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Produktive Arbeit auf dem Prüfstand

Fliegenfischer in Slowenien (Foto von Ziga, gemeinfrei, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Flyfishing.jpg )In dem Artikel Wert und produktive Arbeit hatte ich versucht darzulegen, warum gemäß Marx’ Konzeption nicht alle vom Kapital bezahlte und für den Verwertungsprozess notwendige Arbeit auch als produktiv anzusehen ist. Das hat allerdings nur bedingt geklappt, wie die Diskussion gezeigt hat.

Der Abwechslung halber möchte ich für diesen Artikel daher die Gegenposition einnehmen und erklären, warum es doch sinnvoller sein dürfte, auf diese Unterscheidung zu verzichten. Demzufolge wäre alle für den Verwertungsprozess notwendige Arbeit auch produktiv – eine Position, die schon einige Kommentatoren vertreten haben. Ich freue mich über Feedback darüber, welche Argumentationslinie die überzeugendere ist!

Im vorigen Artikel hatte ich für die Unterscheidung von produktiver und unproduktiver Arbeit auf die Gebrauchswertebene verwiesen. Arbeit, die für die Herstellung eines bestimmten Gebrauchswerts „eigentlich“ nicht nötig ist, sondern nur aufgrund der Eigentümlichkeiten der kapitalistischen Produktionsweise anfällt (z.B. Verkauf oder Lohnbuchhaltung) ist demzufolge nicht produktiv. Das ist allerdings insofern problematisch, als man dann immer eine fiktive „Ideal-“ oder „Alternativgesellschaft“ dem Kapitalismus gegenüber stellen muss. Doch warum sollte es für die Analyse des Kapitalismus alternative Gesellschaften als Gedankenmodelle brauchen? Oder anders gesagt: Warum sollte es die Kapitalistinnen bei ihrer Jagd nach Geldvermehrung jucken, wie eine andere Gesellschaft eventuell verfasst sein könnte?

Ein weiterer Teil meiner Argumentation bezog sich auf die Menge der Gebrauchswerte, die sich die Kapitalisten vom erwirtschafteten Mehrwert kaufen können. Eine Zunahme der gesellschaftsformabhängigen Arbeiten (z.B. Werbung) kann dazu führen, dass die Arbeiterinnen bei stofflich gleichbleibendem Lebensstandard mehr Zeit für die Reproduktion der von ihnen selbst konsumierten Güter aufwenden müssen. Die Mehrarbeit, die in Form von Mehrwert/Profit an die Kapitalisten geht, schrumpft dadurch.

Problematisch an dieser Argumentation ist allerdings, dass auch andere Effekte zu einer sinkenden Ausbeutungs- und Profitrate führen können. Um beim Beispiel „Fischfang“ aus meinem vorigen Artikel zu bleiben: Auch eine Überfischung der Meere könnte dazu führen, dass sieben Stunden nötig sind, um so viel Fisch zu fangen wie zuvor in sechs. Nimmt man dann an (wie ich in dem Artikel), dass die Arbeiter weiterhin stofflich so viel Fisch bekommen wie bisher, würde die Profitrate ebenfalls sinken. Trotzdem leisten die Fischerinnen natürlich weiterhin eindeutig produktive Arbeit.

Was ist der Wert?

Gehen wir einen Schritt zurück: Was ist eigentlich Wert, und was ist das Geld als seine Maßeinheit? Der Wert einer Ware drückt laut Marx die durchschnittliche Arbeitszeit aus, die für die Herstellung gleichartiger Waren gesellschaftlich notwendig ist. Nicht auf den Herstellungsaufwand des einzelnen Artefakts, sondern auf den Durchschnitt kommt es dabei an.

Wert repräsentiert also Arbeitszeit, wenn auch gesellschaftlich vermittelt durch den Mechanismus der Konkurrenz, der dafür sorgt, dass gleichartige Waren im Normalfall auch zu ähnlichen Preisen verkauft werden. Und Geld repräsentiert eine bestimmte Menge Wert, gegen die es eingetauscht werden kann. Geld stellt also ein Anrecht auf die (Arbeits-)Zeit anderer Menschen bzw. auf deren Ergebnisse dar – über je mehr Geld man verfügt, desto mehr Arbeitszeit anderer kann man sich aneignen.

Normalerweise sorgt die Konkurrenz der Warenproduzenten dafür, dass die Austauschverhältnisse ungefähr äquivalent sind – ich kann mir die Ergebnisse der Arbeitszeit anderer aneignen, aber sie eignen sich im Gegenzug die Ergebnisse von ebenso viel meiner Arbeitszeit an. Anders sieht es bei Lohnarbeit aus, wenn eine Firma Menschen nicht ihre Arbeitsergebnisse abkauft, sondern sie vielmehr „anstellt“ und direkt für sich arbeiten lässt. Die Firma muss ihren Angestellten zwar einen Lohn zahlen, der sie befähigt, ihre Arbeitskraft zu reproduzieren, d.h. morgen wieder zur Arbeit zu kommen und auch Kinder in die Welt zu setzen und zu ernähren. Der Wert der Waren, die sich die Arbeiterinnen von ihrem Lohn kaufen können, wird dabei aber regelmäßig unter dem Wert liegen, den sie für die Firma produzieren. Das muss auch so sein, denn ohne diese Differenz würde die Firma keinen Profit machen, aber der Profit bzw. die Hoffnung darauf ist die Triebkraft der kapitalistischen Produktion und der einzige Grund, warum die Firma überhaupt Angestellte einstellt.

(Für eine etwas ausführlichere Darstellung siehe den vorigen Artikel.)

Die Differenz zwischen dem Lohn und dem Wert der von den Angestellten produzierten Waren ist der Mehrwert bzw. Profit. Dieser landet bei den Kapitalgebern, kurz Kapitalisten genannt. Die Angestellten einer Firma arbeiten vielleicht 40 Stunden pro Woche, die Produktion der Waren, die sie sich von ihrem Wochenlohn kaufen können, erfordert jedoch nur 30 Stunden. Der Mehrwert beträgt dann zehn Stunden pro Angestellter und Woche, d.h. zwei Stunden pro Tag.

Dieser Mehrwert landet bei den Kapitalisten, die ihn ihrerseits in Waren umtauschen können, entweder für ihren privaten Konsum oder zur Akkumulation, d.h. zur Ausweitung der Produktion. Ziel aller kapitalistischen Produktion ist die Aneignung von Mehrwert, also von Anspruch auf die Arbeitszeit anderer Menschen.

Kapital ist alles Geld, was zur Akkumulation eingesetzt wird, also vermehrt werden soll. Sobald ich Geld in eine Firma investiere, wird es zu Kapital.

Produktiv vs. unproduktiv neu betrachtet

Auf Basis dieser Begriffsklärung können wir uns nun der von Marx vorgenommenen Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit zuwenden. Produktiv im Marx’schen Sinne ist nur Arbeit, die zur Kapitalvermehrung beiträgt. Was ich zuvor sagte, gilt also nach wie vor:

Arbeit, bei der kein Kapital verwertet wird, scheidet also als produktive aus. Das betrifft alle Arbeit für den Eigenbedarf, die eigene Familie oder Freunde ebenso wie ehrenamtliche Aktivitäten und private Hausangestellte.

Auch die Angestellten von Organisationen, die nicht gewinnorientiert arbeiten, also nicht Geld in mehr Geld verwandeln, sind aus diesem Grund nicht produktiv – Staatsangestellte ebenso wie Mitarbeiter in zwischenstaatlichen Organisationen und im Non-Profit-Sektor.

Was aber ist mit Menschen, die zwar bei Privatunternehmen angestellt sind, aber nicht zum Gebrauchswert der hergestellten Waren beitragen, wie etwa Verkäuferinnen, Wachschützer und Werbefachleute? Deren Arbeit hatte ich – in Anlehnung an Marx – für unproduktiv erklärt aufgrund der Tatsache, dass sie „den gesellschaftlichen Reichtum nicht vermehren“, also keinen Gebrauchswert schaffen.

Gemäß der obigen Analyse kann der Wert zwar dafür genutzt werden, sich Gebrauchswerte anzueignen, aber unmittelbar stellt er etwas anderes dar: Anspruch auf die Arbeitszeit anderer Menschen. Für diese Umverteilung von Arbeitszeit sind im Grunde jedoch nur zwei Faktoren interessant: die Anzahl der Angestellten, die von kapitalistischen Unternehmen beschäftigt werden, und die Mehrwertmenge, die pro Angestellter im Schnitt anfällt. Was genau sie tun – ob sie Gebrauchswerte herstellen, verkaufen, bewachen oder bewerben – ist hingegen gleichgültig, sofern ihre Arbeit nur gesellschaftlich nötig ist, d.h. solange die Konkurrenz nicht unter Einsatz von weniger Arbeit die gleichen Ergebnisse erzielen kann.

Nehmen wir (wie im vorigen Artikel) wieder eine Fischerei als Beispiel: Entspricht der Tageslohn jedes Fischers sechs Stunden Arbeit, während er acht Stunden arbeitet, dann landet der Anspruch auf die Ergebnisse von zwei Stunden Arbeit pro Tag und Angestelltem bei der Eigentümerin der Fischerei. Je mehr Angestellte sie beschäftigt, desto mehr Arbeitszeit anderer kann sie sich aneignen – vorausgesetzt natürlich, dass der gefangene Fisch auch verkauft werden kann und dass die Fischerei (mindestens) ebenso effizient arbeitet wie die Konkurrenz.

Nun braucht aber eine große Fischerei, will sie effizient arbeiten, neben den unmittelbaren Fischfängern auch noch anderes Personal. Sie muss sich um den Verkauf kümmern und dafür entweder selbst Verkäufer beschäftigen (Direktvertrieb) oder aber diese Aufgabe an andere, darauf spezialisierte Unternehmen auslagern (Groß- und Einzelhandel), denen sie dafür einen Teil des Gewinns abtreten muss.

Gemäß der Marx’schen Argumentation ist das Verkaufen nicht produktiv, da die Ware ja schon vorher existiert, sie wechselt lediglich den Besitzer. Andererseits ist unter kapitalistischen Verhältnissen das Verkaufen ein absolut notwendiger Bestandteil der Warenproduktion. Es ist notwendig, um den Kapitalverwertungsprozess G – W – G’ (Geld wird zu verkaufbarer Ware wird zu mehr Geld) abzuschließen. Scheitert der Verkauf, scheitert auch die Kapitalvermehrung. Bedenkt man dies, ist die Argumentation, dass die Ware ja schon vor dem Verkauf existiert, falsch bzw. irrelevant. Denn die noch nicht verkaufte Ware verdankt ihre Existenz bloß dem geplanten Verkauf – dieser mag zwar scheitern, ist aber immer Teil der Kalkulation! Die Arbeit der Verkäuferinnen ist daher unter kapitalistischen Umständen genauso notwendig wie die der direkten Produzentinnen (ob Fischer oder Fabrikarbeiter), somit ist sie auch als genauso wertbildend anzusehen.

Dasselbe gilt für die Arbeit etwa der Lohnbuchhaltung, die bei Marx ebenfalls nicht als wertproduktiv gilt, da sie nur Wertbeträge hin- und herschiebt, aber selbst keine Waren erzeugt. Doch basiert der Verwertungsprozess generell auf dem Verkauf von Waren, wozu auch die besondere Ware Arbeitskraft gehört. Ohne Lohn würden die Arbeiterinnen im Kapitalismus keinen Finger krumm machen, weshalb die Warenproduktion auch ein gewisses Maß an Lohnbuchhaltung erfordert. Die Vorstellung, dass diese unnötig ist, basiert wiederum auf dem Vergleich mit einer anderen (z.B. kommunistischen) Gesellschaft, wo Geld und Lohn vielleicht überflüssig wären. Doch ist nicht einzusehen, warum denkbare andere Gesellschaften für die Analyse des Kapitalismus in irgendeiner Weise relevant sein sollten – diese muss vielmehr voll und ganz von den spezifisch kapitalistischen Umständen ausgehen.

Oder etwa die Werbung, die es Unternehmen ermöglichen kann, größere Stückzahlen abzusetzen und damit vielleicht, aufgrund von Skaleneffekten, den Produktionsaufwand jedes Einzelstücks zu verringern. Wechseln wir das Beispiel und nehmen etwa an, dass in die Produktion eines Bettes je zweieinhalb Stunden Arbeit fließen (entweder direkt als „lebendige Arbeit“ oder indirekt als anteiliger Herstellungsaufwand für Produktionsmittel und Vorprodukte – beides wird hier zusammengezählt). Ein Unternehmen wie Ikea, das viel in Werbung investiert, kann deshalb sehr große Stückzahlen absetzen und sich somit effizientere Großtechnik leisten, mittels derer vielleicht nur noch zwei Stunden Arbeit pro Bett nötig sind. Dazu kommt aber noch die Arbeit der Werber (Kreative, Plakatedrucker und -kleber, Flyerverteiler etc.), die umgerechnet pro Bett vielleicht 15 Minuten beträgt.

Die Konkurrenz muss jetzt mitziehen und ähnlich effizient werden, sofern sie nicht auf der Strecke bleiben will. Die gesellschaftlich nötige Arbeit (= der Wert) ist also pro Bett von 2,5 Stunden auf 2,25 Stunden gefallen. Oder sollte der Wert eines Bettes noch weiter gefallen sein, auf nur 2 Stunden, da die Werbearbeit nicht wertbildend ist? Das ist nicht plausibel, da die Konkurrenz, um denselben Skaleneffekt zu erzielen, ja ebenfalls Werbung machen muss. Auch diese Arbeit ist also gesellschaftlich notwendig, denn ohne sie geht es im Kapitalismus nicht.

Alle Kapitalangestellten produzieren Mehrwert (außer sie sind zu teuer)

Diese Überlegung, dass alle für den Kapitalverwertungsprozess notwendigen Arbeiten auch wertproduktiv sind, also Wert und (unter normalen Umständen) Mehrwert produzieren, kann man auch anhand der Ergebnisse des Arbeitsprozesses durchspielen. Oben hatte ich gesagt, dass Geld (oder abstrakter: Wert) ein Anrecht auf die (Arbeits-)Zeit anderer Menschen bzw. auf deren Ergebnisse darstellt.

Vorgerechnet hatte ich das im letzten Artikel schon anhand der Arbeit eindeutig „produktiver“ Arbeiterinnen wie etwa Fischerinnen. Diese arbeiten etwa 40 Stunden pro Woche (acht pro Arbeitstag), doch von ihrem Wochenlohn können sie sich im Durchschnitt nur Waren kaufen, deren Herstellungsaufwand (= Wert) 30 Stunden (sechs pro Arbeitstag) beträgt. Jeder Fischer produziert pro Woche also zehn Stunden Mehrwert, der bei der Eigentümerin der Fischerei landet. Geht man (wiederum wie im letzten Artikel) davon aus, dass der Ertrag einer Stunde Arbeit im Schnitt für 10 Euro verkauft wird, kann man das Ganze auch in Geld umrechnen: Der in 40 Arbeitsstunden hergestellte Fisch wird für 400 € verkauft, wovon 300 € als Lohn an den Fischer gehen und 100 € als Gewinn bei der Kapitalistin verbleiben. Je mehr Fischer sie für sich arbeiten lässt, desto reicher wird die Kapitalistin also – immer vorausgesetzt, dass sie die produzierte Ware auch verkaufen kann.

Wie ist es nun mit den Verkäufern? Auch diese erhalten ja ihren Lohn. Sagen wir, sie werden so gut bezahlt wie die Fischer, ebenfalls 300 € pro Woche. Geht man nun davon aus, dass alle für die Produktion einer Ware notwendigen Arbeiten wertproduktiv sind, heißt das, dass die Verkäufer ebenfalls 400 € Wert pro Woche produzieren, sprich auch sie erzeugen 100 € Mehrwert für die Kapitalisten.

Von ihren 300 € Wochenlohn können sich die verschiedenen Lohnarbeiterinnen jeweils Waren im Wert von 30 Arbeitsstunden kaufen – wobei diese 30 Arbeitsstunden alle gesellschaftliche notwendigen Tätigkeiten umfassen, neben der direkten Herstellung also auch den Verkauf, Lohnbuchhaltung, Werbung etc. Ist dem so, dann werden die Kapitalisten aufgrund jeder zusätzlich eingestellten Lohnarbeiterin reicher, weil jede Mehrwert produziert. Jede arbeitet pro Woche zehn Stunden länger, als zur Reproduktion ihrer eigenen Lebensweise unter kapitalistischen Umständen nötig wäre. Diese zehn Stunden landen als Geld – als Anspruch auf die Arbeitszeit anderer Menschen – bei den Kapitalisten.

Vorausgesetzt wird dabei lediglich, dass die Lohnarbeiter (auf welche Weise auch immer) ihren Teil zur Produktion von Waren leisten, die sich als verkaufbar erweisen. Und dass das Unternehmen auf dem Stand der Technik produziert und sich keine (oder nur wenige) Ineffizienzen leistet. Verkauft ein Supermarkt mit 40 Verkäuferinnen etwa nur so viele Waren wie andere mit 20, dann ist die halbe Arbeitszeit der Verkäuferinnen gesellschaftlich unnötig gewesen. Sie haben also jeweils nur Wert im Umfang von 20 Stunden pro Woche produziert, weniger als die 30 Arbeitsstunden, deren Wert sie als Lohn erhalten haben (sofern sie so gut bezahlt werden wie alle anderen auch). Ihre Arbeit war für die verantwortlichen Kapitalisten ein Verlustgeschäft.

Generell müssen die Kapitalistinnen also bei der Ausweitung der Produktion auf die Verkaufbarkeit der hergestellten Waren achten und darauf, dass sie niemand für unnötige Arbeit bezahlen. In vielen Fällen wird das heißen, dass zusätzliche Arbeitskräfte aller relevanten Berufe angeheuert werden müssen – mehr Fischerinnen, Buchhalter, Werberinnen etc. In anderen Fällen können Skaleneffekte dazu führen, dass in bestimmten Bereichen Arbeit eingespart und in anderen ausgeweitet wird. Aber wenn die Verhältnisse passen, also die zusätzlich eingestellten Arbeitskräfte auch zur Produktion weiterer verkaufbarer Waren führen, sind diese Arbeitskräfte generell als wertproduktiv anzusehen, ganz egal woraus ihr konkreter Beitrag zum Produktions- und Verwertungsprozess besteht.

Die Marx’sche Unterscheidung, wonach bestimmte für den Verwertungsprozess eindeutig notwendige Tätigkeiten dennoch nicht wertproduktiv sind, hat sich somit als Irrtum erwiesen.

Zur Vermeidung von Missverständnissen

Gemäß dieser Argumentation sind alle zum erfolgreichen Verwertungsprozess nötigen Arbeiten als produktiv anzusehen, ganz gleich ob sie unmittelbar zur Entstehung von Gebrauchswerten beitragen oder nicht. Die Angestellten eines Supermarktes produzieren zwar keine Gebrauchswerte, sondern veräußern diese bloß. Mittelbar tragen sie unter kapitalistischen Verhältnissen aber auch zur Entstehung dieser Gebrauchswerte bei, denn ohne die Möglichkeit der Veräußerung würde die Produktion gar nicht erst anlaufen. Nicht mehr plausibel erscheint mir deshalb auch die in meiner ursprünglichen Artikelreihe geäußerte Argumentation, dass der „Händewechsel“, in dem Ware und im Gegenzug Geld die Eigentümerinnen wechseln, als unproduktiv aufzufassen sei.

Gebrauchswertmäßig stimmt es natürlich, dass beim „Händewechsel“ nur vorhandene Gebrauchswerte getauscht, aber keine neuen erschaffen werden. Doch wertmäßig ist zumindest ein einmaliger Händewechsel notwendiger Bestandteil des Verwertungsprozesses und von diesem nicht zu trennen. Es gibt eine ganze Reihe von Aktivitäten, die für die dauerhafte Durchführung des Produktions- und Verwertungsprozesses nötig sind, aber nicht unmittelbar zur Herstellung der zu verkaufenden Ware beitragen: die regelmäßige Reinigung der Fabrik, der Transport der Ware von der Fabrik zur Verkaufsstätte oder direkt zum Kunden, der Verkauf im Laden oder Online-Shop.

Nach meiner früheren Argumentation hatte ich Reinigung und Transport als produktiv angesehen (weil sie unabhängig von Verwertungsprozess auch für den physischen Produktionsprozess nötig sind), den Verkauf jedoch nicht (weil er nur den „Händewechsel“ vollzieht bzw. nur für den Verwertungsprozess nötig, also Kapitalismus-spezifisch ist). In dieser Unterscheidung schimmert aber wieder der Vergleich mit einer nichtkapitalistischen Alternativgesellschaft durch. Verzichtet man auf einen solchen gedanklichen Vergleich, scheint mir der postulierte Sonderstatus des „Händewechsels“ nicht mehr plausibel, da Verwertungsprozess und physischer Produktionsprozess im Kapitalismus nun mal zusammenfallen und der eine ohne den anderen nicht zu haben ist.

Das bedeutet natürlich nicht, dass man mehr Wert schaffen kann, indem man die Ware fünfmal weiterverkauft, also zusätzliche Händewechsel einführt. Genauso wenig, wie man mehr Wert schaffen kann, indem man die Waren dreimal um die Welt schickt statt sie auf direktem Wege von der Produktionsstätte zum Zielort zu befördern. Für diese Arbeiten gilt vielmehr dasselbe wie für alle anderen: Wertproduktiv sind sie nur, soweit sie gesellschaftlich nötig sind. Alle aufgrund versehentlicher oder auch beabsichtigter Ineffizienzen darüber hinaus geleistete Arbeit schafft nur zusätzliche Kosten, aber keinen zusätzlichen Wert.

Ganz unabdingbar ist aber zumindest ein einmaliger Händewechsel, vom Produzenten zum Kunden, denn dieser ist in der Bewegung G – W – G’ direkt erkennbar. In vielen Fällen gibt es heute stattdessen zwei oder drei Händewechsel, bevor die Waren beim Endkunden, für den sie tatsächlich einen Gebrauchswert darstellt, angekommen ist – weil noch Einzelhandel und ggf. Großhandel dazwischen geschaltet sind. Hier gilt, was im Kapitalismus generell gilt: Produktiv ist die anfallende Arbeit nur im gesellschaftlich notwendigen Umfang, d.h. nur solange die Konkurrenz nicht mit weniger Arbeit dieselben Resultate erzielen kann.

Groß- und Einzelhandel werden sich also nur unter zwei Umständen gegen das Alternativmodell des Direktvertriebs (bloß einmaliger Händewechsel) durchsetzen: Wenn sie entweder die für den Warenverkauf notwendige Arbeit unterm Strich reduzieren oder den Gebrauchswert erhöhen. Und zum Gebrauchswert gehört auch, dass die Ware dort ist, wo die Kundin sie gebrauchen kann, oder jedenfalls in gut erreichbarer Nähe.

Das dürfte der wichtigste Vorteil des Einzelhandels gewesen sein: Für praktisch jede Firma dürfte es sehr viel günstiger sein, alle Supermärkte eines Landes zu beliefern, als ein vergleichbar dichtes Netz an eigenen Verkaufsstellen aufzubauen. Letzteres würde viel unnötige Arbeit erfordern, weil die eigenen Verkaufsstellen sehr viel weniger Kundenverkehr erreichen würden als die Supermärkte (die ja noch viele andere Waren verkaufen) und sich die Verkäuferinnen deshalb relativ oft nur langweilen würden. Während die Alternative, auf ein dichtes Netz an Verkaufsstellen zu verzichten und nur ein Factory-Outlet oder einige wenige Verkaufsstellen in Großstädten zu betreiben, zwar die Kosten senken würde, jedoch auch den Gebrauchswert der angebotenen Waren.

Durch den Internethandel hat sich das allerdings geändert, wodurch der traditionelle Einzel- und Großhandel zunehmend unter Druck gerät, weil er nicht mehr die kostengünstigste (= arbeitssparendste) Variante ist, die Ware auf komfortable Weise an die Kundin zu bringen.

Auch Werbung ist nur insofern produktiv, als sie gesellschaftlich nötig ist. Oben hatte ich argumentiert, dass sie dazu führen kann, dass das werbende Unternehmen mehr Produkte verkauft und aufgrund von Skaleneffekten die pro Einzelstück aufzuwendende Arbeit insgesamt sinkt – und zwar auch dann, wenn man die Werbearbeit mitrechnet. In diesem Fall ist Werbung ein Mittel zur Produktivkraftsteigerung.

Schwieriger wird es für das Unternehmen, wenn es keine Skaleneffekte gibt, die Werbearbeit das Produkt also verteuert (oder, bei gleichbleibendem Preis, den Profit reduziert). Hat die Kundin die Wahl zwischen zwei ihr als gleichwertig erscheinenden Produkten, wird sie im Regelfall wohl das billigere nehmen, nicht das besser beworbene. In diesem Falle wäre die Werbung also nur rausgeschmissenes Geld und hätte keinen Wert gebildet.

Anders sieht es aus, wenn es der Firma gelingt, durch Werbung den „gefühlten Gebrauchswert“ ihres Produkts zu steigern – so konkurrieren im Kapitalismus billige No-Name-Produkte gegen teurere, aber nicht unbedingt hochwertigere Markenartikel. Die Hersteller der letzteren setzen auf Werbung, um ihr Produkt als qualitativ besser, verlässlicher, cooler oder sexyer als Konkurrenzprodukte erscheinen zu lassen. Objektiv messbar mag da nichts dran sein, doch der „gefühlte Gebrauchswert“ wird gesteigert, weshalb die Kundschaft höhere Preise akzeptiert. Werbung ist also unter zwei Bedingungen wertproduktiv: Wenn sie dank Skaleneffekten den Herstellungsaufwand senkt, oder wenn sie den gefühlten Gebrauchswert erhöht.

Auch die bloße Kenntnis eines Namens kann unbewusst zum „gefühlten Gebrauchswert“ beitragen – hat die Kundin die Wahl zwischen zwei gleich teuren und ihr als gleich gut erscheinenden Produkten, wird sie sich vermutlich für dasjenige entscheiden, dessen Markennamen sie kennt. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass Bekanntheit unbewusst als Zeichen für Verlässlichkeit interpretiert wird. Ein Produkt, dessen Namen man schon einmal gehört hat, ohne damit Schlechtes zu assoziieren, wird einem als vertrauenerweckender und tendenziell besser erscheinen als eins, das einem völlig unbekannt ist.

Das kann für Unternehmen zu einem Werbezwang führen: Macht Unternehmen A Werbung, muss Konkurrenzunternehmen B entweder den Preis senken oder ebenfalls Werbung machen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Machen beide Werbung, können beide vielleicht ihren Marktanteil halten – unterm Strich hat sich also nichts verändert, außer dass nun beide Geld für Werbung ausgeben müssen. Ist diese objektiv unnötige, aber unter kapitalistischen Umständen trotzdem erforderliche Werbearbeit wertbildend oder vielmehr nur „Abzug vom Mehrwert“?

Ich würde sagen, dass auch sie wertbildend ist. Früher oder später werden beide Unternehmen ihre Preise erhöhen, um die eigenen Gewinne wieder der gesellschaftlich üblichen Profitrate anzupassen – andernfalls drohte der Abgang der Kapitalgeber (z.B. Aktionäre), die ihr Geld dann lieber in profitablere Firmen stecken würden. Dies deutet darauf hin, dass der Wert der Produkte gestiegen ist, was (aufgrund von Konkurrenzmechanismen allerdings erst mit Verzögerung) auch zu steigenden Preisen führt. Zugleich ist durch die Werbung aber auch der „gefühlte Gebrauchswert“ der Produkte gestiegen, weil sie den Kunden nun bekannt sind.

Ein drittes Unternehmen könnte hingegen auf eine andere Strategie setzen – es könnte auf Werbung verzichten und No-Name-Produkte zum ursprünglichen Preis, also nun billiger als die Konkurrenz, auf den Markt werfen. Aufgrund des Preisvorteils kann auch diese Strategie erfolgreich sein. Dank des Werbeverzichts haben seine Produkte einen geringeren Wert, aber auch einen geringeren „gefühlten Gebrauchswert“ als die der „bekannten“ Konkurrenz.

Fazit

Sollte diese Analyse stimmen, dann dürfte sich auch die Krisis/Exit-Argumentation einer „schrumpfenden Wertmasse“, der ich im Artikel Geht dem Kapitalismus die Arbeit aus? zumindest relativ zur Entwicklung der Weltbevölkerung zugestimmt hatte, als unhaltbar erweisen. Denn für sie ist die vermeintliche Unproduktivität bestimmter kapitalistisch organisierter Sektoren wie Handel, Werbung und Finanzdienstleistungen essenziell. Geht man aber davon aus, dass alle Kapitalangestellten, egal aus welcher Branche, im Regelfall auch Mehrwert erwirtschaften (nur vorausgesetzt, dass die sie beschäftigende Firma effizient und erfolgreich produziert), kann von einem „Ende der Arbeit“ bzw. auch nur einem Schrumpfen der wertproduktiven Arbeitsmenge wohl keine Rede sein.

Meinungen?

(Ich danke Martin Siefkes und Holger Weiß für ihr Feedback zu einem Entwurf dieses Artikels.)

From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Lastenräder als Commons

Beim ersten bundesweiten Forum Freie Lastenräder am 20.6.2015 in Köln habe ich einen Vortrag zum Zusammenhang von Lastenrädern und Commons gehalten. Hier die Folien (PDF, ODP[folgt]). Die Audiodateien des Mitschnitts liegen im OGG– und MP3-Format vor.

 

Weitere Infos zur Dokumentation des Treffens findet ihr im Lastenrad-Wiki auf der Seite zum Forum Freie Lastenräder.

From: keimform.deBy: Stefan MeretzComments

Wert und produktive Arbeit

Fischmarkt in Washington, D.C. (Foto von Bien Stephenson, CC-BY, URL: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Wash_fish_market.jpg – zum Vergrößern klicken)[Update: siehe Produktive Arbeit auf dem Prüfstand]

Zu meinen Artikeln zur Verwertungskrise (1, 2) habe ich Feedback und Kritik erhalten. Ein besonders umstrittener Punkt, zu dem es Zustimmung, aber auch sowohl grundsätzliche wie Detail-Kritik gab, war die Abgrenzung der „produktiven Arbeit“, die zur Kapitalverwertung beiträgt, von anderer Arbeit, die zwar auch eindeutig für die Verwertung notwendig ist, aber gemäß der Marx’schen Konzeption nicht als produktiv gilt.

Die radikalste Kritik kam dabei von einem Kommentator namens ricardo (z.B. 1, 2), der den Unterschied zwischen produktiver und notwendiger Arbeit komplett bestreitet – er betrachtet alle vom Kapital bezahlte und für die Kapitalverwertung notwendige Arbeit als produktiv. Da ich früher selbst mit dieser Konzeption geliebäugelt habe, hat mich das veranlasst, den Unterschied zwischen „produktiv“ und „notwendig für die Kapitalverwertung“ nochmal kritisch zu prüfen. Im Ergebnis bin ich zu dem Schluss gekommen, dass dieser von Marx gemachte Unterschied zu Recht besteht und will im Folgenden darlegen, warum.

Marx argumentiert, dass es keinen Wert ohne Gebrauchswert gibt (niemand kauft eine Ware, die sie für „unbrauchbar“ hält) und dass deshalb Arbeit, die nicht zur Produktion von Gebrauchswerten beiträgt, auch nicht wertproduktiv sein könne. Das betrifft insbesondere den Handel, in dem bereits existierende Waren lediglich den Besitzer wechseln, ohne dass sich ihr Gebrauchswert dadurch ändert. Oder Dinge wie Buchhaltung und Geldmanagement, die lediglich schon vorhandene Wert- bzw. Gebrauchswertmengen erfassen und verwalten, ohne ihnen selbst etwas hinzuzufügen.

Das Jäger-Fischer-Beispiel

Wolfram Pfreundschuh hat den Kern von Marx’ Argumentation durch ein Zitat aus dessen Grundrissen von 1857/58 verdeutlicht:

Denkt man sich 2 Arbeiter, die austauschen; einen Fischer und einen Jäger; so würde die Zeit, die beide im Austausch verlieren, weder Fische noch Wild schaffen, sondern wäre ein Abzug an der Zeit, worin beide Werte schaffen, der eine fischen, der andere jagen kann, ihre Arbeitszeit vergegenständlichen in einem Gebrauchswert. Wollte der Fischer sich für diesen Verlust an dem Jäger entschädigen; mehr Wild verlangen oder weniger Fische geben, so dieser dasselbe Recht. Der Verlust wäre für sie gemeinsam. Diese Zirkulationskosten, Austauschkosten, könnten nur als Abzug der Gesamtproduktion und Wertschöpfung der beiden erscheinen. […] (MEW 42: 532f)

Wirklich nachvollziehbar wird das an diesem Beispiel, das statt vom Kapitalismus von einer fiktiven Gesellschaft „einfacher Warenproduzentinnen“ ausgeht, meiner Ansicht nach nicht. Denn Kapitalverwertung setzt Kapital voraus, und das existiert in dem Beispiel gar nicht! Dennoch kann es nützlich sein, dieses einfache Beispiel als Ausgangspunkt zu nehmen und von da Schritt für Schritt zu einer realistischeren Darstellung kapitalistischer Verhältnisse zu kommen.

Starten wir also mit einer vorgestellten Gesellschaft nichtkapitalistischer Produzenten, die mittels ihrer eigenen Arbeitskraft Waren herstellen, die sie sich gegenseitig verkaufen. Dabei muss man sich klar machen, dass eine solche Gesellschaft reine Fiktion ist, historisch gab es sie nie (vgl. Rakowitz 2003). Für Gedankenexperimente kann sie dennoch nützlich sein.

Es gibt in unserem Gedankenexperiment also Jäger und Fischer (oder, allgemeiner gesagt, Herstellerinnen verschiedener Warenarten), die sich gegenseitig ihre Beute (die hergestellten Waren) verkaufen. Nun nimmt man mit Marx an, dass diese Gesellschaft so funktioniert, wie der Kapitalismus dies gemäß seinen Selbstverständnis zumindest in seinen besseren Momenten tut, nämlich in perfekter Konkurrenz. Alle sind also in ihrer Berufswahl frei und können selbst den verlangten Preis der von ihnen hergestellten Waren festlegen. Dies würde dazu führen, dass sich im Schnitt Äquivalente austauschen, d.h. der Ertrag einer Stunde Jagdaufwand gegen den Ertrag einer Stunde Angleraufwand ausgetauscht wird.

Dies gilt jedenfalls dann, wenn die Menschen keinen besonderen Grund haben, die eine Tätigkeit der anderen vorzuziehen. Dann wird ein ungleiches Verhältnis – eine Stunde jagen gegen anderthalb Stunden fischen – dazu führen, dass neue Berufseinsteiger aus Bequemlichkeit lieber Jäger werden, auch wenn sie aufgrund der wachsenden Konkurrenz anderer Jäger mit dem Preis heruntergehen und z.B. den Ertrag von 80 statt 90 Minuten Fischerei als Gegenwert für eine ihrer Stunden akzeptieren müssen. Diese Präferenzentscheidungen werden sich solange fortsetzen, bis die Ungleichheit verschwunden ist und sich Stunde gegen Stunde austauscht.

Dieser „gleichmacherische“ Effekt der Konkurrenz ist die Grundlage dessen, was Marx den „Wert“ nennt – bei perfekter Konkurrenz wird der Ertrag einer Arbeitsstunde im Wesentlichen so viel „wert“ sein wie der Ertrag jeder anderen Arbeitsstunde, sofern sie sich auf dem Stand der Technik bewegt. (Wer jedoch statt mit Gewehr noch mit Pfeil und Bogen auf Jagd geht und deshalb weniger Wild erbeutet, wird sich mit einem geringeren Stundensatz zufriedengeben müssen, da den Käuferinnen die Details seiner Ausstattung reichlich egal sind.)

In dieser fiktiven Gesellschaft gibt es allerdings überhaupt keine Kapitalisten, die Geld in mehr Geld verwandeln könnten. Es gibt keinen systematischen Profit, sondern eventuellen Gewinnen des einen stehen zwangsläufig ebenso hohe Verluste der anderen gegenüber – immer dann, wenn es zu Abweichungen vom Äquivalenzprinzip kommt. Schafft es eine Fischerin, den in sechs Stunden gemachten Fang gegen die Jagdbeute von sieben Stunden einzutauschen, hat sie einen Gewinn im Umfang einer Arbeitsstunde gemacht, dem jedoch ein ebenso hoher Verlust aufseiten des Jägers entgegensteht. (Sie hat den Ertrag einer Stunde erhalten, ohne etwas dafür tun zu müssen, er hat eine Stunde umsonst gearbeitet.)

Vorstellbar ist, dass es in der fiktiven Gesellschaft schon Geld gibt und der Ertrag einer Stunde Arbeit im Schnitt für z.B. 10 Euro verkauft wird (oder auch mehr oder weniger, das spielt keine Rolle, aber ein bestimmtes Äquivalenzverhältnis zwischen Währungseinheit und Arbeitsstunden wird sich zwangsläufig herausbilden). Dann hätte die Fischerin 10 € Gewinn gemacht, der Jäger 10 € Verlust. Da jede Markttransaktion ein Nullsummenspiel ist, ist die gesamtgesellschaftliche „Profitrate“ (sofern man von einer solchen reden will) zwangsläufig 0.

Da die Marktkonkurrenz dafür sorgt, dass im Schnitt Äquivalente ausgetauscht werden, spielt es eigentlich keine Rolle, ob die geleistete Arbeit von Marx als „produktiv“ oder „unproduktiv“ eingestuft wird. Vielleicht müssen die Jäger und Fischer jeweils nach sechs Stunden Tagewerk noch eine Stunde auf dem Markt sitzen, bis sie die Beute verkauft haben. Oder sie müssen eine halbe Stunde Verkaufsarbeit leisten und eine weitere halbe Stunde ebenfalls unproduktive Buchhaltung, denn die Bürokratie schläft ja auch in fiktiven Gesellschaften nicht. Auch dann würden weiterhin im Schnitt Äquivalente gegeneinander getauscht, nur braucht es jetzt eben sieben Stunden Arbeitseinsatz, von denen nur sechs Stunden Jagen bzw. Fischen sind – der Rest ist „Overhead“.

Dass eine analytische Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit sinnvoll ist, lässt sich an diesem zu einfach gestrickten Beispiel meiner Ansicht nach nicht zeigen. Das ändert sich allerdings, wenn die Kapitalistinnen ins Spiel kommen.

Die Kapitalisten kommen ins Spiel

Lassen wir also die fiktive Welt der „einfachen Warenproduzentinnen“ hinter uns und nähern uns zumindest ein Stückchen weiter an die komplexe kapitalistische Realität an. Statt dass sich jeder Fischer und jeder Jäger als selbständige „Ich-AG“ betätigt, gibt es nun Kapitalisten, die die Fischer- und Jägerinnen als Lohnarbeiterinnen anstellen. Die Kapitalisten kaufen und bezahlen auch die benötigen Produktionsmittel, z.B. Fischerboote und Netze, Jagdgewehre und Munition. Diese Produktionsmittel kosten Geld und schmälern damit den Profit der Kapitalistinnen, doch der Einfachheit halber können wir für unsere Modellrechnungen davon absehen und unterstellen, sie wären in der Lage, sich die Produktionsmittel umsonst anzueignen.

Anders als bei der „einfachen Warenproduktion“ gibt es in dieser Gesellschaft Profit als systematische und nicht bloß zufällige Kategorie. Dies ergibt sich daraus, dass die Kapitalisten den Lohnarbeiterinnen deren Arbeitskraft abkaufen und nicht deren Erträge. Als Gegenwert für die Arbeitskraft zahlen sie so viel, wie zur Reproduktion der Arbeitskraft nötig ist – also mindestens so viel, um sicherzustellen, dass die Arbeiterin nicht verhungert oder erfriert. Außerdem muss sie zumindest noch ein bis zwei Kinder mitversorgen können, sonst wäre die Arbeiterschaft nach einer Generation ausgestorben – zum Bedauern der Kapitalisten, die damit um ihren Profit gebracht würden. Gegebenenfalls kriegt die Arbeiterin auch noch mehr Gegenwert für ihre Arbeitskraft, womöglich sogar genug, um sich ein kleines Häuschen, ein Auto, eine Rente und gelegentliche Urlaubsreisen leisten zu können. Ob und wie viel sie über die bloße Überlebenssicherung hinaus kriegt, lässt sich nicht pauschal sagen, sondern ist Ergebnis sozialer Kämpfe.

Sicher ist aber, dass die Reproduktion des Arbeitslohns weniger Arbeitszeit erfordert als der Arbeiter als Gegenleistung abliefern muss. Denn nur dann macht die Kapitalistin Profit, und eine Kapitalistin, die keine Profite erwartet, wird erst gar keine Arbeiter einstellen. In Abwandlung des obigen Beispiels können wir etwa annehmen, das sich jede Arbeiterin für ihren Tageslohn den Ertrag von sechs Stunden Jagen oder Fischen kaufen kann. Gearbeitet wird aber, wie im modernen Kapitalismus üblich, acht Stunden pro Tag. Der Ertrag der restlichen zwei Stunden verbleibt als Mehrwert bzw. Profit bei der Kapitalistin, die sich davon selbst Fische, Wild oder was immer sonst der Markt hergibt kaufen kann – je mehr Arbeiter sie beschäftigt, desto mehr.

Hat sie zehn Fischer angestellt, erhält sie täglich das Äquivalent von 20 Arbeitsstunden als Mehrwert. In Geld betrachtet, wenn man wiederum den „Wechselkurs“ von 10 € = 1 Arbeitsstunde ansetzt, muss sie jedem Arbeiter einen Tageslohn von 60 € auszahlen (insgesamt 600 €/Tag), verdient aber 800 € am Verkauf der im Lauf des Tages gefangenen Fische. Ihr Tagesgewinn beträgt somit 800–600 = 200 €, ihre Profitrate 200/600 = 33,3 Prozent. (Letzteres natürlich nur unter der vereinfachenden Annahme, dass die Produktionsmittel sie nichts kosten – in Wirklichkeit ist das anders, was die Profitrate senkt.)

Sie kann diesen Profit von täglich 200 € selbst in Konsumgüter umsetzen und verzehren, sie kann aber auch einen Teil davon „akkumulieren“, d.h. zur Ausweitung der Produktion nutzen, indem sie weitere Arbeiter anstellt und die für deren Arbeitsalltag nötigen Produktionsmittel kauft. In der Regel wird sie letzteres machen und einen Teils des gemachten Gewinnes neu investieren – allein schon, weil ihr das private „Aufessen“ des gesamten Gewinns wahrscheinlich irgendwann schlicht zu viel wird.

Wenden wir uns wieder der unproduktiven Arbeit zu: Irgendwann hat die Kapitalistin keine Lust mehr, sich selbst täglich auf den Markt zu setzen und den Fang zu verkaufen, deshalb stellt sie einen Verkäufer an, der das übernimmt. Außerdem muss sie noch eine Buchhalterin anstellen, weil sie langsam die Übersicht darüber verliert, welchen ihrer Arbeiter sie noch wie viel Lohn schuldet, und weil der Staat sich beschwert, dass sie keine Abrechnungen vorlegen kann. Die beiden produzieren keinen Fisch, beharren aber ebenfalls auf dem üblichen Tageslohn von 60 €, von dem sie sich die zum Überleben nötigen Konsumgüter kaufen (zumindest Fisch und Wild, aber vermutlich gibt es ja noch andere Warenarten).

Die Fischerei erzeugt (da keine produktiven Arbeiterinnen hinzugekommen sind), weiterhin Fische im Wert von 800 € pro Tag, doch die Lohnkosten für die insgesamt 12 Arbeiter sind auf 12×60 = 720 € gestiegen. Die Kapitalistin macht somit nur noch 80 € Gewinn, ihre Profitrate fällt auf 80/720 = 11,1 Prozent. Stofflich ausgedrückt, landete zuvor ein Viertel der produzierten Waren als Mehrwert bei der Kapitalistin (die sie selbst verzehren oder zur Akkumulation einsetzen konnte). Nun sind es nur noch 10 Prozent, da die zusätzlichen Arbeiterinnen ja auch von etwas leben müssen und den Rest verzehren.

Nur falsch gerechnet?

Nun mag man einwenden, dass das Beispiel falsch gerechnet ist. Aus der plausiblen Annahme, dass der Fischereibetrieb nicht weniger effektiv ist als die Konkurrenz, kann man schließen, dass alle anderen Betriebe auf einen ähnlichen Overhead an unproduktiver Arbeit kommen. Kann man diesen Overhead von 20 Prozent zusätzlicher Arbeit also nicht einfach auf den Verkaufspreis der Waren aufschlagen? Dann geht der (stofflich unveränderte) Tagesertrag der Fischerei für 960 € statt für 800 € über den Tresen.

Leider rettet das die Profitrate der Kapitalistin nicht, da es eine rein nominelle Änderung wäre. Ein Euro entspricht jetzt weniger Fisch, es gab also Inflation. Doch die Arbeiter sind ja nicht bedürfnisloser geworden – wenn sie zuvor den Ertrag von sechs Stunden Arbeit einer Fischer- oder Jägerin als Tageslohn verlangt und bekommen haben, werden sie das auch weiterhin tun. Da sich dieser Ertrag aber durch die Preisanpassung um 20 Prozent verteuert hat, muss auch ihr Lohn um 20 Prozent steigen, damit sie ihn sich weiterhin leisten können. Jeder Arbeiter erhält nun also 72 € Lohn, die täglichen Lohnkosten der Fischerei steigen auf 12×72 = 864 €. Als Gewinn bleiben also nur 96 €, die Profitrate liegt unverändert bei 96/864 = 11,1 Prozent. Das Geld ist nun weniger wert, doch stofflich geändert hat sich durch diese andere Rechenart gar nichts.

Die Konsequenzen unproduktiver Arbeit

Unproduktive Kapitalangestellte tragen also nicht zur Kapitalverwertung bei, da sie die von den Kapitalisten erwerbbaren Gebrauchswerte nicht vermehren. Nominell zirkuliert vielleicht mehr Geld, aber die Menge der hergestellten Güter vermehrt sich nicht, weshalb sich die Kapitalisten von ihrem Gewinn nicht mehr kaufen können also zuvor.

Andererseits beziehen die unproduktiven Kapitalangestellten auch Lohn, für den sie sich Konsumgüter kaufen. Diese zusätzlichen Löhne gehen ab von der Summe, die andernfalls als Mehrwert/Profit bei den Kapitalisten bliebe, und reduzieren sie dadurch. Das gilt finanziell (die als Profit verfügbare Geldmenge schrumpft) ebenso wie stofflich (die vom Profit käufliche Warenmenge schrumpft). Auf den Punkt, dass unproduktive Arbeit gegebenenfalls von den Kapitalerträgen abgezogen werden muss und eine Zunahme der unproduktiven beim Gleichbleiben der produktiven Arbeit die Kapitalverwertung ausbremst, hatte Peter Samol schon hingewiesen. Das gilt jedenfalls für die unproduktiven Kapitalangestellten, also die unproduktiven Arbeiter, die direkt bei einem kapitalistischen Unternehmen angestellt sind und von diesem bezahlt werden, ob als Verkäuferinnen, Buchhalter, Wachschützerinnen, Werber o.a. Diese erhöhen die Lohnquote, nicht aber die Produktenmenge, und senken damit den Profit.

Dass dies in keinster Weise die „Schuld“ der unproduktiven Kapitalangestellten ist und dass diese für die Kapitalverwertung ebenso nötig sind wie alle anderen Kapitalangestellten, ist aber klar und wird durch diese Überlegungen nicht in Frage gestellt. Im Gegenteil, wäre die von Verkäuferinnen und Buchhaltern geleistete Arbeit unnötig, würde sie schnell aus dem Verwertungsprozess verschwinden, dafür sorgt die Konkurrenz. Ein Stück weit passiert das ja auch, wenn etwa Verkäufer durch Online-Shops und Buchhalterinnen durch Finanzsoftware ersetzt werden. Doch diese Rationalisierungstendenzen, die das Kapital immer und überall anhalten, seine Kosten durch zunehmende Automatisierung möglichst weit abzusenken, gibt es auch bei allen anderen Tätigkeiten, ganz egal ob sie produktiv oder unproduktiv sind.

Die unproduktiven Kapitalangestellten sind also für den Verwertungsprozess genauso nötig wie alle anderen Angestellten. Gleichzeitig bremsen sie diesen Prozess jedoch aus, indem sie Gebrauchswerte konsumieren, nicht aber produzieren und so die Gebrauchswertmenge, die sich die Kapitalistinnen als Mehrwert aneignen können, reduzieren.

Wie unterschiedlich sich produktive und unproduktive Arbeit im Verwertungsprozess auswirken, merkt man auch, wenn sich ihr Umfang unabhängig voneinander verändert. Nehmen wir an, der Fischereibetrieb war so erfolgreich, dass er die Anzahl der beschäftigten Fischer von zehn auf 20 verdoppelt kann. Der Tagesertrag verdoppelt sich ebenfalls, da diese Fischer nun insgesamt 160 Arbeitsstunden pro Tag beschäftigt sind.

Durch geschicktes Management gelingt es der Firma, weiterhin mit einem Verkäufer und einer Buchhalterin auszukommen. Die nun insgesamt 22 Angestellten konsumieren pro Arbeitstag den Ertrag von 22×6 = 132 Std. produktiver Arbeit. Der restliche Ertrag im Umfang von 28 Arbeitsstunden geht als Mehrwert an die Kapitalistin. Wiederum in Geld umgerechnet, zahlt sie 1320 € Lohnkosten und macht 280 € Gewinn, ihre Profitrate steigt also von 11,1 auf 21,2 Prozent.

Berechnen wir nun den umgekehrten Fall: Die Zahl der produktiven Angestellten bleibt bei zehn, die der unproduktiven wird von zwei auf vier verdoppelt. Das könnte etwa nötig sein, wenn aufgrund steigender bürokratischer Anforderungen ein zusätzlicher Buchhalter gebraucht wird und wenn zudem eine Werbefachfrau ins Team geholt wird, um mit den stark gestiegenen Marketinganstrengungen der Konkurrenz mithalten zu können. Alternativ wäre es denkbar, dass die Anzahl der Diebstähle und Raubüberfälle in der Gegend zugenommen hat und die Fischerei deshalb zwei Wachschützer einstellen muss, um das Lager und den Verkaufsstand zu bewachen.

Der Tagesertrag an Fischen entspricht weiterhin dem, was in 80 Arbeitsstunden eben gefangen werden kann. Doch – oh Schreck! – die nun 14 Angestellten konsumieren pro Arbeitstag den Ertrag von 14×6 = 84 Std. produktiver Arbeit. Nicht nur, dass die Kapitalistin verhungern müsste, wenn sie das länger mitmacht, da für sie schlichtweg keine Fische übrig bleiben – sie müsste außerdem pro Tag noch den Ertrag von 4 Std. Arbeit bzw. 40 € aus ihren (hoffentlich vorhandenen) Reserven zuschießen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Dass sie das lange mitmachen würde, ist zweifelhaft, aber spätestens, wenn ihre Reserven aufgebraucht wären, wäre definitiv Schluss.

Der Unterschied zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit existiert also nicht nur auf dem Papier bzw. in den Theorien von Marx – er ist sehr real.

[Update: siehe Produktive Arbeit auf dem Prüfstand]

Literatur

  • Marx, Karl und Friedrich Engels (1956–1990): Werke. 43 Bände. Berlin: Dietz. Abgekürzt als MEW <Bandnummer>.
  • Rakowitz, Nadja (2003): Einfache Warenproduktion. Ideal und Ideologie. Freiburg: ça ira.
From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Was muss sich ändern, damit alles anders werden kann?

Gemälde von Wenzel Hablik: Große bunte utopische Bauten (gemeinfrei, URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Wenzel_Hablik_Gro%C3%9Fe_bunte_utopische_Bauten.jpg )Die Kritik am Kapitalismus kann an vielen Punkten ansetzen. Einige wesentliche Aspekte habe ich in Der alte Marx und die Probleme des Kapitalismus zusammengetragen. Zudem basiert der Kapitalismus auf der systematischen Herstellung und Ausnutzung von Zwangslagen, was zweifellos kein schöner Zug ist. Und es gibt noch viele weitere gute Gründe, den Kapitalismus überwinden zu wollen.

Alle diese Aspekte sind grundsätzlich berechtigt und relevant. Für die Frage nach der Möglichkeit einer gesellschaftlichen Transformation über den Kapitalismus hinaus sehe ich aber das Problem, dass bei so vielen Einzelpunkten leicht das Wesentliche aus dem Blick geraten kann: Was genau muss sich eigentlich ändern, damit „alles anders werden kann“, sprich damit die spezifische kapitalistische Logik durch eine andere ersetzt wird?

Abgesehen von richtigen, aber etwas tautologischen Antworten wie „Der Kapitalismus dreht sich um Kapitalvermehrung“ ist es nicht leicht zu bestimmen, was eigentlich das Spezifische an der kapitalistischen Logik ist. Geld, Märkte, Tausch, Handel und Konkurrenz gab es in der einen oder anderen Form auch in vielen anderen Gesellschaften, ohne dass dies dort die spezielle Dynamik des permanenten Verwertungswettkampfs ausgelöst hätte, die der Kapitalismus seit seiner Entstehung aufweist. Das macht Behauptungen unplausibel, dass sich diese Dynamik nur durch die Abschaffung des einen oder anderen dieser Faktoren abstellen ließe.

Andererseits scheint mir bei vielen Ansätzen, die den Kapitalismus überwinden, aber manche dieser Faktoren in reformierter Form beibehalten wollen, die Gefahr sehr real, dass sie selbst wieder zu einer gesellschaftlichen Logik führen könnten, die der kapitalistischen in manchen ihrer negativen Aspekte sehr ähnlich wäre – weil sie nicht genau verstehen, was diese Logik ausmacht. Das gibt etwa für markt- bzw. konkurrenzsozialistische Ansätze sowie für Parecon.

Was ist das Spezielle am Kapitalismus?

Was also ist das Spezifische an kapitalistischen Gesellschaften, wenn man nicht das Ziel (Kapitalvermehrung) betrachtet, sondern die Organisationsweise der Gesellschaft? Kurz zusammengefasst würde ich sagen: Der Kapitalismus basiert auf Konkurrenz als permanent fortgesetztem Zwangsverhältnis, dem sich die Individuen unterwerfen müssen.

Das ist wahrscheinlich zu dicht, um intuitiv verständlich zu sein. Daher etwas detaillierter ausgeführt: Individuen, Firmen und Staaten unterliegen im Kapitalismus alle der Konkurrenz. Diese ist ein Zwangsverhältnis: Man konkurriert nicht freiwillig, sondern muss sich Konkurrenzverhältnissen unterwerfen, um die eigene Existenz und Position zu sichern.

Zudem wird die Konkurrenz permanent fortgesetzt: Jedes Individuum und jede Firma wird der Konkurrenz immer wieder aufs Neue unterwerfen – insbesondere dann, wenn sie etwas zu verkaufen versuchen, ob die eigene Arbeitskraft oder irgendein Produkt. Die eigene Position ist nie dauerhaft gesichert, sondern man muss sich ständig aufs Neue gegen andere durchsetzen. Zudem wird dieser Konkurrenzkampf ununterbrochen fortgesetzt: Von meinem Abschneiden in der Vergangenheit hängen meine Chancen in der Zukunft ab. Wer schon Berufserfahrung bei renommierten Unternehmen hat, ist beim nächsten Bewerbungsgespräch in Vorteil; ein junges und mit knappen Mitteln ausgestattetes Unternehmen wird sich schwertun gegen Platzhirsche, die eine etablierte Marke sind und über große Finanzmittel verfügen.

Es ist also nicht so, dass man etwa nur einmal eine bestimmte Prüfung bestehen (auch das kann eine Konkurrenzsituation sein) bzw. in einem bestimmten Wettbewerb hinreicht gut abschneiden muss und es damit dann „geschafft hat“. Das wäre zwar Konkurrenz, aber keine permanente. Und es ist auch nicht so, dass man jeden Morgen erst einmal einen 100-Meter-Lauf absolvieren muss und diejenigen, die diesmal am Schnellsten waren, dann das beste Frühstück kriegen. Das wäre zwar permanente Konkurrenz, die aber nicht fortgesetzt wird, da alle jeden Tag wieder von derselben Ausgangsposition starten.

Individuen und Firmen konkurrieren als Verkäuferinnen auf kompetitiven Märkten. Man muss etwas erfolgreich verkaufen können, um im Konkurrenzkampf zu bestehen. Firmen verkaufen dabei in aller Regel Waren: Dinge (im weitesten Sinne, wozu auch Informationsgüter und Dienstleistungen gehören), die explizit für den Verkauf auf dem Markt hergestellt wurden. Die meisten Individuen haben dagegen nur ihre Arbeitskraft zu verkaufen, die eine fiktive Ware (Polanyi 1957) ist: Sie wird zwar auf dem Arbeitsmarkt wie eine Ware gehandelt, aber nicht als Ware hergestellt. Stattdessen ist sie untrennbar mit dem Individuum verbunden, das sie zu verkaufen sucht. Während Firmen, die feststellen, dass sie eine bestimmte Art von Waren nicht (mehr) erfolgreich verkaufen können, stattdessen auf andere Waren umsteigen können, haben Individuen diese Möglichkeit nicht. Ihre fiktive Ware Arbeitskraft ist in der Regel alles Verkäufliche, das sie haben.

Die gängigen (neoklassischen) Modelle der Wirtschaftswissenschaften kennen nur echte Waren, deren Verkäufer stattdessen auf eine andere Warenart umsteigen oder sich ganz aus dem Markt zurückziehen können. Deshalb hält die Neoklassik den Markt für ein freiheitliches System, an dem alle freiwillig teilnehmen. Bezogen auf die Arbeitskraftverkäufer geht diese Analyse aber völlig fehl: Sie verfügen über keine andere „Warenart“, die sie statt ihrer Arbeitskraft verkaufen könnten, und sie müssen am Markt teilnehmen, weil ihnen ansonsten der Hungertod oder zumindest großes Elend droht.

Das also ist das Spezielle am Kapitalismus, und damit das Merkmal, das auf jeden Fall verschwinden muss, damit die heutige gesellschaftliche Logik durch eine andere abgelöst werden kann: der Zwang zur permanent fortgesetzten Konkurrenz. Gegenüber dem Individuum äußert sich dieser Zwang als die gesellschaftliche Notwendigkeit, die eigene Arbeitskraft zu Markte zu tragen. Auch diese Notwendigkeit muss somit verschwinden, wenn sich die gesellschaftliche Logik ändert soll.

Was muss anders werden, damit alles besser werden kann?

Ich würde sagen, dass sich eine Gesellschaft, die keinen Zwang zur permanent fortgesetzten Konkurrenz kennt, auf jeden Fall signifikant vom Kapitalismus unterscheiden wird. Allerdings bedeutet das nicht unbedingt, dass sie besser wäre. Denkbar wäre etwa eine Gesellschaft, die statt auf permanent fortgesetzter auf bloß einmaliger oder gelegentlich wiederholter Konkurrenz basiert – vielleicht müssen sich alle jungen Erwachsenen bestimmten Prüfungen unterwerfen und ihr Abschneiden in diesen Prüfungen entscheidet darüber, wo in der gesellschaftlichen Hierarchie man landet und welche gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten man hat. Ebenfalls denkbar sind Gesellschaften, in der die Konkurrenz durch bloße Willkür ersetzt wird. Etwa indem die gesellschaftliche Position der Eltern über die eigenen Lebensmöglichkeiten entscheidet, wie beim indischen Kastensystem. Ebenso willkürlich wäre es, wenn etwa das eigene Geschlecht, Haut-, Augen- oder Haarfarbe, Körpergröße oder Intelligenzquotient für die jeweiligen Möglichkeiten ausschlaggebend wäre. Klar ist, dass derartiges zwar anders, aber nicht wirklich besser wäre als der heutige Zustand.

Ebenso wenig wäre es wünschenswert, wenn der abstrakte Zwang zur Marktteilnahme durch den konkreten Zwang einer Institution ersetzt würde. Das wäre etwa dann der Fall, wenn die Marktkonkurrenz durch eine offizielle Planungsinstanz ersetzt würde (wie im Realsozialismus), deren Anweisungen alle gehorchen müssten. Die unnahbare Institution des Marktes, die keine Gnade kennt und sich um Beschwerden nicht kümmert, würde dann lediglich durch eine andere Institution ersetzt, der die Einzelne ebenfalls aus einer Position des Unterworfenseins heraus begegnet. Und selbst wenn diese Institution sich als „bürgernah“ gäbe und ein offenes Ohr für Klagen aller Art hätte, würde das nichts ändern an der grundsätzlichen Asymmetrie zwischen den Individuen und den Einrichtungen, die ihr Leben bestimmen.

Damit alles besser werden kann, sind auch derartige Institutionen und Effekte zu vermeiden. Die gesellschaftliche Teilhabe jedes Einzelnen darf also weder vom individuellen Abschneiden in Konkurrenzsituationen noch von bloßer Willkür abhängen. Und es darf keine Institutionen geben, denen sich die Einzelne unterwerfen muss, ohne selbst gleichberechtigtes Mitglied dieser Institution zu sein. Dazu kommen noch die Anforderungen, die ich in meiner Ethik-Serie formuliert habe, etwa dass auch die Mehrheit nicht nach Belieben allen Vorschriften machen kann.

Angelehnt an Stefans neueste Streifzüge-Kolumne (Meretz 2015) kann man solche Postulate als Elemente einer kategorialen Utopie verstehen. Sie sagen nicht selbst, wie es anderes gehen könnte, sind aber Messlatten, die man an das – gedachte oder auch schon existierende – andere anlegen kann, um zu prüfen, wie weit es diesen Anforderungen gerechnet wird.

(Fortsetzung: Wie kommt das Neue in die Welt?)

Literatur

  • Meretz, Stefan (2015): Utopie. Streifzüge 63. URL: keimform.de/2015/utopie/
  • Polanyi, Karl (1957): The Great Transformation. Boston: Beacon Press.
From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Die stigmergische Zukunft

neues deutschlandVon Sabine Nuss

[Erschienen am 11.04.2015 im neues deutschland.]

3D-Drucker in der Küche und eine Welt ohne Geld: über das Potenzial neuer Technologien für die Revolutionierung der Produktionsverhältnisse.

«Tea. Earl Grey. Hot». So lautete das Kommando, mit dem Captain Jean-Luc Picard in Raumschiff Enterprise regelmäßig seinen Tee bei einem sogenannten Replikator bestellte. Dieses schrankhohe Gerät war eine Art Kopiermaschine. Es konnte jeden in seiner atomaren Struktur vorher erfassten Gegenstand herstellen. Wenn nicht gerade aufgrund eines Systemfehlers eine Orchidee statt einer dampfenden Teetasse aus dem Replikator plumpste, stand da binnen weniger Sekunden das Lieblingsheißgetränk des Captains.

Mit der Entwicklung von 3D-Druckern scheinen uns Replikatoren heutzutage nicht mehr ganz so fiktional wie noch in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Im Gegenteil: Auf dem Videoportal youtube finden sich zahlreiche Filme, die zeigen, wie 3D-Drucker dreidimensionale Gegenstände schichtweise aufbauen: von Gipsfiguren über Kunststoff-Trillerpfeifen bis hin zu Pizza oder gestrickten Schals – es wird eifrig mit diesen Geräten experimentiert. Aber kann man damit auch eine neue Gesellschaft ausdrucken?

In der politischen Debatte haben die Möglichkeiten dieser neuen Technologie noch kaum Spuren hinterlassen. Welches Potenzial darin für die Revolutionierung der Produktionsverhältnisse liegt, bzw. liegen könnte, darüber wird hingegen seit einigen Jahren in einer kleinen Netzcommunity diskutiert. Sie ist an der Schnittstelle von Computertechnologie und Gesellschaftstheorie zu Hause und misst den zeitgenössischen technologischen Entwicklungen, wie unter anderem 3D-Druckern, ein radikales gesellschaftsveränderndes Potenzial zu.

Einer der Protagonisten dieser Debatte ist der Softwareentwickler Christian Siefkes. In seiner Publikation «Freie Quellen oder wie die Produktion zur Nebensache wurde» malt er unter anderem aus, wie 3D-Drucker in der Zukunft im Alltag zum Einsatz kommen könnten. Als Science Fiction will er das aber nicht verstanden wissen: «Technisch bin ich bewusst ausgesprochen zurückhaltend gewesen – ich beschreibe im Wesentlichen nur Technologien, die es schon gibt, und nehme nur eine bescheidene Weiterentwicklung an», so der Autor.

Produziert wird in der künftigen Welt in der Küche oder im Badezimmer. Dort würde es dann so aussehen: «In den meisten Haushalten stehen produktive Automaten. Beliebt ist die 3D-Druckerfräse, die einen 3D-Drucker mit einer computergesteuerten Fräsmaschine kombiniert. 3D-Drucker stellen dreidimensionale Gegenstände her, indem sie viele Schichten Bioplastik, Metall oder Keramik übereinander drucken, bis das gewünschte Objekt fertig ist. Typische Haushalts-3D-Drucker können so innerhalb einiger Stunden Gegenstände bis zu einer Größe von 50 mal 40 mal 30 Zentimetern herstellen.»

Ein Großteil der im Haushalt benötigten langlebigen Dinge ließe sich so fertigen, führt Siefkes aus, ob Geschirr, Besteck, Spiele und Spielzeug, oder Werkzeuge. Fällt mir also meine Lieblingstasse runter und zerspringt in tausend Scherben, druck ich sie mir einfach nochmal aus.

Aber auch elektrische und elektronische Geräte und Lampen könne man produzieren, wobei Möbel und andere große Dinge, die sich nicht auf einmal ausdrucken lassen, in Teilen hergestellt werden könnten. Man müsse sie dann nur noch zusammenschrauben oder zusammenstecken. Eine Herausforderung, die die Ikea-sozialisierte Inbusgeneration mittlerweile mit links beherrschen sollte.

Mit der autonomen Herstellung der im Haushalt benötigten Dinge wandelt sich der Mensch vom reinen Konsumenten zum viel zitierten «Prosumenten» (= Produzent + Konsument). Auch die Prosumer-Welt benötigt übrigens Rohstoffe und Energie. Die produktiven Maschinen würden in dieser Zukunft laut Siefkes weniger Energie verbrauchen als fast alle früher üblichen Herstellungsverfahren, da sie das benötigte Material nur kurz erhitzen müssen, um es zu verflüssigen. Außerdem gingen die produktiven Maschinen sehr sparsam mit dem Material um: «Alles landet im Endprodukt, nichts wird verschwendet oder für Formen gebraucht», so der Autor.

Dass die Produktion auch beim Putzen zur Nebensache werden könnte, wird ebenso illustriert, und auch hier zeigt sich, dass das beschriebene Szenario von der Gegenwart gar nicht mehr weit entfernt ist: «Das Putzen wird mittlerweile von Haushaltsrobotern erledigt, die langsam durch alle Zimmer krabbeln und klettern, um alle Oberflächen von Staub, Schmutz und Keimen zu befreien.» Längst gibt es diese Roboter, wenn auch bislang nur in wenigen Haushalten.

Die von Siefkes so ausgemalte Zukunft macht allerdings nicht Halt bei den technologischen Potenzialen, die etwa 3D-Drucker für die Umwälzung der Produktionsverhältnisse haben könnten. Im Mittelpunkt dieser Zukunft steht vielmehr etwas, was Siefkes «Stigmergische Selbstauswahl» nennt. Damit wird erklärt, wie sich eine arbeitsteilige Gesellschaft organisieren könnte, wenn sie so aussähe, wie sie der bereits zitierte Captain Picard für seine Welt beschrieben hat: «Die Wirtschaft der Zukunft funktioniert ein bisschen anders. Sehen Sie, im 24. Jahrhundert gibt es kein Geld… Der Erwerb von Reichtum ist nicht mehr die treibende Kraft in unserem Leben. Wir arbeiten um uns selbst zu verbessern – und den Rest der Menschheit.» (Picard in Star Trek, «Der erste Kontakt», 1996). Auch in einer stigmergisch organisierten Welt gibt es kein Geld mehr.

Mit der Utopie einer geldlosen Gesellschaft wird ein Fass aufgemacht, das bei weitem größer ist, als die schlichte gedankliche Fortschreibung von technologischen Entwicklungen unter gegebenen, nämlich kapitalistischen Bedingungen. Unter diesen regiert nach wie vor das Geld die Welt. Neue Technologien werden sich hier nur dann durchsetzen, solange sie einen Profit abwerfen, solange es keine menschliche Arbeitskraft gibt, die billiger arbeitet als ein Computer. Oder sie werden sich nur für jene durchsetzen, die sie sich leisten können.

Geld ist nicht nur ein technisches Hilfsmittel, was den Tausch erleichtert. Es ist ein soziales Verhältnis und hängt eng zusammen mit Eigentum und Macht: Einige – im Vergleich wenige – Menschen können kraft ihres Eigentums an den Mitteln, mit denen Dinge und Dienstleistungen hergestellt werden, jene vielen anderen Menschen, die diese Mittel nicht haben, für sich arbeiten lassen. Diese wiederum stellen neuen Reichtum her, von dem sie nur einen Teil erhalten. Der Rest geht auf das Konto des Kapitalisten, vor allem und das ist zentraler – in die erneute Produktion. Arbeiten lassen die Produktionsmitteleigentümer mit der Absicht, aus verdientem oder geliehenem Geld mehr Geld zu machen. Zweck ist daher die Vermehrung von Reichtum um der Vermehrung willen – ein selbstzweckhafter Prozess, der auf Kosten von Mensch und Natur geht und kein Maß findet. Mit dem Geld, so schrieb Marx, trägt man diesen sozialen Zusammenhang in der Hosentasche mit sich herum.

In der stigmergischen Zukunft produzieren die Menschen dagegen nicht um der Vermehrung des Geldes oder überhaupt des Geldes wegen, sondern weil sie ein Interesse an dem Ergebnis der Arbeit selbst haben, weil sie es unmittelbar benötigen, weil ihnen der gesellschaftliche Nutzen einleuchtet, von dem auch sie entweder jetzt oder später mal profitieren. Sie arbeiten, weil es ihnen Spaß macht oder weil sie selbst wünschen, dass andere etwas herstellen, was sie brauchen, aber selbst nicht herstellen können. Die Unterscheidung von «Hobby» und «Arbeit» scheint hier aufgehoben.

Das Organisationsprinzip einer geldvermittelten, kapitalistischen Gesellschaft ist tief eingeschrieben in Alltagspraxen, in Institutionen, in das Denken, das Begehren, das Wollen, in das Werden und in den Tod, in alle Lebensbereiche des neuzeitlichen Menschen. Sich Geld wegzudenken? Unmöglich. Utopisch. Jedoch: Die stigmergische Zukunft einer geldlosen Gesellschaft bewegt sich nicht im völlig fiktiven Raum. Man erkennt rasch, welche Organisationsweise hier Modell gestanden hat: Die Erfahrungen bei der Produktion offener oder freier Software. Hier tun sich weltweit Programmierer für ein Softwareprojekt zusammen und entwickeln es gemeinsam. Das tun sie auch (wenn sie es sich leisten können), ohne dafür bezahlt zu werden, und sie tun es in der Regel dann, wenn sie die Software selbst brauchen oder nützlich finden. Sie stellen den Code offen allen anderen zur Verfügung, so dass andere das Projekt für eigene Zwecke ändern können. Linux ist so entstanden.

Die stigmergische Organisation beschreibt eine daran angelehnte Art dezentraler Aufgabenteilung auch in der materiellen Welt. «Stigmergie» kommt vom griechischen Wort stigma, das «Markierung» oder Hinweis« bedeutet. Herzstück der Idee ist die Einsicht in alle laufenden Projekte, in deren Arbeitsstand, in Informationen darüber, wo noch jemand gebraucht wird. Projekte werden in diesem Sinne »markiert«, um anderen die Möglichkeit zu geben, sich einzubringen, dort, wo es gebraucht wird und wo die interessierten Personen durch ihre Mitarbeit ein dringendes Bedürfnis gestillt haben möchten: »Dass dabei alle ihre eigenen Wünsche, Vorstellungen und Möglichkeiten einbeziehen, sorgt für eine Priorisierung der offenen Aufgaben: Was vielen Menschen ziemlich oder einigen sehr wichtig ist, wird eher erledigt als Dinge, die überall nur Achselzucken hervorrufen,« so Siefkes.

»Projekte« gibt es in einer stigmergischen Gesellschaft zahlreich, mit zum Teil recht gewöhnungsbedürftigen Bezeichnungen. So ist die Rede von »Lernknoten«, wo sich Leute gezielt zum Lernen und zum Fähigkeitserwerb zusammen finden. Essen wächst in »Gartenfarmen«, die Unterscheidung von Gärten und Parks gibt es nicht mehr. Erholungsflächen, Flächen für Agrikultur und Viehzucht fallen in eins. Solche Gartenfarmen sind allgemein zugänglich und je nach Präferenz der Betreiber werden die unterschiedlichsten landwirtschaftlichen Methoden eingesetzt, wie zum Beispiel Permakultur, Hydrokultur oder Aquaponik.

Zur Verteilung der Produkte wenden die Gartenfarmen das »Pub/Sub«-Verfahren an. Sie kündigen an, was sie produzieren wollen (»publish«). Wer in einer Gegend wohnt oder sich längere Zeit aufhält, abonniert (»subscribe«) das Programm einer nahe gelegenen Gartenfarm und wird von dieser dann regelmäßig mit frischen Produkten versorgt. Anhand der Abos können Gartenfarmen den Bedarf nach ihren Produkten abschätzen und entsprechend produzieren. Wenn mehr nachgefragt wird, als eine Farm produzieren kann, und es nahe gelegene ungenutzte Ländereien gibt, kann sie die Produktion aufstocken und dies dem Ressourcenrat melden. Andernfalls verweist sie die zusätzlichen Abonnenten an Gartenfarmen in der Umgebung.

»Knotenort« steht für ganz unterschiedliche Orte, die mal zusammen, mal räumlich getrennt anzutreffen sind – Lern- und Forschungsknoten, Heil- und Pflegeknoten, Vitaminfabriken, Fabhubs, Community-Cafés und anderes. Fabhubs ergänzen die häusliche Küchenfabrikation um Maschinen, »die größer und vielseitiger sind als das, was man normalerweise zu Hause herumstehen hat.« In Vitaminfabriken wiederum werden keine Nahrungsmittel hergestellt. »Vitamine« sind vielmehr die Zubehörteile für Küchenfabrikation und Fabhubs, die sich nicht effizient dezentraler herstellen lassen – insbesondere elektrische und elektronische Bauteile wie Motoren, Leuchtdioden und Mikrochips.

Die hier längst nicht erschöpfend beschriebene stigmergische Organisation wird in etliche weitere Bereiche fortgeschrieben: Transportmittel, Netztechnologien, Wohnen. Nichts davon scheint abwegig. Bei allem Befremden gegenüber dem großen Vertrauen in die Freiwilligkeit beim Mittun: Die sozialen Verhältnisse werden nicht verherrlicht. Auch in dieser Utopie gibt es Auseinandersetzungen, sie werden in sogenannten Konflikträten bearbeitet.

Was die stigmergische Welt kennzeichnet, im Gegensatz zu vielen anderen utopischen Ansätzen, ist die radikale Infragestellung der existierenden kapitalistischen Vergesellschaftung durch Privateigentum und Geld – auf der Basis technologischer Entwicklungspotenziale. Sie wirft nichtsdestotrotz mehr (interessante) Fragen als Antworten auf. Einfach ausdrucken lässt sich diese Gesellschaft nicht, daher stellt sich auch die Frage: Wie von A nach B kommen?

Ansetzen lässt sich dabei zwar an bereits existierenden Nischenprojekten, wie beispielsweise Projekte der solidarischen Ökonomie, oder dann doch wieder die Entwicklung von Freier Software. Der spontane Alltagsverstand oder das herrschende Bewusstsein muss jedoch einen Riesensprung über sich selbst hinaus wagen können, um nicht ständig bei jeder stigmergischen Idee reflexartig zu reagieren mit: »So ist der Mensch doch gar nicht« – um damit die Welt, wie wir sie kennen, nur zu spiegeln.

From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Geht dem Kapitalismus die Arbeit aus? (Teil 2)

Smog in der Hauptstadt Südkoreas, wo der Kapitalismus noch brummt (Foto von Craig Nagy, CC-BY-SA, URL: https://www.flickr.com/photos/nagy/4336948)[Teil 1]

Entwicklung nach geschätzter Arbeitsproduktivität gewichtet

Lohoff und Trenkle (2012: 98ff) weisen in diesem Kontext darauf hin, dass produktive Arbeiter in Niedriglohnländern pro Kopf tendenziell weniger Wert produzieren als in Hochlohnländern, weil sie zumeist nicht auf dem „Stand der Technik“ produzieren, also mehr als die gesellschaftlich nötige Arbeitszeit leisten. Vielleicht lagert ein Unternehmen seine Produktion nach Asien oder Osteuropa aus und beschäftigt anschließend dreimal so viele Angestellte pro Einzelstück wie vorher, zahlt aber unterm Strich aufgrund der geringeren Lohnkosten und des Einsatzes von weniger konstantem Kapital weniger als zuvor. Dann ist der Wert seiner Waren dadurch nicht gestiegen, auch wenn in jede Ware mehr Arbeitszeit einfließt als zuvor.

Um die Entwicklung der produktiven Arbeit besser nachzuvollziehen, ist es also notwendig, diese unterschiedlichen Produktivitätsniveaus zu berücksichtigen. Allerdings handelt es sich hierbei um eine unscharfe Größe, die sich nicht exakt beziffern lässt.

Denkbar wäre als Heuristik, die durchschnittlichen Lohnniveaus in einzelnen Ländern stellvertretend für ihre Arbeitsproduktivität aufzufassen. Allerdings dürfte dies meiner Einschätzung nach die in Niedriglohnländern geleistete Arbeit systematisch untergewichten, da sich die Lohnniveaus weltweit wahrscheinlich deutlich stärker unterscheiden als die Produktivität. Wahrscheinlich werden die Kapitalistinnen in Billiglohnländern zwar nicht die allerneuesten und besten Maschinen einsetzen, die bei hohen Fixkosten verhältnismäßig wenig Arbeit einsparen – das lohnt sich nur in Ländern mit hohem Lohnniveau. Doch die letzte oder vorletzte Generation von Maschinen, die in Hochlohnländern schon eingemottet werden, dürfe (gegebenenfalls gebraucht) oft günstig genug sein, um sich auch in Billiglohnländern zu rechnen. Dazu kommt noch, dass besonders „berüchtigte“ Niedriglohnländer wie etwa Bangladesch in meiner Untersuchung gar nicht auftauchen, da ihr Bruttoinlandsprodukt zu klein ist, um für die weltweite Kapitalverwertung eine signifikante Rolle zu spielen.

Meine Einschätzung ist deshalb, dass die Arbeitsproduktivität in Billiglohnländern zwar vielleicht um 20, 40 oder 60 Prozent unter der hochindustrialisierter Länder liegt, sich aber nicht um Größenordnungen von letzter unterscheidet. Für die folgende Tabelle habe ich diese Annahme so umgesetzt, dass die Einstufung der Länder im Human Development Index (HDI) der UN zur Abschätzung der Arbeitsproduktivität herangezogen wurde. Der HDI berechnet eine Rangfolge aller Länder anhand einer Metrik, die drei Faktoren kombiniert, nämlich die durchschnittliche Lebenserwartung, die Schulbesuchsdauer sowie das Bruttonationaleinkommen pro Kopf. Die Rangfolge wird zudem in vier gleichgroße Teile (Quartile) unterteilt (vgl. Wikipedia 2014b).

Für die Auswertung habe ich die Arbeitsproduktivität aller Länder aus dem ersten Quartil („sehr hohe menschliche Entwicklung“) als ungefähr gleich eingeschätzt. Sie wird voll gezählt, also zu 100 Prozent. Dazu gehört mehr als die Hälfte der untersuchten Länder. Die Arbeitsproduktivität im zweiten Quartil wurde im Vergleich dazu auf 80 Prozent angesetzt – dies gilt für zehn Länder in der Liste, darunter China. Zu 60 Prozent wird das dritte Quartil gezählt, dem nur noch fünf Länder angehören, u.a. Indien. Aus dem vierten Quartil hat es nur ein Land in die Liste geschafft, nämlich Nigeria – seine Produktivität wird auf 40 Prozent geschätzt.

Die folgende Tabelle zeigt das Bild, das sich ergibt, wenn man die Anzahl der Beschäftigten wie beschrieben nach der geschätzten Arbeitsproduktivität gewichtet. Auch so ergibt sich insgesamt eine Zunahme der produktiven Arbeit, allerdings etwas geringer als ohne die Gewichtung, nämlich um gut 15 statt knapp 19 Prozent. Der Unterschied fällt vergleichsweise klein aus, da 60 Prozent der untersuchten Länder (24 von 40) zum ersten Quartil des HDI gehören und daher als „auf dem Stand der Technik“ produzierend eingeschätzt werden.

(2) Anzahl der Beschäftigten gewichtet nach Entwicklungsstand (HDI)
Land Jahr Summe Produktiv Gewicht Gewichtete Summe
Ägypten 1980 8147,5 60% 4888,5
2008 15934,5 60% 9560,7
Argentinien 1996 3344,5 100% 3344,5
2011 3836,0 100% 3836,0
Australien 1980 4285,5 100% 4285,5
2009 4918,0 100% 4918,0
Belgien 1980 2567,0 100% 2567,0
2011 1787,5 100% 1787,5
Brasilien 1981 35267,5 80% 28214,0
2009 50672,0 80% 40537,6
Chile 1980 2334,5 100% 2334,5
2010 4736,5 100% 4736,5
China 1987 487080,0 80% 389664,0
2002 604505,0 80% 483604,0
Dänemark 1981 1622,0 100% 1622,0
2011 1141,0 100% 1141,0
Deutschland 1991 26803,5 100% 26803,5
2011 14849,5 100% 14849,5
Frankreich 1980 15481,0 100% 15481,0
2011 10236,0 100% 10236,0
Griechenland 1981 2897,0 100% 2897,0
2011 1837,5 100% 1837,5
Groß­britannien 1980 17561,0 100% 17561,0
2011 12760,5 100% 12760,5
Indien 1994 243493,5 60% 146096,1
2010 307286,0 60% 184371,6
Indonesien 1980 44284,5 60% 26570,7
2008 75010,5 60% 45006,3
Iran 1982 3512,5 80% 2810,0
2008 14297,5 80% 11438,0
Italien 1980 15942,5 100% 15942,5
2011 8941,0 100% 8941,0
Japan 1980 40505,0 100% 40505,0
2008 33975,0 100% 33975,0
Kanada 1980 7054,5 100% 7054,5
2008 8295,5 100% 8295,5
Kolumbien 1980 11712,0 80% 9369,6
2010 12106,0 80% 9684,8
Malaysia 1980 3966,5 80% 3173,2
2010 4994,5 80% 3995,6
Mexiko 1988 21439,0 80% 17151,2
2008 24578,5 80% 19662,8
Niederlande 1981 3431,5 100% 3431,5
2011 3716,0 100% 3716,0
Nigeria 1983 19794,5 40% 7917,8
2004 32479,0 40% 12991,6
Norwegen 1980 1348,0 100% 1348,0
2011 1124,5 100% 1124,5
Österreich 1983 2364,3 100% 2364,3
2011 1767,0 100% 1767,0
Philippinen 1980 14550,0 60% 8730,0
2011 22965,0 60% 13779,0
Polen 1981 16069,0 100% 16069,0
2011 6809,5 100% 6809,5
Russland 1990 52966,5 80% 42373,2
2009 38390,5 80% 30712,4
Saudi-Arabien 1999 2430,5 100% 2430,5
2009 3307,5 100% 3307,5
Schweden 1980 2922,0 100% 2922,0
2011 2056,0 100% 2056,0
Schweiz 1980 2295,5 100% 2295,5
2011 1773,0 100% 1773,0
Singapur 1980 753,5 100% 753,5
2008 740,5 100% 740,5
Spanien 1980 9102,5 100% 9102,5
2011 7604,5 100% 7604,5
Südafrika 2000 8110,0 60% 4866,0
2011 8074,0 60% 4844,4
Südkorea 1980 11296,0 100% 11296,0
2008 13697,0 100% 13697,0
Thailand 1980 20621,5 80% 16497,2
2011 27899,0 80% 22319,2
Türkei 1982 3785,5 80% 3028,4
2011 11792,0 80% 9433,6
USA 1980 65070,0 100% 65070,0
2010 61138,0 100% 61138,0
Venezuela 1980 3086,0 80% 2468,8
2011 8146,5 80% 6517,2
Ver. Arab. Emirate 1995 742,0 100% 742,0
2008 830,8 100% 830,8
Gewichtetes Delta 115,3%

Entwicklung der Arbeitszeiten

Die bisher verwendete Statistik KILM 4 erfasst zwar die Anzahl der Beschäftigten, sagt aber nichts darüber aus, wie lange diese im Durchschnitt arbeiten. Für die Frage nach der Entwicklung der produktiven Arbeit kommt es aber auch auf die Arbeitszeiten an, schließlich erwirtschaftet eine Person, die 20 Prozent länger arbeitet, auch 20 Prozent mehr Wert (sofern alle anderen Bedingungen gleich sind). Zur Klärung dieser Frage wurde ergänzend KILM 7b herangezogen, das die durchschnittliche Jahresarbeitszeit (in Stunden) der Beschäftigten eines Landes erfasst.

Leider wird diese Kennzahl nicht nach Sektoren aufgeschlüsselt, nur der landesweite Durchschnitt in einem bestimmen Jahr wird ausgewiesen. Zudem ist KILM 7b für viele der untersuchten Länder (insbesondere Entwicklungs- und Schwellenländer) gar nicht verfügbar. Betrachtet man die folgende Tabelle, stellt man fest, dass (soweit die Statistik vorliegt) zwar fast generell ein Rückgang der Stundenzahlen feststellbar ist, aber je nach Entwicklungsstand des Landes auf unterschiedlichem Niveau. In den hochentwickelten Ländern aus dem ersten Quartil des Human Development Index ist die Arbeitszeit im Schnitt um 8,9 Prozent zurückgegangen, von 1873 auf 1706 Stunden. In den Ländern aus dem zweiten Quartil, für die diese Statistik vorliegt, beträgt der Rückgang dagegen nur 2,2 Prozent und die durchschnittliche Arbeitszeit ist deutlich länger – 1939 Stunden zu Beginn und immer noch 1896 Stunden zum Ende der Statistik.

Auch ob diese Statistik überhaupt erfasst wird, hängt sehr stark vom Entwicklungsstand ab. Fast alle untersuchten Länder aus dem ersten Quartil erfassen diese Statistik – nur in dreien von 24 fehlt sie. Dagegen fehlt sie in 40 Prozent der Länder aus dem zweiten Quartil (4 von 10). Für die untersuchten Länder aus dem dritten und vierten Quartil liegt sie generell nicht vor.

Um diese Lücken zu schließen, lässt sich der Durchschnitt aus den Ländern, wo die Arbeitszeit erfasst wird, als Schätzwert heranziehen, wobei aber der Entwicklungsstand berücksichtigt werden muss. Zur Abschätzung der fehlenden Kennzahlen für die Länder des ersten Quartils wurde daher der Durchschnitt der restlichen Ländern des ersten Quartils verwendet. Wo diese Statistik bei den Ländern des zweiten bis vierten Quartils fehlt, wurde der Durchschnitt der Länder aus dem zweiten Quartil herangezogen.

(3) Anzahl der produktiven Arbeitsstunden (Summen in Millionen)
Land Jahr Prod. Beschäftigte Pers.​stunden​/Jahr Summe prod. Std. Delta prod. Std.
Ägypten 1980 8147,5 1938,8 (2) 15797
2008 15934,5 1895,5 (2) 30204 191,2%
Argentinien 1996 3344,5 2013 6732
2011 3836,0 1820 6982 103,7%
Australien 1980 4285,5 1830 7842
2009 4918,0 1685 8287 105,7%
Belgien 1980 2567,0 1670 4287
2011 1787,5 1577 2819 65,8%
Brasilien 1981 35267,5 1796 63340
2009 50672,0 1689 85585 135,1%
Chile 1980 2334,5 2313 5400
2010 4736,5 2068 9795 181,4%
China 1987 487080,0 1938,8 (2) 944367
2002 604505,0 1895,5 (2) 1145839 121,3%
Dänemark 1981 1622,0 1632 2647
2011 1141,0 1522 1737 65,6%
Deutschland 1991 26803,5 1552 41599
2011 14849,5 1413 20982 50,4%
Frankreich 1980 15481,0 1795 27788
2011 10236,0 1476 15108 54,4%
Griechenland 1981 2897,0 2208 6397
2011 1837,5 2032 3734 58,4%
Groß­britannien 1980 17561,0 1767 31030
2011 12760,5 1625 20736 66,8%
Indien 1994 243493,5 1938,8 (2) 472093
2010 307286,0 1895,5 (2) 582461 123,4%
Indonesien 1980 44284,5 1938,8 (2) 85860
2008 75010,5 1895,5 (2) 142182 165,6%
Iran 1982 3512,5 1938,8 (2) 6810
2008 14297,5 1895,5 (2) 27101 397,9%
Italien 1980 15942,5 1859 29637
2011 8941,0 1774 15861 53,5%
Japan 1980 40505,0 2121 85911
2008 33975,0 1771 60170 70,0%
Kanada 1980 7054,5 1826 12882
2008 8295,5 1728 14335 111,3%
Kolumbien 1980 11712,0 1976 23143
2010 12106,0 1911 23135 100,0%
Malaysia 1980 3966,5 1938,8 (2) 7690
2010 4994,5 1895,5 (2) 9467 123,1%
Mexiko 1988 21439,0 2242 48066
2008 24578,5 2250 55302 115,1%
Niederlande 1981 3431,5 1553 5329
2011 3716,0 1379 5124 96,2%
Nigeria 1983 19794,5 1938,8 (2) 38378
2004 32479,0 1895,5 (2) 61564 160,4%
Norwegen 1980 1348,0 1580 2130
2011 1124,5 1426 1604 75,3%
Österreich 1983 2364,3 1720 4067
2011 1767,0 1600 2827 69,5%
Philippinen 1980 14550,0 1938,8 (2) 28210
2011 22965,0 1895,5 (2) 43530 154,3%
Polen 1981 16069,0 1988 31945
2011 6809,5 1937 13190 41,3%
Russland 1990 52966,5 1933 102384
2009 38390,5 1973 75744 74,0%
Saudi-Arabien 1999 2430,5 1873,2 (1) 4553
2009 3307,5 1705,9 (1) 5642 123,9%
Schweden 1980 2922,0 1517 4433
2011 2056,0 1644 3380 76,3%
Schweiz 1980 2295,5 1805 4143
2011 1773,0 1632 2894 69,8%
Singapur 1980 753,5 1873,2 (1) 1411
2008 740,5 1705,9 (1) 1263 89,5%
Spanien 1980 9102,5 1912 17404
2011 7604,5 1690 12852 73,8%
Südafrika 2000 8110,0 1938,8 (2) 15724
2011 8074,0 1895,5 (2) 15304 97,3%
Südkorea 1980 11296,0 2864 32352
2008 13697,0 2246 30763 95,1%
Thailand 1980 20621,5 1938,8 (2) 39982
2011 27899,0 1895,5 (2) 52883 132,3%
Türkei 1982 3785,5 1943 7355
2011 11792,0 1877 22134 300,9%
USA 1980 65070,0 1813 117972
2010 61138,0 1778 108703 92,1%
Venezuela 1980 3086,0 1743 5379
2011 8146,5 1673 13629 253,4%
Ver. Arab. Emirate 1995 742,0 1873,2 (1) 1390
2008 830,8 1705,9 (1) 1417 102,0%
Summe Anfangsjahr 1240039,8 2393861
Endjahr 1471008,8 2756268 115,1%

(1) Durchschnitt der Länder aus dem 1. Quartil des HDI
(2) Durchschnitt der Länder aus dem 2. Quartil des HDI

Die obige Tabelle 3 zeigt die Entwicklung der produktiven Arbeitsstunden, also die Anzahl der produktiv Beschäftigten multipliziert mit der durchschnittlichen Arbeitszeit pro Jahr. Auch hier ergibt sich noch eine leichte Zunahme der produktiven Arbeit um etwa 15 Prozent. Im Vergleich zur Zunahme der produktiven Beschäftigten fällt der Anstieg etwas geringer aus, weil die Arbeitszeit pro Person im Durchschnitt fast überall gesunken ist. Warum das so ist, wird von den Statistiken nicht erfasst, doch dürfte es mehr daran liegen, dass sich Teilzeitstellen und prekäre Jobs mit nur temporärer Beschäftigung verbreitet haben, und weniger an erfolgreichen Kämpfen der Arbeiterklasse für mehr Freizeit.

Die in Tabelle 3 dargestellten Zahlen lassen sich mit der Gewichtung aus Tabelle 2 kombinieren, um die unterschiedlich eingeschätzte Arbeitsproduktivität einzubeziehen. Im Ergebnis ergibt sich ein Wachstum der gemäß Entwicklungsstand (HDI) gewichteten produktiven Arbeitsstunden um nur noch 11,6 Prozent.

Diskussion

Unabhängig davon, welche der ermittelten Kennzahlen man verwendet: die produktive Arbeit ist in den letzten 30 Jahre gewachsen, nicht gefallen. Haben Lohoff und Trenkle (2012) also unrecht? In einem absoluten Sinne kann tatsächlich nicht die Rede davon sein, dass dem Kapital „die Arbeit ausgeht“. Betrachtet man die Entwicklung der produktiven Arbeit relativ zur Zunahme der Weltbevölkerung, ergibt sich ein anderes Bild. Im Jahr 1983 (dem durchschnittlichen Anfangsjahr der Untersuchung) lebten 4690 Millionen Menschen, 2010 hingehen 6840 Millionen (World Population Statistics 2014) – eine Zunahme um 46 Prozent. Im Vergleich dazu nimmt sich der Zuwachs der produktiven Arbeit um knapp 12 bis 19 Prozent (je nach Berechnungsmethode) sehr bescheiden aus.

Intuitiv könnte man erwarten, dass die produktive Arbeit ähnlich stark wie die Weltbevölkerung wächst. Schließlich stellen neue Menschen einerseits Arbeitskräfte dar (sofern sie ein Unternehmen profitabel einsetzen kann) und andererseits Konsumentinnen (sofern sie über Geld verfügen, was wiederum von der Verwertbarkeit ihrer Arbeitskraft abhängt). Dass die produktive Arbeitskraft so viel schwächer gewachsen ist als die Weltbevölkerung, weist also darauf hin, dass sich das Kapital tatsächlich schwertut, neue Verwertungsmöglichkeiten zu finden. An Arbeitskräften fehlt es nicht, also muss es wohl an Wachstumsmärkten mangeln, auf denen die zusätzlichen Arbeitskräfte produktiv genutzt werden könnten.

Oder vielleicht mangelt es gar nicht an Verwertungsmöglichkeiten, sondern an Kapital? Vielleicht verkonsumieren die Kapitalisten den Großteil ihres neu gewonnen Kapitals lieber, statt es in produktive Unternehmungen zu stecken? Diese Erklärung des langsamen Anstiegs der produktiven Arbeit – über 27 Jahre gemittelt, lediglich 0,6 Prozent (Beschäftigtenzahlen, ungewichtet) bzw. 0,4 Prozent (Arbeitsstunden, gewichtet) pro Jahr – ist zwar denkbar, erscheint aber wenig plausibel.

Lohoff und Trenkle (2012: 68) weisen darauf hin, dass es seit der unter Margaret Thatcher und Ronald Reagan begonnenen Liberalisierung der Finanzmärkte zu einer massiven Kapitalverschiebung von der „Realwirtschaft“ in die Finanzsphäre kam. Während vorher beide Bereiche in vergleichbaren Umfang wuchsen, hat sich seitdem die „Finanzindustrie“ von der Realwirtschaft scheinbar abgekoppelt und ein Vielfaches an Kapital gebunden. Die Liberalisierung der Finanzmärkte ist dabei ihrer Ansicht nach nicht eigentlicher Auslöser dieser Entwicklung. Vielmehr eröffnete sie dem Kapital, das sich in der „Realwirtschaft“ zunehmend schwertat, profitable Anlagemöglichkeiten zu finden, einen zumindest temporären Ausweg. An Kapital hat es also nicht gefehlt, nur floss es großteils nicht in realwirtschaftliche Unternehmen, sondern in Finanzprodukte. In der Finanzsphäre allein wird allerdings kein Wert geschaffen, obwohl sie durch Kredite an Konsumenten, Produzenten und Staaten die „Realwirtschaft“ ankurbeln und damit zur Zunahme der Wertverwertung beitragen kann.

Darauf, dass es nicht an Kapital, sondern an erfolgversprechenden Verwertungsmöglichkeiten fehlt, deutet auch hin, dass sich die Zentralbanken in den USA und Europa seit Jahren weitgehend vergeblich darum bemühen, die Wirtschaft durch die Vergabe von Krediten zu Niedrigstzinsen wieder „in Gang zu bringen“:

Die Firmen wollen gar keine Kredite – denn sie wissen nicht, wie sie das Geld investieren sollen. Die Autoren [des Buches The House of Debt, Atif Milan und Amir Sufi] behaupten das nicht einfach, sondern sie stützen sich auf bislang nicht analysierte Daten von Städten und Gemeinden, die sie in akribischer Arbeit aufgedröselt haben. (Münchau 2014)

Zwar geht dem Kapital nicht im absoluten Sinne die Arbeit aus, doch an produktiven Verwertungsmöglichkeiten scheint es sehr wohl zu mangeln. Insofern haben Lohoff und Trenkle (2012) ihre These zwar etwas zu hart formuliert, doch im Vergleich zur von Heinrich (2007) postulierten tendenziell unendlichen Ausdehnungsfähigkeit des Kapitalismus scheinen sie der Wahrheit näher zu kommen.

Nicht berücksichtigt wurde für diese Untersuchung zudem die von Lohoff und Trenkle (2012: 244f) vertretene sogenannte „Universalgüterthese“, derzufolge Softwareentwicklerinnen und andere Produzentinnen von Informationsgütern überhaupt keinen Wert produzieren. Begründet wird dies damit, dass sie keine besondere Privatarbeit verrichten (die in eine einzelne Ware fließt), sondern allgemeine Arbeit (die tendenziell allen zugute kommt und nur durch Monopolprivilegien – „geistiges Eigentum“ – mühsam privatisiert und zu Geld gemacht werden kann). Zwar ist die Universalgüterthese meiner Ansicht nach durchaus plausibel, doch ist sie heiß umstritten (vgl. Lohoff (2007) vs. Kurz (2008)) und dürfte auch unter Marxistinnen nur von einer kleinen Minderheit akzeptiert werden.

In dieser Arbeit bin ich konservativ vorgegangen und habe die Informations- und Kommunikationstechnologien (Sektor J in ISIC Rev. 4) generell als wertproduktiv eingestuft. Würde man die Wissensproduktion dagegen als „wertlos“ (nicht wertproduktiv) einstufen, würde der Zuwachs der produktiven Arbeit in den letzten 30 Jahren wahrscheinlich nochmal um einiges kleiner ausfallen, da dieser Sektor stark an Bedeutung gewonnen hat.

Literatur

Anhang

Die untersuchte Zeitspanne wurde in allen Ländern so groß wie möglich gewählt. Die zur Entwicklung der Beschäftigtenzahlen herangezogene Statistik basierte im Anfangsjahr normalerweise auf Version 2 der ISIC-Klassifikation, im Endjahr auf Version 4. Ausnahmen sind im Folgenden dokumentiert.

  • Mehrere Länder verwendeten im letzten verfügbaren Jahr noch ISIC Rev. 3: Ägypten, Brasilien, Indonesien, Iran, Japan, Kanada, Mexiko, Philippinen, Südkorea, Thailand.
  • Einige Länder verwendeten sowohl im Anfangsjahr als auch im Endjahr ISIC Rev. 2: Chile, Kolumbien, Nigeria, Südafrika, Venezuela.
  • Einige Länder verwendeten sowohl im Anfangsjahr als auch im Endjahr ISIC Rev. 3: Indien, Russland, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate.
  • Argentinien: für das erste Jahr (1996) wurde ISIC Rev. 3 verwendet. Die für frühere Jahre ausgewiesenen Daten beziehen sich nur auf den Großraum Buenos Aires und sind daher nicht vergleichbar.
  • China: ISIC Rev. 2 wurde auch für das letzte Jahr (2002) verwendet. Die für spätere Jahre ausgewiesenen Daten basieren auf Rev. 3, beziehen sich aber nur auf städtische Gebiete und sind daher nicht mit den zuvor erhobenen Statistiken vergleichbar.

Die in den originalen KILM-4-Tabellen enthaltenen Beschäftigtenzahlen sind in Tausend mit einer Nachkommastelle, also auf 100 Beschäftigte genau. Beim Zusammenzählen mehrerer Sektoren für die in Tabelle 1 gezeigten Beschäftigtenzahlen habe ich der Einfachheit halber im Regelfall auf ganze Zahlen gerundet, also auf Tausend genau. Nur wenn die Summe auf ,5 endete, habe ich sie direkt übernommen, um größere Rundungsungenauigkeiten zu vermeiden. Wo die gezeigten Zahlen nur einen einzigen Sektor betreffen (nämlich den einzig unproduktiven Sektor 8 aus ISIC Rev. 2), habe ich dessen Zahl ohne Rundung übernommen.

In mehreren Ländern beziehen sich die für Tabelle 3 verwendeten Statistiken zur durchschnittlichen Arbeitszeit pro Person (KILM 7b) auf andere Jahre als die ISIC-Daten zur Beschäftigtenzahl, weil diese Kennzahl nicht in allen Jahren erhoben wurde. Da der verglichene Zeitraum dadurch tendenziell etwas verkürzt wurde, wäre der im Durchschnitt festgestellte Arbeitszeitrückgang mit weniger lückenhaften Statistiken wahrscheinlich noch ein wenig stärker ausgefallen.

  • Argentinien: Anfangsjahr 1995
  • Belgien: Anfangsjahr 1983
  • Brasilien: Anfangsjahr 1990, Endjahr 1999
  • Chile: Anfangsjahr 1996
  • Griechenland: Anfangsjahr 1983
  • Mexiko: Anfangsjahr 1991 – eine für 1990 angegebene Zahl erschien mir nicht vertrauenswürdig, da sie aus einer anderen Quelle stammt als die in den Folgejahren ausgewiesenen Kennzahlen und sehr viel niedriger ausfällt.
  • Polen: Anfangsjahr 2000 (statt 1981!)
  • Russland: Anfangsjahr 1992
  • Schweiz: Endjahr 2010
  • Venezuela: Anfangsjahr 1997, Endjahr 1999 (!)
From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Geht dem Kapitalismus die Arbeit aus? (Teil 1)

Verfallene Autofabrik in Detroit, wo die Verwertung ins Stocken geraten ist (Foto von Albert duce, CC-BY-SA, URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Abandoned_Packard_Automobile_Factory_Detroit_200.jpg)Eine erste empirische Annäherung

In den an Karl Marx orientierten Theorien gibt es einige, die als wertkritisch bezeichnet werden können, weil sie das Kernproblem des Kapitalismus nicht lediglich in der Aufteilung des Mehrwerts sehen, sondern in der Tatsache, dass der Wert vermittelndes Moment des Produktionsprozesses ist. Daraus ergibt sich, dass eine Wert- und Warenproduktion „unter sozialistischen Vorzeichen“ (wie sie etwa in der DDR angestrebt wurde) als unmöglich erkannt wird. Ein konsequenter Bruch mit dem Kapitalismus würde vielmehr auch die Aufhebung der Wertform – und des Geldes als seiner allgemeinsten Form – erfordern.

Jenseits dieser Gemeinsamkeit gibt es unterschiedliche Einschätzungen dazu, was die „Zukunftsfähigkeit“ des Kapitalismus angeht. Lohoff und Trenkle (2012) sehen ihn in einem unauflösbaren Widerspruch gefangen, indem die Dynamik der Produktivkraftentwicklung ihm mehr und mehr seine essenzielle Grundlage entzieht, nämlich die Verwertung menschlicher Arbeit. Heinrich (2007) dagegen sieht trotz zyklischer Krisenhaftigkeit „Tendenzen zur Ausdehnung […] des Kapitalismus, die noch längst nicht an ihr Ende gekommen sind.“

Einig dürften sich beide Seiten darin sein, dass das Ziel aller kapitalistischen Produktion die Geldvermehrung ist: Geld wird eingesetzt (investiert, verwertet), um am Ende mehr Geld zurückzuerhalten (vgl. Lohoff und Trenkle 2012: 22f). Da am temporären Ende jeder erfolgreichen Geldvermehrung mehr Geld steht, das wiederum verwertet werden will, ist dem Kapitalismus die Tendenz zum endlosen Wachstum inhärent. Zwar könnten die Kapitalistinnen (ich verwende in diesem Text weibliche und männliche Formen zufällig im Wechsel) ihren kompletten Neugewinn theoretisch auch konsumieren (für Yachten u.a. Luxusgüter ausgeben), doch dürfte ihnen in der Regel ein Teil des Gewinns dafür ausreichen (ebd.: 24f).

Geld ist im Kapitalismus die allgemeinste und wichtigste Form von Wert – von abstraktem Reichtum, der durch menschliche Arbeit entsteht. Wert ist das Ergebnis von Arbeit („tote Arbeit“), aber nur soweit und sofern diese Arbeit gesellschaftlich nötig ist. Wenn jemand weniger effizient arbeitet als andere (weil er langsamer ist oder über schlechtere Werkzeuge verfügt), produziert er damit nicht mehr Wert als diese, sondern (sofern er das gleiche Produkt herstellt) nur genauso viel (ebd.: 27ff).

Wenn immer mehr Geld verwertet werden muss, bedeutet dies im Regelfall also, dass immer mehr menschliche Arbeit produktiv und effizient eingesetzt werden muss, denn nur dann entsteht neuer Wert und die Geldvermehrung ist erfolgreich (ebd.: 28f). Gleichzeitig hat aber jedes Unternehmen (= jede Kapitalistin) ein Interesse daran, die zur Produktion seiner Waren benötigte Arbeitszeit zu senken. Denn um sich gegen die Konkurrenz durchsetzen, ist es gezwungen, mindestens ebenso effizient zu produzieren wie diese, besser aber effizienter. Schafft es das Unternehmen, mit weniger Arbeit die gleiche Warenmenge zu produzieren, oder (um denselben Sachverhalt auf andere Weise auszudrücken) mit gleichem Arbeitseinsatz mehr oder bessere Waren, kann es mehr Profit machen oder durch Preissenkungen den eigenen Marktanteil vergrößern. Zumindest zum Teil wird dies auf Kosten der Konkurrenz gehen. (Nur zum Teil, da der Markt auch vergrößert werden kann, wenn günstiger gewordene Waren von Menschen gekauft werden, die sie sich zuvor nicht leisten konnten.)

Um nicht auf der Strecke zu bleiben, sind die Konkurrenten gezwungen, nachzuziehen und die Effizienzsteigerungen zu übernehmen oder selbst noch bessere zu finden. Auch diese Dynamik ist tendenziell endlos. Zumindest solange die „vollautomatische Fabrik“ nicht komplett erreicht ist, also irgendwo im Produktionsprozess noch Menschenarbeit steckt, muss jedes Unternehmen auf immer neue Möglichkeiten lauern, diese zu reduzieren – da die Konkurrenz nicht schläft, sondern dasselbe tun muss (ebd.: 30f).

Diese Dynamik erschwert aber die Kapitalverwertung: Unter Einsatz einer bestimmten Menge Kapital (das so verwertet wurde) wurden zuvor jährlich z.B. 100.000 Fernseher hergestellt. Dank Effizienzsteigerung sind es hinterher vielleicht 120.000 Fernseher. Die zusätzlichen Fernseher müssen aber auch verkauft werden, damit die Kapitalmenge weiterhin verwertet werden kann. Was, wenn zwar 10.000 neue Fernseher Abnehmer finden (erleichtert durch den gesunkenen Preis), aber niemand die anderen 10.000 haben will? In diesem Fall kommt das Kapital in eine Verwertungskrise, die Fernseher müssen verschrottet oder weit „unter Wert“ zum Schnäppchenpreis verscherbeln werden. Die Investitionen müssen zum Teil abgeschrieben werden, die Kapitalistinnen erleiden Verluste – das Kapital hat sich verringert, statt sich zu vermehren (ebd.: 31f).

Dieser Verwertungskrise kann der einzelne Kapitalist entgehen, indem er rechtzeitig die Branche wechselt. Das TV-Unternehmen kann vielleicht rasch genug auf die drohende Absatzkrise reagieren, indem es einen Teil seiner Mitarbeiter entlässt und einen Teil seiner Produktionsanlagen verkauft oder auslaufen lässt (indem es veraltetes Equipment nicht mehr ersetzt). So wird ein Teil des zuvor gebundenen Kapitals freigesetzt, statt in der drohenden Verwertungskrise vernichtet zu werden.

Um das freigesetzte Kapital weiterhin verwerten zu können, müssen die Kapitalistinnen andere Waren herstellen – sie müssen die Branche wechseln. Statt in die Produktion von Fernsehern investieren sie es vielleicht in die von Spielkonsolen, Sportschuhen oder was sonst gerade „in“ ist. Gesamtgesellschaftlich kann dies gut gehen, solange es zumindest einige Wachstumsmärkte gibt, in die zusätzliches Kapital fließen kann, ohne nur bereits gebundenes Kapital zu verdrängen.

Aber gibt es solche Wachstumsmärkte immer in ausreichendem Umfang, um (a) das durch Effizienzsteigerungen freigesetzte Kapital und (b) das durch erfolgreiche Verwertungsprozesse neu entstandene Kapital aufzunehmen? Lohoff und Trenkle bezweifeln dies. Ihrer Ansicht nach war die fordistische „Wirtschaftswunderzeit“ nach dem Zweiten Weltkrieg die letzte Epoche, wo dies geklappt hat, seitdem wird durch Rationalisierung mehr Kapital freigesetzt als durch Erschließung neuer Märkte gebunden werden kann (32f). Heinrich (2007) sieht dagegen keine Probleme – er verweist auf den wachsenden Konsum in Entwicklungs- und Schwellenländern sowie neue Anlagesphären als Auswege.

Auf einer rein theoretischen Ebene lässt sich meiner Ansicht nach nicht entscheiden, wer recht hat. Dass das Kapital sich unfreiwillig immer wieder die eigene Verwertungsgrundlage ein Stück weit entzieht, ist zweifellos richtig; dass neue und wachsende Märkte dies grundsätzlich ausgleichen können, auch. Dagegen gibt es keinen Mechanismus, der dafür sorgen würde, dass das verfügbare Kapital jederzeit immer Verwertungsmöglichkeiten findet. Dies lässt sich für bestimmte Zeiten und Orte nur empirisch klären. Dieser Text ist ein erster Versuch, eine solche Klärung vorzunehmen.

Die Fragestellung: Die Entwicklung der produktiven Arbeit weltweit

Zur Grundlegung dieser Untersuchung ist es unumgänglich, auf Marx’ Begriff der produktiven Arbeit im Kapitalismus einzugehen. Wert entsteht für Marx aus Arbeit, soweit sie (a) zum Zwecke der Verwertung geleistet wird (es wird eine Ware produziert) und (b) gesellschaftlich nötig ist. Jede Ware muss Gebrauchswert haben (von jemand als brauchbar erachtet werden), sonst wird sie keine Käuferin finden. Wert entsteht nur dann, wenn die Ware erfolgreich verkauft wird und nur soweit ihr Herstellungsprozess dem Stand der Technik entspricht (unnötige Mehrarbeit etwa aufgrund veralteter Maschinen schafft keinen zusätzlichen Wert).

Marx fragt sich, was produktiv für den Kapitalverwertungsprozess ist – wertproduktiv oder kapitalproduktiv wäre daher ein genauerer Begriff. Arbeit, bei der kein Kapital verwertet wird, scheidet also als produktive aus. Das betrifft alle Arbeit für den Eigenbedarf, die eigene Familie oder Freunde ebenso wie ehrenamtliche Aktivitäten und private Hausangestellte. Wenn eine wohlhabende Familie einen Koch oder eine Hauslehrerin beschäftigt, gibt sie Geld aus, verwertet aber kein Kapital. Die Angestellte verdient sich damit ihren Lebensunterhalt, verwertet aber ebenfalls kein Kapital. Diese Arbeit ist also nicht produktiv. Anders ist es, wenn der Koch statt bei einem Privathaushalt bei einem Unternehmen angestellt ist, das ihn gegen Bezahlung an Haushalte vermittelt – in diesem Fall wird das Kapital des vermittelnden Unternehmens vermehrt, die Arbeit ist also produktiv. Nicht der Inhalt der Arbeit, sondern die Form, in der sie geleistet wird, ist für die Frage der Produktivität ausschlaggebend.

Staaten arbeiten in der Regel nicht renditeorientiert. Sie können zwar als „ideelle Gesamtkapitalisten“ betrachtet werden, die für optimale Verwertungsbedingungen auf ihrem Staatsgebiet sorgen wollen, aber selbst Profite zu machen und sich dabei gegen andere Kapitalisten durchzusetzen, ist in aller Regel nicht ihr Ziel. Staatsangestellte sind daher nicht produktiv. Dasselbe gilt für Beschäftige in zwischenstaatlichen Organisationen und im Non-Profit-Sektor.

Aber auch Arbeit, die für kapitalistische Unternehmen geleistet wird und zum erfolgreichen Verkauf von Waren beiträgt, ist nicht in allen Fällen produktiv. Hier wird es etwas haarig, zumal Marx dazu selbst nur verstreute Hinweise hinterlassen hat. Meine Rekonstruktion ist: Arbeit ist auch dann nicht produktiv, wenn sie nur dazu dient, den Verwertungsprozess des Kapitals aufrecht zu erhalten, den „Händewechsel“ zwischen Geld- und Warenbesitzern zu vermitteln oder unfreiwillige „Händewechsel“ zu verhindern.

Der Erleichterung des „Händewechsels“ dient der gesamte Handel: Waren müssen verkauft werden, sonst scheitert der Verwertungsprozess. Doch an dem Gebrauchswert der gekauften Zahnbürste ändert sich durch die Tatsache, dass ich einer Verkäuferin Geld geben muss, um sie nutzen zu dürfen, kein Stück, deshalb leistet die Verkäuferin auch keine produktive Arbeit. Dasselbe gilt für Werbung: sie sorgt dafür, dass Waren verkauft werden können, ohne aber an deren Gebrauchswert – ihrer sinnlich-stofflichen Nützlichkeit – etwas zu ändern.

Der „Händewechsel“ im Kapitalismus ist dann gewollt, wenn er in Form eines (Äquivalenten-)Tausches stattfindet, auf den sich beide Beteiligten einigen können. Ungewollt ist er dagegen, wenn sich jemand Dinge aneignet, ohne sich mit deren bisherigen Besitzer auf eine Gegenleistung geeinigt zu haben. Wachschützer und Sicherheitsdienste existieren, um solche ungewollten Händewechsel (Diebstahl, Raub) zu verhindern. Sie sorgen dafür, dass Gebrauchswerte bei ihren „legitimen“ (im Sinne der kapitalistischen Rechtsordnung) Eigentümerinnen verbleiben, ohne aber den Gebrauchswerten selbst etwas hinzuzusetzen. Sie leisten keine produktive Arbeit.

Verkäufer und Wachschützerinnen dienen zwar der individuellen Kapitalverwertung, indem sie die Eigner des Supermarktes und des Sicherheitsdienstes reicher machen. Doch diese Kapitalvermehrung geht auf Kosten anderer Kapitalistinnen, die dafür einen Teil des Mehrwerts, den sie andernfalls hätten verdienen können, abtreten müssen. Zur gesamtgesellschaftlichen Kapitalvermehrung tragen sie daher nicht bei.

Auch in der Finanzsphäre wird keine produktive Arbeit erbracht. Wer ein „gutes Händchen“ hat und es schafft, die richtigen Aktien zu kaufen und im richtigen Moment wieder zu verkaufen, hat zwar das eigene Vermögen vermehrt, aber den auf der Welt existierenden Reichtümern nichts hinzugefügt und daher nicht produktiv gearbeitet. Dasselbe gilt, wenn man derartiges als Dienstleistung für andere macht, ihnen Vermögenstipps gibt oder bei der Steuerberatung hilft.

Generell handelt es sich bei nichtproduktiven, aber im Kapitalismus nötigen Arbeiten um Nebenkosten der kapitalistischen Produktion. Sie müssen aus dem von produktiven Arbeitern erwirtschafteten Mehrwert bezahlt werden, mehren aber den gesellschaftlichen Reichtum nicht. Dem Kapital eröffnen sie daher nur dann neue Anlagemöglichkeiten, wenn zugleich die Menge produktiver Arbeit steigt: Eine kapitalistische Gesellschaft kann nicht dadurch reicher werden, dass sie mehr und mehr Werbung macht oder neue Supermärkte baut, ohne aber dadurch bzw. darin zusätzliche Produkte zu verkaufen.

Der zwischen Lohoff und Trenkle einerseits und Heinrich andererseits strittige Punkt lässt sich also auf die Frage herunterbrechen, ob die Masse produktiver Arbeit in der modernen kapitalistischen Gesellschaft tendenziell wächst oder fällt. Sinnvoll kann dies nur im weltweitem Rahmen untersucht werden, da das Kapital heutzutage global und mobil ist. Wenn die produktive Arbeit in einem einzelnen Staat fällt, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass das Kapital in diesem Staat in der Krise ist – das aus dem Staat kommende Kapital kann ebenso gut in andere Länder ausgewichen sein, weil es dort bessere Verwertungsbedingungen vorfindet.

Datenbasis

Zur Untersuchung der Fragestellung wurden Arbeitsmarktstatistiken der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) herangezogen (ILO 2013). Mein Plan war eigentlich, die Entwicklung der produktiven Arbeit seit ungefähr 1970 zu untersuchen, d.h. seit dem Ende der fordistisch-keynesianistischen Periode (1971 wurde die Goldbindung des US-Dollars aufgehoben). Die von der ILO veröffentlichten Statistiken gehen allerdings nicht weit genug zurück, sondern beginnen in den meisten Fällen erst 1980, für manche Länder auch erst später. Das durchschnittliche Anfangsjahr der ausgewerteten Statistiken ist 1983. Die verfügbaren Daten enden meist 2010 oder 2011, gelegentlich auch einige Jahre früher – im Durchschnitt 2010.

Die wichtigste verwendete Statistik ist KILM 4, das die Beschäftigtenzahlen eines Landes nach verschiedenen Branchen aufgeschlüsselt enthält. Eine Schwierigkeit der Analyse ergibt sich dabei daraus, dass die genaue Abgrenzung zwischen „produktiver“ und „unproduktiver“ Arbeit schon innerhalb der marxistischen Theoriebildung umstritten ist und sich in den (vermutlich nicht von Marxistinnen erstellten) ILO-Statistiken überhaupt nicht wiederfindet. Selbst wenn das anders wäre, wäre eine exakte Unterscheidung wohl schon deshalb unmöglich, weil eine Firma sowohl produktive (z.B. Facharbeiter, Ingenieure) als auch unproduktive (z.B. Werbefachleute) Beschäftige haben kann. Die in KILM 4 genannten Branchen lassen sich daher nur grob als „eher produktiv“ oder „eher unproduktiv“ einordnen.

Verschärft wird dieses Problem dadurch, dass die verwendete Brancheneinteilung im Lauf der Zeit mehrmals geändert wurde. In den meisten der untersuchten Länder wurde um 1980 die Version 2 der „International Standard Industrial Classification“ (ISIC) der Vereinten Nationen verwendet, um 2010 dagegen die heute aktuelle Version 4 (UN Statistics Division 2008). In einigen Ländern wurde zum Ende des Untersuchungszeitraums noch Version 3 verwendet. Jede dieser Versionen hat die Branchengliederung gegenüber der vorigen Fassung verändert und verfeinert.

Für meine Untersuchung habe ich die folgenden Sektoren in ISIC Revision 4 als (überwiegend) produktiv eingestuft:

  • A. Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei
  • B. Bergbau und Bodenschätze
  • C. Fertigung (Manufacturing)
  • D. Elektrizität, Gas, Dampf und Klimatechnik
  • E. Wasserversorgung; Kanalisation, Abfallentsorgung und Sanierungsmaßnahmen
  • F. Baugewerbe
  • H. Verkehr und Lagerung
  • I. Beherbergung und Gastronomie
  • J. Informations- und Kommunikationstechnik
  • R. Kunst, Unterhaltung und Erholung

Die folgenden Sektoren wurden als (überwiegend) unproduktiv betrachtet:

  • G. Groß- und Einzelhandel; Reparatur von Kraftfahrzeugen und Motorrädern
  • K. Finanz- und Versicherungsdienstleistungen
  • L. Immobilienwirtschaft
  • O. Öffentliche Verwaltung und Verteidigung; staatliche Sozialversicherung
  • T. Hauspersonal in privaten Haushalten; Produktion von Waren und Dienstleistungen in Haushalten für den Eigenbedarf
  • U. Exterritoriale Organisationen und Körperschaften

Als unproduktiv wurden von privaten Haushalten (T), Staaten (O) und zwischenstaatlichen Organisation (U) bezahlte Beschäftigungsverhältnisse eingestuft, da hier kein Kapital verwertet wird. Ebenso der Handel (G), der selbst keinen neuen Wert generiert, sondern nur den „Händewechsel“ zwischen Geld- und Warenbesitzern organisiert sowie Branchen, in denen vorhandene Werte gemanagt, aber kein neuer Wert produziert wird (K und L).

Besonders problematisch ist die Zuordnung der restlichen Sektoren, da hier sowohl Branchen einsortiert werden, die ich als überwiegend produktiv einstufen würde, als auch überwiegend unproduktive. Da die Daten keine weitere Aufschlüsselung ermöglichen, habe ich diese Sektoren als „halbproduktiv“ gewertet, d.h. 50 Prozent der dort angesiedelten Arbeitszeiten werden als produktiv gezählt. Dies gilt für folgende Sektoren:

  • M. Freiberufliche, wissenschaftliche und technische Tätigkeiten
  • N. Verwaltungs- und unterstützende Dienstleistungen
  • P. Bildung
  • Q. Gesundheits- und Sozialwesen
  • S. Sonstige Dienstleistungen
  • X. Wird nicht erläutert, bedeutet anscheinend „nicht klassifiziert“

Sofern eine Tätigkeit zur Entstehung eines Gebrauchswerts beiträgt, hängt ihre Wertproduktivität davon ab, ob sie für ein Privatunternehmen erbracht wird oder nicht:

[S]o ist ein Schulmeister produktiver Arbeiter, wenn er nicht nur Kinderköpfe bearbeitet, sondern sich selbst abarbeitet zur Bereicherung des Unternehmers. Daß letztrer sein Kapital in einer Lehrfabrik angelegt hat, statt in einer Wurstfabrik, ändert nichts an dem Verhältnis. (MEW 23: 532)

Da in den genannten Sektoren (insbesondere P, Q und S) sowohl staatliche als auch privatwirtschaftliche Unternehmen verbreitet sind (z.B. öffentliche und private Schulen und Bildungsinstitute), werden sie von mir als „halbproduktiv“ betrachtet. Eine genauere Aufschlüsselung, die den Umfang der privatwirtschaftlich organisierten (und damit wertproduktiven) Tätigkeiten genauer erfasst, wäre wünschenswert, kann aber auf Basis des vorliegenden Zahlenmaterials nicht erbracht werden.

In den Sektoren M und N sind sowohl produktive (z.B. in M: Architekten und Ingenieure; in N: Reinigung und Verpackung) als auch unproduktive Tätigkeiten (z.B. in M: Steuerberatung und Marketing; in N: Arbeitsämter und -vermittler, Vermietung und Leasing) zusammengefasst. Der Sektor X scheint gelegentlich als „Restkategorie“ für nicht anderweitig zugeordnete Tätigkeiten verwendet zu werden (in vielen Ländern ist er leer), weshalb keine Einstufung als „produktiv“ oder „unproduktiv“ möglich ist.

In ISIC Revision 3, der bis 2008 verwendeten vorigen Version des Standards, habe ich die folgenden Sektoren als produktiv eingestuft (in Klammern jeweils der entsprechende Sektor in Rev. 4):

  • A. Land- und Forstwirtschaft (Teil von A)
  • B. Fischerei (Teil von A)
  • C. Bergbau und Bodenschätze (B)
  • D. Fertigung (C)
  • E. Elektrizität, Gas und Wasserversorgung (D sowie E)
  • F. Baugewerbe (F)
  • H. Hotels und Restaurants (I)
  • I. Verkehr, Lagerung und Kommunikation (H sowie J)

Als nichtproduktiv gelten:

  • G. Groß- und Einzelhandel; Reparatur von Kraftfahrzeugen, Motorrädern und Haushaltsgegenständen (G)
  • J. Finanzdienstleistungen (K)
  • K. Immobilien und Vermietung (L)
  • L. Öffentliche Verwaltung und Verteidigung; staatliche Sozialversicherung (O)
  • P. Hauspersonal in privaten Haushalten (T)
  • Q. Exterritoriale Organisationen und Körperschaften (U)

Als halbproduktiv gelten:

  • M. Bildung (P)
  • N. Gesundheitswesen und Sozialarbeit (Q)
  • O. Andere Dienstleistungen (M, N, S)
  • X. Nicht klassifiziert (X)

In der bis 2002 genutzten Revision 2 werden noch weniger Sektoren unterschieden, die mit Nummern statt Buchstaben bezeichnet werden (in Klammern jeweils der entsprechende Sektor in Rev. 4). Als überwiegend produktiv betrachte ich dabei:

  • 1. Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei (A)
  • 2. Bergbau und Bodenschätze (B)
  • 3. Fertigung (C)
  • 4. Elektrizität, Gas und Wasser (D, E)
  • 5. Baugewerbe (F)
  • 7. Verkehr, Lagerung und Kommunikation (H, J)

Überwiegend unproduktiv:

  • 8. Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, Immobilienwirtschaft und Wirtschaftsdienstleistungen (K, L)

Halbproduktiv:

  • 6. Groß- und Einzelhandel, Hotels und Restaurants (G, I)
  • 9. Dienstleistungen jeder Art (M, N, O, Q, S, T, R, U)
  • 0. Nicht zugeordnete Aktivitäten (X)

Die ILO stellt Statistiken für mehr als 200 Staaten bereit, doch alle diese Daten auszuwerten wäre unpraktisch gewesen. Deshalb habe ich mich auf die 40 Länder mit dem größten Bruttoinlandsprodukt beschränkt (nach Wikipedia 2014a; verwendet wurde die Liste der Vereinten Nationen für 2012). Zusammen haben diese Staaten 90,2 Prozent des Bruttoweltprodukts erwirtschaftet (im Jahr 2012). Meine Annahme ist dabei, dass diese 90 Prozent ausreichen, um einen guten Einblick in die weltweite Entwicklung zu nehmen.

Entwicklung der Beschäftigtenzahlen

Die folgende Tabelle zeigt, wie sich die Zahl der produktiv und unproduktiv Beschäftigten zwischen dem jeweils ersten und letzten Jahr der Statistik entwickelt hat.

(1) Anzahl der produktiv und unproduktiv Beschäftigten (in Tausend)
Land Jahr Produk­tiv Halb­prod. Unprod. Summe Prod. Delta Prod.
Ägypten 1980 6623,0 3049,0 126,8 8147,5
2008 14322,0 3225,0 4960,0 15934,5 195,6%
Argentinien 1996 2672,0 1345,0 3353,0 3344,5
2011 2567,0 2538,0 4033,0 3836,0 114,7%
Australien 1980 2813,0 2945,0 517,7 4285,5
2009 3111,0 3614,0 2881,5 4918,0 114,8%
Belgien 1980 1660,0 1814,0 226,0 2567,0
2011 1026,0 1523,0 1250,0 1787,5 69,6%
Brasilien 1981 26293,0 17949,0 1223,0 35267,5
2009 44266,0 12812,0 35611,0 50672,0 143,7%
Chile 1980 1513,0 1643,0 101,1 2334,5
2010 2916,0 3641,0 573,3 4736,5 202,9%
China 1987 448420,0 77320,0 2090,0 487080,0
2002 476190,0 256630,0 4580,0 604505,0 124,1%
Dänemark 1981 1033,0 1178,0 157,4 1622,0
2011 621,0 1040,0 659,0 1141,0 70,3%
Deutschland 1991 18955,0 15697,0 2796,0 26803,5
2011 8541,0 12617,0 9986,0 14849,5 55,4%
Frankreich 1980 10857,5 9247,0 1642,5 15481,0
2011 6088,0 8296,0 7576,0 10236,0 66,1%
Griechenland 1981 2380,0 1034,0 116,7 2897,0
2011 1375,0 925,0 1309,5 1837,5 63,4%
Groß­britannien 1980 11660,0 11802,0 1865,0 17561,0
2011 7226,0 11069,0 7435,0 12760,5 72,7%
Indien 1994 233029,0 20929,0 35875,0 243493,5
2010 297104,0 20364,0 56817,0 307286,0 126,2%
Indonesien 1980 37319,0 13931,0 304,0 44284,5
2008 70840,0 8341,0 23371,0 75010,5 169,4%
Iran 1982 2080,0 2865,0 80,0 3512,5
2008 13233,0 2129,0 5138,0 14297,5 407,0%
Italien 1980 11733,0 8419,0 522,0 15942,5
2011 5822,0 6238,0 6215,0 8941,0 56,1%
Japan 1980 28830,0 23350,0 3170,0 40505,0
2008 27390,0 13170,0 23270,0 33975,0 83,9%
Kanada 1980 4420,0 5269,0 1018,0 7054,5
2008 6314,0 3963,0 6912,0 8295,5 117,6%
Kolumbien 1980 7770,0 7884,0 843,4 11712,0
2010 8067,0 8078,0 1350,3 12106,0 103,4%
Malaysia 1980 3145,0 1643,0 0,0 3966,5
2010 4086,0 1817,0 3179,0 4994,5 125,9%
Mexiko 1988 15144,0 12590,0 395,0 21439,0
2008 21888,0 5381,0 16597,0 24578,5 114,6%
Niederlande 1981 2165,0 2533,0 410,0 3431,5
2011 1833,0 3766,0 1924,0 3716,0 108,3%
Nigeria 1983 12029,0 15531,0 215,0 19794,5
2004 24122,0 16714,0 146,0 32479,0 164,1%
Norwegen 1980 890,0 916,0 101,0 1348,0
2011 608,0 1033,0 566,0 1124,5 83,4%
Österreich 1983 1744,0 1240,5 173,6 2364,3
2011 1214,0 1106,0 1110,0 1767,0 74,7%
Philippinen 1980 12254,0 4592,0 308,0 14550,0
2011 21682,0 2566,0 12905,0 22965,0 157,8%
Polen 1981 14004,0 4130,0 371,5 16069,0
2011 5130,0 3359,0 4026,0 6809,5 42,4%
Russland 1990 46565,5 12802,0 15740,0 52966,5
2009 31767,0 13247,0 21943,0 38390,5 72,5%
Saudi-Arabien 1999 1899,0 1063,0 2631,0 2430,5
2009 2614,0 1387,0 4146,0 3307,5 136,1%
Schweden 1980 1895,0 2054,0 283,0 2922,0
2011 1090,0 1932,0 1006,0 2056,0 70,4%
Schweiz 1980 1425,0 1741,0 0,0 2295,5
2011 968,0 1610,0 1137,0 1773,0 77,2%
Singapur 1980 518,0 471,0 79,1 753,5
2008 607,0 267,0 665,0 740,5 98,3%
Spanien 1980 7045,0 4115,0 397,2 9102,5
2011 5248,0 4713,0 5588,0 7604,5 83,5%
Südafrika 2000 5199,0 5822,0 923,3 8110,0
2011 4593,5 6961,0 1710,5 8074,0 99,6%
Südkorea 1980 9239,0 4114,0 332,0 11296,0
2008 11493,0 4408,0 7677,0 13697,0 121,3%
Thailand 1980 18720,0 3803,0 0,0 20621,5
2011 26448,0 2902,0 9114,0 27899,0 135,3%
Türkei 1982 2471,0 2629,0 228,0 3785,5
2011 9992,0 3600,0 5805,0 11792,0 311,5%
USA 1980 39190,0 51760,0 8351,0 65070,0
2010 34096,0 54084,0 36072,0 61138,0 94,0%
Venezuela 1980 2114,0 1944,0 186,9 3086,0
2011 4780,5 6732,0 684,3 8146,5 264,0%
Ver. Arab. Emirate 1995 685,0 114,0 513,0 742,0
2008 733,0 195,5 918,0 830,8 112,0%
Summe Anfangsjahr 1240039,8
Endjahr 1471008,8 118,6%

Insgesamt ist die Zahl der produktiv Beschäftigen um knapp 19 Prozent gestiegen, von 1240 auf 1471 Millionen (Beschäftige aus „halbproduktiven“ Sektoren wurden dabei wie erläutert zu 50 Prozent gezählt).

Im Vergleich zur Gesamtzahl aller Beschäftigen fällt dieser Anstieg allerdings vergleichsweise schwach aus. Dieser beträgt 37,2 Prozent, von 1509 auf 2071 Millionen.

Ein auffälliger Unterschied ergibt sich in der Tendenz der Entwicklung zwischen den hochentwickelten Industriestaaten Europas und den USA einerseits (wo die Zahl der produktiv Beschäftigen generell gefallen ist), und der asiatischen, afrikanischen und südamerikanischen Staaten andererseits (wo sie gestiegen oder zumindest nahezu unverändert geblieben ist). Nicht in dieses Schema passen allerdings die hochentwickelten Industriestaaten Kanada und Australien, die ebenfalls eine steigende Tendenz aufweisen.

[Teil 2 – dort ist auch das Literaturverzeichnis zu finden.]

From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Elemente einer künftigen Ethik: Ausschluss höchstens zur Sicherung der eigenen Gebrauchsrechte

Im Kapitalismus spielen Ausschlussrechte eine wichtige Rolle (Foto von Bernd Schwabe in Hannover, CC BY-SA,, Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Helmut_Hennig_Betreten_verboten_Die_gefangene_Zeit_Ein_tempor%C3%A4r_angelegtes_Privatgrundst%C3%BCck_im_%C3%B6ffentlichen_Raum_2012_II.jpg, zum Vergrößern klicken)(Voriger Artikel: Keine Ausnutzung von Zwangslagen)

Bestimmte Eigentumsrechte dürfte es in jeder Gesellschaft gegeben haben, doch nie zuvor hat das Eigentum eine so fundamentale Rolle gespielt wie im Kapitalismus. Das Eigentum im modern-kapitalistische Sinne umfasst dabei unterschiedliche Rechte, die sich in Anlehnung an Poteete et al. (2010: 95f) wie folgt gruppieren lassen:

  • Zugang bzw. Nutzung: das Recht, ein Stück Land zu betreten, ein Buch zu lesen, ein Spiel zu spielen etc.
  • Entnahme bzw. Verbrauch: das Recht, die Erträge nachwachsender Ressourcen zu nutzen (z.B. ein Feld zu ernten) oder nicht-nachwachsende Dinge zu verbrauchen (z.B. einen Apfel zu essen)
  • Regulierung (Management): das Recht, zu bestimmen, wie eine Ressource genutzt wird (ob ein Feld bestellt oder brach gelassen wird oder ob ein Haus darauf gebaut wird, ob ein Wald abgeholzt oder nur Fallholz entnommen wird)
  • Ausschluss: das Recht, zu bestimmen, wer eine Ressource nutzen darf und in welcher Weise
  • Veräußerung: das Recht, alle diese Rechte oder einzelne davon an andere zu verkaufen oder zu vermieten

Diese Rechte bauen aufeinander auf. Das Entnahmerecht setzt voraus, dass man Zugang zur Ressource hat, das Ausschlussrecht setzt voraus, dass man selbst gewisse Rechte an der Ressource hat, von denen man andere ausschließen oder die man ihnen einräumen kann, etc.

Eigentum im heutigen Sinne umfasst typischerweise all diese fünf Rechte, auch wenn es dabei nicht selten gewisse Einschränkungen gibt. Bei Grundstücken liegt das Regulierungsrecht oft nur zum Teil bei den einzelnen Eigentümern – ob Land bebaut werden darf, entscheidet normalerweise die Gemeinde, in der es liegt. Tierhalterinnen haben die Bestimmungen des Tierschutzgesetzes zu beachten, Waffen werden durch das Waffengesetz reguliert. Auch im Kapitalismus sind die Eigentumsrechte nicht absolut und allumfassend.

Ausschluss- und Veräußerungsrechte sind heutzutage von entscheidender Bedeutung, da das Ziel aller kapitalistischen Unternehmen die Kapitalvermehrung ist: Es gilt, Geld in mehr Geld zu verwandeln oder, allgemeiner ausgedrückt, mittels (käuflichem) Eigentum weiteres (verkäufliches) Eigentum zu schaffen. Was nicht ge- und verkauft werden kann, ist für den kapitalistischen Verwertungsprozess in aller Regel uninteressant, da es außerhalb seiner Reichweite liegt.

Ebenso entscheidend ist das Ausschlussrecht, da niemand für etwas zahlen würde, wozu er ohnehin freien Zugang hat. Weitreichende Ausschlussrechte sind also die Voraussetzung dafür, zahlreiche Menschen in den Kapitalverwertungsprozess einzubinden, indem ihnen gegen Geld bestimmte Rechte (von der einfachen Nutzung bis zum kompletten Rechtebündel) an Gütern eingeräumt werden, die sie brauchen oder haben möchten. Durch die (gegen Geldzahlung aufhebbaren) Ausschlüsse werden die Menschen aber nicht nur als Konsumentinnen in den Verwertungsprozess eingebunden, sondern auch als Arbeiterinnen, also Produzentinnen. Denn den meisten bleibt im Kapitalismus kaum etwas anderes als der Verkauf ihrer Arbeitskraft, um sich das zur Aufhebung von Ausschlüssen nötige Kleingeld zu beschaffen.

Da es im Peercommonismus nicht um die Geldvermehrung, sondern um die Bedürfnisse der Menschen geht, dürfte sich der Fokus verschieben. Anstelle des umfassenden Rechtebündel dürfte es vor allem um die ersten beiden Rechte – Nutzung, Entnahme und Verbrauch – gehen, da diese die konkrete Bedürfnisbefriedigung ermöglichen. Der Ausschluss anderer dürfte nur noch dann zulässig sein, wenn er zur Realisierung dieser beiden Rechte – ich werde sie als „Gebrauchsrechte“ zusammenfassen – notwendig ist.

Sprich: Ich muss auch im Peercommonismus niemand anderen in meine Wohnung einziehen lassen, weil das mein Recht zur Nutzung (zum Bewohnen) der Wohnung massiv beeinträchtigen würde. Ich muss niemand den Apfel essen lassen, den ich mir für später zum Abendessen mitgenommen habe, da das mein eigenes Recht, ihn zu verbrauchen (zu essen), beseitigen würde.

Anders sieht es aus, wenn der Gebrauch anderer meinen eigenen Gebrauch einer Sache nicht behindert oder wenn ich die Sache selbst gar nicht gebrauchen will – dann habe ich kein Recht, andere am Gebrauch zu hindern.

Das bedeutet etwa, dass ich andere nicht an der Nutzung von öffentlich gewordenem Wissen (wie wissenschaftliche Theorien, Entdeckungen und Erfindungen) oder von Zeichenartefakten (wie Texte, Software, Musik, Filme, Landkarten) hindern kann. Denn Wissen und von Menschen oder Computern interpretierbare Zeichen verbrauchen sich im Gebrauch nicht und lassen sich von beliebig vielen Menschen gleichzeitig nutzen. Wie Thomas Jefferson, der dritte Präsident der USA, prägnant formuliert hat:

He who receives an idea from me, receives instruction himself without lessening mine; as he who lights his taper at mine, receives light without darkening me. That ideas should freely spread from one to another over the globe, for the moral and mutual instruction of man, and improvement of his condition, seems to have been peculiarly and benevolently designed by nature, when she made them, like fire, expansible over all space, without lessening their density in any point, and like the air in which we breathe, move, and have our physical being, incapable of confinement or exclusive appropriation. (Brief an Isaac McPherson vom 13. August 1813)

Das Recht zum Ausschluss anderer erlischt aber auch dann, wenn man die Sache selbst gar nicht (oder nicht mehr) nutzen will. Ich habe also kein Recht, eine Wohnung an andere zu vermieten – denn das würde bedeuten, dass ich sie selbst gar nicht benutze und somit keinen Grund habe, andere von ihrer Nutzung auszuschließen.

Muss ich deshalb meine Wohnung räumen, wenn ich lediglich für einige Wochen oder vielleicht Monate verreise? Wohl kaum, da ich sie dann ja weiterhin nutzen will, nur nicht sofort. Andererseits dürfte es nicht mehr als akzeptabel gelten, durch eine sehr sporadische oder für die ferne Zukunft angedachte Nutzung eine sehr viel intensivere Nutzung durch andere zu verhindern. Dauerhaft Ferienwohnungen zu beanspruchen, in denen man jährlich nur einige Wochen oder Monate verbringt und die sonst leerstehen, wird daher wohl nicht möglich sein – außer wenn in der Gegend so viel Wohnraum vorhanden ist, dass andere gar kein Interesse an der Wohnung haben.

(Fortsetzung: Die Natur gehört allen und niemandem)

Literatur

  • Poteete, Amy R.; Marco A. Janssen; Elinor Ostrom (2010): Working Together: Collective Action, the Commons, and Multiple Methods in Practice. Princeton: Princeton University Press.
From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Elemente einer künftigen Ethik: Keine Ausnutzung von Zwangslagen

Ein Holzschnitt von Albrecht Dürer stellt den bis heute strafbaren "Wucher" dar (gemeinfrei, Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:UsuryDurer.jpg)(Voriger Artikel: Vorüberlegungen zu einer künftigen Ethik)

Nach den allgemeinen Vorüberlegungen wird es nun um die Frage gehen, welche ethischen Überzeugungen in einer peercommonistischen Gesellschaft verbreitet sein dürften. Dabei wird es wohl nicht zu einen absoluten Bruch mit der heutigen (bürgerlich-kapitalistisch) Ethik kommen, sondern vielmehr zu deren „Aufhebung“ im Hegel’schen Sinne. Bestimmte Elemente werden auf eine höhere Ebene „gehoben“, also konsequent weiter ausgebaut, wo die heutige aus Sicht der künftigen Ethik inkonsequent ist. Manche aus künftiger Sicht inakzeptabel gewordenen Vorstellungen werden aufgegeben, während andere ziemlich unverändert von der heutigen in die künftige Ethik wandern werden.

Schon heute ist es in gewissen Fällen verpönt, es zum eigenen Vorteil ausnutzen, wenn andere sich in einer Zwangs- oder Notlage befinden, in der sie nicht frei entscheiden können, was sie tun oder nicht tun wollen. So verbietet es das deutsche Strafgesetzbuch, jemand unter Ausnutzung einer Zwangslage zur Prostitution zu nötigen (§ 232) oder Minderjährige in einer Zwangslage zu sexuellen Handlungen zu drängen (§ 182). Strafbar ist auch „Menschenhandel zum Zweck der Ausbeutung der Arbeitskraft“ (§ 233), wobei hier auffällig ist, dass die Ausnutzung einer Zwangslage nicht generell sanktioniert wird, sondern nur dann, wenn ein „auffälliges Missverhältnis“ zwischen den Arbeitsbedingungen des Betroffenen und anderen, die vergleichbare Tätigkeit ausüben, besteht. Dasselbe gilt für den „Wucher“ (§ 291): mit jemand in einer Zwangslage einen Kredit- oder sonstigen Vertrag auszuhandeln, ist nur dann strafbar, wenn ein „auffälliges Missverhältnis“ zwischen Leistung und Gegenleistung besteht.

Das Strafgesetzbuch macht hier unfreiwillig deutlich, dass das Ausnutzen von Notlagen anderer zu den Grundprinzipien des Kapitalismus gehört: Ob Menschen ihre Arbeitskraft verkaufen („Arbeit suchen“) oder nicht, entscheiden sie in aller Regel nicht aus freien Stücken, sondern sie müssen es tun, weil ihnen kaum eine andere Alternative bleibt. In Deutschland drohen einem zwar – anders als in vielen anderen kapitalistischen Ländern – nicht gleich Obdachlosigkeit und Hungertod, wenn man längere Zeit „arbeitslos“ bleibt, da der Staat einspringt und eine geringe Grundsicherung zahlt (das (Arbeitslosengeld II, meist „Hartz IV“ genannt). Diese befreit eine aber keineswegs aus der Zwangslage, im Gegenteil: Anspruch auf diese Hilfe hat nur, wer aktiv nach einer „zumutbaren Arbeit“ sucht und dies gegenüber dem Arbeitsamt auch nachweist, wobei fast jede Arbeit als „zumutbar“ gilt.

Während eine bedingungslose Grundsicherung, die hoch genug wäre, um das Überleben und die gesellschaftliche Teilhabe gemäß den üblichen Standards zu ermöglichen, die Zwangslage aufheben würde, trägt der Staat so aktiv zu ihrer Aufrechterhaltung bei. Wer nicht gewillt ist, die eigene Arbeitskraft anderen zur Ausbeutung zur Verfügung zu stellen, dem drohen Kürzungen des Arbeitslosengelds, die schnell existenzbedrohend werden können.

Die Inkonsequenz der heutigen Ethik schlägt sich in den halbherzigen Formulierungen des Strafgesetzbuchs nieder: Andere unter Ausnutzung der Zwangslage, ihr Überleben sichern zu müssen, auszubeuten, gilt als völlig normal und keineswegs verwerflich – außer man übertreibt es dabei. In der künftigen Ethik dürfte diese Inkonsequenz verschwinden, das Ausnutzen von Notlagen anderer zum eigenen Vorteil oder zum Vorteil dritter dürfte generell als inakzeptabel gelten. Was heute ganz normal ist – nämlich dass fast alle gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um über die Runden zu kommen, und so Firmen zu Profiten verhelfen – wird den Menschen im Rückblick äußerst unethisch erscheinen, so wie wir frühere Gesellschaften, die auf Sklaverei oder Leibeigenschaft aufbauten, als unethisch empfinden.

Das Abschließen von Tauschgeschäften – Leistung gegen Gegenleistung bzw. Gabe gegen Gegengabe – wird auch in Zukunft noch akzeptabel sein, aber nur unter der Voraussetzung, dass keiner der Beteiligten in Not gerät, wenn dieses oder ein ähnliches Tauschgeschäft nicht zustande kommt. Alle müssen also auch ohne den Abschluss von Tauschgeschäften in der Lage sein, gemäß den gesellschaftlich üblichen Standards gut zu leben. Das bloße Überleben reicht dabei nicht aus, da eine Zwangslage auch dann entsteht, wenn der Einzelnen andernfalls etwas fehlen würde, was ihre Bekannten und Freundinnen haben und als wesentlich ansehen. Wenn alle meine Freunde per Handy kommunizieren, bin ich gezwungen, mir selbst ein Handy zu besorgen, wenn ich nicht den Anschluss verlieren will. Auch solche gesellschaftlich bedingten Standards müssen allen Menschen ohne den Zwang zu Tauschgeschäften zugänglich sein, um das ethisch Inakzeptable – das Ausnutzen von Zwangslagen anderer zum eigenen Vorteil – abzuwenden.

Die Gesellschaft so zu organisieren, dass dies jederzeit und überall der Fall ist, ist also eine allgemeine Herausforderung, der sich die Menschen in einer peercommonistischen Gesellschaft werden stellen müssen. Denn wenn Menschen mangels Alternativen gezwungen wären, sich zu verkaufen oder anderweitig ausnutzen zu lassen, würden sie das natürlich auch weiterhin tun. Ein rein ethisches Postulat, das aufgrund der gesellschaftlichen Realitäten regelmäßig ignoriert wird, wäre aber witzlos und würde bald wieder verschwinden.

(Fortsetzung: Ausschluss höchstens zur Sicherung der eigenen Gebrauchsrechte)

Literatur

From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Vorüberlegungen zu einer künftigen Ethik

Medaillon der britischen Abolitionismusbewegung (gemeinfrei, Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wedgwood_-_Anti-Slavery_Medallion_-_Walters_482597.jpg)Die Betrachtung dessen, was gesellschaftlich anders laufen könnte, ist ohne eine ethische Perspektive recht witzlos. Man kann sich dann zwar verschiedene „andere mögliche Welten“ ausmalen, aber ob diese „besser“ oder „schlechter“ wären, ist ohne Ethik nicht unterscheidbar. Aus materialistischer Sichtweise wird Ethik allerdings gern als nachgeordnet betrachtet, gemäß Karl Marx’ berühmtem Diktum:

Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt. (MEW 13: 9)

Ist also unsere Ethik ein bloßes Produkt der Gesellschaft, in der wir leben, so dass wir einer künftigen andersgearteten Gesellschaft und deren Ethik nur mit Unverständnis begegnen können? Ein Stück weit ist das sicher so, doch darf man die gesellschaftlichen Umstände nicht als zu statisch denken. Es sind schließlich immer Menschen, die gesellschaftliche Übergänge und Veränderungen zustande bringen. Und für diese ist das Auseinanderklaffen zwischen dem Sein und dem, was sein sollte – was sie als ethisch wünschenswert oder notwendig empfinden – zweifellos oft eine wichtige Antriebskraft.

Wohl jede Emanzipationsbewegung – ob zur Abschaffung der Sklaverei, zur rechtlichen und faktischen Gleichberechtigung von Frauen, das US-amerikanische Civil Rights Movement gegen rassistische Ausgrenzungen, die Lesben- und Schwulenbewegung etc. – hat einen ethisch motivierten Ausgangspunkt. Auch politische Umbrüche werden oft ethisch begründet – so ging die US-amerikanische Unabhängigkeitsbewegung von dem Slogan „No taxation without representation“ aus, sprich dem Grundsatz, dass es ethisch unakzeptabel ist, Menschen Pflichten aufzuerlegen, ohne ihnen zugleich die damit üblicherweise verbundenen Rechte einzuräumen. Und auch Marx lässt sich nicht begreifen, vergisst man seinen in jungen Jahren formulierten

kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. (MEW 1: 385, Hervorhebung im Originall)

Auch dem im Kapital erwähnten

Verein freier Menschen […], die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben (MEW 23: 92)

liegt eine ethische Vorstellung zugrunde, wie die gesellschaftliche Produktion besser einzurichten wäre, auch wenn Marx dies mit den Worten „zur Abwechslung“ verschleiert. Der späte Marx versucht nämlich, ohne ethische Begründungen auszukommen – vermutlich weil diese eine Argumentation leicht angreifbar machen. Der Dialogpartner kann sonst einfach erwidern, dass er die ethischen Grundannahmen nicht teilt, und sich so der Diskussion entziehen.

Mit dem Kapital zielt Marx deshalb darauf ab, die innere Selbstwidersprüchlichkeit des Kapitalismus zu demonstrieren. Er zeigt, dass dieser gegen die ihm zugrunde liegenden ethischen Grundannahmen – etwa den freien Tausch unter Gleichberechtigten – permanent und zwangsläufig selbst verstößt. So kann von „freiem“ Tausch keine Rede sein, wenn jemand zur Sicherung ihres Lebensunterhalts zum Verkauf ihrer Arbeitskraft gezwungen ist. Und spätestens mit dem Verkauf der Arbeitskraft ist es auch mit der Gleichberechtigung vorbei.

Das Problem an Marx’ Argumentation ist allerdings, dass sich die von ihm demonstrierte Widersprüchlichkeit in verschiedene Richtungen auflösen lässt. Man kann dann etwas fordern, dass den ethischen Grundannahmen des Kapitalismus zu ihrer Geltung verholfen werden muss, auch wenn das tiefgreifende Reformen oder sogar eine Abschaffung des Kapitalismus erfordert. Die sich daraus ergebende Gesellschaft würde allerdings die wesentlichen kapitalistischen Grundprinzipien beibehalten, etwa das Leistungsprinzip: „Wer sich nicht gegen andere durchsetzen kann, soll auch nicht essen (oder jedenfalls nicht viel)“. Ein Ausweg ist also, zwar den Kapitalismus selbst mehr oder weniger aufzugeben, seine Ethik aber beizubehalten. Damit wäre wenig gewonnen.

Ein anderer Ausweg besteht darin, den Kapitalismus durch Preisgabe der ethischen Grundannahmen zu verteidigen. Analog zu dem berühmt-berüchtigten Churchill-Zitat, „Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen“, wird so argumentiert, dass der Kapitalismus ethisch zwar vielleicht unbefriedigend ist (da keine echte Chancengleichheit besteht etc.), von seinen Ergebnissen her aber dennoch besser als alle denkbaren Alternativen. Will man dies bestreiten, muss man sich auf die Diskussion „besser in welcher Hinsicht“ einlassen – aber das ist wiederum eine ethische Fragestellung, zu der man ohne eigenen ethischen Standpunkt überhaupt nichts sagen kann!

Der Anarchist Erich Mühsam (1933: Kap. I) hält Marx denn auch zurecht entgegen, dass sich nur ethisch begründen lässt, warum der Sozialismus bzw. Kommunismus als wünschenswerter als der Kapitalismus anzusehen ist. Ohne eine ethische Position kann man zwar vielleicht erwarten, dass diese Gesellschaft eines Tages durch eine andere abgelöst wird, aber nicht sagen, ob man dies gut oder schlecht findet.

Mit diesen Bemerkungen will ich keineswegs eine ethisch-idealistische Sichtweise gegen eine materialistische ausspielen. Es waren keine ethischen Forderungen, die zur Entstehung des Kapitalismus geführt haben. Vielmehr schlugen sich die sich im jungen Kapitalismus verbreitenden Denkmuster in entsprechenden ethischen Theorien nieder, insbesondere in John Lockes Eigentumstheorie und in Adam Smiths Theorie der „unsichtbaren Hand“ des Marktes. Solche Theorien waren aber nicht einfach nur Ergebnis der wirtschaftlichen Umbrüche, sondern dienten zugleich auch zu deren Rechtfertigung und damit zu ihrer weiteren Durchsetzung.

Auch ist Ethik bekanntlich nichts Universelles und Unveränderliches. Ethische Standards müssen sich erst entwickeln und nach und nach verbreiten, und das dauert seine Zeit. So gab es im Altertum zwar Sklavenaufstände, aber es sind keine Proteste gegen die Sklaverei bekannt – auch durch Sklaven wurde die Institution Sklaverei nicht grundsätzlich in Frage gestellt, selbst wenn sie ihr individuell zu entkommen suchten. Auch das ganze Mittelalter hindurch und in vielen außereuropäischen Gesellschaften gab es Sklaverei und Leibeigenschaft als allgemein akzeptierte Institutionen.

Erst im 17. Jahrhundert wurde die Sklaverei von Mennoniten und Quäkern für illegitim erklärt (siehe Wikipedia 2014). Bis sich diese Sichtweise verbreitete, dauert es noch mehr als 100 Jahre, und bis zur Abschaffung der Sklaverei in den meisten Ländern verging ein weiteres Jahrhundert.

Neue ethische Überzeugungen fallen also nicht über Nacht vom Himmel, von ihrem ersten Auftreten bis zu ihrer allgemeinen Durchsetzung kann geraume Zeit vergehen. Wer genau hinguckt, kann also auch heute schon ethische Positionen vorwegnehmen, die sich erst in Zukunft allgemein verbreiten werden. Dies gilt insbesondere, wenn man berücksichtigt, wie sich neue ethische Positionen in der Vergangenheit entwickelt haben. Hier sind nämlich einige allgemeine Muster erkennbar.

Eins dieser Muster ist, dass gewisse Vorrechte mit der Zeit zu allgemeinen Rechten werden. Mit der Abschaffung der Sklaverei wurden den Sklavinnen die Rechte eingeräumt, die Freie schon vorher gehabt hatten. Der Feminismus forderte und fordert für Frauen dieselben Rechte, die Männer schon vorher hatten – zu wählen; den eigenen Alltag gestalten zu können, ohne andere um Erlaubnis fragen zu müssen; gemäß den eigenen Präferenzen einen Beruf ergreifen zu können; für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn zu erhalten etc. Die Lesben- und Schwulenbewegung erkämpfte für Schwule, Lesben und Bisexuelle das Recht, im gegenseitigen Einvernehmen lieben zu können, wen sie wollen, das Heterosexuelle schon vorher gehabt hatten.

Oft sind diese Emanzipationsbewegungen noch unvollendet, indem das gleiche Recht noch nicht oder nur auf dem Papier besteht. Schwule dürfen in Deutschland und manchen anderen Staaten heute etwa noch nicht heiraten. Frauen werden im Durchschnitt nach wie vor dramatisch schlechter bezahlt als Männer, auch wenn Diskriminierung aufgrund des Geschlechts nominell verboten ist. Die Richtung, in die die ethische Entwicklung geht, ist trotzdem klar.

Ein anderes Muster ist, dass willkürliche Privilegien aufgehoben werden. So schützen die Habeas-Corpus-Rechte in Rechtsstaaten heute die Einzelne vor willkürlicher Verhaftung ohne Begründung und gerichtliche Überprüfung, während im Mittelalter der Souverän das Recht hatte, seine Untertanen festnehmen zu lassen, ohne dies rechtfertigen zu müssen.

Zwar tun sich die heutigen Staaten chronisch schwer damit, die Rechte, die sie ihren eigenen Bürgern zugestehen, auch Nichtbürgerinnen (also „Ausländern“ aus Sicht des jeweiligen Staates) zukommen zu lassen. So werden in dem berüchtigten US-amerikanischen Gefangenenlager Guantanamo hunderte Personen über teils Jahrzehnte hinweg unter krasser Missachtung ihrer Habeas-Corpus-Rechte festgehalten. Ethische Konzepte und die tatsächliche Praxis kapitalistischer Staaten sind also zwei paar Schuhe. Dass ein nur für manche geltendes Habeas-Corpus-Recht schon ein gewisser ethischer Fortschritt gegenüber der Alternative kompletter staatlicher Willkür ist, dürfte sich dennoch nicht bestreiten lassen. Und gemäß des ersten Musters, dass Vorrechte mit der Zeit zu universellen Rechten werden, lässt sich schon voraussehen, dass sich die Begrenzung von Grundrechten wie Habeas Corpus auf die Bewohnerinnen eines einzelnen Staates in Zukunft nicht mehr rechtfertigen lassen wird.

Zu guter Letzt werden die ethischen Ansichten in jeder Gesellschaft durch deren praktisch-materielle Verfasstheit geprägt, wie oben schon festgestellt. Wie der Kapitalismus seine eigene Ethik hervorbringen musste, die die Praktiken der allgemeinen Warenproduktion und des Handels unter formal Gleichberechtigten absichert und rechtfertigt, so wird auch jede künftige Gesellschaft ethische Grundsätze entwickeln, die ihrer Funktionsweise entsprechen. Wenn wir also davon ausgehen – wie hier bei Keimform als „Arbeitshypothese“ üblich –, dass die künftige Gesellschaft (sofern alles gut läuft) Commons und Peer-Produktion als ihre Grundlagen haben wird, dann implizierten diese Grundlagen bestimmte ethische Grundsätze, über sie sich heute schon einiges sagen lässt. Welche das konkret sein könnten, ist Thema des nächsten Artikels.

(Fortsetzung: Elemente einer künftigen Ethik: Keine Ausnutzung von Zwangslagen)

Literatur

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