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Keimform und gesellschaftliche Transformation

Streifzüge Nr. 60/2014[Alle »Keimformen«-Artikel in Streifzüge 60/2014]

Der analytische Begriff der „Keimform“ hat eine gewisse Karriere hinter sich, und wie bei so manchen Karrieren ist nach einer Weile nicht mehr so recht klar, was damit eigentlich gemeint ist. Eine Klärung sei versucht.

Das Keimform-Konzept will die Frage beantworten, wie eine neue gesellschaftliche Form in der Entwicklung entstehen und sich schließlich durchsetzen kann. Das traditionelle Transformationskonzept des Marxismus-Leninismus versuchte den Widerspruch zwischen Ökonomie und Politik zu lösen, indem eine Klasse geleitet durch eine Avantgarde die Macht ergreift. Historisch konnten auf diese Weise zwar die Notwendigkeiten der Warenproduktion etabliert werden (etwa in Russland nach der Revolution), eine kommunistische Produktionsweise ließ sich so jedoch nicht durchsetzen. Das Keimform-Konzept hingegen betrachtet die Spaltung in Ökonomie und Politik, von Warenproduktion und gesellschaftlicher Steuerung, selbst als das Problem. Es kann nicht darum gehen, die Ökonomie mittels der Politik zu verändern, sondern darum, eine neue gesellschaftliche Form durchzusetzen, in der lokale Produktion und gesellschaftliche Zwecksetzung nicht mehr auseinanderfallen. Was ist der Unterschied?

Gesellschaft

Gesellschaft ist der Vermittlungszusammenhang, in dem wir vorsorgend unsere Lebensbedingungen herstellen. Dazu gehören alle Tätigkeiten, die die Menschen für notwendig erachten. Ökonomie ist ein Sonderbereich in der Gesellschaft, in dem bestimmte Güter und Dienste in einer bestimmten, vom Rest der Gesellschaft getrennten Form der Vermittlung produziert werden. Diese Form ist die der getrennten Produktion von Waren, die getauscht werden. Wert, Markt, Staat usw. sind abgeleitete Formen dieser Sondervermittlung, in der etwa ein Drittel der gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten erledigt werden. Die anderen zwei Drittel der nötigen Tätigkeiten werden nicht-ökonomisch durch personale Vermittlung der Menschen selbst geschaffen. Gesellschaftliche Transformation heißt, die Sphärenspaltung aufzuheben und nicht, die Ökonomie in der Spaltung mittels der abgespaltenen Politik zu modifizieren.

Ausgangspunkt des Keimform-Ansatzes ist die Gesellschaft, nicht die abgespaltene Ökonomie, ist ein unreduziertes Verständnis der schlichten Tatsache, dass die Menschen ihre Lebensbedingungen selbst herstellen. Das gilt für alle Lebensbedingungen, soziale wie stoffliche, und für alle Epochen. Das begründet auch die Notwendigkeit einer Geschichtsphilosophie. Diese fragt danach, wie die unterschiedlichen historischen Formen, die Lebensbedingungen vorsorgend herzustellen, auseinander hervorgehen. Denn dass sie zusammenhängen, bestreiten auch jene nicht, die eine Geschichtsphilosophie ablehnen.

Notwendig und automatisch

Der Schock des Untergangs des Realsozialismus hat in der Linken zur vehementen Ablehnung von Geschichtsphilosophie geführt. Tatsächlich wähnte man sich im Staatssozialismus auf der Seite der Geschichte und mochte die Notwendigkeit der Aufhebung einer Gesellschaftsformation durch eine folgende aus Legitimationsgründen als Automatismus ausgeben. Was jedoch notwendig ist, folgt noch lange nicht automatisch. Es sind die Menschen, die ihre Geschichte machen, kein Mechanismus außerhalb. Eine Notwendigkeit kann nur auf der Grundlage ihres Menschseins gründen. Aber wie das? Es sind die menschlichen Bedürfnisse nach freier und unbeschränkter Entfaltung ihrer Potenzen, die am Ende alle beschränkenden Regimes hinweg räumen. Und das kapitalistische Regime haben wir uns bis zum Schluss aufgehoben. Ob es gelingt, ist ungewiss.

Die Ablehnung einer Geschichtsphilosophie rührt vermutlich aus der unreflektierten Gleichsetzung mit einem Geschichtsautomatismus. Geschichte verläuft jedoch nicht automatisch, sondern sie wird von den Menschen gemacht. Dieses Machen ist jedoch nicht beliebig, sondern das Tun der jeweiligen AkteurInnen hängt von den bereits entwickelten historischen Möglichkeiten wie auch Begrenzungen ab. Der Keimform-Ansatz beantwortet die Frage, ob denn heute die Möglichkeiten für eine freie Gesellschaft vorhanden sind, mit einem Ja. Eine Garantie, ob diese Möglichkeiten auch ergriffen werden und zum Erfolg führen, gibt es dennoch nicht.

Fünf Schritte

Die Transformation zu einer freien Gesellschaft lässt sich in fünf Schritten denken. Mit diesen fünf Schritten soll begriffen werden, wie in einem betrachteten System qualitativ Neues aus einem vorherrschenden Alten entstehen und sich schließlich durchsetzen kann. Es handelt sich eigentlich um ein retrospektives Verfahren, bei dem das „Ergebnis“ des Entwicklungsprozesses bekannt ist und den Ausgangspunkt bildet, um den Werdens- und Durchsetzungsprozess zu rekonstruieren. Für die hier diskutierte Frage versetzen wir uns gedanklich an die Stelle des abgeschlossenen Transformationsprozesses, um die fünf Schritte dorthin zu rekonstruieren. Wir nehmen also an, wir kennen die Elementarform einer neuen Vergesellschaftung (vgl. dazu den Artikel „Keimform und Elementarform“).

1. Keimform

Etwas Neues entsteht zuerst immer in Nischenbereichen der Gesellschaft. Als Keimform wird nun nicht die konkrete Nischenerscheinung bezeichnet, sondern nur das soziale Prinzip, das sie verkörpert. Im hier betrachteten Fall ist das die Form der Herstellung der Lebensbedingungen, die keinen Tausch erfordert, also keine Warenproduktion ist. Dafür hat sich der Begriff der Peer-Commons verbreitet, es gibt aber auch andere Bezeichnungen (etwa commons-basierte Peer-Produktion). Die Keimform als neues soziales Prinzip der Re-/Produktion kann sich in verschiedener Gestalt zeigen. Das muss auch so sein, hat sie doch allgemeinen Charakter. Das soziale Prinzip ist also nicht wie noch im Kapitalismus begrenzt auf einen Sonderbereich der Gesellschaft – jenen, den man Ökonomie nennt –, sondern Realisationen der Keimform (kurz: Keimformen im Plural) zeigen sich überall in der Gesellschaft. Das empirische Faktum, dass neue Commons in allen Bereichen entstehen, wo Menschen gemeinschaftlich Lebensbedingungen schöpfen, ist ein starker Indikator für ihre Potenz zur gesamtgesellschaftlichen Verallgemeinerung. Aber dazu kommt es nur, wenn eine zweite Bedingungen hinzutritt: die Krise des alten Prinzips.

2. Krise

Solange das alte soziale Prinzip – Warenproduktion in einer ökonomischen Sondersphäre plus Politik plus Restproduktion in der nichtökonomischen, abgespaltenen Sphäre – funktioniert, jedenfalls im Sinne der Erhaltung der Systemkohärenz, gibt es keinen Grund, dass sich ein neues soziales Prinzip durchsetzt. Geht die Kohärenz aufgrund von Krisen verloren, so können die Keimformen eine neue Rolle spielen. Die Multi-Krise des globalen Kapitalismus ist handgreiflich, ihre Verlaufsformen unbekannt.

Doppelte Funktionalität

Jede Tätigkeit in den herrschenden Formen reproduziert eben diese Formen. Durch Teilhabe an der Warenproduktion wird nicht nur die eigene, sondern auch die Existenz des Systems bestätigt. Das ist die doppelte Funktionalität, der alle unterliegen. Tätigkeiten im Kontext der Peer-Commons brechen diesen Nexus auf. Sie reproduzieren nun nicht mehr die dominante soziale Form der Warenproduktion, obwohl sie im Ergebnis zu dieser beitragen, sondern sie reproduzieren die neue soziale Form der Peer-Commons, die inkompatibel zur Warenform ist. Während also die soziale Form inkompatibel bleibt, können die Ergebnisse durchaus kompatibel zur Marktlogik in den Warenzyklus eingehen (etwa als kostenlose Ressource). Die Inkompatibilität der Sozialform hingegen ermöglicht neues Handeln und neue Erfahrungen jenseits der Verwertung. Die „freie Entwicklung der Individualitäten“ (Marx, Grundrisse, 601) ist das Neue.

3. Funktionswechsel

Die Keimformen machen nun einen Funktionswechsel durch. Dieser Schritt ist der eigentlich interessante und der für das Denken herausfordernde. Ohne Dialektik ist hier kein Durchblick möglich. Funktionswechsel heißt, dass die Keimformen ihren Nischenstatus schrittweise verlieren und zur überlebensrelevanten Dimension in der alten Form der Systemerhaltung werden. Gleichzeitig gehen sie nicht in der alten Form der Warenproduktion auf, sondern erhalten ihr qualitativ andersartiges soziales Prinzip aufrecht, weil sie sonst nicht funktionieren würden. Ihre doppelte Funktionalität besteht also in der Gleichzeitigkeit von Nutzbarkeit für das Alte und Inkompatibilität zur sozialen Logik des Alten.

Unfruchtbar sind Diskussionen, die entweder die völlige Inkompatibilität zur alten Warenlogik fordern oder ihr völliges Aufgehen in der Warenproduktion bereits für ausgemacht halten. Es kann nicht anders sein, als dass die konkreten Realisationen des neuen Prinzips stets beide Momente enthalten: Sie können ihre neue Funktion zum Vorteil der alten Logik nur erfüllen, weil sie diese nicht sind, weil sie aufgrund ihrer qualitativ anderen sozialen Funktionsweise produktive und innovative Quellen erschließen, die der normalen Warenlogik verschlossen sind. Sonst würden sie nicht gebraucht werden, doch der Kapitalismus kann nicht mehr ohne sie existieren.

Mehr noch: Die neuen Möglichkeiten werden nicht nur von außen aus den Nischenbereichen in das Zentrum hineingetragen, sondern auch das Kapital als Zentrum der Warenproduktion entdeckt und entwickelt die neue soziale Logik in den eigenen Mauern. Es importiert damit auch jene Formen, die der Kapitalverwertung nicht mehr bedürfen und sie in den Schranken der Verwertung bereits überschreiten. Der Forscher Michel Bauwens spricht vom „vernetzten Kapital“, das sich aufgrund der Konkurrenz zur offenen Kooperation mit Akteuren außerhalb der Warenproduktion genötigt sieht. Für sie gilt: Offenheit schlägt Geschlossenheit. Wer offen ist, kann mehr Wissen und menschliche Ressourcen an sich ziehen als diejenigen, die sich zwar gerne einseitig das Wissen aneignen wollen, aber die Ergebnisse wegschließen und proprietär vermarkten.

Aber auch in den Kernbereichen der Warenproduktion werden immer mehr Formen der (limitierten) Offenheit, Beteiligung und Selbstgestaltung der Arbeit eingeführt, die gleichwohl – und das macht ihre Widersprüchlichkeit aus – unter den Imperativen der Verwertbarkeit stehen. Wer aber hier nur die (auto-)repressive Seite der Entwicklung wahrnimmt, übersieht, dass das Kapital damit gleichzeitig die Voraussetzungen für eine Befreiung von der Warenform schafft: jene Individualitäten, die sich ohne fremde Logik auf eigener Grundlage unbeschränkt entfalten könnten. Das Kapital schafft mit den „Produktivkräfte(n) und gesellschaftlichen Beziehungen“ als „verschiedene(n) Seiten des gesellschaftlichen Individuums“ jene „materiellen Bedingungen, um sie [die bornierte kapitalistische Produktionsweise, SM] in die Luft zu sprengen“, formuliert Marx zugespitzt (Grundrisse, 602).

Peer-Commons

Commons sind gemeinschaftlich hergestellte und gepflegte Güter. Dabei geht es vor allem um das Commoning, das heißt die sozial selbstgeregelte Commons-Praxis. Peer bedeutet „gleichrangig“ und verweist auf die Peer-Produktion, also eine Produktionsform, an der sich alle gleichrangig beteiligen können. Merkmale der Peer-Commons sind: (1) Beitragen statt Tauschen, (2) Besitz statt Eigentum, (3) Selbstentfaltung statt Selbstverwertung und (4) Selbstorganisation statt Fremdbestimmung.

4. Dominanzwechsel

„Bricht die auf dem Tauschwert ruhnde Produktion zusammen“ (ebd., 601), dann kommen jene Seiten des Widerspruchs zur Geltung, die bisher sich nur in den Schranken der fremden Logik der Verwertung entwickeln konnten, und es kommen jene Peer-Commons zur Geltung, die sich bislang der alten Marktlogik unterordnen mussten, und es kommt jene Selbstentfaltung der Individuen zur Geltung, die sich bislang im heftigen Widerspruch zur Selbstverwertung beschränken lassen musste. Wie der Dominanzwechsel, der qualitative Umschlag zur Durchsetzung einer globalen Peer-Commons-Produktion verläuft, kann niemand voraussagen, noch ihn überhaupt garantieren. Die Potenz zur globalen Vergesellschaftung durch globale Produktivkräfte jenseits der Warenform ist eben gleichzeitig die Potenz zur globalen Zerstörung der Überlebensgrundlagen der Menschheit.

Polyzentrisch und stigmergisch

Braucht es die Indirektion des Marktes und die Vermittlung über das Geld, um Produziertes und Gebrauchtes zusammen zu bringen? Nein, es geht auch anders, und ein Zentralplan ist dafür nicht erforderlich. Für zwei zentrale Funktionen des Geldes gibt es Alternativen. Die informationelle Funktion kann durch Stigmergie abgelöst werden. Stigmergie ist Selbstauswahl anhand von „Zeichen“ (Stigmata). Ein roter Link in Wikipedia z.B. signalisiert, dass hier ein Artikel fehlt. Kenne ich mich gut zum Stichwort aus, klicke ich auf den Link und schreibe den Artikel. Stigmergie funktioniert mit sehr vielen Menschen mit unterschiedlichen produktiven Bedürfnissen, etwa einer ganzen Gesellschaft. Dann findet jede Aufgabe auch ihre Lösung. Das funktioniert nicht nur mit Einzelnen, sondern auch mit Projekten, zum Beispiel mit Commons. Die koordinierend-verteilende Funktion des Geldes kann durch polyzentrische Selbstorganisation abgelöst werden. Um viele Commons-Projekte zu verbinden, eignen sich Netzwerkstrukturen. In diesen bilden sich spezialisierte Zentren heraus, die Koordinationsaufgaben übernehmen. Polyzentrisch und stigmergisch – und alles selbstorganisiert.

5. Umstrukturierung

Haben sich einmal die polyzentrisch strukturierten, stigmergisch vermittelten Peer-Commons (vgl. Kasten) durchgesetzt und hat sich die gesamte Gesellschaft nach diesem Prinzip umstrukturiert, wird es schwerfallen, den nächsten Generationen den Irrwitz der Warenproduktion auch nur ansatzweise verständlich zumachen. Wird einmal gemeinschaftlich vernetzt und bedürfnisorientiert alles geschaffen, was Menschen brauchen und wünschen, und dies auch noch in einer Weise, mit der nicht die Zukunft irreversibel zerstört wird, dann kann niemand mehr verstehen, warum vor die Bedürfnisse das Geld gesetzt wurde und warum die Menschen eine Umweginstitution wie den Markt brauchten, um die Verteilung von künstlich verknappten Befriedigungsmitteln zu bewerkstelligen. Jede Normalität ist eine historisch-spezifische. In einer freien Gesellschaft wird der Freiheitsimperativ überall greifen. Freiheit bedeutet, durch nichts anderes mehr bestimmt zu sein als durch sich selbst, Freiheit ist universelle Selbstbestimmung.

Sinnlich-vital und produktiv

Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, und wenn man die Menschen nicht zwingt, tun sie freiwillig nichts mehr. Die so ausgedrückte Inhumanität der kapitalistischen Kernlogik unterstellt, dass Menschen nur konsumtive, sinnlich-vitale Bedürfnisse haben, Essen und Sex. Das ist Unsinn. Tatsächlich ist das Bestreben, über die eigenen Lebensbedingungen verfügen zu können, ein produktives Bedürfnis. Ich kann am besten darüber verfügen, wenn ich an ihrer Herstellung beteiligt bin. Im Kapitalismus ist diese Teilhabe über die Lohnarbeit möglich. Deren Entfremdung trennt viele Menschen von ihren eigenen produktiven Bedürfnissen, sodass viele sogar über sich selbst sagen: Wenn man mich nicht zwingt, mach ich nichts. Einmal befreit von Entfremdung und Zwängen finden fast alle heraus: Die Entfaltung meiner persönlichen Möglichkeiten ist eine unglaublich produktive Angelegenheit. Je besser ich meine produktiven Bedürfnisse umsetzen kann, desto schöner auch die Befriedigung meiner sinnlich-vitalen.

Die fünf Schritte beschreiben nicht notwendig eine zeitliche Abfolge, sondern geben die logischen Komponenten einer qualitativen Transformation eines ganzen Systems an. Der Dominanzwechsel kann zwar logisch und damit auch zeitlich nicht vor dem Funktionswechsel stattfinden, aber das Auftreten von Keimformen, die Krise des alten Systems und der Funktionswechsel können einander durchaus zeitlich durchdringen. So sind Keimformen als konkrete Realisationen eines neuen sozialen Prinzips in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft unterschiedlich weit entfaltet. Nicht zufällig traten Formen der Peer-Commons zuerst im Kontext von Immaterialgütern (Software, Wissen, Kultur etc.) auf, die mit geringem Aufwand kopierbar sind. Aber weil es sich um ein verallgemeinerbares neues soziales Prinzip der Re-/Produktion handelte, um die Keimform einer neuen Produktionsweise, weiteten sich die Peer-Commons auch auf den Bereich der stofflichen Güter aus.

Exklusions- und Inklusionslogik

Der Kapitalismus ist eine riesige Separationsmaschine mit dem Privateigentum im Zentrum. Das Privateigentum kodiert eine soziale Beziehung, in der die Eigentümer die Nichteigentümer von der Verfügung über eine Sache ausschließen. Die Exklusionslogik wird dynamisch, wenn es um Produktionsmittel geht. Dieses Eigentum ist dazu da, aus Geld mehr Geld zu machen. Dynamisch müssen jene von der Verfügung über die produzierten Waren ausgeschlossen werden, die kein monetäres Äquivalent hergeben können. Die Exklusionslogik schreibt sich auf allen Ebenen fort und in alle Beziehungen ein. Ihre Alternative ist die Inklusionslogik. Sie muss bewusst organisiert und strukturell verankert werden. Commons können nur erfolgreich sein, wenn sich genug Menschen beteiligen. Inklusion heißt hier: einladen, integrieren, kooperieren, wertschätzen, verbinden. Sie gegen die nahegelegte Exklusionslogik durchzusetzen, kostet Kraft, sie zu verallgemeinern, enthält die Potenz, eine ganze Gesellschaft danach zu bauen.

Machtfragen

Der Keimform-Ansatz bietet ein analytisches Repertoire zum Verstehen konkreter Situationen. Für unsere Situation ist der Begriff der doppelten Funktionalität zentral (siehe Kasten). Er vermeidet Dichotomisierungen und bleibt scharf für das Wahrnehmen der Widersprüche. Einer der meist geäußerten Einwände gegen den Keimform-Ansatz ist die „Machtfrage“. Dabei gibt es sie nicht, „die“ Machtfrage, sondern es gibt sie nur im Plural: Machtfragen.

Die wesentliche Handlungsmacht der Privilegierten beruht auf dem Funktionieren der alten Waren- und Geldlogik und der Aneignung der Ergebnisse fremder Arbeit. Wenn diese Logik und damit auch die Aneignung und Ausbeutung nicht mehr funktionieren, nutzen auch Gewaltapparate nicht mehr viel. Wenn der Sold nicht mehr fließt oder Geld keine existenzsichernde Funktion mehr hat, lösen sich Gewaltapparate auf. Die wesentliche Macht ist dann die Handlungsmacht derjenigen, die auf neue Weise die Lebensbedingungen herstellen.

Keine Frage: Zerfallende Regimes ziehen auch immer viele Menschen mit in den Untergang. Und auch die Wiederentstehung archaischer Formen von Herrschafts- und Gewaltstrukturen (etwa der Islamismus) angesichts der zurückgehenden Integrationskraft zerfallender „normaler“ kapitalistischer Warenproduktion bedroht kooperativ-solidarische Formen der Produktion von Lebensbedingungen. Das ist jedoch kein Prozess, der notwendig mit dem Entstehen von Keimformen zu tun hat, und er lässt sich auch heute schon kaum noch aufhalten in der alten Form der „nachholenden Modernisierung“. Hier gibt es keine einfachen Antworten.

From: keimform.deBy: Stefan MeretzComments

Die umfassende Quasi-Flatrate

Elinor Ostrom, Commonsforscherin und Wirtschaftsnobelpreisträgerin (Foto: Courtesy of Indiana University, zum Vergrößern klicken)(Voriger Artikel: Voraussetzungen für allgemeine bedürfnisorientierte Re/produktion)

Im letzten Teil hatte ich festgestellt, dass in einer postkapitalistischen, die allgemeine Emanzipation ermöglichenden Gesellschaft die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Produktionsprozesses stehen müssen. Die im Folgenden entwickelte Idee der umfassenden Quasi-Flatrate basiert auf der Erkenntnis, dass ein Großteil der Bedürfnisse aller Menschen durchaus ähnlich ist: alle müssen essen und trinken; alle wollen ein ausreichend geheiztes oder gekühltes Dach über dem Kopf; alle wollen gesund bleiben und brauchen bei Krankheit oder Unfällen medizinische Versorgung; alle wollen alt werden und brauchen im Alter, bei Krankheit oder Behinderung gegebenenfalls Pflege, alle brauchen als Kinder Menschen, die sich um sie kümmern; alle wollen auf die eine oder andere Weise etwas lernen, sich weiterbilden, neue Fähigkeiten entwickeln; fast alle wollen sich sportlich oder spielerisch betätigen, sich gelegentlich mit Freunden treffen oder feiern, kulturelle Ereignisse besuchen (z.B. Kino, Theater, Oper, Ausstellungen) etc.

Zielsetzung der umfassenden Quasi-Flatrate ist die selbstorganisierte Versorgung aller Bewohner (ich verwende weibliche und männliche Formen zufällig im Wechsel) einer bestimmten Region mit all diesen allgemein nützlichen Güter. Sie sollte alles umfassen, was die Menschen zum Überleben und zur allgemein üblichen Teilhabe benötigen – „beispielsweise Nahrung, Kleidung, Unterkunft, Heizung, Wasser, Strom, Telekommunikation, öffentliche Verkehrsmittel, medizinische Versorgung, Bildung, Kinder-, Alten- und Behindertenbetreuung sowie elementare Güter für diverse Sport- und Freizeitaktivitäten“ (Lueer 2013: 279). Die Versorgung mit diesen Gütern ist dabei frei in dem Sinne, dass nicht genau abrechnet wird, wer wie viel verbraucht, denn bei dem, was alle in vergleichbarem Umfang benötigen (beispielsweise Essen, regionale Mobilität, Telekommunikationsmöglichkeiten), gibt es dafür keinen Grund. Und wo einige deutlich mehr benötigen, ohne sich dies ausgesucht zu haben (etwa medizinische Versorgung und Pflege aufgrund von Krankheit, Alter oder Behinderung), wäre es unfair, dies den einzelnen anzulasten.

Während der Zugang daher im Allgemeinen per Flatrate-Prinzip erfolgt (alle nehmen sich, so viel sie brauchen), werden in manchen Fällen wohl Obergrenzen nötig sein. Für Wohnraum dürfte es etwa einerseits Mindeststandards geben, die festlegen, welche Wohnungsgröße und Ausstattung einer Person oder Gruppe von Personen, die zusammen wohnen möchten, mindestens zustehen, andererseits aber auch Obergrenzen. Ein Schloss für jede dürfte kaum praktikabel sein. Damit ist der Begriff „umfassende Quasi-Flatrate“ (kurz: Quasiflat) erklärt: „umfassend“, weil sie möglichst alle Güter umfassen sollte, die Menschen zum Leben und zur üblichen gesellschaftlichen Teilhabe benötigen; „Flatrate“ wegen des Verzichts auf individuelle Abrechnung; „quasi“, weil der Zugang in manchen Fällen gedeckelt sein kann.

Die Teilhabe an der Quasiflat ist nicht unbedingt bedingungslos, da sie ja nicht vom Himmel fällt, sondern organisiert werden muss. Vollen Zugriff auf die zugänglich gemachten Güter mag es also nur für diejenigen geben, die bereit sind, einen eigenen Beitrag zur Herstellung und Pflege dieser Güter zu leisten. Ob eine solche Beteiligungspflicht nötig ist oder ob freiwillige Beiträge ausreichen, wird von den konkreten Umständen und Erfahrungen der Beteiligten abhängen und kann nicht vorab pauschal beantwortet werden. Sie darf aber (gemäß der im letzten Artikel genannten zweiten Voraussetzung) jedenfalls nicht dazu führen, dass einzelne ausgegrenzt oder in Konkurrenz zu anderen gezwungen werden. Wie dies sichergestellt werden kann, wird später erörtert.

Praktikabel dürfte eine Quasiflat zudem nur sein, wenn sich alle nur für den Eigenbedarf versorgen. Der Verkauf oder die Vermietung der so erhaltenen Güter (sofern diese Kategorien noch gesellschaftlich relevant sein sollten) wird also nicht gestattet sein und könnte zu Sanktionen führen. Hier ist die Unterscheidung von „Eigentum“ und „Besitz“ relevant. Eigentum ist die vielleicht fundamentalste Rechtsform im Kapitalismus: das exklusive und umfassende Verfügungsrecht über ein bestimmtes Gut, das den Eigentümer dazu berechtigen, es nicht nur zu benutzen, sondern auch zu verkaufen, zu vermieten oder anderweitig „zu Geld zu machen“. Besitz bedeutet dagegen Nutzung – mein Besitz ist das, was ich benutze oder verbrauche. Anders als „Eigentum“ ist der Begriff „Besitz“ daher nicht an ein bestimmtes Rechtssystem gekoppelt. Per Quasiflat zugänglich gemachte Güter können Besitz werden, aber wohl kein Eigentum.

Was genau zur Quasi-Flatrate gehört, wie die Zugangsmodalitäten sind, ob und für wen es eine Beteiligungspflicht gibt und wie Regelverstöße geahndet werden, steht nicht im Vorhinein fest, sondern kann nur in einem gesellschaftlichen Einigungsprozess festgelegt werden. Dies entspricht dem Anspruch der Kooperation auf Augenhöhe sowie dem dritten Gestaltungsprinzip der nobelpreisgekrönten Commonsforscherin Elinor Ostrom (2011: 86): “Gemeinschaftliche Entscheidungen: Die meisten Personen, die von einem Ressourcensystem betroffen sind, können an Entscheidungen zur Bestimmung und Änderung der Nutzungsregeln teilnehmen.”

Eine weltweit einheitliche Quasiflat wäre deshalb unpraktisch. Sie würde einzelnen praktisch keine Mitsprachemöglichkeiten lassen und könnte den unterschiedlichen lokalen Situationen schwerlich gerecht werden. Andererseits darf der Einzugsbereich einer Quasiflat auch nicht zu klein sein, da sie ja selbstorganisiert sein soll. Das erfordert zwar keine totale Autarkie, die auch unrealistisch wäre – wie Ressourcen und Aktivitäten über verschiedene regionale Quasiflats hinweg koordiniert werden können, wird noch zu klären sein. Aber der Kreis der Beteiligten sollte groß genug sein, um eine vielfältige selbstorganisierte Selbstversorgung zu ermöglichen und dabei (wo sinnvoll) auch großtechnische Produktionstechniken einsetzen zu können. Einzelne Dörfer oder Kleinstädte dürften somit eine zu kleine Bezugsgröße sein.

Als geeignete Größenordnung leuchten mir die „unabhängigen Regionen“ ein, die Christopher Alexander als „Muster 1“ an den Anfang seines einflussreichen Buchs Eine Muster-Sprache gestellt hat. Alexander et al. (1977: 10ff) schlagen Regionen mit zwischen zwei und zehn Millionen Einwohnern vor, doch erscheinen mir durchaus auch etwas kleinere Regionen ab etwa einer Million Einwohnerinnen als „groß genug“. Geht man von einer durchschnittlichen Bevölkerung von drei Millionen aus, gäbe es bei der heutigen Größe der Weltbevölkerung (7,2 Milliarden im Jahr 2014) um die 2400 solcher unabhängiger Regionen. Alexander geht von um die 1000 Regionen aus, doch war zur Erscheinungszeit seines Buchs die Weltbevölkerung auch noch deutlich kleiner (gut 4 Milliarden). Für Regionen mit einer selbstorganisierten Quasiflat werde ich künftig den Begriff „Koregion“ verwenden, kurz für „Kooperativ-“ oder „Commonsregion“.

In jeder Koregion entscheidet die Bevölkerung über Umfang und genaue Ausgestaltung der regionalen Quasiflat. Die Entscheidungsmodi werden variieren – denkbar wäre etwa eine virtuelle Bewohnerversammlung, in der alle Einwohnerinnen stimmberechtigt sind und die im Regelfall mit einfacher Mehrheit entscheidet.

Auch die nötige Produktion findet großteils innerhalb der jeweiligen Region statt, in kooperativ organisierten Betrieben, deren Mitarbeiter auf Augenhöhe zusammenarbeiten, ohne dass es eine Trennung zwischen weisungsbefugtem Management und bloß ausführenden Angestellten gibt. Ich werde künftig von „Kobetrieben“ oder „Kooperativbetrieben“ sprechen. Kobetriebe haben ein anderes Ziel als kapitalistische Unternehmen – sie versuchen nicht, Waren auf dem Markt zu verkaufen und damit möglichst viel Profit zu machen, sondern ihr Ziel ist die Versorgung der regionalen Bevölkerung im Rahmen der Quasiflat. Betriebe, die Ähnliches herstellen, konkurrieren daher auch nicht miteinander. Weitet ein Kobetrieb seine Produktion aus, erspart er den anderen Arbeit statt sie in Schwierigkeiten zu bringen.

Allerdings wäre es völlig kontraproduktiv, wenn jeder Betrieb ohne Absprache mit den anderen und den potenziellen Nutzerinnen vor sich hinwurschteln würde. Zur Abstimmung der Produktion werden sich alle Betriebe einer Koregion, die Ähnliches produzieren, daher in einem Syndikat koordinieren, an dem auch die Nutzer der hergestellten Güter teilnehmen können – schließlich sind sie es, für die produziert wird. Syndikate koordinieren die Produktion, um zu verhindern, dass zu viel, zu wenig oder am Bedarf vorbei produziert wird.

Ich verwende den Begriff „Syndikat“ hier im Sinne eines „lokalen, branchenweiten Zusammenschluss[es] von Arbeitern“ (Wikipedia 2013), wobei Neubildungen wie das „Mietshäuser-Syndikat“ zeigen, dass zu einem Syndikat neben den Herstellerinnen durchaus auch die Nutzerinnen von Gütern gehören können. Stattdessen sind natürlich auch andere Begriffe denkbar, in Beitragen statt tauschen (Siefkes 2008: 58ff) habe ich etwa von „Prosumenten-Assoziationen“ gesprochen.

Die in Betrieben eingesetzten Produktionsmittel (Land, Gebäude, Maschinen, Rohstoffe) und Vorprodukte sind kein Privateigentum des jeweiligen Betriebs, sondern bleiben Commons. Sie gehören nicht einzelnen, sondern allen, und werden den einzelnen Betrieben von der Gesellschaft (den Bewohnerinnen der Koregion) treuhänderisch überlassen, um sie zur Versorgung der Bevölkerung im Rahmen der Quasiflat (also zum Wohle aller) einzusetzen.

Für die hiermit vorgeschlagene gesellschaftliche Re/produktionsweise scheint mir der Begriff Commonssyndikalismus (oder kürzer Cosyndikalismus) geeignet, da die Commons und die Syndikate ihre Grundlage sind.

Syndikate können sich gemäß dem Räteprinzip organisieren: jeder Betrieb einer Branche schickt eine Delegierte in den Syndikatsrat, die etwa von der Vollversammlung aller Betriebsangehörigen ernannt wird. Auf Nutzerseite könnte es jeweils branchenspezifische Ableger der regionalen Bewohnerinnenversammlung geben, an denen alle Nutzer entsprechender Güter teilnehmen können. Diese Nutzerinnenversammlung bestimmt ebenso viele Delegierte wie die Betriebe zusammen, um gleichberechtigt vertreten zu sein. Delegierte sind gegenüber den sie entsendenden Versammlungen weisungsgebunden (imperatives Mandat) und können jederzeit von ihnen abberufen werden.

Die innere Organisation jedes Kobetriebs ist ihm selbst überlassen, so dass die jeweils Beteiligten sich nach eigenem Ermessen auf für sie geeignete Regeln und Verfahrensweisen einigen können. Eine Orientierung an dem aus Internetprojekten bewährten Doppelprinzip vom „grobem Konsens und lauffähigem Code“ (rough consensus and running code, Clark 1992: 19) dürfte dabei Sinn machen. Grober Konsens bedeutet, dass nicht einzelne nach Gutdünken entscheiden und dass nur ungern abgestimmt wird, sondern dass nach Lösungen gesucht wird, mit denen alle leben können. Nicht jede muss begeistert sein, aber nach Möglichkeit sollte niemand vehement widersprechen müssen. „Lauffähiger Code“ bedeutet – im weiteren Sinne – dass es darum geht, Lösungen zu finden, die sich praktisch bewähren und technisch und sozial aufgehen, statt einfach den eigenen Willen durchzusetzen.

Alle an Syndikaten beteiligten Betriebe führen offen Buch über die produzierten Güter sowie die dafür eingesetzten Produktionsmittel, Vorprodukte und Arbeitszeiten. Das ermöglicht es, die Kosten der im Rahmen der Quasiflat zugänglich gemachten Güter zu ermitteln. Güter werden zwar nicht ge- und verkauft, so dass diese Kostenaufschlüsselung für die einzelnen Nutzer keine direkten Konsequenzen hat. Ein Überblick über die anfallenden Kosten ist aber wichtig für die gesellschaftliche Debatte darüber, welche Güter Teil der Flatrate sein sollen – lohnt sich der Aufwand, oder sollten Arbeitszeiten und Ressourcen lieber für anderes eingesetzt werden? Die Kostenaufschlüsselung ist auch wesentlich, damit Syndikate Alternativen evaluieren und den beteiligten Betrieben gegebenenfalls empfehlen können. Dies betrifft die hergestellten Produkte (sind zur Raumbeheizung solarthermische Kollektoren oder Pelletheizungen besser geeignet?) ebenso wie deren Herstellungsprozesse (lohnt sich der Einsatz einer neuen Maschine oder würde er unterm Strich mehr Arbeit und Ressourcen verbrauchen?).

Kosten lassen sich im Commonssyndikalismus im Gegensatz zum Kapitalismus allerdings nicht auf eine einzige Kennzahl (Geld) herunterbrechen. Die anfallenden Aufwände in Bezug auf Arbeitszeit, Land und verschiedene Rohstoffe verbleiben als unterschiedliche Kennzahlen, die nicht einfach auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden können. Wenn sich alle Kennzahlen in dieselbe Richtung bewegen (eine Prozessinnovation spart sowohl Arbeit als auch Rohmaterial), ist das unproblematisch. Wo das nicht der Fall ist, braucht es eine Debatte darüber, welche Alternative vorzuziehen ist, die im Rahmen einzelner Syndikate oder in der ganzen Gesellschaft geführt werden kann und von den gesellschaftlichen Umständen abhängig sein wird.

Gibt es große ungenutzte Landflächen und ein Großteil der Menschen wünscht sich mehr Muße? Dann dürfte sich eine Alternative durchsetzen, die Arbeit spart, aber mehr Flächen bindet. Oder ist schon alles voll und manche fühlen sich eher gelangweilt? Dann dürfte es andersherum ausgehen. Oder sind sowohl Land auch als Leute schon stark ausgelastet? Das spricht dann womöglich dafür, keine weiteren Güter in die Quasiflat aufzunehmen. Bei bedürfnis- statt profitorientierter Produktion (die nicht auf eine Maximierung der Produktion zur Maximierung des Profits setzen muss) mittels moderner und umweltfreundlicher Technologien dürfte es allerdings nicht so schnell so weit kommen – ganz im Gegensatz zur kapitalistischen Ideologie, derzufolge „Knappheit“ ein notwendiger Bestandteil des Wirtschaftens ist.

Mittels einer selbstorganisierten umfassenden Quasi-Flatrate können zwar viele, aber nicht alle Bedürfnisse befriedigt werden. Wie die Re/produktion zusätzlicher Güter gehandhabt werden kann, wird noch zu diskutieren sein, ebenso die Frage, wie die zur Organisation der Quasiflat nötige Arbeit aufgeteilt werden kann.

(Fortsetzung: Was ist Arbeit?)

Literatur

  • Alexander, Christopher; Sara Ishikawa; Murray Silverstein; Max Jacobson; Ingrid Fiksdahl-King; Shlomo Angel (1977): A Pattern Language: Towns, Buildings, Construction. New York: Oxford University Press. Deutsche Ausgabe: Eine Muster-Sprache. Städte, Gebäude, Konstruktion. 2. Aufl. Löcker, Wien 2011
  • Clark, David D. (1992): A Cloudy Crystal Ball – Visions of the Future. URL: groups.csail.mit.edu/ana/People/DDC/future_ietf_92.pdf, Zugriffsdatum: 28.3.2014
  • Lueer, Hermann (2013): Kapitalismuskritik und die Frage nach der Alternative. Münster: Monsenstein und Vannerdat
  • Ostrom, Elinor (2011): Was mehr wird, wenn wir teilen. München: oekom
  • Siefkes, Christian (2008): Beitragen statt tauschen. Neu-Ulm: AG SPAK Bücher. URL: peerconomy.org/text/peer-oekonomie.pdf
  • Wikipedia (2013): Syndikat. URL: de.wikipedia.org/wiki/Syndikat, Zugriffsdatum: 28.3.2014
From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Voraussetzungen für allgemeine bedürfnisorientierte Re/produktion

Ellen Meiksins Wood (Bild von http://www.rosalux.de/documentation/45899/demokratie-gegen-kapitalismus.html, zum Vergrößern klicken)(Voriger Artikel: Dank Produktivkraftentwicklung zur neuen Gesellschaft?)

Von Modellen der selbstorganisierten, bedürfnisorientierte Kooperation, die vom spezifischen Stand der Technikentwicklung weitgehend unabhängig sind, handelte schon mein Buch Beitragen statt tauschen (Siefkes 2008). Nach meinem heutigen Reflexionsstand ist dabei allerdings kritisch zu fragen, wie weit die dort diskutierten Modelle für einen konsequenten Bruch mit der kapitalistischen Logik ausreichen. Wiederum angelehnt an Ellen Meiksins Wood (2002) halte ich drei Voraussetzungen für eine postkapitalistische Re/produktionsweise für essenziell (demnächst detaillierter begründet in Siefkes 2014):

  1. Keine Sphärentrennung: Die für den Kapitalismus charakteristische Sphärentrennung von Politik (Staat), Wirtschaft (Produktion) und privatem Haushalt (Reproduktion) verschwindet, stattdessen wird die gesellschaftliche Re/produktion als Gesamtprozess gestaltet.
  2. Keine essenzielle Konkurrenz: Die Menschen müssen nicht gegeneinander konkurrieren, wenn es ums Überleben oder die allgemein übliche gesellschaftliche Teilhabe geht. Leben und Teilhabemöglichkeiten dürfen also nicht davon abhängen, dass man sich gegen andere durchsetzt. Das heißt unter anderen, dass niemand auf den Markt angewiesen ist, um die eigene Existenz zu sichern. In anderen, weniger essenziellen Bereichen sind Konkurrenz und Märkte nicht ausgeschlossen, sie dürfen nur nicht so viel Gewicht bekommen, dass sie die konkurrenzfrei organisierten Zusammenhänge verdrängen und sich selbst unentbehrlich machen.
  3. Kooperation auf Augenhöhe: Die Menschen können sich auf Augenhöhe begegnen statt dass sich manche den Vorgaben anderer unterwerfen müssen.

Prinzip 1 spielte in meinem Buch nur eine Nebenrolle, weshalb ich die dort skizzierte Produktionsweise auch als „Peer-Ökonomie“ bezeichnen konnte. Wird die Sphärentrennung überwunden, macht es hingegen keinen Sinn mehr, noch von „Ökonomie“ zu sprechen, da die Wirtschaft als eigenständiger Bereich dann gar nicht mehr existiert.

Möglicherweise problematisch in Bezug auf Prinzip 2 ist die genaue Ausgestaltung der Idee gewichteter Arbeit, die ich dort entwickelt habe (Siefkes 2008: 27ff). Die Grundidee ist, dass die insgesamt notwendige Arbeit unter den Menschen aufgeteilt wird. Da aber vermutlich nicht alle Aufgaben gleichermaßen beliebt sind, müssen unpopuläre Aufgaben gegebenenfalls attraktiver gemacht werden, damit sich genug Leute finden, die bereit sind, sie zu übernehmen. Dafür wird das „Gewicht“ solcher unbeliebter Aufgaben erhöht: eine Stunde mit einer solchen Aufgabe verbracht zählt dann etwa so viel wie anderthalb Stunden einer durchschnittlich beliebten Aufgabe (Gewicht 150%) – man muss unterm Strich also weniger arbeiten. Ob und unter welchen Umständen solche „Tricks“ überhaupt nötig sind, wird noch zu diskutieren sein, doch grundsätzlich finde ich diese Höhergewichtung unpopulärer Aufgaben bis heute akzeptabel.

Problematisch ist hingegen die umgekehrte Variante, derzufolge das „Gewicht“ von Aufgaben, die mehr Leute als nötig machen wollen, gesenkt wird. Eine Stunde mit einer besonders beliebten Aufgabe verbracht zählt dann etwa nur soviel wie 45 Minuten durchschnittlicher Arbeit (Gewicht 75%). Diejenigen, die bereit sind, länger zu arbeiten als im gesellschaftlichen Durchschnitt nötig, dürfen diese Aufgaben also übernehmen; die, denen das zu viel wird, müssen sich andere Aufgaben suchen. Während beim „Höhergewichten“ unbeliebte Aufgaben darum konkurrieren, wer sie übernimmt, konkurrieren beim „Heruntergewichten“ Menschen darum, besonders beliebte Aufgaben zu übernehmen. Zwar kann diese Konkurrenz im Gegensatz zur Konkurrenz um „Arbeitsplätze“ im Kapitalismus schwerlich existenzgefährdend werden. Die Arbeit wird ja bewusst aufgeteilt, niemand muss Angst haben, dass für sie nichts übrig bleibt. Dennoch möchte ich auf das Konzept des „Heruntergewichtens“ künftig lieber verzichten. Gilt es besonders beliebte Aufgaben zu verteilen, müssen also andere Lösungen gefunden werden.

Woods Buch zeigt, dass die Sphärentrennung zwischen politischer und wirtschaftlicher Macht nicht nur eine Besonderheit des Kapitalismus ist (in anderen Gesellschaften gab es sie nicht), sondern sogar das entscheidende Moment war, das die kapitalistische Profitmaximierungslogik erst hervorgebracht hat. Dieser Logik wird die Menschheit also kaum entkommen können, solange die Sphärentrennung Bestand hat. Dazu gehört die Trennung zwischen der Politik, die Rahmenbedingungen setzt, dem Markt als allgemeiner Vermittlungsinstanz und einzelnen Firmen, die unabhängig voneinander entscheiden, was und wie sie produzieren, und erst hinterher erfahren, ob sie für den gesellschaftlichen Bedarf oder an ihm vorbei produziert haben (je nachdem ob der Verkauf auf dem Markt gelingt oder nicht).

Diese separaten Institutionen können in einer postkapitalistischen Gesellschaft so keinen Bestand haben. Trotzdem wird es natürlich weiterhin Institutionen geben – etwa Betriebe, in denen produziert wird, Schiedsinstanzen zur Vermittlung bei Konflikten sowie Wohnzusammenhänge, die denen man mit Freunden, geliebten Menschen und/oder den eigenen Nachkommen zusammenlebt. Wieweit solche Institutionen geeignet sind, die Sphärentrennung dennoch aufzuheben oder ob sie in mehr oder weniger stark modifizierter Form weiter existieren würde, wird noch kritisch zu fragen sein.

Im Kapitalismus wird die Produktion überwiegend privatwirtschaftlich organisiert, und die produzierenden Unternehmen verfolgen alle dasselbe Ziel: Profit zu machen, also Geld in mehr Geld zu verwandeln. Alles was sie tun, ist diesem Ziel untergeordnet. Wenn sie nützliche Güter herstellen, die die Bedürfnisse der Menschen erfüllen, die sie sich kaufen, dann nur als Mittel zum Zweck. Eine postkapitalistische Gesellschaft muss sich um andere Ziele drehen – solange der Profit noch das allgemeine Ziel ist, kann man sich sicher sein, noch im Kapitalismus zu leben. Wenn sich die Bedürfnisse der Menschen in Zukunft allerdings einem ganz anderen, aber ebenso willkürlichen Ziel unterordnen müssten, wäre wenig gewonnen. Ein echter Bruch, eine allgemein lebenswerte Gesellschaft, setzt vielmehr voraus, dass das Überleben, die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen – und zwar aller Menschen! – selbst zum allgemeinen Zweck der gesellschaftlichen Organisation werden, statt nur Mittel für einen anderen Zweck zu sein.

Auf welcher Grundlage ist eine „Kooperation auf Augenhöhe“ (Prinzip 3) zu diesem Zweck der allgemeinen Bedürfnisbefriedigung denkbar? Zwei weitere Voraussetzungen scheinen mir hier nötig zu sein. Zum einen das Prinzip der „Privilegienablehnung“ (no privilege): die Bedürfnisse aller sind gleichermaßen ernst zu nehmen, niemand kann erwarten, dass seine Bedürfnisse über die der anderen gestellt werden. Das heißt unter anderem, dass die gesellschaftlichen Reichtümer – die Gaben der Natur und die Werke früherer Generationen – allen gleichermaßen zustehen. Niemand kann einen überdurchschnittlichen Anteil daran beanspruchen, etwa mit der Begründung, diesen aus dem Kapitalismus „geerbt“ oder sich „verdient“ zu haben. Solche tradierten Privilegien sind rigoros zurückzuweisen, ebenso wie Versuche, sich selber oder anderen besondere Privilegien zuzusprechen mit Verweis auf persönliche Charakteristika – sei es Intelligenz, Körpergröße, Augenfarbe, Abstammung oder was sonst sich Menschen als vermeintlich relevante Unterscheidungsmerkmale einfallen lassen mögen.

Zur Privilegienablehnung gehört aber auch, dass niemand aufgrund ihrer Charakteristika oder spezifischen Situation benachteiligt werden darf (von selbst bewusst herbeigeführten Situationen einmal abgesehen). Eine rein formale Gleichheit, die etwa von allen verlangt, dass sie Treppen benutzen, unabhängig davon, ob sie dazu überhaupt in der Lage sind, lässt sich so also nicht rechtfertigen. Im Gegenteil können besondere gesellschaftliche Anstrengungen nötig sein, um etwa die ebenbürtige gesellschaftliche Teilhabe von „behinderten“ und alten Menschen zu ermöglichen.

Privilegien sind eine Seite der Medaille, Vorurteile die andere. Die zweite Voraussetzung für die gesellschaftliche Teilhabe aller auf Augenhöhe ist daher das Prinzip der „Vorurteilsablehnung“ (no prejudice). Wo einigen aufgrund ihnen zugeschriebener Charakteristika – ob als Frau, als Mann, als Transsexuelle, aufgrund der eigenen sexuellen Orientierung, Hautfarbe oder Abstammung – nicht zugetraut oder gestattet wird, Dinge zu tun, die anderen zugetraut und gestattet werden, da ist keine Interaktion auf Augenhöhe möglich. Vorurteile sind oft unbewusst und also solche schwer zu überwinden, doch muss ein bewusster Umgang mit ihnen und ihre konsequente Zurückweisung jedenfalls zu den Zielen einer Gesellschaft gehören, die die oben genannten Prinzipien erfüllen will.

Ein weiteres Prinzip, dass sich einfach daraus ergibt, dass das Gegenteil nicht gerechtfertigt werden kann, ist dass es „keine unnötigen Einschränkungen“ geben sollte. Niemand darf daran gehindert werden, etwas zu tun, wenn es nicht sehr gute Grunde dafür gibt, sie daran zu hindern. Umgekehrt hat aber auch niemand das Recht, andere zu etwas nötigen, was sie nicht wollen. Ein guter Grund für Einschränkungen kann auch vorliegen, wenn ein ernsthaftes Risiko besteht, anderen gegen ihren Willen Schaden zuzufügen. Etwa dann, wenn man potenziell gefährliche Dinge tut, ohne zuvor nachgewiesen zu haben, dass man sie beherrscht, oder ohne normale Kontrolle über den eigenen Körper zu haben (Autofahren ohne vorige „Fahrprüfung“ oder unter Alkohol/Drogen). Kein guter Grund liegt hingegen vor, wenn alle Beteiligen einverstanden sind (konsensueller Sex) oder man sich nur selber schädigen kann (Drogenkonsum).

Ein solches Leitprinzip kann gesellschaftliche Debatten darüber, welche konkreten Einschränkungen nötig sind, natürlich nicht ersetzen – wann genau werden andere geschädigt und wann ist das Schadensrisiko hoch genug, dass eine Einschränkung gerechtfertigt werden kann? Es stellt diese Debatten aber auf eine Grundlage, die über das formale Mehrheitsprinzip („die Mehrheit hat immer recht“) hinausgeht. Qua Mehrheitsprinzip wurden und werden diskriminierende Einschränkungen wie die Kriminalisierung konsensueller homosexueller Handlungen und tief in individuelles Verhalten eingreifende Einschränkungen wie das Alkoholverbot der US-amerikanischen Prohibitionszeit beschlossen. Es allein kann also nicht zur Legitimation von Einschränkungen als ausreichend betrachtet werden, denn warum die Mehrheit Minderheiten ohne guten Grund reglementieren können sollte ist genauso wenig einzusehen wie die Umkehrung.

Aus der Privilegienablehnung folgt, dass alle Naturgüter als Commons anzusehen sind, da niemand exklusive Kontrolle über sie beanspruchen kann. Aus der Ablehnung unnötiger Einschränkungen folgt, dass dasselbe für das Wissen der Menschheit und alle Arten von Informationsgütern gilt. Denn wenn ich Information nutze, schade ich anderen nicht – egal ob ich eine wissenschaftliche Theorie auf ein Problem anwende, eine technische Erfindung nachbaue, einen Film anschaue, eine Software installiere, einen Song remixe oder ein Buch lese oder übersetze. Das gilt allerdings nur für Informationen, die schon in Umlauf sind – wenn ich einen Song schreibe, den ich nicht verbreitet haben möchte (vielleicht weil ich unzufrieden damit bin), haben andere kein Recht dazu, ihn hinter meinem Rücken trotzdem zu verbreiten. Sobald ich den Song aber in Umlauf gebracht habe, habe ich kein Recht mehr, andere daran zu hindern, ihn sich nach eigenem Gutdünken anzueignen.

Damit ist eine Reihe von Voraussetzungen formuliert, die meiner Ansicht nach für eine Gesellschaft wesentlich sind, die einen konsequenten Bruch mit der Profitmaximierungslogik des Kapitalismus darstellen würde und nicht lediglich „die ganze alte Scheiße“ (MEW 3: 35) in mehr oder weniger variierter Form wiederherstellen oder andere unerwünschte Effekte herbeiführen würde. Darüber wie eine solche Gesellschaft konkret funktionieren könnte, ist damit allerdings noch fast nichts gesagt. Das soll in den folgenden Artikeln Thema sein.

(Fortsetzung: Die umfassende Quasi-Flatrate)

Literatur

  • Marx, Karl und Friedrich Engels (1956–1990): Werke. 43 Bände. Berlin: Dietz. Abgekürzt als MEW <Bandnummer>.
  • Siefkes, Christian (2008): Beitragen statt tauschen. Neu-Ulm: AG SPAK Bücher. URL: peerconomy.org/text/peer-oekonomie.pdf
  • Siefkes, Christian (2014): Wie der Kapitalismus entstand. Streifzüge 60. Erscheint demnächst.
  • Wood, Ellen Meiksins (2002): The Origin of Capitalism. London: Verso
From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Dank Produktivkraftentwicklung zur neuen Gesellschaft?

Illustration aus der Oya 8 zu meinem Artikel 'Eine Welt ohne Geld?' (zum Vergrößern klicken)Trägt jede Produktionsweise ihren eigenen Untergang in sich? Führten die inneren Widersprüche des Feudalismus dazu, dass der Kapitalismus entstand und ihn schließlich ersetzte? Und sorgen dementsprechend auch Entwicklungen innerhalb des Kapitalismus dafür, dass er sich selbst den Boden entzieht und zugleich den Weg für eine neue, zuvor noch nicht realisierte und realisierbare Produktionsweise bereitet?

In letzter Zeit war ich von einem solchen logischen Zusammenhang zwischen zeitlich aufeinanderfolgenden Produktionsweisen ausgegangen. Eine Reihe von Überlegungen, die vor allem durch Ellen Meiksins Woods Buch The Origin of Capitalism (2002) ausgelöst wurden, hat dazu geführt, dass ich diese Annahme nicht mehr plausibel finde.

Ein beliebter Ausgangspunkt für die These, dass dem Kapitalismus seine inneren Widersprüche zum Verhängnis werden müssen, ist das „Maschinenfragment“ aus den Grundrissen von Karl Marx (MEW 42, 590ff). Die Produktivkraftentwicklung führt dazu, dass immer leistungsfähiger werdende Maschinen die „lebendige“ Arbeit von Menschen im unmittelbaren Produktionsprozess mehr und mehr ersetzen. Für das einzelne kapitalistische Unternehmen ist dies ein Mittel, Kosten zu sparen und sich gegenüber der Konkurrenz einen Vorteil zu verschaffen. Dieser ist allerdings nicht von Dauer, denn die Konkurrenz muss nachziehen, um nicht auf der Strecke zu bleiben. Auf Dauer untergraben die konkurrierenden Kapitalien damit ihre eigene Grundlage, denn die Kapitalvermehrung setzt die Ausbeutung lebendiger Arbeit voraus, und diese wird durch die Rationalisierungen beständig reduziert. (Natürlich ist auch für die Produktion der Maschinen lebendige Arbeit nötig, jedoch weniger als durch ihren Einsatz gespart wird – andernfalls würde er sich nicht rechnen.)

Manche Autoren (z.B. Lohoff und Trenkle 2012) schließen daraus, dass der Kapitalismus sich durch die zunehmende Automatisierung seine eigene Grundlage (die Verwertung menschlicher Arbeit) entzieht und so in eine Dauerkrise gerät, aus der er nicht mehr herauskommen kann. Auch wenn das empirisch derzeit eine gewisse Plausibilität besitzt, ist es theoretisch nicht überzeugend, da Produktivkraftsteigerung nur dazu führt, dass bestimmte Güter mit weniger Aufwand hergestellt werden können als zuvor. Die Menge der insgesamt zirkulierenden Güter ist aber nicht konstant, sondern nimmt im Kapitalismus immer weiter zu.

Die Kapitalistinnen (in diesem Text verwende ich weibliche und männliche Formen zufällig im Wechsel) können ihre Verwertungsprobleme also tendenziell dadurch lösen, dass sie vorhandene Märkte ausweiten oder neue Märkte erschließen. Ob dies auf Dauer in ausreichendem Maße praktikabel ist, um den Rationalisierungseffekt auszugleichen und die insgesamt verwertete menschliche Arbeit mindestens konstant zu halten, ist eine offene Frage. Zumindest theoretisch besteht diese Möglichkeit aber, weshalb der Kapitalismus hier nicht notwendigerweise an eine Grenze kommt.

Meine eigenen Überlegungen der letzten Jahre (z.B. Siefkes 2012 sowie 2013) bezogen sich daher zwar ebenfalls auf diese Thematik, aber von der anderen Seite aus betrachtet – der der menschlichen Bedürfnisse. Produktivkraftsteigerung führt dazu, dass ungefähr gleichbleibende Bedürfnisse mit immer weniger Arbeit befriedigt werden können. Dass jeder Mensch einen Großteil des Lebens mit Arbeit verbringen muss, nur um den eigenen „Lebensunterhalt“ zu sichern, wird so immer mehr zu einer lediglich absurden Konsequenz der kapitalistischen Gesellschaftsform. Würden die vorhandenen Produktivkräfte zum Wohle aller statt zur Kapitalverwertung eingesetzt, wäre sehr viel weniger Arbeit nötig, um allen einen hohen Lebensstandard zu ermöglichen.

Aber bedeutet das, dass der Kapitalismus so ungewollt auf seinen eigenen Untergang hinwirkt? Was theoretisch möglich wäre, braucht die Kapitalisten ja nicht zu jucken. Sie werden die Produktivkräfte weiter dafür einsetzen, wofür sie sie angeschafft haben – zur Kapitalvermehrung. Ändern könnte das nur eine revolutionäre Bewegung, die die Kapitalien enteignet und die Produktion auf Basis der angeeigneten Produktionsmittel selbst in die Hand nimmt, doch davon ist weit und breit nichts zu sehen.

Meine Perspektive bezog sich daher statt auf die Übernahme der vorhandenen Produktionsmittel eher auf die Schaffung neuer, die ohne große Geldmittel und also ohne „Kapital“ aufgebaut und genutzt werden können. Das bedeutet im Vergleich zur heutigen Massenproduktion eine starke Dezentralisierung, denn große Fabriken können schwerlich von kleineren, auf die eigene gemeinsame Bedürfnisbefriedigung ausgerichteten Gruppen aufgebaut und betrieben werden. Im Bereich der Wissensproduktion funktioniert das ganz gut. Mit einem halbwegs aktuellen PC oder Laptop hat fast jede schon ein Produktionsmittel zuhause, das den in den größten IT-Firmen wie Apple, Microsoft und Google eingesetzten Produktionsmitteln nahezu ebenbürtig ist.

Anders sieht es bei der materiellen Produktion aus. Zwar tut sich in letzter Zeit einiges in Richtung dezentraler und ohne großen Hürden nutzbarer Produktionsmittel. Stichworte dafür sind „desktop fabrication“ – produktive Maschinen wie 3D-Drucker auf dem häuslichen Schreibtisch – sowie FabLabs und andere offene Werkstätten mit computergesteuerten Maschinen wie Lasercuttern oder CNC-Fräsen, die zum Experimentieren einladen. Über das Stadium des Experimentierens und der Erstellung von Prototypen und Kleinstserien sind zumindest die bezahlbaren unter diesen Geräten allerdings noch nicht herausgekommen – für eine Produktion in großem Stil rechnen sie sich im Kapitalismus nicht.

Für die Perspektive der Überwindung des Kapitalismus dank fortschreitender Produktivkraftentwicklung gibt es an dieser Stelle zwei Möglichkeiten. Entweder sorgen die dem Kapitalismus inhärenten Tendenzen dafür, dass diese dezentralen Werkzeuge so stark weiterentwickelt werden, bis sie der kapitalintensiven Massenproduktion ebenbürtig oder überlegen sind. Aber – vorausgesetzt, dass dies überhaupt möglich ist – woher sollte eine solche Tendenz kommen? Die reale Entwicklung der Produktivkräfte, wie sie etwa in faszinierender Weise in dem Buch Arbeitsfrei von Constanze Kurz und Frank Rieger (2013) beschrieben wird, zeigt in eine andere Richtung. Menschliche Arbeit wird zwar immer mehr durch Maschineneinsatz ersetzt, doch passiert dies auf industriellem Niveau – die Maschinen selbst werden keineswegs kleiner und zugänglicher, eher im Gegenteil.

Die Alternative ist, dass die für die neue Produktionsweise nötigen Produktionsmittel zwar im Kapitalismus entwickelt werden, aber nicht im Dienste der Kapitalverwertung, sondern im privaten und Hobbybereich. Also von Bastlerinnen, „Hackern“, „Makerinnen“ und anderen, die mit Kapitalverwertung nichts am Hut haben oder sie sogar überwinden wollen. Allerdings beißt sich hier die Katze ein wenig in den Schwanz: die neue, dezentrale und bedürfnisorientierte Produktionsweise setzt einerseits die dafür passende Technik voraus, andererseits müsste die Entwicklung dieser Technik dann selbst schon Ergebnis dieser Produktionsweise (zumindest in prototypischer Form) sein.

Das ist zwar logisch nicht unmöglich, da aus kleinen Anfängen durchaus etwas Großes folgen kann. Mit dieser zweiten Alternative (die mir, wenn überhaupt, plausibler erscheint) haben wir uns jedoch schon von der Vorstellung verabschiedet, dass der Kapitalismus selbst an seinem Grab schaufelt.

Ellen Meiksins Wood (2002) nähert sich dem Kapitalismus von der anderen Seite her – ihr Thema ist nicht sein mögliches Ende, sondern seine Entstehung (eine ausführliche Darstellung und Diskussion ihrer Erkenntnisse erscheint in der nächsten Ausgabe der Streifzüge: Siefkes 2014). Dabei arbeitet sie überzeugend heraus, dass seine Entwicklung keineswegs eine notwendige Konsequenz der inneren Widersprüche des Feudalismus war. Logisch notwendig war zwar offensichtlich, dass er sich aus dem damaligen System heraus entwickeln konnte. Dass er dies tatsächlich tat, war jedoch keineswegs zwingend, sondern Ergebnis historischer Zufälle – es hätte auch ganz anders kommen können.

Der Kapitalismus entstand zunächst in Großbritannien und trat von dort seinen Siegeszug in alle Welt an. Verfechter der historischen Notwendigkeit müssen das für ein eher unwichtiges Detail halten. Die Zeit war damals eben „reif“ für den Kapitalismus, wäre die Situation in England eine andere gewesen, dann wäre er in einem anderen der europäischen Feudalstaaten aufgetaucht. Wood bestreitet dies. Ihren Erkenntnissen nach hätte es auch andere Fortschreibungen des Feudalismus geben können. Sie findet keine Anzeichen dafür, dass andere Staaten ebenfalls kurz vor der „Erfindung“ des Kapitalismus standen, stattdessen wurden sie erst durch die Interaktion und Auseinandersetzung mit dem sich bereits kapitalisierenden Großbritannien auf diesen Weg gebracht. Ohne die ganz spezifische Situation in England, die die kapitalistische Profitmaximierungslogik in Gang setzte, wäre dieses System vielleicht nie entstanden.

War der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus also keineswegs zwingend, dann ist es zumindest naheliegend, dass der Übergang vom Kapitalismus zum „Postkapitalismus“ ebenso wenig vorgezeichnet ist. Eine postkapitalistische Gesellschaft wird es zwar geben, denn es gibt keine plausiblen Argumente dafür, dass der Kapitalismus im Gegensatz zu allen Gesellschaften, die vor ihm kamen, „ewig“ halten, also „das Ende der Geschichte“ darstellen könnte. Doch wie diese Gesellschaft aussehen und welcher Logik sie folgen wird, ist heute noch nicht klar.

Dass die vom Kapitalismus selbst vorangetriebene Produktivkraftentwicklung ihm früher oder später zum Verhängnis werden und die Menschheit aus der kapitalistischen Logik hinaus in eine bessere Gesellschaft katapultieren wird, ist nicht zu erwarten. Nicht die Produktivkraftentwicklung führt zu neuen Produktionsweisen, sondern die praktizierte Produktionsweise treibt die Produktivkräfte in die für sie passenden Richtungen voran. Der ab dem 16. Jahrhundert in der britischen Landwirtschaft beginnende Produktivitätsschub und die „industrielle Revolution“ waren selbst schon Ergebnisse der Entwicklung des Kapitalismus und nicht etwa seine Voraussetzung, wie Wood zeigt.

Im Folgenden soll daher mein Augenmerk statt auf der technischen Entwicklung wieder auf sozialen Modellen der Zusammenarbeit liegen, die den Kapitalismus „auskooperieren“ und perspektivisch überwinden können. Dabei soll es auch darum gehen, wie sich solche Formen der gemeinsamen bedürfnisorientierten Re/produktion aus dem Kapitalismus heraus entwickeln können.

Fortgeschrittene Technik sollte dafür zwar hilfreich, aber nicht notwendig sein. Und wenn man mit Wood davon ausgeht, dass die Produktivkräfte ein Ergebnis der Produktionsweise sind und nicht andersherum, heißt das, dass eine postkapitalistische Produktionsweise zunächst mit dem anfangen muss, was schon da ist, also der vom Kapitalismus hervorgebrachten Technik. Sie wird diese gemäß ihren eigenen Bedürfnissen weiterentwickeln und verändern, doch kann dies nur Ergebnis der Verbreitung der neuen Produktionsweise sein, nicht aber ihre Voraussetzung.

(Fortsetzung: Voraussetzungen für allgemeine bedürfnisorientierte Re/produktion)

Literatur

  • Kurz, Constanze und Frank Rieger (2013): Arbeitsfrei: Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen. München: Riemann
  • Lohoff, Ernst und Norbert Trenkle (2012): Die große Entwertung. Münster: Unrast
  • Marx, Karl und Friedrich Engels (1956–1990): Werke. 43 Bände. Berlin: Dietz. Abgekürzt als MEW <Bandnummer>.
  • Siefkes, Christian (2012): Produzieren ohne Geld und Zwang. In Raul Zelik und Aaron Tauss (Hg.): Andere mögliche Welten? Hamburg: VSA. URL: keimform.de/2011/produzieren-ohne-geld-und-zwang/
  • Siefkes, Christian (2013): Freie Quellen oder wie die Produktion zur Nebensache wurde. In jour fixe initiative berlin (Hg.): „Etwas fehlt“ – Utopie, Kritik und Glücksversprechen. Münster: edition assemblage. URL: keimform.de/2013/freie-quellen-1/
  • Siefkes, Christian (2014): Wie der Kapitalismus entstand. Streifzüge 60. URL: keimform.de/2014/wie-der-kapitalismus-entstand/. Erscheint demnächst.
  • Wood, Ellen Meiksins (2002): The Origin of Capitalism. London: Verso
From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Netzwerke und Stigmergie

neues-deutschland[Erschienen in der Kolumne »Krisenstab« im Neuen Deutschland vom 3.2.2014]

Stefan Meretz über die Prinzipien einer neuen Gesellschaft

Commons sind gemeinschaftlich hergestellte oder gepflegte Güter. Weltweit gibt es zahlreiche erstaunliche Projekte, vom bekannten Wikipedia online bis zum Landmaschinenbau offline. Die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat ihre Erfolgsbedingungen analysiert. Dazu gehört, dass die Commons jenseits von Markt und Staat operieren. Für Ostrom waren Commons stets nur eine Ergänzung neben Markt und Staat. Weitergehende Ansätze sehen in ihnen hingegen Keimformen einer neuen Produktionsweise, die verallgemeinerbar ist.

Kann man mit Commons eine ganze, eine freie Gesellschaft machen? Ohne Markt und Staat und Zentralplanung? Um eine freie Gesellschaft konzeptionell denken zu können, sind drei jeweils für sich gut erforschte Zutaten erforderlich: Netzwerke, polyzentrische Selbstorganisation und Stigmergie.

Ein Netzwerk ist eine alternative Metapher zu Markt und Plan. Beim Markt wissen die einzelnen Akteure nicht, was die anderen tun. Erst im Nachhinein stellt sich heraus, ob die Produktion auch Abnehmer findet. Der Plan basiert auf Annahmen über Bedürfnisse, die sich allerdings permanent ändern. Seine hierarchische Struktur ist unflexibel. Ein Netzwerk hingegen ist dann fehlertolerant und flexibel, wenn die einzelnen Knoten (die Akteure) eigenständig agieren können. Das passt zu den Commons, die auf der Selbstorganisation basieren.

Am Anfang wachsen Netzwerke langsam. Jeder neue Akteur steckt zunächst mehr Aufwand rein, als er vom Netzwerk an Nutzen zurückbekommt. Doch der Netzwerkeffekt sorgt dafür, dass ab einer bestimmten Schwelle der Nutzen den Aufwand übersteigt, das Netzwerk sich also selbst trägt und sich mit hoher Geschwindigkeit ausdehnt.

Das Netzwerk wächst jedoch nicht gleichförmig, sondern es bildet polyzentrische Strukturen aus. Es gibt einige Knoten, die besonders viele Verbindungen haben und wichtige Funktionen übernehmen. Das hat auch Elinor Ostrom bei großen Commons-Systemen beobachtet und festgestellt: Viele organisierende Zentren in einem Netzwerk sind für die Gesamtleistung besser als eine hierarchische Struktur. Hinzu kommt die lokale Selbstorganisation, die dafür sorgt, dass sich das Netzwerk an veränderte Anforderungen anpassen kann.

Bleibt als dritte Zutat die Stigmergie. Ihr kommt eine Schlüsselstellung zu, sorgt sie doch für die Verbindungen zwischen den Akteuren im Netzwerk. Im Begriff Stigmergie steckt das Wort Stigmata, das Zeichen. Lokale Zeichen werden genutzt, um die globale Funktion eines Systems zu organisieren. Untersucht wurden stigmergische Effekte zuerst für Termiten. Diese relativ einfachen Insekten erstellen große Bauwerke völlig ohne zentralen Plan. Allein die lokalen Duftzeichen erzeugen eine Kollektivaktivität, die in der Summe die faszinierenden Bauwerke ergibt.

Welche Leistungen können erst Menschen hervorbringen, wenn sie ihre lokalen Zeichen bewusst setzen! Bei Wikipedia etwa gibt es die roten Links, die signalisieren: Hinter diesem Link gibt es noch keinen Artikel. Wer zum genannten Begriff Bescheid weiß, klickt auf den Link und schreibt den Artikel. Auf diese Weise ist eine ganze freie Enzyklopädie entstanden.

Das grundlegende Prinzip der Stigmergie ist die Selbstauswahl. Aufgaben werden nicht zugewiesen wie etwa in einem hierarchischen System, sondern jede/r assoziiert sich selbst zu einer Gruppe, die sich eine bestimmte Aufgabe vorgenommen hat. So finden im Mittel die richtigen Menschen zu den passenden Aufgaben. Die untersuchten Beispiele zeigen, dass das außergewöhnlich gut funktioniert. Eine zentrale Einsicht ist: Stigmergie wirkt als Mechanismus der lokalen Selbstzuordnung mit dem Ziel der übergreifenden Selbstorganisation dann besonders gut, wenn sowohl Aufgaben wie Akteure ausreichend unterschiedlich und in großer Zahl vorhanden sind. Stigmergie funktioniert vor allem für sehr große Systeme – wie etwa eine Gesellschaft.

Netzwerke als geeignetes topologisches Prinzip der gesellschaftlichen Aufgabenteilung, polyzentrische Strukturierung als Prinzip adaptiver Selbstorganisation und Stigmergie als Prinzip bedürfnisbasierter Vergesellschaftung – so kann eine freie Gesellschaft auf der Grundlage von Commons und ohne Kapitalismus gehen.

Übrigens: Polyzentrische stigmergische Netzwerke sind resilient, also besonders krisenfest. Etwas, das wir angesichts der bevorstehenden Krisen durchaus gebrauchen können.

From: keimform.deBy: Stefan MeretzComments

Wer macht aus dieser Idee einen Film?

Seit langem frage ich mich, wie man die frage eines aufhebens der warenform ohne diese beiden hochtheoretischen vokabeln popularisieren kann. Jüngst kam mir die idee zu einer filmischen komödie mit vielen liebenswerten absurditäten, wie sie “Good Bye, Lenin” und andere zu bieten haben.

Idee: 50 ausgewaehlte männlein und weiblein bereiten sich bei der DLR (Deutsches Zentrum fuer Luft- und Raumfahrt) darauf vor, mit dem raumschiff “Maiblume” (!) auf den mars zu fliegen, um dort die erste bleibende menschliche kolonie zu gründen. Die leute sind bei der DLR angestellt, beziehen dort ihr gehalt. Chefcoach während der einjährigen vorbereitung ist ein Ulf Marsbold. Sie dürfen persönliches gepäck mitnehmen.

Da fragt eine teilnehmerin ganz treuherzig, wieviel geld sie mitnehmen sollte. Ob 1000 euro ausreichen. Oder ob die kreditkarte besser wäre. Und ob es einen bankomat auf dem mars geben werde. Als Marsbold ihr das mit dem geld ausreden will, meint einer, aber wenn ich mal um der ecke einen döner kaufen will, oder shopping gehen, wenn ich neue schuhe brauche. Einer wirft die frage auf, ob man auch ein paar handschellen mitnehmen sollte für den fall, dass einer oder eine der mit ihm zusammen sitzenden teilnehmer kriminell würden. Usw.

Irgendwann fliegen die in einem ding à la starwars, nur übertriebener.

Auf dem mars machen die sich am anfang kummer, ob ihr gehalt auch weiterhin auf ihr irdisches konto gezahlt wird, wie es mit der krankenversicherung, der rente sein wird. Ob sie monatlich eine reisekostenabrechnung per email an die DLR schicken müssen.

Währenddessen bauen sie ihr marsianisches dschungelcamp immer weiter aus: Seid fruchtbar und mehret euch und macht euch den mars untertan. Von der erde kommt kein nachschub, keine post, kein einziger besuch. Der start der maiblume war so teuer, dass die DLR bankrott ging, die schuldenbremse hindert jede weitere neugründung der DLR und die fortsetzung der raumfahrt. Die 50 sind beim bankrott wie alle andern mitarbeiter entlassen worden. Die bank kündigt die konten, weil kein gehalt mehr eingeht. Beim arbeitsamt fliegen sie aus den listen, weil sie nicht persönlich erscheinen.

Die zeit vergeht. Das marscamp ist schon doppelt so groß. Einer hatte damals doch ein paar euros mitgebracht, jetzt spielen die kinder damit kaufladen. Die eltern erzählen ihnen, wie das damals auf der erde war. In video-telefonaten mit den alt gwordenen freunden auf der erde wird von dort gefragt, wie sie das auf dem mars alles finanzieren können, welche investoren sie haben, wie teuer das sei. Immer wieder basses erstaunen, wenn die marsianer erklären, das hätten sie so ganz ohne investoren und geld gemacht. Sie würden das halt eben diskutieren, sie würden absprechen, wer was machen kann, welche ressourcen und maschinen sie haben und dann ging’s los. Sie hätten ja auch viele GByte mit konstruktionsplänen, arbeitsanleitungen, prozessbeschreibungen mitbekommen. Darauf würden sie auch zugreifen.

Der alte Ulf marsbold versucht immer wieder, sich als irdischer chef der marsianer aufzuspielen, die lachen sich aber halbtot darüber, vor allem die junge generation. usw.

Auf der erde fragt man sich, wie die das bloß machen. Die marsianer hauen einiges ins internet, twittern rum, spielen ihre debatten bei youtube rein, sie stecken die alten konstruktionspläne ganz offen ins netz, auch die spezifikationen ihrer maschinen, wie sie damit umgehen, und alles, was sie neu machen, wie sie es machen. Die vom verfall aller ökonomie geplagten irdischen lesen, sehen das alles, und die jungen fangen an, das genauso zu machen.

The end: Noch ne generation weiter. Einige der marsianer wollen endlich mal die frische luft auf der erde schnuppern, nicht immer den mief in der verkapselten kolonie. Sie bauen eine maiblume II und fliegen zur erde, mitten hinein in den aufbruch der irdischen. Sie kommen an, als die irdischen sich gerade anschicken, alle finanzprogramme auf ihren computern zu löschen bis auf ein paar für die museen.

Soweit die idee.

Leute werden gesucht, die daraus einen richtig witzigen film machen!

From: keimform.deBy: lupusComments

Free Sources or Why Production No Longer Worries Us (Part 1)

Cover of the book containing the German version of this text[Diesen Artikel gibt es auch auf Deutsch.]

[This text was first published in German in a collection on utopian thinking and social emancipation edited by the Berlin jour fixe initiative. “The most tangible utopia of this volume,” the editors write. “Christian Siefkes gives his voice to somebody who lives in a not-too-distant future, where the ideas of commons-based peer production have spread beyond the Internet to re-organize production and reproduction in all areas of life on the basis of decentralized, non-hierarchical, voluntary self-organization.” Technologically, not much utopian thinking was needed – all the technologies I describe already exist today, if sometimes in more basic forms. The social changes, however, are radical. License: CC-BY-SA. You can also read the complete article as PDF or EPUB.]

Kitchen Fabrication

We produce in the kitchen or in the bathroom. Most people have some fabrication bots at home. The popular 3D printer/mill combines a 3D printer with a computer-controlled milling machine. 3D printers produce three-dimensional objects by printing multiple layers of bioplastics, metal, or ceramic on top of each other, until the desired object is complete. Within several hours, typical home 3D printers can print objects up to 50 by 40 by 30 centimeters large. That’s big enough to print most durable households items, whether crockery, cutlery, games and toys, or tools. Electrical and electronic appliances are made in the same way, except for the actual electric or lighting elements. It’s also common to print replacement parts if something breaks down or doesn’t fit.

Furniture and other big things are assembled from parts that can be made separately. Frequently, they are partially composed of prefabricated plates or beams in order to save production time. Computer-controlled (CNC) mills cut plates to size and insert openings and cavities. They can also engrave inscriptions or images.

3D printing uses less energy than most older manufacturing processes, since it only heats the used material for a short time in order to melt it. (To prepare the typically used bioplastics for printing, they must be extruded into filament and rolled onto a spool, but this preprocessing step doesn’t take much energy either.) All the used material becomes part of the finished product, nothing is wasted or required for molds or other special tooling. Milling is more wasteful, as parts of the material are removed. But it’s usually possible to re-use removed material. Since the basic setup of 3D printers and milling machines is similar, both are often combined in a single unit in order to save space.

People who want to make something, whether for personal use or as a gift, search online for suitable designs. The widespread “thing-get” program knows almost all the designs out there and offers multiple options for searching, by keyword or by criteria such as material, size, popularity. All designs are free source: everybody has the right to use them, to modify them as desired, and to share them with others (in original or modified form). Most designs are parametric: you can adjust parameters that control size, used materials, color, and other properties of the defined object. This further improves the chances of finding something among the huge mass of shared designs, and turning it into a thing that suits your needs.

If you don’t find anything appropriate for your needs, it’s usually at least possible to find a design that makes a suitable starting point for further adaption. Often you will also find other people that help you create your own variant, either online or in a decenter near you. Others who join forces may be driven by the desire to get such a thing for themselves, or they may just enjoy the challenge or look for something useful to do. Most designs thus become collective creations, just like software and other intellectual works. Once a new or improved variant is ready, you share it to allow others to benefit too.

Strange as it seems, the household was once considered an unproductive realm, limited to family life and so-called reproductive chores such as cooking and cleaning, child and elder care. These chores where often imposed upon women, while the men relaxed on the sofa, or took refuge in the factory or office. How unfair and bizarre!

These days, most cleaning is done by household robots that slowly crawl and climb through all rooms, freeing all surfaces of dust, dirt and germs. Meals are often pre-cooked. You just heat them up, flavoring them as you prefer and enriching them with sauces and other refinements as you like. Everyone takes care of the children and the elderly as necessary. That’s a matter of general concern, not restricted to a specific household or special institutions as in the past. In these segregated institutions (known as “kindergartens,” “schools,” or “retirement homes”), children were apparently isolated for hours and the elderly even for years and years. They were cut off almost completely from general life, interacting only with their peers and with professional caregivers.

Today, old people live everywhere. Younger residents take care of them as necessary. That’s a responsibility of the whole community, not of specific individuals. Alter all, everyone needs care sooner or later, and people like staying in their accustomed neighborhood and with their friends when that happens. Looking after children is also a community affair, done by parents, neighbors, and older children. Older children and adults bring the young ones into their projects where they can learn on the spot. Often there are mentors who take care of any newcomers, whether adults that want to get involved or curious children.

There are also learning hubs where people come together in order to learn and improve their skills. They are nothing like the schools of earlier times, where children were forced to engage with topics they couldn’t choose. Learning hubs are frequented by people of all ages, dealing with anything that interests them. Motivation is one of the most important factors for successful learning. Hence it must be voluntary or it is pointless, though apparently the people who once ran the schools didn’t really understand that. They seem to have believed that children wouldn’t learn to write and do math unless forced to do so. And yet, children have always learned to speak, without needing coercion, though that is certainly not easier!

Garden Farms and Decenters

Growing food is just one of the purposes of garden farms. People used to distinguish gardens and parks meant for recreation and beauty from farms dedicated to agriculture and animal husbandry. Garden farms are both. They provide food and renewable resources. At the same time, they are places of recreation and relaxation, open to everyone. Fields, flower beds, and pastures are interwoven with areas for playing, picnicking, or bathing.

Lots of different cultivation practices are used, since each project chooses their preferred style. Many use permaculture or approaches aimed at providing high yields even on small areas, such as the biointensive method and hugelkultur. Also widespread is hydroponics, the cultivation of plants in a nutrient solution instead of organic soil. Hydroponics provides high yields at little effort. It is often combined with fish farming in tanks or open ponds. This variant is known as aquaponics. Since the plant beds are regularly watered with the nutrient-rich water from the fish tanks, no nutrient solution is needed.

Garden farms use the pub/sub method to distribute their produce. They announce (“publish”) what they intend to produce. People decide which of the offers of nearby garden farms suits their tastes. They let the chosen farm know that they which to regularly receive a portion of their produce (“subscribe”). Then the garden farm caters for them as long as it is active, or until they change their mind. Most farms let people customize their subscription by specifying which stuff they cannot or don’t want to eat (many people don’t eat meat) and what they like most. If you need more, because you have visitors or want to throw a party, it’s best to let the garden farm know some days in advance so they can adjust your portion. Likewise when you need less or nothing for some time, say because of traveling.

Based on the subscriptions each garden farm can assess the demand and produce accordingly. If a farm gets more subscriptions than they can fulfill, they may take over some nearby unused land and increase their output. If no additional land is available or they don’t want to expand, they refer the potential subscribers to nearby farms.

Most garden farms have cooking/baking facilities on their premises. There they bake bread, prepare jams and other spreads, and pre-cook meals. All farms are part of the GardenNet coordinating the global sharing of plants that only grow in certain climates. Each farm registers their need for plants that only grow elsewhere. The farms situated in suitable climates informally distribute these additional demands among themselves, each producing a bit more than they need for themselves. This global giving and taking is the most convenient solution for all. Everyone has access to produce from other climates, without the additional effort it would take to grow them locally in greenhouses (though that happens as well). The GardenNet also takes care of local shortages or surpluses.

The various places known as decenters or hubs also play an important role in our re/production. They, too, are based on the right to copy and modify. All decenters document what they do and how they do it, thus allowing people elsewhere to learn from their practices and to adapt them to their own needs. There are many kinds of decenters – learning and research hubs, health and care hubs, vitamin factories, fab hubs, community cafes, and more. All run by volunteers who join forces in order to organize and operate them.

Learning and research hubs can often be found together. They are places for learning, research and exploration. Health hubs treat people who are ill or had an accident. They have specialists who can perform surgery, treat your teeth or your eyesight, or help with childbirth. Care hubs are dedicated to body care and to physical and mental well-being. There you can get a massage or your hair cut. Most care hubs have teams of mobile caregivers who look after old or ill people that need special support. Health hubs have rescue teams that provide first aid in emergencies.

Vitamin factories have nothing to do with food (that’s what garden farms are for). “Vitamins” here mean any parts needed for kitchen fabrication or fab hubs that are unsuitable for decentralized production. For example, electrical and electronic components such as motors, LEDs, and microchips. Until some years ago, the fabrication of microchips (the core of any computer) required huge semiconductor fabs. These were so complex to build and run that only a few dozen existed worldwide. Some people feared that the projects running the fabs might become too powerful. They feared they could conspire and blackmail the rest of the world by threatening to cut everybody off from access to chips, the basis of all modern communication and production equipment. These worries were unfounded, if only because the fab operators themselves were far too dependent on garden farms and other projects. They could never have risked turning against everybody else. Nor was it ever quite clear in which ways they could have benefited from such blackmail.

Meanwhile, printed electronics has advanced sufficiently to efficiently manufacture electronics of all kinds, even microchips. Electronics printers are similar to inkjet printers, but their resolution is much higher and they print liquefied electronic materials (such as conductive polymers, silver particles, and carbon) instead of ink. For complex components, multiple layers are printed on top of each other. Such printers can be found in most fab hubs, hence the super-specialized semiconductor fabs are being phased out.

Fab hubs complement the kitchen fabrication with machines that are larger and more versatile than the equipment you typically have at home. They are open to everybody living nearby. Typical equipment includes some big and fast CNC mills and 3D printers as well as a laser cutter. Laser cutters use a strong laser beam to cut metal, wood, plastics, or stone; they can also engrave arbitrary pictures or text. Fab hubs also host equipment for printing electronics and pick-and-place machines for the automatic placement and soldering of electronic components on printed circuit boards (PCBs, made on a CNC mill).

They also tend to have equipment for making clothing and other textiles, especially knitting and sewing machines. CNC knitting machines create fabrics in any desired shape and arbitrary patterns, thanks to the Jacquard technique (invented at the begin of capitalist industrialization). The parts are then stitched together by an automatic sewing machine. Some people have smaller versions of these machines at home, but most use the machines in a nearby fab hub.

Stigmergic Self-selection

No garden farm and no decenter could exist without a team of people who care about the place and keep it running. These teams find together via self-selection. Everybody decides according to their own preferences, whether, where, and how they engage. These decisions are influenced by hints left by others, pointing to unfinished or desired activities. Hubs and farms collect their open issues in public wish lists. The users of the place, but also everybody else, may decide to start working on some of these tasks. Some do so because they enjoy it, others in order to learn how to do it. Others become active to resolve some fault that affects them, say if a nearby fab hub lacks machines they would like to use or if their garden farm stopped making jam.

Many people start as users of a place and become contributors later. Some contribute for just a few hours, others occasionally from time to time, still others become regular contributors, say because they grow fond of the project, the tasks, or the other people involved. But not only users become contributors. The popular “task-list” software gathers all tasks shared by projects all over the world. It makes it easy to search for activities one is interested in, allowing to filter them by regions, kinds of task, kinds of project, or arbitrary freetext queries.

This decentralized task distribution mechanism is known as “stigmergy,” from the Greek word stigma, meaning “mark” or “hint.” Stigmergy also exists in the animal world. Ants and termites organize themselves in this way. But while insects act instinctively, the stigmergic self-organization of humanity is based on millions of conscious decisions. Everyone takes their own needs, wishes, and skills into account when deciding which hints to leave and which to follow. This causes a distributed prioritization of open tasks: things about that many people care a little, or some people a lot, are handled sooner than things that leave everybody cold. And because people choose for themselves where and how to engage, everybody is motivated and all the manifold talents and skills come to their full potential.

Of course, that’s only true as long as everybody can freely choose their occupations based on their individual preferences and strengths, unconstrained by social expectations or the lack of learning opportunities. In the past, many people believed that women were generally better at some tasks and men at others. Such stereotypes were self-reinforcing since they discouraged women from engaging in “men’s activities,” and vice versa. And also because those who ignored the stereotypes had bigger obstacles to overcome before being taken seriously. Today we take care to nullify such stereotypes if they still occur, allowing everyone to learn about and engage in whatever areas and tasks they choose.

People once seem to have thought that coercion was a necessary element of any society. They apparently believed that otherwise nobody would do things that are useful to others. Coercion was practiced in various forms, most frequently in the form of “money.” Money was similar to the chips we use in some games. But then it was not a game, it was necessary for survival. For most people, working was the only way to get it. Unless you had enough money chips, most or all socially produced wealth was closed off to you. It sounds incredible, but many people even died of hunger just because they lacked money!

Today we no longer worry about people not working unless forced. For most activities, it’s quite easy to find enough volunteers. When that’s not the case, it’s usually for things that not too many people consider important. That tends to happen with vague ideas that don’t inspire people, or with hobby projects pursued by just a handful of people that fail to spread the idea. In such cases, the people who do care need to find a way of managing without much additional support, or just give up. This can be quite annoying if you put a lot of energy into something that doesn’t take off, but it doesn’t cause any serious harm.

If things are important they hardly lack volunteers. It helps that there is so much we can leave to the machines. This trend started earlier, in capitalism. At that time, it was an ambivalent development, since people had to work in order to make money, and if machines took over their work, their access to money was cut off. This problem doesn’t exist any more, hence we automate even more. If there aren’t enough volunteers for a task (something that happened more frequently in the past), a team of automation enablers will usually be around quickly. They’ll explore options for re-organizing the task in such a way that all or parts of it can be handled by computer-controlled machines. Often, it’s enough to eliminate hazardous, boring, smelly or otherwise unpleasant aspects of a task in order to make it sufficiently attractive for volunteers.

Society has also become much more efficient, further reducing the volume of necessary work. In capitalism, everybody’s goal was to get more money, rather than producing the needed things as efficiently as possible. Getting money was a kind of race, you had to outdo others which tried to outdo you. The worse the others did, the better for you. Today we share knowledge, software, and innovations, since this is better for everyone and since others will often contribute further enhancements. Back then, everybody tried to keep their knowledge secret and to prevent others from using it, in order to finish the race before them. That caused an awful lot of additional work and inefficiencies.

Moreover, companies tried to convince people that they really needed the stuff produced by the company, in order to get more money. (Companies were somewhat similar to projects, but organized in a totally different manner.) And when things broke down, or sometimes even earlier, they were often simply discarded and replaced by new ones. Today we prefer modularity: if a part breaks down or no longer fits your needs, you just adapt or replace that specific part.

That work was organized by companies rather than projects must have been another reason why people couldn’t imagine a world without coercion. Companies had leaders who told people what to do, and everybody working there had to follow their orders. This strange arrangement was obviously fatal for motivation. If you were lucky, you might have been able to move from one company to another, but there you would be again in the same situation.

Nowadays, projects strive for “rough consensus and running code,” simply as a consequence of their organizing volunteers. They cannot force anyone to contribute, nor can they bribe people with money. Often there is a maintainer or a team of them – they might have founded the project or were chosen by election or co-option. While they coordinate the whole thing, they always have to make sure that important decisions are accepted by most of the people involved. And that means not just the active contributors, but the users too. Without this rough consensus, no project will get very far because they won’t find enough volunteers. The second goal – produce “running code” – makes it easier to structure the debates. The objective is finding solutions that work well in practice, not just making arbitrary decisions based on individual taste.

Formerly, people also seem to have disliked work because they had too much of it. Apparently they utterly failed at distributing work in a reasonable manner. Some people had no work and hence no money, others had too much work and hence not enough time for everything else. Today, all of us have enough leisure, for dozing, sleeping, playing, reading, making love, doing research, watching movies, going for a swim, sunbathing, or whatever else we fancy. That’s nice, but for most people, it’s not enough. They also want to do something useful for others, at least on some days or a few hours per day. They want to take part in the reproduction of life. They want to do something for others, for the community, just like others are doing so much for them. They want to learn something or do something that is both enjoyable and useful. Or they get involved in producing something they desire – they “scratch an itch,” as Eric Raymond, one of the free-source pioneers, expressed it.

Most successful projects have found ways of making involvement easy. They warmly welcome all newbies and help them when needed. They integrate contributions that make sense and try to help improving those that aren’t quite there yet. That’s why re/production works without requiring coercion. Sometimes there still are problems, of course, but when that happens, we talk about it and try to find ways of dealing with the situation.

When tasks can’t be distributed via stigmergic self-selection alone, many communities and some projects fall back to “white lists.” Anyone can anonymously add a task to these lists, say if it often stays undone because of a lack of volunteers, or if the volunteers working on it are unhappy. This can be a problem since, while nobody is forced to start working on any specific tasks, once you have done so, not everybody finds it easy to give them up later. You might fear to disappoint others or leave a painful gap.

The listed tasks are discussed in weekly or monthly meetings. Tasks can be taken off the list if most people agree that they are no longer problematic. The remaining tasks are then distributed “round robin”: everybody should do some of them from time to time so they won’t cause much trouble to anybody. Often, lots are drawn to assign people to tasks for specific time periods. There are no direct sanctions for refusing to take part in the round-robin distribution, but it almost never happens.

It’s more tricky when unpopular tasks require special skills that not everybody can learn in a short period of time, but that situation is relatively rare. In any case, the general goal is to keep the white lists as short as possible (ideally, are they completely empty, hence “white”), by automating the problematic tasks or by re-organizing them to make them more attractive. Often this works quite well. In the past, people seemed to be much less happy with the things they had to do than we are now. That was probably also caused by them having few choices of what to do, and not much influence on how exactly to do it. We have.

[Part 2]

From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Peercommony ist kein Gratis-Supermarkt

Contraste-Logo[Der vierte und letzte Teil meiner Diskussion mit Michael Albert, aus der September-2013-Ausgabe der Contraste.]

Michael Albert und Christian Siefkes diskutieren ihre Konzepte für eine Welt nach dem Kapitalismus. Die Teile I III erschienen in den CONTRASTEN Nr. 342, 344 und 346/347. Gekürzte Übersetzung Brigitte Kratzwald, Redaktion Graz.

Michael Alberts Zweifel an Peercommony

Christian Siefkes‘ Darstellung der Peercommony hat viele Ähnlichkeiten mit meinen eigenen Vorstellungen und Wünschen, aber es gibt auch etliche Gegensätze. Ich denke, dass seine Vorschläge manche Aspekte der Wirtschaft ausblenden. Er benennt zwei Bedingungen für Peercommony: erstens, menschliche Arbeit verschwindet durch Automatisierung aus dem Produktionsprozess und zweitens, alle haben Zugang zu Ressourcen und Produktionsmitteln.

Was Punkt eins betrifft, ist es natürlich wünschenswert, das die entfremdete Arbeit verschwindet. Es ist durchaus möglich, eine Teil davon durch Maschinen zu ersetzen, aber das würde sicher nicht bedeuten, dass alle Arbeiten, die nicht aus sich selbst befriedigend sind, verschwinden. Was die Produktionsmittel betrifft, ist es einfach nicht möglich, dass alle Menschen auf alle Produktionsmittel Zugriff haben und jeder sich mit allem selbst versorgen kann. Für beide Punkte gilt schließlich, dass diese Ergebnisse nicht von selbst entstehen werden, sondern wir beschreiben sollten, wie wir dorthin kommen.

Wie wissen wir, was und wieviel wir arbeiten müssen?

Siefkes betont, dass viele Tätigkeiten aus sich selbst heraus befriedigend sind, das ist richtig, heißt aber noch nicht, dass das was getan werden muss, wirklich getan wird und das was nicht getan werden sollte, auch wirklich nicht geschieht. Er sagt auch, dass Menschen oft deshalb arbeiten, weil andere sich über ihre Produkte freuen. Auch das stimmt, aber es erklärt noch nicht, wie und woher alle wissen sollten, was die anderen brauchen, um zu wissen, was sie produzieren sollen.

Siefkes meint, weil alle freiwillig teilnehmen, kann niemand andere herumkommandieren. Aber stellen wir uns einen Arbeitsplatz vor: Die Arbeiter stellen als selbstverwaltetes Kollektiv einen Arbeitsplan auf und entscheiden, dass jeder fünf Stunden arbeiten soll. Hans sagt, ich will aber sieben Stunden arbeiten (oder drei Stunden) und außerdem will ich lieber in der Nacht arbeiten. Ihr müsst das Licht anlassen, obwohl außer mir niemand da ist und tagsüber müsst ihr ohne mich auskommen. Heißt ein „Peer“ zu sein, auch dass niemand sagen kann, Hans, hier zu arbeiten verlangt gewisse Verpflichtungen, wenn du sie nicht einhalten wilst, arbeitest du besser woanders?

Ich bezweifle, dass sich die Tätigkeiten aller sinnvoll miteinander verbinden lassen, wenn jeder nur tut, was er will. Christian beschreibt hauptsächlich Beispiele aus der digitalen Sphäre, aber gerade in diesem Bereich arbeiten einige der ausbeuterischsten Unternehmen der Welt, Google, Facebook, Apple, Microsoft usw. Und keinesfalls kann man von Programmierern, die ein Einkommen aus anderen Quellen haben, darauf schließen, dass man grundsätzlich Produktion und Konsum entkoppeln könne. Auch wenn manches auf diese Art und Weise funktioniert, können wir doch nicht davon ausgehen, dass es für eine gerechte Allokation reicht, dass jeder tut was er will und nimmt was ihm gefällt.

Auch ich halte die „jeder-gewinnt“ Formel für erstrebenswert, aber dafür braucht es entsprechende Institutionen und Methoden der Interaktion. Also, woher weiß ich, was andere brauchen, und woher wissen andere, was ich brauche? Siefkes sagt, die Peerproduzenten hinterlassen Hinweise, aus denen sich andere aussuchen können, was sie tun wollen. Das funktioniert vielleicht für manche relativ unwichtigen Dinge, wo es egal ist, wann sie getan werden. Aber um Getreide zu ernten? Um Stahl zu schmelzen oder Flugzeuge zu fliegen? Und das alles gut aufeinander abgestimmt?

Wie wissen wir, was und wieviel wir konsumieren dürfen?

Peercommony basiert hauptsächlich auf Gütern, die von einer Gruppe gemeinsam entwickelt und erhalten werden und entsprechend der von der Gruppe selbst definierten Regeln genutzt werden, so dass alle einen angemessenen Teil entnehmen. Aber welche Regeln sind das und wie werden sie gemacht? Was ist ein angemessener Teil? Kann ich sechs Häuser haben und das ganze Jahr herumreisen? Und wenn nicht, warum nicht? Was hält mich davon ab? Wenn es mein Verantwortungsbewusstsein ist, woher weiß ich, was verantwortungsbewusst ist? Das Verantwortungsbewusstsein wird durch die sozialen Normen und Strukturen der Peercommony nicht angesprochen. Stattdessen sagen diese Strukturen den Menschen, sie können nehmen, was sie wollen und tun, wonach ihnen der Sinn steht – ungefähr so, wie sie es jetzt den sehr Reichen sagen, nehme ich an. Bitte sag mir, warum dann nicht jeder alles nehmen würde, was ihm gefällt, unabhängig davon, wieviel das ist.

Es ist eine Tatsache, dass wir nicht alles haben oder tun können. Ressourcen, Arbeit und sogar Jobs sind begrenzt. Siefkes sagt, es gehe in der Peer-Produktion darum, Lösungen zu finden, die für alle funktionieren. Ich denke, dass Parecon genau die institutionellen Rahmenbedingungen herstellen könnte, in denen Lösungen enstehen können, die für alle funktionieren. Parecon ist aus meiner Sicht die Umsetzung von Peercommony in die Realität.

Christian Siefkes: Wer macht die Regeln und woher kommen die Informationen?

Du fragst, wie ein Arbeitsplatz funktionieren soll, wenn jeder tut was er will. Zu deinem Beispiel: warum sollte es die anderen stören, wenn jemand länger oder kürzer arbeitet? Aber natürlich würden Peerproduzenten manches Verhalten nicht tolerieren. Würde Hans etwas nur ein oder zwei Stunden täglich kommen und nur mit den Geräten herumspielen, würden sie vielleicht sagen, „Lass das! Entweder du hilfst uns hier, oder du verbringst deine Zeit anderswo.“ Oder wenn er jeden Tag zwölf Stunden da wäre, würden sie ihm empfehlen, sich auch mal auszuruhen. Aber solange er einen sinnvollen Beitrag leistet, ist es kein Problem, wenn er früher geht oder länger bleibt.

Für manche Zwecke ist es sinnvoll, sich genauer abzustimmen, deshalb machen die Menschen an einem Arbeitsplatz ihre Regeln selbst und jeder, der mitmachen will, muss diese Regeln akzeptieren. Gerade weil sie Peers sind, können sie sich selbst Regeln geben, an die sie sich dann auch alle halten müssen, wenn sie weiter mitmachen wollen. Wären sie keine Peers, dann gäbe es Chefs, die die Regeln machen und kontrollieren würden.

Nur wer wenig mit Computern zu tun hat, kann Linux als „relativ unwichtig“ bezeichnen. Auch Freie-Software-Projekte wie Debian oder Linux müssen strikte Zeitvorgaben einhalten und Sicherheitsprobleme schnell beheben. Sie schaffen das sehr gut. Viele Menschen verwenden Freie Software, weil sie sie für sicherer und verlässlicher halten als proprietäre, was von diversen Studien bestätigt wird.

Peer Produktion macht es möglich, den eigenen Interessen zu folgen und sich in unterschiedlichen Projekten zu engagieren. Das heißt aber nicht, dass man dabei keine sozialen Verpflichtungen eingeht und nur dem „Spaß-Prinzip“ folgt. Auch Peerproduktion umfasst soziale Koordination und Organisation; eines der wichtigsten Prinzipien ist zum Beispiel, einen kompetenten Nachfolger zu finden, bevor man aus einem Projekt aussteigt.

Beim Ressourcenverbrauch und der fairen Verteilung von Ressourcen liegen die Dinge anders, weil die Ressourcen begrenzt sind. Der Verbrauch kann mithilfe des ökologischen Fußabdrucks gemessen werden und der ist in den Industrieländern viel zu hoch. Menschen in diesen Ländern müssen ihren Fußabdruck und damit ihren Ressourcenverbrauch reduzieren, aber warum sollte man den Verbrauch daran binden, wieviel jemand arbeitet? Warum soll jemand, der 50% länger arbeitet als der Durchschnitt, einen 50% größeren Fußabdruck haben dürfen? Vielleicht brauchen wir Zuteilungsverfahren, die sicher stellen, dass der Fußabdruck einer Person innerhalb des fairen Limits bleibt, etwa gemessen am Ressourcenaufwand der genutzten Produkte. Aber Geld und Arbeit sind nicht für diese Berechnung geeignet.

Peercommony ist kein Supermarkt

Das bringt mich zu deiner Frage, was Menschen in der Peercommony daran hindern sollte, mehr zu nehmen als sie brauchen. Es scheint, dass du dir eine Welt ohne Geld als riesigen „0-Euro-Laden“ vorstellst, in dem alle Waren kostenlos abgegeben werden. Würde sich, wer einen solchen Gratisladen findet, nicht Unmengen der ausliegenden Waren greifen – egal, ob man sie konkret gebrauchen kann? Gut möglich – allein schon aus Angst, dass diese wunderbare Situation unmöglich anhalten kann, dass schon morgen alles wieder Geld kosten wird. Wer darauf vertrauen könnte, es nicht nur mit einer vorübergehenden Ausnahmesituation zu tun zu haben, würde sich anders verhalten. Warum sollte ich mich mit Gütern eindecken, die ich derzeit nicht brauche, wenn ich weiß, dass sie im Gratisladen auf mich warten? Ich könnte den Laden einfach als ausgelagerten Abstellraum behandeln.

Aber hätten wir nicht trotzdem alle gern eine große Villa, direkt am Meer gelegen, mit den Alpen dahinter und einem schicken Stadtzentrum gleich um die Ecke? Würden wir nicht alle gerne fette Autos fahren? Wie lange würden die begrenzten Ressourcen der Erde das mitmachen?

Die Gratisladen-Idee ist jedoch irreführend, da es dabei nur um Dinge geht, nicht um Menschen und ihre Bedürfnisse. Ich brauche Wohnraum, der im Winter warm genug und im Sommer nicht zu heiß ist; Nahrung, wenn ich hungrig bin; neue Kleidung, wenn die alte nicht mehr gut oder passend ist. Ich brauche Kommunikationsmöglichkeiten und Mobilität, um mit anderen in Kontakt zu bleiben und die Orte zu erreichen, die mich interessieren. Ich brauche Gesundheitsvorsorge, Unterhaltung und kulturelle Aktivitäten. Ich brauche Freund_innen, Liebe und soziale Verbindungen. Und so weiter.

Anders als im Kapitalismus (wo der Profit im Vordergrund steht) wird in der Peercommony produziert, weil jemand ein Bedürfnis hat. Wir können uns solch eine Gesellschaft als gemeinsames Mesh-Netzwerk für bedürfnisorientierte Produktion vorstellen. Ein „Mesh“ (dezentrales Netz), weil es keine Zentralstellen gibt, die alles koordinieren oder regulieren, sondern eine Vielzahl von Peer-Projekten, die sich miteinander abstimmen. Gemeinsam, weil die beteiligten Projekte Commons (Gemeingüter) sind, die allen offenstehen, sofern sie in der Nähe wohnen, geeignete Beiträge leisten können und wollen und bereit sind, die Spielregeln zu akzeptieren, die die Projektbeteiligten sich gegeben haben. (Und die man mit ihnen zusammen dann auch weiterentwickeln kann.) Und weil die verwendeten Ressourcen – Naturgüter und Wissen – Commons sind, nicht exklusives Eigentum Einzelner.

Im Kapitalismus versucht jede Firma, zur Steigerung ihres Gewinns immer mehr Produkte zu verkaufen, solange sie dafür einen akzeptablen Preis erzielen kann. In der Peercommony sind die verschiedenen Produzenten zwar nicht gezwungen, sich miteinander abzusprechen, aber es liegt nahe. Über die Bedürfnisse hinaus zu produzieren wäre einfach Zeitverschwendung. Die häufige Befürchtung, eine geldlose Wirtschaft könne nicht funktionieren, weil sich jede_r soviel nehmen würde, dass nichts für andere übrig bliebe, ist daher unbegründet. Güter werden nicht erst produziert und dann „nach Belieben“ verteilt, sondern ohne konkreten Bedarf wird erst gar nicht produziert.

Aber woher weiß ich, wo und auf welche Weise ich mich einbringen kann? Das hängt wiederum von Bedürfnissen ab – von meinen eigenen und denen der anderen, von konsumtiven ebenso wie von produktiven. Vielleicht ist das Gemüse, das ich bekomme, oft schon schal oder es gibt nicht genug Marmelade. Vielleicht ist die nächste Gesundheitsstation zu weit entfernt oder es fehlt an mobilen Pflegekräften, die sich um alte und kranke Menschen kümmern. Vielleicht vermisse ich Betreuungsmöglichkeiten für Kinder. Oder mich nervt, dass die Kommunikationssoftware nicht genug kann und gelegentlich abstürzt. Jedes Manko ist ein Hinweis darauf, was es zu tun gibt. Je mehr Menschen solch ein Hinweis auffällt und je ernster sie ihn nehmen, desto eher wird sich jemand der Sache annehmen. Und wenn mir mehrere Dinge gleichermaßen auffallen, werde ich mich im Zweifelsfall dort einbringen, wo ich meine eigenen Stärken und Interessenschwerpunkte sehe. – Und wenn niemand etwas auffällt? Dann ist alles gut.

Die Diskussion in voller Länge auf Englisch ist hier nachzulesen: www.zcommunications.org/znet/zdebatealbsiefkes.htm

From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Wachstum bis zum nächsten Crash

Durch einen Artikel in der Jungle World bin ich auf dieses unfreiwillig ehrliche Wahlplakat der FDP aufmerksam gemacht worden. FDP-WahlplakatWachstum macht Morgen möglich. Wir halten Deutschland auf Wachstumskurs“ erklärt die FDP darin. Was den Parteistrategen entgangen zu sein scheint: Der kleine Junge grinst voller Vorfreude, weil er weiß, dass die gewagte Konstruktion des Großvaters gleich von sich aus zusammenkrachen wird oder er sie andernfalls durch Herausziehen eines der unteren Steine zum Einsturz bringen kann.

So zeigt das Bild, was die Partei selbst nicht kapieren kann: das Wachstum von heute ist stets die Grundlage für den Crash von morgen.

From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

In memoriam Gunnar

gunnar-05-2012Klangmeister Gunnar Pfeifer, Gründer und Mastermind der freien Kunstplattform Neppstar ist am 22.5.2013 im Alter von 48 Jahren unerwartet in Griechenland an einer Herzattacke gestorben und wurde einige Tage später auch dort begraben.

Gunnar war ein ganz besonderer, herzlicher Mensch, seine Leidenschaft war die Musik und sein Lebensmotto »Frohsinn!« Seine Vision, der er sich in den letzten Jahren widmete, war eine solidarische Welt, in der Geld keine Rolle spielt. Als Komponist, Musiker und Tontechniker setzte er das für sich selbst seit 10 Jahren konsequent um, indem er seine eigene und die Musik und Kunst von Gleichgesinnten über diese Internetplattform und in Form von CDs (insbesondere die Serie »Raubkopie«) verschenkte.

Wir haben nicht nur einen ideenreichen Künstler, sondern auch einen unersetzbaren Freund verloren. Wir vermissen ihn sehr.

Freund_innen versuchen das Projekt Neppstar im Rahmen ihrer Möglichkeiten weiterzuführen. Gunnars vielseitiges Schaffen ist auf Radio Neppstar (Playlist) zu hören. Hier sein Lied »Wozu«:

 

[Update]

Die CD “In memoriam Gunnar” ist jetzt samt Cover im WAV, OGG und MP3-Format ist frei verfügbar.

 

From: keimform.deBy: Stefan MeretzComments