

Sollte diese Analyse stimmen, dann dürfte sich auch die Krisis/Exit-Argumentation einer „schrumpfenden Wertmasse“, der ich im Artikel Geht dem Kapitalismus die Arbeit aus? zumindest relativ zur Entwicklung der Weltbevölkerung zugestimmt hatte, als unhaltbar erweisen. Denn für sie ist die vermeintliche Unproduktivität bestimmter kapitalistisch organisierter Sektoren wie Handel, Werbung und Finanzdienstleistungen essenziell. Geht man aber davon aus, dass alle Kapitalangestellten, egal aus welcher Branche, im Regelfall auch Mehrwert erwirtschaften (nur vorausgesetzt, dass die sie beschäftigende Firma effizient und erfolgreich produziert), kann von einem „Ende der Arbeit“ bzw. auch nur einem Schrumpfen der wertproduktiven Arbeitsmenge wohl keine Rede sein.

Meinungen?

(Ich danke Martin Siefkes und Holger Weiß für ihr Feedback zu einem Entwurf dieses Artikels.)

From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Lastenräder als Commons

Beim ersten bundesweiten Forum Freie Lastenräder am 20.6.2015 in Köln habe ich einen Vortrag zum Zusammenhang von Lastenrädern und Commons gehalten. Hier die Folien (PDF, ODP[folgt]). Die Audiodateien des Mitschnitts liegen im OGG– und MP3-Format vor.

 

Weitere Infos zur Dokumentation des Treffens findet ihr im Lastenrad-Wiki auf der Seite zum Forum Freie Lastenräder.

From: keimform.deBy: Stefan MeretzComments

Wert und produktive Arbeit

Fischmarkt in Washington, D.C. (Foto von Bien Stephenson, CC-BY, URL: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Wash_fish_market.jpg – zum Vergrößern klicken)[Update: siehe Produktive Arbeit auf dem Prüfstand]

Zu meinen Artikeln zur Verwertungskrise (1, 2) habe ich Feedback und Kritik erhalten. Ein besonders umstrittener Punkt, zu dem es Zustimmung, aber auch sowohl grundsätzliche wie Detail-Kritik gab, war die Abgrenzung der „produktiven Arbeit“, die zur Kapitalverwertung beiträgt, von anderer Arbeit, die zwar auch eindeutig für die Verwertung notwendig ist, aber gemäß der Marx’schen Konzeption nicht als produktiv gilt.

Die radikalste Kritik kam dabei von einem Kommentator namens ricardo (z.B. 1, 2), der den Unterschied zwischen produktiver und notwendiger Arbeit komplett bestreitet – er betrachtet alle vom Kapital bezahlte und für die Kapitalverwertung notwendige Arbeit als produktiv. Da ich früher selbst mit dieser Konzeption geliebäugelt habe, hat mich das veranlasst, den Unterschied zwischen „produktiv“ und „notwendig für die Kapitalverwertung“ nochmal kritisch zu prüfen. Im Ergebnis bin ich zu dem Schluss gekommen, dass dieser von Marx gemachte Unterschied zu Recht besteht und will im Folgenden darlegen, warum.

Marx argumentiert, dass es keinen Wert ohne Gebrauchswert gibt (niemand kauft eine Ware, die sie für „unbrauchbar“ hält) und dass deshalb Arbeit, die nicht zur Produktion von Gebrauchswerten beiträgt, auch nicht wertproduktiv sein könne. Das betrifft insbesondere den Handel, in dem bereits existierende Waren lediglich den Besitzer wechseln, ohne dass sich ihr Gebrauchswert dadurch ändert. Oder Dinge wie Buchhaltung und Geldmanagement, die lediglich schon vorhandene Wert- bzw. Gebrauchswertmengen erfassen und verwalten, ohne ihnen selbst etwas hinzuzufügen.

Das Jäger-Fischer-Beispiel

Wolfram Pfreundschuh hat den Kern von Marx’ Argumentation durch ein Zitat aus dessen Grundrissen von 1857/58 verdeutlicht:

Denkt man sich 2 Arbeiter, die austauschen; einen Fischer und einen Jäger; so würde die Zeit, die beide im Austausch verlieren, weder Fische noch Wild schaffen, sondern wäre ein Abzug an der Zeit, worin beide Werte schaffen, der eine fischen, der andere jagen kann, ihre Arbeitszeit vergegenständlichen in einem Gebrauchswert. Wollte der Fischer sich für diesen Verlust an dem Jäger entschädigen; mehr Wild verlangen oder weniger Fische geben, so dieser dasselbe Recht. Der Verlust wäre für sie gemeinsam. Diese Zirkulationskosten, Austauschkosten, könnten nur als Abzug der Gesamtproduktion und Wertschöpfung der beiden erscheinen. […] (MEW 42: 532f)

Wirklich nachvollziehbar wird das an diesem Beispiel, das statt vom Kapitalismus von einer fiktiven Gesellschaft „einfacher Warenproduzentinnen“ ausgeht, meiner Ansicht nach nicht. Denn Kapitalverwertung setzt Kapital voraus, und das existiert in dem Beispiel gar nicht! Dennoch kann es nützlich sein, dieses einfache Beispiel als Ausgangspunkt zu nehmen und von da Schritt für Schritt zu einer realistischeren Darstellung kapitalistischer Verhältnisse zu kommen.

Starten wir also mit einer vorgestellten Gesellschaft nichtkapitalistischer Produzenten, die mittels ihrer eigenen Arbeitskraft Waren herstellen, die sie sich gegenseitig verkaufen. Dabei muss man sich klar machen, dass eine solche Gesellschaft reine Fiktion ist, historisch gab es sie nie (vgl. Rakowitz 2003). Für Gedankenexperimente kann sie dennoch nützlich sein.

Es gibt in unserem Gedankenexperiment also Jäger und Fischer (oder, allgemeiner gesagt, Herstellerinnen verschiedener Warenarten), die sich gegenseitig ihre Beute (die hergestellten Waren) verkaufen. Nun nimmt man mit Marx an, dass diese Gesellschaft so funktioniert, wie der Kapitalismus dies gemäß seinen Selbstverständnis zumindest in seinen besseren Momenten tut, nämlich in perfekter Konkurrenz. Alle sind also in ihrer Berufswahl frei und können selbst den verlangten Preis der von ihnen hergestellten Waren festlegen. Dies würde dazu führen, dass sich im Schnitt Äquivalente austauschen, d.h. der Ertrag einer Stunde Jagdaufwand gegen den Ertrag einer Stunde Angleraufwand ausgetauscht wird.

Dies gilt jedenfalls dann, wenn die Menschen keinen besonderen Grund haben, die eine Tätigkeit der anderen vorzuziehen. Dann wird ein ungleiches Verhältnis – eine Stunde jagen gegen anderthalb Stunden fischen – dazu führen, dass neue Berufseinsteiger aus Bequemlichkeit lieber Jäger werden, auch wenn sie aufgrund der wachsenden Konkurrenz anderer Jäger mit dem Preis heruntergehen und z.B. den Ertrag von 80 statt 90 Minuten Fischerei als Gegenwert für eine ihrer Stunden akzeptieren müssen. Diese Präferenzentscheidungen werden sich solange fortsetzen, bis die Ungleichheit verschwunden ist und sich Stunde gegen Stunde austauscht.

Dieser „gleichmacherische“ Effekt der Konkurrenz ist die Grundlage dessen, was Marx den „Wert“ nennt – bei perfekter Konkurrenz wird der Ertrag einer Arbeitsstunde im Wesentlichen so viel „wert“ sein wie der Ertrag jeder anderen Arbeitsstunde, sofern sie sich auf dem Stand der Technik bewegt. (Wer jedoch statt mit Gewehr noch mit Pfeil und Bogen auf Jagd geht und deshalb weniger Wild erbeutet, wird sich mit einem geringeren Stundensatz zufriedengeben müssen, da den Käuferinnen die Details seiner Ausstattung reichlich egal sind.)

In dieser fiktiven Gesellschaft gibt es allerdings überhaupt keine Kapitalisten, die Geld in mehr Geld verwandeln könnten. Es gibt keinen systematischen Profit, sondern eventuellen Gewinnen des einen stehen zwangsläufig ebenso hohe Verluste der anderen gegenüber – immer dann, wenn es zu Abweichungen vom Äquivalenzprinzip kommt. Schafft es eine Fischerin, den in sechs Stunden gemachten Fang gegen die Jagdbeute von sieben Stunden einzutauschen, hat sie einen Gewinn im Umfang einer Arbeitsstunde gemacht, dem jedoch ein ebenso hoher Verlust aufseiten des Jägers entgegensteht. (Sie hat den Ertrag einer Stunde erhalten, ohne etwas dafür tun zu müssen, er hat eine Stunde umsonst gearbeitet.)

Vorstellbar ist, dass es in der fiktiven Gesellschaft schon Geld gibt und der Ertrag einer Stunde Arbeit im Schnitt für z.B. 10 Euro verkauft wird (oder auch mehr oder weniger, das spielt keine Rolle, aber ein bestimmtes Äquivalenzverhältnis zwischen Währungseinheit und Arbeitsstunden wird sich zwangsläufig herausbilden). Dann hätte die Fischerin 10 € Gewinn gemacht, der Jäger 10 € Verlust. Da jede Markttransaktion ein Nullsummenspiel ist, ist die gesamtgesellschaftliche „Profitrate“ (sofern man von einer solchen reden will) zwangsläufig 0.

Da die Marktkonkurrenz dafür sorgt, dass im Schnitt Äquivalente ausgetauscht werden, spielt es eigentlich keine Rolle, ob die geleistete Arbeit von Marx als „produktiv“ oder „unproduktiv“ eingestuft wird. Vielleicht müssen die Jäger und Fischer jeweils nach sechs Stunden Tagewerk noch eine Stunde auf dem Markt sitzen, bis sie die Beute verkauft haben. Oder sie müssen eine halbe Stunde Verkaufsarbeit leisten und eine weitere halbe Stunde ebenfalls unproduktive Buchhaltung, denn die Bürokratie schläft ja auch in fiktiven Gesellschaften nicht. Auch dann würden weiterhin im Schnitt Äquivalente gegeneinander getauscht, nur braucht es jetzt eben sieben Stunden Arbeitseinsatz, von denen nur sechs Stunden Jagen bzw. Fischen sind – der Rest ist „Overhead“.

Dass eine analytische Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit sinnvoll ist, lässt sich an diesem zu einfach gestrickten Beispiel meiner Ansicht nach nicht zeigen. Das ändert sich allerdings, wenn die Kapitalistinnen ins Spiel kommen.

Die Kapitalisten kommen ins Spiel

Lassen wir also die fiktive Welt der „einfachen Warenproduzentinnen“ hinter uns und nähern uns zumindest ein Stückchen weiter an die komplexe kapitalistische Realität an. Statt dass sich jeder Fischer und jeder Jäger als selbständige „Ich-AG“ betätigt, gibt es nun Kapitalisten, die die Fischer- und Jägerinnen als Lohnarbeiterinnen anstellen. Die Kapitalisten kaufen und bezahlen auch die benötigen Produktionsmittel, z.B. Fischerboote und Netze, Jagdgewehre und Munition. Diese Produktionsmittel kosten Geld und schmälern damit den Profit der Kapitalistinnen, doch der Einfachheit halber können wir für unsere Modellrechnungen davon absehen und unterstellen, sie wären in der Lage, sich die Produktionsmittel umsonst anzueignen.

Anders als bei der „einfachen Warenproduktion“ gibt es in dieser Gesellschaft Profit als systematische und nicht bloß zufällige Kategorie. Dies ergibt sich daraus, dass die Kapitalisten den Lohnarbeiterinnen deren Arbeitskraft abkaufen und nicht deren Erträge. Als Gegenwert für die Arbeitskraft zahlen sie so viel, wie zur Reproduktion der Arbeitskraft nötig ist – also mindestens so viel, um sicherzustellen, dass die Arbeiterin nicht verhungert oder erfriert. Außerdem muss sie zumindest noch ein bis zwei Kinder mitversorgen können, sonst wäre die Arbeiterschaft nach einer Generation ausgestorben – zum Bedauern der Kapitalisten, die damit um ihren Profit gebracht würden. Gegebenenfalls kriegt die Arbeiterin auch noch mehr Gegenwert für ihre Arbeitskraft, womöglich sogar genug, um sich ein kleines Häuschen, ein Auto, eine Rente und gelegentliche Urlaubsreisen leisten zu können. Ob und wie viel sie über die bloße Überlebenssicherung hinaus kriegt, lässt sich nicht pauschal sagen, sondern ist Ergebnis sozialer Kämpfe.

Sicher ist aber, dass die Reproduktion des Arbeitslohns weniger Arbeitszeit erfordert als der Arbeiter als Gegenleistung abliefern muss. Denn nur dann macht die Kapitalistin Profit, und eine Kapitalistin, die keine Profite erwartet, wird erst gar keine Arbeiter einstellen. In Abwandlung des obigen Beispiels können wir etwa annehmen, das sich jede Arbeiterin für ihren Tageslohn den Ertrag von sechs Stunden Jagen oder Fischen kaufen kann. Gearbeitet wird aber, wie im modernen Kapitalismus üblich, acht Stunden pro Tag. Der Ertrag der restlichen zwei Stunden verbleibt als Mehrwert bzw. Profit bei der Kapitalistin, die sich davon selbst Fische, Wild oder was immer sonst der Markt hergibt kaufen kann – je mehr Arbeiter sie beschäftigt, desto mehr.

Hat sie zehn Fischer angestellt, erhält sie täglich das Äquivalent von 20 Arbeitsstunden als Mehrwert. In Geld betrachtet, wenn man wiederum den „Wechselkurs“ von 10 € = 1 Arbeitsstunde ansetzt, muss sie jedem Arbeiter einen Tageslohn von 60 € auszahlen (insgesamt 600 €/Tag), verdient aber 800 € am Verkauf der im Lauf des Tages gefangenen Fische. Ihr Tagesgewinn beträgt somit 800–600 = 200 €, ihre Profitrate 200/600 = 33,3 Prozent. (Letzteres natürlich nur unter der vereinfachenden Annahme, dass die Produktionsmittel sie nichts kosten – in Wirklichkeit ist das anders, was die Profitrate senkt.)

Sie kann diesen Profit von täglich 200 € selbst in Konsumgüter umsetzen und verzehren, sie kann aber auch einen Teil davon „akkumulieren“, d.h. zur Ausweitung der Produktion nutzen, indem sie weitere Arbeiter anstellt und die für deren Arbeitsalltag nötigen Produktionsmittel kauft. In der Regel wird sie letzteres machen und einen Teils des gemachten Gewinnes neu investieren – allein schon, weil ihr das private „Aufessen“ des gesamten Gewinns wahrscheinlich irgendwann schlicht zu viel wird.

Wenden wir uns wieder der unproduktiven Arbeit zu: Irgendwann hat die Kapitalistin keine Lust mehr, sich selbst täglich auf den Markt zu setzen und den Fang zu verkaufen, deshalb stellt sie einen Verkäufer an, der das übernimmt. Außerdem muss sie noch eine Buchhalterin anstellen, weil sie langsam die Übersicht darüber verliert, welchen ihrer Arbeiter sie noch wie viel Lohn schuldet, und weil der Staat sich beschwert, dass sie keine Abrechnungen vorlegen kann. Die beiden produzieren keinen Fisch, beharren aber ebenfalls auf dem üblichen Tageslohn von 60 €, von dem sie sich die zum Überleben nötigen Konsumgüter kaufen (zumindest Fisch und Wild, aber vermutlich gibt es ja noch andere Warenarten).

Die Fischerei erzeugt (da keine produktiven Arbeiterinnen hinzugekommen sind), weiterhin Fische im Wert von 800 € pro Tag, doch die Lohnkosten für die insgesamt 12 Arbeiter sind auf 12×60 = 720 € gestiegen. Die Kapitalistin macht somit nur noch 80 € Gewinn, ihre Profitrate fällt auf 80/720 = 11,1 Prozent. Stofflich ausgedrückt, landete zuvor ein Viertel der produzierten Waren als Mehrwert bei der Kapitalistin (die sie selbst verzehren oder zur Akkumulation einsetzen konnte). Nun sind es nur noch 10 Prozent, da die zusätzlichen Arbeiterinnen ja auch von etwas leben müssen und den Rest verzehren.

Nur falsch gerechnet?

Nun mag man einwenden, dass das Beispiel falsch gerechnet ist. Aus der plausiblen Annahme, dass der Fischereibetrieb nicht weniger effektiv ist als die Konkurrenz, kann man schließen, dass alle anderen Betriebe auf einen ähnlichen Overhead an unproduktiver Arbeit kommen. Kann man diesen Overhead von 20 Prozent zusätzlicher Arbeit also nicht einfach auf den Verkaufspreis der Waren aufschlagen? Dann geht der (stofflich unveränderte) Tagesertrag der Fischerei für 960 € statt für 800 € über den Tresen.

Leider rettet das die Profitrate der Kapitalistin nicht, da es eine rein nominelle Änderung wäre. Ein Euro entspricht jetzt weniger Fisch, es gab also Inflation. Doch die Arbeiter sind ja nicht bedürfnisloser geworden – wenn sie zuvor den Ertrag von sechs Stunden Arbeit einer Fischer- oder Jägerin als Tageslohn verlangt und bekommen haben, werden sie das auch weiterhin tun. Da sich dieser Ertrag aber durch die Preisanpassung um 20 Prozent verteuert hat, muss auch ihr Lohn um 20 Prozent steigen, damit sie ihn sich weiterhin leisten können. Jeder Arbeiter erhält nun also 72 € Lohn, die täglichen Lohnkosten der Fischerei steigen auf 12×72 = 864 €. Als Gewinn bleiben also nur 96 €, die Profitrate liegt unverändert bei 96/864 = 11,1 Prozent. Das Geld ist nun weniger wert, doch stofflich geändert hat sich durch diese andere Rechenart gar nichts.

Die Konsequenzen unproduktiver Arbeit

Unproduktive Kapitalangestellte tragen also nicht zur Kapitalverwertung bei, da sie die von den Kapitalisten erwerbbaren Gebrauchswerte nicht vermehren. Nominell zirkuliert vielleicht mehr Geld, aber die Menge der hergestellten Güter vermehrt sich nicht, weshalb sich die Kapitalisten von ihrem Gewinn nicht mehr kaufen können also zuvor.

Andererseits beziehen die unproduktiven Kapitalangestellten auch Lohn, für den sie sich Konsumgüter kaufen. Diese zusätzlichen Löhne gehen ab von der Summe, die andernfalls als Mehrwert/Profit bei den Kapitalisten bliebe, und reduzieren sie dadurch. Das gilt finanziell (die als Profit verfügbare Geldmenge schrumpft) ebenso wie stofflich (die vom Profit käufliche Warenmenge schrumpft). Auf den Punkt, dass unproduktive Arbeit gegebenenfalls von den Kapitalerträgen abgezogen werden muss und eine Zunahme der unproduktiven beim Gleichbleiben der produktiven Arbeit die Kapitalverwertung ausbremst, hatte Peter Samol schon hingewiesen. Das gilt jedenfalls für die unproduktiven Kapitalangestellten, also die unproduktiven Arbeiter, die direkt bei einem kapitalistischen Unternehmen angestellt sind und von diesem bezahlt werden, ob als Verkäuferinnen, Buchhalter, Wachschützerinnen, Werber o.a. Diese erhöhen die Lohnquote, nicht aber die Produktenmenge, und senken damit den Profit.

Dass dies in keinster Weise die „Schuld“ der unproduktiven Kapitalangestellten ist und dass diese für die Kapitalverwertung ebenso nötig sind wie alle anderen Kapitalangestellten, ist aber klar und wird durch diese Überlegungen nicht in Frage gestellt. Im Gegenteil, wäre die von Verkäuferinnen und Buchhaltern geleistete Arbeit unnötig, würde sie schnell aus dem Verwertungsprozess verschwinden, dafür sorgt die Konkurrenz. Ein Stück weit passiert das ja auch, wenn etwa Verkäufer durch Online-Shops und Buchhalterinnen durch Finanzsoftware ersetzt werden. Doch diese Rationalisierungstendenzen, die das Kapital immer und überall anhalten, seine Kosten durch zunehmende Automatisierung möglichst weit abzusenken, gibt es auch bei allen anderen Tätigkeiten, ganz egal ob sie produktiv oder unproduktiv sind.

Die unproduktiven Kapitalangestellten sind also für den Verwertungsprozess genauso nötig wie alle anderen Angestellten. Gleichzeitig bremsen sie diesen Prozess jedoch aus, indem sie Gebrauchswerte konsumieren, nicht aber produzieren und so die Gebrauchswertmenge, die sich die Kapitalistinnen als Mehrwert aneignen können, reduzieren.

Wie unterschiedlich sich produktive und unproduktive Arbeit im Verwertungsprozess auswirken, merkt man auch, wenn sich ihr Umfang unabhängig voneinander verändert. Nehmen wir an, der Fischereibetrieb war so erfolgreich, dass er die Anzahl der beschäftigten Fischer von zehn auf 20 verdoppelt kann. Der Tagesertrag verdoppelt sich ebenfalls, da diese Fischer nun insgesamt 160 Arbeitsstunden pro Tag beschäftigt sind.

Durch geschicktes Management gelingt es der Firma, weiterhin mit einem Verkäufer und einer Buchhalterin auszukommen. Die nun insgesamt 22 Angestellten konsumieren pro Arbeitstag den Ertrag von 22×6 = 132 Std. produktiver Arbeit. Der restliche Ertrag im Umfang von 28 Arbeitsstunden geht als Mehrwert an die Kapitalistin. Wiederum in Geld umgerechnet, zahlt sie 1320 € Lohnkosten und macht 280 € Gewinn, ihre Profitrate steigt also von 11,1 auf 21,2 Prozent.

Berechnen wir nun den umgekehrten Fall: Die Zahl der produktiven Angestellten bleibt bei zehn, die der unproduktiven wird von zwei auf vier verdoppelt. Das könnte etwa nötig sein, wenn aufgrund steigender bürokratischer Anforderungen ein zusätzlicher Buchhalter gebraucht wird und wenn zudem eine Werbefachfrau ins Team geholt wird, um mit den stark gestiegenen Marketinganstrengungen der Konkurrenz mithalten zu können. Alternativ wäre es denkbar, dass die Anzahl der Diebstähle und Raubüberfälle in der Gegend zugenommen hat und die Fischerei deshalb zwei Wachschützer einstellen muss, um das Lager und den Verkaufsstand zu bewachen.

Der Tagesertrag an Fischen entspricht weiterhin dem, was in 80 Arbeitsstunden eben gefangen werden kann. Doch – oh Schreck! – die nun 14 Angestellten konsumieren pro Arbeitstag den Ertrag von 14×6 = 84 Std. produktiver Arbeit. Nicht nur, dass die Kapitalistin verhungern müsste, wenn sie das länger mitmacht, da für sie schlichtweg keine Fische übrig bleiben – sie müsste außerdem pro Tag noch den Ertrag von 4 Std. Arbeit bzw. 40 € aus ihren (hoffentlich vorhandenen) Reserven zuschießen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Dass sie das lange mitmachen würde, ist zweifelhaft, aber spätestens, wenn ihre Reserven aufgebraucht wären, wäre definitiv Schluss.

Der Unterschied zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit existiert also nicht nur auf dem Papier bzw. in den Theorien von Marx – er ist sehr real.

[Update: siehe Produktive Arbeit auf dem Prüfstand]

Literatur

  • Marx, Karl und Friedrich Engels (1956–1990): Werke. 43 Bände. Berlin: Dietz. Abgekürzt als MEW <Bandnummer>.
  • Rakowitz, Nadja (2003): Einfache Warenproduktion. Ideal und Ideologie. Freiburg: ça ira.
From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments