Melbourne & Castlemaine (Australia) Trade School


We want a Trade School for Melbourne & Castlemaine. We’re looking for Melbournians and Castlemaniacs to help set up and maintain this Trade School — to barter skills and knowledge — and seeking the contact details for those wanting to use it once we are set up.

Trade Schools exist worldwide and started in NYC in 2010. People teach anything others will barter items or jobs to learn, such as: pilates, drawing, photography, cookery, games (Scrabble/chess/Sudoku), weaving, political/literary theory, fixing bikes, restoring furniture, book binding, gardening, detoxing, music making, singing, writing, knitting, making musical instruments, cleaning, languages, yarn bombing, speaking, facilitating, bee-keeping, IT skills, dancing, carpentary, cappaccino-making, basket-making, painting, pottery, poetry…

Trade School is an alternative, self-organised school running on barter and works like this:
1)Teachers propose classes and ask for items/jobs from students, e.g. you teach butter making and ask students to bring heavy cream, jars, bread, music tips, clothes, vegetables, or help find you an apartment.
2) As students sign up they agree to bring an item or do a job for a teacher.
Trade School is for those of us who value hands-on knowledge, mutual respect and the social nature of exchange. Everyone can offer something.
Source: Adapted from Trade School NYC site

To find out more on this non-monetary style exchange model, advice for starters and all the various Trade Schools around the world, see: http://tradeschool.coop

Das Vernünftige, Mittlere, Gemäßigte

aufbruch-ins-ungewisseBei Telepolis ist ein bemerkenswertes E-Book erschienen, das sich der Frage widmet, wie denn Alternativen zum Kapitalismus aussehen können. Tomasz Konicz, einer der Herausgeber des E-Books, formuliert es im begleitenden Artikel »Wege aus dem Kapitalismus« recht drastisch:

Wir leben in einer extremistischen Gesellschaft, die beständig irre Ideologien wie Rechtsextremismus oder Islamismus ausschwitzt. Als Extremisten können folglich diejenigen Apologeten kapitalistischer Herrschaft bezeichnet werden, die dieses zu einem Schlachthaus der Menschheit mutierende System immer noch als alternativlos und als die “beste aller möglichen Welten” bezeichnen. Die Suche nach einer Systemalternative stellt hingegen das einzig Vernünftige, Mittlere, Gemäßigte dar: Es ist ein Unterfangen, dem sich ein jeder Spießer zu verschreiben hätte, der sich Sorgen um die Zukunft seiner Kinder macht – und der erkannt hat, dass deren Abrichtung zu Mobbingmaschinen, wie sie jetzt in der Mittelklasse gang und gäbe ist, ihnen keine lebenswerten Zukunftsperspektiven eröffnen wird.

Christian Siefkes und ich waren mit Beiträgen beteiligt. Hier das Inhaltsverzeichnis:

Tomasz Konicz: Wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst. Wie Deutschlands Medien und Ökonomen mit der Tatsache der säkularen Stagnation des spätkapitalistischen Weltsystems umgehen

Ludger Eversmann: Die Digitale Dinge-Allmende. Die materiellen Existenzbedingungen neuer höherer Produktionsverhältnisse werden gerade ausgebrütet im Schoß der alten Gesellschaft, man muss sie nur auch als solche erkennen

Michael Albert und Florian Zollmann: Parecon – Partizipatorische Ökonomie. Welche Institutionen können zivile Werte im Wirtschaftsalltag der Menschen verankern und eine Veränderung der Gesellschaft bewirken?

Jürgen Neumann: Welche Wege führen aus der Krise? Hat der Kapitalismus noch eine Chance oder müssen wir uns auf die Suche nach Alternativen begeben?

Stefan Meretz: Grundrisse einer freien Gesellschaft

Andreas Exner: Es rettet uns keine höhere Technologie. Die Voraussetzung für eine neue Gesellschaft liegt in den “neuen” Menschen, die eine postkapitalistische Hochtechnologie nutzen

Ludger Eversmann: Schafft volkseigene “Infofakturen”! Von einem neuen Paradigma der Produktion zu einem neuen Paradigma der Ökonomie

Richard Wolff: Demokratisierung der Unternehmen statt Staatsinterventionismus. Die Linke braucht neue Ansätze und Visionen, um erfolgreich in der gegenwärtigen Krise agieren zu können

Abdullah Öcalan: Demokratischer Konföderalismus. Das Projekt der “demokratischen Moderne” ist ein Gegenentwurf zur zentralistisch-bürokratischen Moderne

Elke Dangeleit: Das Modell Rojava. Die Erprobung einer direkten kommunalen Demokratie mit emanzipatorischen Zügen stellt die Systemfrage an die Staaten im Nahen Osten, daher rührt die Gegnerschaft

Ludger Eversmann: Total Eclipse. Dämmerung des Kapitalismus, atomare Katastrophe oder Morgendämmerung einer Neuen Zeit?

Tomasz Konicz: Die wunderbare Welt des Jeremy Rifkin. Wie der Mainstream den Postkapitalismus diskutiert, ohne auch nur eine Ahnung vom Begriff des Kapitals zu haben

Arno Klönne: Der Kapitalismus auf dem Rückzug? Teilen und Kollaborieren statt Profitieren

Christian Siefkes: Peer Produktion. Wie im Internet eine neue Produktionsweise entsteht

Robert Kurz: Marxsche Theorie, Krise und Überwindung des Kapitalismus. Fragen und Antworten zur historischen Situation radikaler Gesellschaftskritik

W. Paul Cockshott, Allin Cottrell: Planungskonzepte für eine sozialistische Ökonomie. Grundzüge eines Systems, das Konsumentenwünsche erfüllen kann und gleichzeitig die Ökonomie zu sozialer Gerechtigkeit und Umweltverträglichkeit führt

Reinhard Jellen: “Do-It-Yourself-Urbanismus”. Hanno Rauterberg über neue Tendenzen des Stadtlebens

Lars Lange: Die Energiewende ist vollbracht. Jetzt brauchen wir die Entwicklung einer Postwachstumsstrategie

Elisabeth Voß: Die schöne neue Shareconomy und ihre Schattenseiten.

Norbert Rost: Postwachstumsökonomie. Vom “Negativzins” in der Haben-Gesellschaft

From: keimform.deBy: Stefan MeretzComments

Waking Up movie: First Draft Finished

Remember Waking Up? The open source movie about a positive future with a resource based sharing economy? Well, first draft is finished. Harald Sandø (yours truly) has spent the last year writing the script based on a story the Waking Up community approved. I am not going to reveal the story here, but can give [...]

Shareconomy – die neue Einhegung des Teilens

streifzuege62[Kolumne Immaterial World in der Wiener Zeitschrift Streifzüge]

Für die Durchsetzung des Kapitalismus war es notwendig, die Menschen durch die „Einhegung der Commons“ von ihren Subsistenzmitteln zu trennen. Zu den traditionellen Commons gehörte die gemeinschaftliche Nutzung von Naturressourcen: Wiesen, Weiden, Wälder, Wasser. Gewohnheitsrechtlich wurden sie geteilt genutzt und boten vor allem kleinen Bauernhöfen und Landarbeiter_innen ein Auskommen. Mit dieser Art des Teilens war mit der Einhegung Schluss. Freie, aber vereinzelte Lohnarbeiter_innen mussten fortan ihre Arbeitskraft verkaufen, um die Existenz ihrer getrennten, von der Warenökonomie abgespaltenen Privathaushalte zu sichern.

Der Privathaushalt, der allein für sich die Geldmittel beschafft, war in der Zeit des Fordismus ein Erfolgsmodell, das in der sich gegenwärtig ausbreitenden Krise jedoch seinen Modellcharakter verliert. Alte Denk- und Handlungsmuster werden in Frage gestellt, neue Lebens- und Handlungsweisen etablieren sich. Zu ihnen gehört eine Wiederentdeckung des Teilens. Der exklusive Privatbesitz ist nicht mehr erstrebenswert, die gemeinsame Nutzung von Ressourcen spart nicht nur Geld, sondern durchbricht auch soziale Trennungen. Warum nicht das Auto, den Garten, die Wohnung, die Werkzeuge und anderes mehr gemeinschaftlich nutzen?

Das Teilen ist eine positiv-reziproke Handlung. Die involvierten Menschen beziehen einander wechselseitig ein. Alle haben etwas davon, und dennoch wird nicht getauscht, denn das, was sie davon haben, ist sehr vielfältig und unberechenbar. Im Kern geht es um die (Wieder-) Herstellung menschlichen Reichtums jenseits von Tausch und Geld. Tauschen hingegen ist negativ-reziprok strukturiert. Die einen wollen möglichst viel haben, die anderen möglichst wenig geben. Im Tausch werden die Menschen strukturell voneinander getrennt.

Die Shareconomy, auch kollaborative Ökonomie genannt, macht aus Teilen wieder Tauschen. Sie ist eine moderne Form der Einhegung des Teilens, ist ein Weg der Verwarenformung menschlicher Beziehungen. Ressourcen werden nicht mehr gemeinschaftlich genutzt, Teilen ist also keine soziale Handlung mehr, sondern der Eigentümer einer Ressource teilt diese auf in einen selbst zu nutzenden und einen vermietbaren Teil – physisch oder zeitlich. Teilen wird verdinglicht, ganz wie Marx es für den Warenfetisch beschriebt: Das Verhältnis von Sozialem und Dinglichem, von Mittel und Zweck kehrt sich um. Die Ressource ist nicht mehr Mittel zur gemeinschaftlichen Bedürfnisbefriedigung, sondern ihr Zweck ist der Gelderwerb. Diesem fremden Zweck ist nun das Soziale als Mittel untergeordnet. Das Soziale wird kommodifiziert. Ich lerne nicht mehr Menschen kennen, um mit ihnen eine gute Zeit zu haben, zum Beispiel bei der gemeinsamen Nutzung meiner Wohnung, sondern ich lerne neue Kunden kennen, um ihnen temporär mein Zimmer gegen Bezahlung zu überlassen. Vermieten statt Teilen, Kunden finden statt menschlicher Begegnung.

Shareconomy ist Ausdruck der Krise. In Griechenland vermieten viele ihre Häuser und Wohnungen über AirBnB – aus Not. Wenn Arbeitskraft nicht mehr gefragt ist, bleiben oft keine anderen Ressourcen, die noch zur Verwertung taugen. Ökonomisch gesehen handelt es sich dabei um eine Umleitung von Einkommen: „Ich gebe dir von meinem Einkommen für die Nutzung deiner Ressource, bessere damit dein Einkommen auf und spare selbst dabei“. Dabei wird nicht nur kein neuer Wert geschaffen, sondern das gemeinsame Nutzen von Ressourcen vermindert den Absatz und damit die Produktion der entsprechenden Waren. Das ist ökologisch sinnvoll, aber ökonomisch bedrohlich, weil es die Krise befördert. Der Kapitalismus kann nur existieren, wenn Verwertung mittels Produktion und Absatz neuer Waren gelingt.

Individuell ist die Vermietung eigener Ressourcen eine Möglichkeit, das eigene Budget aufzubessern bzw. durch Nutzung der günstigen Angebote Ausgaben zu reduzieren. So schont die massenhafte Nutzung von UberPop (Vermittlung privater Fahrten) den eigenen Geldbeutel, ist jedoch für die Taxi-Unternehmen eine existenzbedrohende Konkurrenz. Doch die Logik, dass mein Fortkommen stets immer auch auf Kosten von anderen geht, durchzieht die Warengesellschaft als Ganzes. Die Exklusionslogik betrifft ebenso die Lohnarbeiter_innen und Unternehmer_innen wie eben auch die Shareconomy.

Ganz im Sinne der Schumpeterschen schöpferischen Zerstörung löst die Shareconomy bestimmte Märkte auf und schafft neue. Wird Carsharing zum Massenphänomen, sinkt die Autoproduktion. Wird der nächste Griechenland-Urlaub massenhaft im AirBnB-Quartier verbracht, müssen viele Hotels schließen. Im Unterschied zu früheren Innovationszyklen ist der schöpferische Anteil jedoch wesentlich kleiner als der zerstörerische: Große Marktsegmente werden zersetzt, und der Rest wird umverteilt. Dass daraus einige spezialisierte Vorreiter als Sieger hervorgehen, liegt auf der Hand. In den USA ist innovative Disruption – flächendeckende Marktzerstörung bei punktueller Innovation – explizite Strategie des Venture-Kapitals. Autokannibalismus statt Kapitalverwertung, und die Shareconomy bietet ein Spielfeld dafür.

Unter dem Label Shareconomy werden jedoch auch commonsorientierte Praktiken subsummiert, die mit Ökonomie nicht viel zu tun haben. Alle Projekte müssen sehen, wie sie die finanziellen Mittel aufbringen, die sie im Kapitalismus nun einmal benötigen. Die Scheidung geschieht dort, wo die gemeinschaftlichen Praktiken am Teilen oder am Tauschen orientiert sind. Dort wo Commoning und Geldlogik getrennt sind, ist der Widerstand gegen die Reintegration in die Warenproduktion am größten.

Obwohl die Tauschlogik mit der Shareconomy revitalisiert wird und dadurch das Teilen vergiftet, sorgt es dennoch für einen Mentalitätswandel. Nicht mehr alles selbst zu besitzen, sondern sich Ressourcen zu teilen – und sei es gegen Geld – ist ein Schritt in die Richtung zur Wiederentdeckung des bedürfnisorientierten Teilens und des Commoning. Doch dieser Schritt ist bewusst zu gehen. Von alleine kommt der Abschied vom Tauschen nicht, zu sehr ist das bedingungsvolle, miteinander verkoppelte Geben und Nehmen Teil der alltäglichen Handlungsweise geworden. Zu lernen ist: Nur Teilen jenseits von Geld und Tausch ist echtes Teilen.

From: keimform.deBy: Stefan MeretzComments

PANG

The Pacific Network on Globalisation (PANG) features a document to all the members of the World Trade Organisation in the Pacific — outlining how free trade challenges customary land practices at http://www.pang.org.fj

The associated media points out:

Customary land is so central to life in the Pacific Islands that its importance cannot be overstated. Yet through the eyes of free trade agreements it is seen as a barrier to investment, something that needs to be challenged...

Previous attempts to privatise land in the Pacific have been meet with a strong refusal by Islanders. What we're seeing now is free trade advocates using these agreements to secure control over the usage of the land, which can in effect mean that custom decisions about land use are undermined...

We're seeing this in Vanuatu where its Trade in Services commitments at the World Trade Organization (WTO) mean the government's ability to specifically support and nurture land use for Indigenous enterprise, such as local bure owners or other tourist accommodation, can only happen if it gives the same support to foreign investors ...

The push for the Pacific Islands to become integrated into the global economy is a push to ask the Pacific to turn its back on the systems and cultural practices that have supported them for generations.

Progress in Political Economy

A vibrant new intellectual space is being created by scholarly activist friends and staff of the Department of Political Economy at the University of Sydney in New South Wales, Australia.

On 29 October this Progress in Political Economy (PPE) site published a post based on my non-market socialist approach to Thomas Piketty's Capital as expressed at The Historial Materialism Australasia Conference in Sydney:

http://ppesydney.net/rickety-piketty-the-road-to-non-market-socialism/

RBE, problems to consider

Been thinking on RBE for some time, what I keep coming back to is how to convince the masses that this is workable, how to convince the “one percent” as well as the business community and government that this can work. I haven’t read everything here but I haven’t seen anything about how to begin [...]

Methadole

Here's a post from a blog written by a friend who I met in the Blue Mountains (Australia) — though he has now moved further west in NSW and me south to Central Victoria:
I recently attended a methadone clinic for money addicts (in Australia this is called Centrelink, or the dole) that made sure I would have a two-weekly top-up of matrix-juice in my bank account. However, it wasn't until I travelled out of my normal bucolic surroundings toward the big city of Sydney (which I normally avoid) that I fully comprehended the grip of this methadone metronome that fully hypnotises its users. Sorry but I will not give horrible details of what happened to me in Sydney, but I will tell you I am much happier now than before, and I could write a book about what happened called, The Way I Changed in a Day. This drama is instructive, because it shows that empowerment of ourselves and fulfillment of our heart's desire is also possible (you should see the land I found thanks to Spaces of Love (FB group) -- but it is possible precisely without money.
In this post Robert takes a lateral or life's journey route through sustainability/economics issues. He and his family live very simply and have experimented with collective farming on borrowed land:

http://universallandrights.blogspot.com.au/2014/10/the-right-to-right-livelihood-economics.html

Anarchokommunistische Klassiker: Errico Malatesta (1)

Errico Malatesta (gemeinfrei, Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:ErricoMalatesta.gif) Ein Kommentar von Justin hat mich dazu gebracht, mich intensiver mit den Gesellschaftsvorstellungen des Anarchokommunismus zu beschäftigen. Das lohnt sich, da es in der Tat große Ähnlichkeiten zu unseren Keimform-Perspektiven gibt. Ich beginne mit Errico Malatesta, einem italienischen Anarchisten, der von den 1870er Jahren an fast 60 Jahre lang aktiv war.

Gegen politische und wirtschaftliche Unterdrückung

Malatesta (1891) zufolge gibt es zwei Arten von Unterdrückung, politische und wirtschaftliche. Politische Unterdrückung basiert auf Gewalt oder deren Androhung: wer nicht tut, was ich sage, oder wer gegen meine Gesetze verstößt, der oder dem drohen Verhaftung und Gefängnis (oder Schlimmeres).

Wirtschaftliche Unterdrückung ergibt sich aus der exklusiven Kontrolle von Land und anderen zum Leben benötigten Mitteln durch Einzelne oder Gruppen. Wer selbst nicht zu diesen privilegierten Gruppen gehört, ist gezwungen, ihnen die eigene Arbeitskraft (oder deren Produkte) zu verkaufen, um überleben zu können.

Anarchistinnen (ich verwende weibliche und männliche Formen zufällig im Wechsel) stellen sich gegen beide Formen von Unterdrückung, die politische (die auf Macht und der Drohung mit Gewalt basiert) ebenso wie die wirtschaftliche (die auf Eigentum basiert). Darin unterscheiden sich die „eigentlichen“ oder „linken“ Anarchisten von den heute insbesondere in den USA verbreiteten Marktanarchistinnen oder „Libertären“, die mit ungleichen Eigentumsverhältnissen und der daraus folgenden wirtschaftlichen Unterdrückung und Ausbeutung keine Probleme haben.

Kritik der parlamentarischen Demokratie

Was ist gegen Regierungen einzuwenden, wenn sie demokratisch bestimmt werden, durch allgemeine Wahlen? Malatesta (1891) weist darauf hin, dass wirtschaftliche Ungleichheit zwangsläufig auch zu Ungleichheit im politischen Prozess führt. Wer genug Geld hat, hat viel mehr Möglichkeiten, die öffentliche Meinung und die Regierung in seinem Sinne zu beeinflussen als diejenigen, die den ganzen Tag damit beschäftigt sind, ihr Überleben zu sichern. Auch unterschiedliche Bildungsniveaus spielen eine Rolle und diese hängen wiederum eng mit der persönlichen wirtschaftlichen Ausgangsposition zusammen. Allgemeines Wahlrecht ermöglicht also keineswegs die allgemeine und gleiche Beteiligung aller.

Zudem wird eine Regierung, an die eben der Anspruch gestellt wird, die Gesellschaft zu „regieren“ und alle eventuell auftretenden Probleme „in den Griff zu kriegen“, zwangsläufig die entsprechende Geisteshaltung entfalten. Sie wird alle gesellschaftlichen Entwicklungen von polizeilichen Standpunkt aus betrachten und sich fragen, ob und wie sie eingreifen kann und muss und wie sie durch Gesetze und andere Zwangsmaßnahmen für „Ordnung“ sorgen kann. Eine gesellschaftliche Selbstorganisation, bei der die Menschen selbst herausfinden, was für sie gut ist, und sich bei eventuellen Konflikten zusammensetzen, um nach für alle annehmbaren Lösungen zu suchen, wird so erschwert bis unmöglich gemacht.

Ergänzend wäre noch anzumerken, dass gemäß Malatestas Anspruch, keine politische oder wirtschaftliche Unterdrückung zuzulassen, die politische Unterdrückung von Minderheiten durch die Mehrheit ebenso wenig akzeptabel ist wie die Unterdrückung der Mehrheit durch eine Minderheit. Dass Gesetze demokratisch beschlossen wurden, also direkt oder indirekt dem Mehrheitswillen entsprechen, bedeutet somit noch lange nicht, dass sie alle – auch die, die nicht einverstanden sind – binden.

So dürften die meisten Menschen in westlichen Ländern zustimmen, dass die gesetzliche Sanktionierung homosexueller Handlungen – heute noch in vielen Ländern Realität – illegitim ist, und zwar auch dann, wenn eine Mehrheit in dem entsprechenden Staat sie gutheißt. Die Mehrheit hat kein Recht, Minderheiten nach Belieben den eigenen Vorstellungen zu unterwerfen. Richard Stallman (1994) drückt dies so aus:

Es ist von fundamentaler Bedeutung, dass nicht Gesetze entscheiden, was richtig und was falsch ist. Jeder Amerikaner sollte wissen, dass es in den 1950ern in vielen US-Staaten für eine schwarze Person gegen das Gesetz war, im vorderen Teil des Busses zu sitzen; aber nur Rassisten würden sagen, dort zu sitzen, war falsch.

Solidarische Selbstorganisation

In Malatestas (1891) Vision einer anarchistischen Gesellschaft gibt es weder eine Regierung, deren Wille für alle bindend ist und notfalls gewaltsam durchgesetzt werden kann, noch gibt es die Notwendigkeit, sich selbst – die eigene Arbeitskraft oder deren Ergebnisse – zu verkaufen, um überleben zu können. Es gibt also keinen Staat, der „das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beansprucht“ (Max Weber, zitiert nach Wikipedia 2014) – Anarchistinnen lehnen das staatliche Gewaltmonopol ab, da ihrer Meinung nach überhaupt niemand Gewalt ausüben darf, außer in Notwehr. Es gibt aber auch keinen Markt, auf dem mit Arbeitskraft und deren Produkten gehandelt wird, und keine Firmen, die Menschen beschäftigen und ausbeuten, um Profite zu machen.

Stattdessen besteht die Gesellschaft aus einem Netzwerk selbstorganisierter Vereinigungen (Assoziationen), mittels deren die Beteiligten ihre Existenz, ihre Entfaltungsmöglichkeiten und ihr Wohlbefinden sichern. Grund für diese freiwillige Kooperation und gegenseitige Hilfe ist die Einsicht, dass man durch Zusammenarbeit besser und eher zum Ziel kommt, während sich ein vereinzeltes Individuum schwertut und ein allgemeiner Konkurrenzkampf gegen andere allen schadet – nicht nur den Verlierern, sondern auch den (momentanen) Gewinnerinnen, die immer damit rechnen müssen, in der nächsten Runde ihrerseits auf der Strecke zu bleiben.

Malatesta sieht die Entwicklung der Kooperationsfähigkeit sogar als entscheidenden Schritt in der Evolution des Menschen: nur in der Gruppe, durch Kooperation und Absprachen, konnten die frühen Menschen gedeihen. Die Sprache mit ihrer potenziell unbegrenzten Ausdrucksfähigkeit – das Merkmal, das den Menschen wohl am deutlichsten von anderen Tierarten unterscheidet – hat sich seiner Ansicht nach als Kooperationsmittel entwickelt.

Solidarische Selbstorganisation bedeutet für Malatesta, dass die Produktionsmittel – Land und andere Rohstoffe sowie Arbeitsmittel – allen gehören und gemeinsam genutzt werden. Er bezeichnet dies als „Abschaffung des Privateigentums“ (ohne dabei auf Privateigentum, das nicht als Produktionsmittel angesehen werden kann, weiter einzugehen). Eine effektive Abschaffung des Privateigentums setzt für ihn auch die Abschaffung von Regierungen voraus, da diese sonst immer wieder private Eigentums-Vorrechte oder andere Privilegien einführen und durchsetzen würden (siehe weiter unten für eine Diskussion dieses Punkts).

Das Verschwinden von Privateigentum und Herrschaft würde aber keineswegs ein Ende der gesellschaftlichen Kooperation bedeuten, ganz im Gegenteil. Wo die Kooperation heute unter Zwang erfolgt (man muss die eigene Arbeitskraft verkaufen, um überleben zu können) und in erster Linie privilegierten Gruppen zugute kommt (man arbeitet für den Profit der Aktionärinnen oder sonstigen Kapitalgeber), wäre sie dann freiwillig und ungezwungen und würde allen zugute kommen.

Die Gesellschaft würde sich durch die freie und freiwillige Beteiligung aller spontan selbst organisieren. Die gesellschaftliche Organisation würde dezentral, von unten nach oben, erfolgen. Sie würde sich zuerst den dringendsten Bedürfnissen widmen, aber dann immer weiter um sich greifen, bis sie auch exotische Sonderwünsche erfüllen kann.

Malatesta bezweifelt nicht, dass auch komplexe Angelegenheiten wie Post und Eisenbahnen – die zu seiner Zeit Staatsbetriebe waren – in freiwilliger Selbstorganisation betrieben werden können. Je mehr Menschen solche Dienste nutzen wollen und je dringender ihr Bedürfnis danach ist, desto eher werden sich Freiwillige finden, die sich darum kümmern. Und die Freiwilligen sind selbst in der Lage, praktische Lösungen für alle sich ergebenden Probleme zu finden. Sie brauchen keinen Staat, der ihnen Vorschriften macht, sondern ihre Kontrolleure sind die Nutzerinnen selbst, die ihnen schon erzählen werden, wenn sie unzufrieden sind. Auch das sind Gedankengänge, die uns bei Keimform vertraut sind.

Malatesta betont, dass Arbeitsteilung und Kooperations- und Verwaltungsaufgaben dadurch nicht verschwinden würden. An die Stelle von Regierungsvorschriften oder hierarchischen Kommandostrukturen würden freie Vereinbarungen zwischen den Menschen treten, die als Nutznießer oder Freiwillige an bestimmten Diensten oder Produkten interessiert sind. Dabei wären alle gleichberechtigt, es gäbe niemand mehr, der aufgrund seines Amtes oder seiner Stellung im Produktionsprozess besonders privilegiert ist.

Egoismus und Altruismus

Kein anderer gesellschaftlicher Modus kann Malatesta zufolge des Wohlergehen der Menschen so gut sicherstellen wie die solidarische Selbstorganisation. Wer dies verstanden hat, wird die anarchistische Gesellschaft schon aus rein egoistischen Gründen befürworten. Egoismus und Altruismus (Sorge um das Wohlergehen der anderen) sind also keine Gegensätze, sondern fallen bei richtiger gesellschaftlicher Organisation zusammen. Auch diese Idee ist uns bei Keimform schon begegnet.

Beispiele für Selbstorganisation

Als Beispiele für mehr oder weniger anarchistische Selbstorganisation, die weder von der Regierung angeordnet noch durch Profitinteressen motiviert ist, nennt Malatesta wissenschaftliche Organisationen und Kongresse, Hilfsorganisation wie die Wasserrettungsorganisationen und das Rote Kreuz und Arbeiterorganisationen. Zweifellos würde er heute Freie-Software-Projekte und andere Peer-Projekte als weitere Beispiele ansehen.

Eine „gute“ Regierung?

Können Regierungen nicht doch uneigennützig und zum Wohle aller handeln? Malatesta bezweifelt das. Er weist darauf hin, dass die Regierenden selbst ja schon notwendigerweise gewisse Privilegien haben – andernfalls wären sie keine Regierung, sondern ein ganz normaler Teil der Bevölkerung. Regierung und Gesellschaft ohne Privilegien schließen sich also gegenseitig aus.

Zur Frage, ob Regierungen nicht übergangsweise eine gewisse Rolle spielen könnten, bis sie schließlich überflüssig werden und verschwinden – entsprechend der marxistischen Vorstellung vom allmählichen „Absterben des Staates“ im Sozialismus – verweist Malatesta auf ein Phänomen, das man als Variante des Parkinsonschen Gesetzes ansehen kann:

Jede Institution wird immer darauf hinwirken, dass sie in Zukunft mindestens ebenso sehr gebraucht wird wie heute.

Eine sich selbst überflüssig machende Regierung ist also eine Illusion.

Eine Regierung kann zudem niemals alle zufriedenstellen. In jeder strittigen Position muss sie sich Verbündete suchen, um sich durchzusetzen, und diese Verbündeten müssen umworben und belohnt werden. Auch deshalb kann selbst eine gutwillige Regierung nicht auf die Zusicherung und Durchsetzung gewisser Privilegien – ob Privateigentum, Macht oder anderes – verzichten.

Literatur

(Wird fortgesetzt.)

From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Mononorm und Konstitution des Kapitalismus. Überlegungen zur Subjektkultur

Andreas Exner Der inspirierende Workshop von Stefan Meretz und mir bei der Ferienuni “Kritische Psychologie” dieses Wochenende in Berlin hat einige Debattenstränge freigelegt, die weiterzuverfolgen von großem Interesse sein wird. Der Workshop war mit etwa 50 Leuten recht gut besucht. … Continue reading
From: social-innovation.orgBy: Andreas ExnerComments