Die stigmergische Zukunft

neues deutschlandVon Sabine Nuss

[Erschienen am 11.04.2015 im neues deutschland.]

3D-Drucker in der Küche und eine Welt ohne Geld: über das Potenzial neuer Technologien für die Revolutionierung der Produktionsverhältnisse.

«Tea. Earl Grey. Hot». So lautete das Kommando, mit dem Captain Jean-Luc Picard in Raumschiff Enterprise regelmäßig seinen Tee bei einem sogenannten Replikator bestellte. Dieses schrankhohe Gerät war eine Art Kopiermaschine. Es konnte jeden in seiner atomaren Struktur vorher erfassten Gegenstand herstellen. Wenn nicht gerade aufgrund eines Systemfehlers eine Orchidee statt einer dampfenden Teetasse aus dem Replikator plumpste, stand da binnen weniger Sekunden das Lieblingsheißgetränk des Captains.

Mit der Entwicklung von 3D-Druckern scheinen uns Replikatoren heutzutage nicht mehr ganz so fiktional wie noch in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Im Gegenteil: Auf dem Videoportal youtube finden sich zahlreiche Filme, die zeigen, wie 3D-Drucker dreidimensionale Gegenstände schichtweise aufbauen: von Gipsfiguren über Kunststoff-Trillerpfeifen bis hin zu Pizza oder gestrickten Schals – es wird eifrig mit diesen Geräten experimentiert. Aber kann man damit auch eine neue Gesellschaft ausdrucken?

In der politischen Debatte haben die Möglichkeiten dieser neuen Technologie noch kaum Spuren hinterlassen. Welches Potenzial darin für die Revolutionierung der Produktionsverhältnisse liegt, bzw. liegen könnte, darüber wird hingegen seit einigen Jahren in einer kleinen Netzcommunity diskutiert. Sie ist an der Schnittstelle von Computertechnologie und Gesellschaftstheorie zu Hause und misst den zeitgenössischen technologischen Entwicklungen, wie unter anderem 3D-Druckern, ein radikales gesellschaftsveränderndes Potenzial zu.

Einer der Protagonisten dieser Debatte ist der Softwareentwickler Christian Siefkes. In seiner Publikation «Freie Quellen oder wie die Produktion zur Nebensache wurde» malt er unter anderem aus, wie 3D-Drucker in der Zukunft im Alltag zum Einsatz kommen könnten. Als Science Fiction will er das aber nicht verstanden wissen: «Technisch bin ich bewusst ausgesprochen zurückhaltend gewesen – ich beschreibe im Wesentlichen nur Technologien, die es schon gibt, und nehme nur eine bescheidene Weiterentwicklung an», so der Autor.

Produziert wird in der künftigen Welt in der Küche oder im Badezimmer. Dort würde es dann so aussehen: «In den meisten Haushalten stehen produktive Automaten. Beliebt ist die 3D-Druckerfräse, die einen 3D-Drucker mit einer computergesteuerten Fräsmaschine kombiniert. 3D-Drucker stellen dreidimensionale Gegenstände her, indem sie viele Schichten Bioplastik, Metall oder Keramik übereinander drucken, bis das gewünschte Objekt fertig ist. Typische Haushalts-3D-Drucker können so innerhalb einiger Stunden Gegenstände bis zu einer Größe von 50 mal 40 mal 30 Zentimetern herstellen.»

Ein Großteil der im Haushalt benötigten langlebigen Dinge ließe sich so fertigen, führt Siefkes aus, ob Geschirr, Besteck, Spiele und Spielzeug, oder Werkzeuge. Fällt mir also meine Lieblingstasse runter und zerspringt in tausend Scherben, druck ich sie mir einfach nochmal aus.

Aber auch elektrische und elektronische Geräte und Lampen könne man produzieren, wobei Möbel und andere große Dinge, die sich nicht auf einmal ausdrucken lassen, in Teilen hergestellt werden könnten. Man müsse sie dann nur noch zusammenschrauben oder zusammenstecken. Eine Herausforderung, die die Ikea-sozialisierte Inbusgeneration mittlerweile mit links beherrschen sollte.

Mit der autonomen Herstellung der im Haushalt benötigten Dinge wandelt sich der Mensch vom reinen Konsumenten zum viel zitierten «Prosumenten» (= Produzent + Konsument). Auch die Prosumer-Welt benötigt übrigens Rohstoffe und Energie. Die produktiven Maschinen würden in dieser Zukunft laut Siefkes weniger Energie verbrauchen als fast alle früher üblichen Herstellungsverfahren, da sie das benötigte Material nur kurz erhitzen müssen, um es zu verflüssigen. Außerdem gingen die produktiven Maschinen sehr sparsam mit dem Material um: «Alles landet im Endprodukt, nichts wird verschwendet oder für Formen gebraucht», so der Autor.

Dass die Produktion auch beim Putzen zur Nebensache werden könnte, wird ebenso illustriert, und auch hier zeigt sich, dass das beschriebene Szenario von der Gegenwart gar nicht mehr weit entfernt ist: «Das Putzen wird mittlerweile von Haushaltsrobotern erledigt, die langsam durch alle Zimmer krabbeln und klettern, um alle Oberflächen von Staub, Schmutz und Keimen zu befreien.» Längst gibt es diese Roboter, wenn auch bislang nur in wenigen Haushalten.

Die von Siefkes so ausgemalte Zukunft macht allerdings nicht Halt bei den technologischen Potenzialen, die etwa 3D-Drucker für die Umwälzung der Produktionsverhältnisse haben könnten. Im Mittelpunkt dieser Zukunft steht vielmehr etwas, was Siefkes «Stigmergische Selbstauswahl» nennt. Damit wird erklärt, wie sich eine arbeitsteilige Gesellschaft organisieren könnte, wenn sie so aussähe, wie sie der bereits zitierte Captain Picard für seine Welt beschrieben hat: «Die Wirtschaft der Zukunft funktioniert ein bisschen anders. Sehen Sie, im 24. Jahrhundert gibt es kein Geld… Der Erwerb von Reichtum ist nicht mehr die treibende Kraft in unserem Leben. Wir arbeiten um uns selbst zu verbessern – und den Rest der Menschheit.» (Picard in Star Trek, «Der erste Kontakt», 1996). Auch in einer stigmergisch organisierten Welt gibt es kein Geld mehr.

Mit der Utopie einer geldlosen Gesellschaft wird ein Fass aufgemacht, das bei weitem größer ist, als die schlichte gedankliche Fortschreibung von technologischen Entwicklungen unter gegebenen, nämlich kapitalistischen Bedingungen. Unter diesen regiert nach wie vor das Geld die Welt. Neue Technologien werden sich hier nur dann durchsetzen, solange sie einen Profit abwerfen, solange es keine menschliche Arbeitskraft gibt, die billiger arbeitet als ein Computer. Oder sie werden sich nur für jene durchsetzen, die sie sich leisten können.

Geld ist nicht nur ein technisches Hilfsmittel, was den Tausch erleichtert. Es ist ein soziales Verhältnis und hängt eng zusammen mit Eigentum und Macht: Einige – im Vergleich wenige – Menschen können kraft ihres Eigentums an den Mitteln, mit denen Dinge und Dienstleistungen hergestellt werden, jene vielen anderen Menschen, die diese Mittel nicht haben, für sich arbeiten lassen. Diese wiederum stellen neuen Reichtum her, von dem sie nur einen Teil erhalten. Der Rest geht auf das Konto des Kapitalisten, vor allem und das ist zentraler – in die erneute Produktion. Arbeiten lassen die Produktionsmitteleigentümer mit der Absicht, aus verdientem oder geliehenem Geld mehr Geld zu machen. Zweck ist daher die Vermehrung von Reichtum um der Vermehrung willen – ein selbstzweckhafter Prozess, der auf Kosten von Mensch und Natur geht und kein Maß findet. Mit dem Geld, so schrieb Marx, trägt man diesen sozialen Zusammenhang in der Hosentasche mit sich herum.

In der stigmergischen Zukunft produzieren die Menschen dagegen nicht um der Vermehrung des Geldes oder überhaupt des Geldes wegen, sondern weil sie ein Interesse an dem Ergebnis der Arbeit selbst haben, weil sie es unmittelbar benötigen, weil ihnen der gesellschaftliche Nutzen einleuchtet, von dem auch sie entweder jetzt oder später mal profitieren. Sie arbeiten, weil es ihnen Spaß macht oder weil sie selbst wünschen, dass andere etwas herstellen, was sie brauchen, aber selbst nicht herstellen können. Die Unterscheidung von «Hobby» und «Arbeit» scheint hier aufgehoben.

Das Organisationsprinzip einer geldvermittelten, kapitalistischen Gesellschaft ist tief eingeschrieben in Alltagspraxen, in Institutionen, in das Denken, das Begehren, das Wollen, in das Werden und in den Tod, in alle Lebensbereiche des neuzeitlichen Menschen. Sich Geld wegzudenken? Unmöglich. Utopisch. Jedoch: Die stigmergische Zukunft einer geldlosen Gesellschaft bewegt sich nicht im völlig fiktiven Raum. Man erkennt rasch, welche Organisationsweise hier Modell gestanden hat: Die Erfahrungen bei der Produktion offener oder freier Software. Hier tun sich weltweit Programmierer für ein Softwareprojekt zusammen und entwickeln es gemeinsam. Das tun sie auch (wenn sie es sich leisten können), ohne dafür bezahlt zu werden, und sie tun es in der Regel dann, wenn sie die Software selbst brauchen oder nützlich finden. Sie stellen den Code offen allen anderen zur Verfügung, so dass andere das Projekt für eigene Zwecke ändern können. Linux ist so entstanden.

Die stigmergische Organisation beschreibt eine daran angelehnte Art dezentraler Aufgabenteilung auch in der materiellen Welt. «Stigmergie» kommt vom griechischen Wort stigma, das «Markierung» oder Hinweis« bedeutet. Herzstück der Idee ist die Einsicht in alle laufenden Projekte, in deren Arbeitsstand, in Informationen darüber, wo noch jemand gebraucht wird. Projekte werden in diesem Sinne »markiert«, um anderen die Möglichkeit zu geben, sich einzubringen, dort, wo es gebraucht wird und wo die interessierten Personen durch ihre Mitarbeit ein dringendes Bedürfnis gestillt haben möchten: »Dass dabei alle ihre eigenen Wünsche, Vorstellungen und Möglichkeiten einbeziehen, sorgt für eine Priorisierung der offenen Aufgaben: Was vielen Menschen ziemlich oder einigen sehr wichtig ist, wird eher erledigt als Dinge, die überall nur Achselzucken hervorrufen,« so Siefkes.

»Projekte« gibt es in einer stigmergischen Gesellschaft zahlreich, mit zum Teil recht gewöhnungsbedürftigen Bezeichnungen. So ist die Rede von »Lernknoten«, wo sich Leute gezielt zum Lernen und zum Fähigkeitserwerb zusammen finden. Essen wächst in »Gartenfarmen«, die Unterscheidung von Gärten und Parks gibt es nicht mehr. Erholungsflächen, Flächen für Agrikultur und Viehzucht fallen in eins. Solche Gartenfarmen sind allgemein zugänglich und je nach Präferenz der Betreiber werden die unterschiedlichsten landwirtschaftlichen Methoden eingesetzt, wie zum Beispiel Permakultur, Hydrokultur oder Aquaponik.

Zur Verteilung der Produkte wenden die Gartenfarmen das »Pub/Sub«-Verfahren an. Sie kündigen an, was sie produzieren wollen (»publish«). Wer in einer Gegend wohnt oder sich längere Zeit aufhält, abonniert (»subscribe«) das Programm einer nahe gelegenen Gartenfarm und wird von dieser dann regelmäßig mit frischen Produkten versorgt. Anhand der Abos können Gartenfarmen den Bedarf nach ihren Produkten abschätzen und entsprechend produzieren. Wenn mehr nachgefragt wird, als eine Farm produzieren kann, und es nahe gelegene ungenutzte Ländereien gibt, kann sie die Produktion aufstocken und dies dem Ressourcenrat melden. Andernfalls verweist sie die zusätzlichen Abonnenten an Gartenfarmen in der Umgebung.

»Knotenort« steht für ganz unterschiedliche Orte, die mal zusammen, mal räumlich getrennt anzutreffen sind – Lern- und Forschungsknoten, Heil- und Pflegeknoten, Vitaminfabriken, Fabhubs, Community-Cafés und anderes. Fabhubs ergänzen die häusliche Küchenfabrikation um Maschinen, »die größer und vielseitiger sind als das, was man normalerweise zu Hause herumstehen hat.« In Vitaminfabriken wiederum werden keine Nahrungsmittel hergestellt. »Vitamine« sind vielmehr die Zubehörteile für Küchenfabrikation und Fabhubs, die sich nicht effizient dezentraler herstellen lassen – insbesondere elektrische und elektronische Bauteile wie Motoren, Leuchtdioden und Mikrochips.

Die hier längst nicht erschöpfend beschriebene stigmergische Organisation wird in etliche weitere Bereiche fortgeschrieben: Transportmittel, Netztechnologien, Wohnen. Nichts davon scheint abwegig. Bei allem Befremden gegenüber dem großen Vertrauen in die Freiwilligkeit beim Mittun: Die sozialen Verhältnisse werden nicht verherrlicht. Auch in dieser Utopie gibt es Auseinandersetzungen, sie werden in sogenannten Konflikträten bearbeitet.

Was die stigmergische Welt kennzeichnet, im Gegensatz zu vielen anderen utopischen Ansätzen, ist die radikale Infragestellung der existierenden kapitalistischen Vergesellschaftung durch Privateigentum und Geld – auf der Basis technologischer Entwicklungspotenziale. Sie wirft nichtsdestotrotz mehr (interessante) Fragen als Antworten auf. Einfach ausdrucken lässt sich diese Gesellschaft nicht, daher stellt sich auch die Frage: Wie von A nach B kommen?

Ansetzen lässt sich dabei zwar an bereits existierenden Nischenprojekten, wie beispielsweise Projekte der solidarischen Ökonomie, oder dann doch wieder die Entwicklung von Freier Software. Der spontane Alltagsverstand oder das herrschende Bewusstsein muss jedoch einen Riesensprung über sich selbst hinaus wagen können, um nicht ständig bei jeder stigmergischen Idee reflexartig zu reagieren mit: »So ist der Mensch doch gar nicht« – um damit die Welt, wie wir sie kennen, nur zu spiegeln.

From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Anja Ibes: Kann Solidarische Landwirtschaft als eine Form von Peer Production gesehen werden?

von Andreas Exner Anja Ibes hat eine lesenswerte Studie zur Frage des Verhältnisses zwischen Solidarischer Landwirtschaft und Peer Production vorgelegt. Sie steht hier zum Download bereit. Aus dem Fazit: Die vorliegende Arbeit widmete sich der Frage, ob die Solidarische Landwirtschaft … Continue reading
From: social-innovation.orgBy: Andreas ExnerComments

Geht dem Kapitalismus die Arbeit aus? (Teil 2)

Smog in der Hauptstadt Südkoreas, wo der Kapitalismus noch brummt (Foto von Craig Nagy, CC-BY-SA, URL: https://www.flickr.com/photos/nagy/4336948)[Teil 1]

Entwicklung nach geschätzter Arbeitsproduktivität gewichtet

Lohoff und Trenkle (2012: 98ff) weisen in diesem Kontext darauf hin, dass produktive Arbeiter in Niedriglohnländern pro Kopf tendenziell weniger Wert produzieren als in Hochlohnländern, weil sie zumeist nicht auf dem „Stand der Technik“ produzieren, also mehr als die gesellschaftlich nötige Arbeitszeit leisten. Vielleicht lagert ein Unternehmen seine Produktion nach Asien oder Osteuropa aus und beschäftigt anschließend dreimal so viele Angestellte pro Einzelstück wie vorher, zahlt aber unterm Strich aufgrund der geringeren Lohnkosten und des Einsatzes von weniger konstantem Kapital weniger als zuvor. Dann ist der Wert seiner Waren dadurch nicht gestiegen, auch wenn in jede Ware mehr Arbeitszeit einfließt als zuvor.

Um die Entwicklung der produktiven Arbeit besser nachzuvollziehen, ist es also notwendig, diese unterschiedlichen Produktivitätsniveaus zu berücksichtigen. Allerdings handelt es sich hierbei um eine unscharfe Größe, die sich nicht exakt beziffern lässt.

Denkbar wäre als Heuristik, die durchschnittlichen Lohnniveaus in einzelnen Ländern stellvertretend für ihre Arbeitsproduktivität aufzufassen. Allerdings dürfte dies meiner Einschätzung nach die in Niedriglohnländern geleistete Arbeit systematisch untergewichten, da sich die Lohnniveaus weltweit wahrscheinlich deutlich stärker unterscheiden als die Produktivität. Wahrscheinlich werden die Kapitalistinnen in Billiglohnländern zwar nicht die allerneuesten und besten Maschinen einsetzen, die bei hohen Fixkosten verhältnismäßig wenig Arbeit einsparen – das lohnt sich nur in Ländern mit hohem Lohnniveau. Doch die letzte oder vorletzte Generation von Maschinen, die in Hochlohnländern schon eingemottet werden, dürfe (gegebenenfalls gebraucht) oft günstig genug sein, um sich auch in Billiglohnländern zu rechnen. Dazu kommt noch, dass besonders „berüchtigte“ Niedriglohnländer wie etwa Bangladesch in meiner Untersuchung gar nicht auftauchen, da ihr Bruttoinlandsprodukt zu klein ist, um für die weltweite Kapitalverwertung eine signifikante Rolle zu spielen.

Meine Einschätzung ist deshalb, dass die Arbeitsproduktivität in Billiglohnländern zwar vielleicht um 20, 40 oder 60 Prozent unter der hochindustrialisierter Länder liegt, sich aber nicht um Größenordnungen von letzter unterscheidet. Für die folgende Tabelle habe ich diese Annahme so umgesetzt, dass die Einstufung der Länder im Human Development Index (HDI) der UN zur Abschätzung der Arbeitsproduktivität herangezogen wurde. Der HDI berechnet eine Rangfolge aller Länder anhand einer Metrik, die drei Faktoren kombiniert, nämlich die durchschnittliche Lebenserwartung, die Schulbesuchsdauer sowie das Bruttonationaleinkommen pro Kopf. Die Rangfolge wird zudem in vier gleichgroße Teile (Quartile) unterteilt (vgl. Wikipedia 2014b).

Für die Auswertung habe ich die Arbeitsproduktivität aller Länder aus dem ersten Quartil („sehr hohe menschliche Entwicklung“) als ungefähr gleich eingeschätzt. Sie wird voll gezählt, also zu 100 Prozent. Dazu gehört mehr als die Hälfte der untersuchten Länder. Die Arbeitsproduktivität im zweiten Quartil wurde im Vergleich dazu auf 80 Prozent angesetzt – dies gilt für zehn Länder in der Liste, darunter China. Zu 60 Prozent wird das dritte Quartil gezählt, dem nur noch fünf Länder angehören, u.a. Indien. Aus dem vierten Quartil hat es nur ein Land in die Liste geschafft, nämlich Nigeria – seine Produktivität wird auf 40 Prozent geschätzt.

Die folgende Tabelle zeigt das Bild, das sich ergibt, wenn man die Anzahl der Beschäftigten wie beschrieben nach der geschätzten Arbeitsproduktivität gewichtet. Auch so ergibt sich insgesamt eine Zunahme der produktiven Arbeit, allerdings etwas geringer als ohne die Gewichtung, nämlich um gut 15 statt knapp 19 Prozent. Der Unterschied fällt vergleichsweise klein aus, da 60 Prozent der untersuchten Länder (24 von 40) zum ersten Quartil des HDI gehören und daher als „auf dem Stand der Technik“ produzierend eingeschätzt werden.

(2) Anzahl der Beschäftigten gewichtet nach Entwicklungsstand (HDI)
Land Jahr Summe Produktiv Gewicht Gewichtete Summe
Ägypten 1980 8147,5 60% 4888,5
2008 15934,5 60% 9560,7
Argentinien 1996 3344,5 100% 3344,5
2011 3836,0 100% 3836,0
Australien 1980 4285,5 100% 4285,5
2009 4918,0 100% 4918,0
Belgien 1980 2567,0 100% 2567,0
2011 1787,5 100% 1787,5
Brasilien 1981 35267,5 80% 28214,0
2009 50672,0 80% 40537,6
Chile 1980 2334,5 100% 2334,5
2010 4736,5 100% 4736,5
China 1987 487080,0 80% 389664,0
2002 604505,0 80% 483604,0
Dänemark 1981 1622,0 100% 1622,0
2011 1141,0 100% 1141,0
Deutschland 1991 26803,5 100% 26803,5
2011 14849,5 100% 14849,5
Frankreich 1980 15481,0 100% 15481,0
2011 10236,0 100% 10236,0
Griechenland 1981 2897,0 100% 2897,0
2011 1837,5 100% 1837,5
Groß­britannien 1980 17561,0 100% 17561,0
2011 12760,5 100% 12760,5
Indien 1994 243493,5 60% 146096,1
2010 307286,0 60% 184371,6
Indonesien 1980 44284,5 60% 26570,7
2008 75010,5 60% 45006,3
Iran 1982 3512,5 80% 2810,0
2008 14297,5 80% 11438,0
Italien 1980 15942,5 100% 15942,5
2011 8941,0 100% 8941,0
Japan 1980 40505,0 100% 40505,0
2008 33975,0 100% 33975,0
Kanada 1980 7054,5 100% 7054,5
2008 8295,5 100% 8295,5
Kolumbien 1980 11712,0 80% 9369,6
2010 12106,0 80% 9684,8
Malaysia 1980 3966,5 80% 3173,2
2010 4994,5 80% 3995,6
Mexiko 1988 21439,0 80% 17151,2
2008 24578,5 80% 19662,8
Niederlande 1981 3431,5 100% 3431,5
2011 3716,0 100% 3716,0
Nigeria 1983 19794,5 40% 7917,8
2004 32479,0 40% 12991,6
Norwegen 1980 1348,0 100% 1348,0
2011 1124,5 100% 1124,5
Österreich 1983 2364,3 100% 2364,3
2011 1767,0 100% 1767,0
Philippinen 1980 14550,0 60% 8730,0
2011 22965,0 60% 13779,0
Polen 1981 16069,0 100% 16069,0
2011 6809,5 100% 6809,5
Russland 1990 52966,5 80% 42373,2
2009 38390,5 80% 30712,4
Saudi-Arabien 1999 2430,5 100% 2430,5
2009 3307,5 100% 3307,5
Schweden 1980 2922,0 100% 2922,0
2011 2056,0 100% 2056,0
Schweiz 1980 2295,5 100% 2295,5
2011 1773,0 100% 1773,0
Singapur 1980 753,5 100% 753,5
2008 740,5 100% 740,5
Spanien 1980 9102,5 100% 9102,5
2011 7604,5 100% 7604,5
Südafrika 2000 8110,0 60% 4866,0
2011 8074,0 60% 4844,4
Südkorea 1980 11296,0 100% 11296,0
2008 13697,0 100% 13697,0
Thailand 1980 20621,5 80% 16497,2
2011 27899,0 80% 22319,2
Türkei 1982 3785,5 80% 3028,4
2011 11792,0 80% 9433,6
USA 1980 65070,0 100% 65070,0
2010 61138,0 100% 61138,0
Venezuela 1980 3086,0 80% 2468,8
2011 8146,5 80% 6517,2
Ver. Arab. Emirate 1995 742,0 100% 742,0
2008 830,8 100% 830,8
Gewichtetes Delta 115,3%

Entwicklung der Arbeitszeiten

Die bisher verwendete Statistik KILM 4 erfasst zwar die Anzahl der Beschäftigten, sagt aber nichts darüber aus, wie lange diese im Durchschnitt arbeiten. Für die Frage nach der Entwicklung der produktiven Arbeit kommt es aber auch auf die Arbeitszeiten an, schließlich erwirtschaftet eine Person, die 20 Prozent länger arbeitet, auch 20 Prozent mehr Wert (sofern alle anderen Bedingungen gleich sind). Zur Klärung dieser Frage wurde ergänzend KILM 7b herangezogen, das die durchschnittliche Jahresarbeitszeit (in Stunden) der Beschäftigten eines Landes erfasst.

Leider wird diese Kennzahl nicht nach Sektoren aufgeschlüsselt, nur der landesweite Durchschnitt in einem bestimmen Jahr wird ausgewiesen. Zudem ist KILM 7b für viele der untersuchten Länder (insbesondere Entwicklungs- und Schwellenländer) gar nicht verfügbar. Betrachtet man die folgende Tabelle, stellt man fest, dass (soweit die Statistik vorliegt) zwar fast generell ein Rückgang der Stundenzahlen feststellbar ist, aber je nach Entwicklungsstand des Landes auf unterschiedlichem Niveau. In den hochentwickelten Ländern aus dem ersten Quartil des Human Development Index ist die Arbeitszeit im Schnitt um 8,9 Prozent zurückgegangen, von 1873 auf 1706 Stunden. In den Ländern aus dem zweiten Quartil, für die diese Statistik vorliegt, beträgt der Rückgang dagegen nur 2,2 Prozent und die durchschnittliche Arbeitszeit ist deutlich länger – 1939 Stunden zu Beginn und immer noch 1896 Stunden zum Ende der Statistik.

Auch ob diese Statistik überhaupt erfasst wird, hängt sehr stark vom Entwicklungsstand ab. Fast alle untersuchten Länder aus dem ersten Quartil erfassen diese Statistik – nur in dreien von 24 fehlt sie. Dagegen fehlt sie in 40 Prozent der Länder aus dem zweiten Quartil (4 von 10). Für die untersuchten Länder aus dem dritten und vierten Quartil liegt sie generell nicht vor.

Um diese Lücken zu schließen, lässt sich der Durchschnitt aus den Ländern, wo die Arbeitszeit erfasst wird, als Schätzwert heranziehen, wobei aber der Entwicklungsstand berücksichtigt werden muss. Zur Abschätzung der fehlenden Kennzahlen für die Länder des ersten Quartils wurde daher der Durchschnitt der restlichen Ländern des ersten Quartils verwendet. Wo diese Statistik bei den Ländern des zweiten bis vierten Quartils fehlt, wurde der Durchschnitt der Länder aus dem zweiten Quartil herangezogen.

(3) Anzahl der produktiven Arbeitsstunden (Summen in Millionen)
Land Jahr Prod. Beschäftigte Pers.​stunden​/Jahr Summe prod. Std. Delta prod. Std.
Ägypten 1980 8147,5 1938,8 (2) 15797
2008 15934,5 1895,5 (2) 30204 191,2%
Argentinien 1996 3344,5 2013 6732
2011 3836,0 1820 6982 103,7%
Australien 1980 4285,5 1830 7842
2009 4918,0 1685 8287 105,7%
Belgien 1980 2567,0 1670 4287
2011 1787,5 1577 2819 65,8%
Brasilien 1981 35267,5 1796 63340
2009 50672,0 1689 85585 135,1%
Chile 1980 2334,5 2313 5400
2010 4736,5 2068 9795 181,4%
China 1987 487080,0 1938,8 (2) 944367
2002 604505,0 1895,5 (2) 1145839 121,3%
Dänemark 1981 1622,0 1632 2647
2011 1141,0 1522 1737 65,6%
Deutschland 1991 26803,5 1552 41599
2011 14849,5 1413 20982 50,4%
Frankreich 1980 15481,0 1795 27788
2011 10236,0 1476 15108 54,4%
Griechenland 1981 2897,0 2208 6397
2011 1837,5 2032 3734 58,4%
Groß­britannien 1980 17561,0 1767 31030
2011 12760,5 1625 20736 66,8%
Indien 1994 243493,5 1938,8 (2) 472093
2010 307286,0 1895,5 (2) 582461 123,4%
Indonesien 1980 44284,5 1938,8 (2) 85860
2008 75010,5 1895,5 (2) 142182 165,6%
Iran 1982 3512,5 1938,8 (2) 6810
2008 14297,5 1895,5 (2) 27101 397,9%
Italien 1980 15942,5 1859 29637
2011 8941,0 1774 15861 53,5%
Japan 1980 40505,0 2121 85911
2008 33975,0 1771 60170 70,0%
Kanada 1980 7054,5 1826 12882
2008 8295,5 1728 14335 111,3%
Kolumbien 1980 11712,0 1976 23143
2010 12106,0 1911 23135 100,0%
Malaysia 1980 3966,5 1938,8 (2) 7690
2010 4994,5 1895,5 (2) 9467 123,1%
Mexiko 1988 21439,0 2242 48066
2008 24578,5 2250 55302 115,1%
Niederlande 1981 3431,5 1553 5329
2011 3716,0 1379 5124 96,2%
Nigeria 1983 19794,5 1938,8 (2) 38378
2004 32479,0 1895,5 (2) 61564 160,4%
Norwegen 1980 1348,0 1580 2130
2011 1124,5 1426 1604 75,3%
Österreich 1983 2364,3 1720 4067
2011 1767,0 1600 2827 69,5%
Philippinen 1980 14550,0 1938,8 (2) 28210
2011 22965,0 1895,5 (2) 43530 154,3%
Polen 1981 16069,0 1988 31945
2011 6809,5 1937 13190 41,3%
Russland 1990 52966,5 1933 102384
2009 38390,5 1973 75744 74,0%
Saudi-Arabien 1999 2430,5 1873,2 (1) 4553
2009 3307,5 1705,9 (1) 5642 123,9%
Schweden 1980 2922,0 1517 4433
2011 2056,0 1644 3380 76,3%
Schweiz 1980 2295,5 1805 4143
2011 1773,0 1632 2894 69,8%
Singapur 1980 753,5 1873,2 (1) 1411
2008 740,5 1705,9 (1) 1263 89,5%
Spanien 1980 9102,5 1912 17404
2011 7604,5 1690 12852 73,8%
Südafrika 2000 8110,0 1938,8 (2) 15724
2011 8074,0 1895,5 (2) 15304 97,3%
Südkorea 1980 11296,0 2864 32352
2008 13697,0 2246 30763 95,1%
Thailand 1980 20621,5 1938,8 (2) 39982
2011 27899,0 1895,5 (2) 52883 132,3%
Türkei 1982 3785,5 1943 7355
2011 11792,0 1877 22134 300,9%
USA 1980 65070,0 1813 117972
2010 61138,0 1778 108703 92,1%
Venezuela 1980 3086,0 1743 5379
2011 8146,5 1673 13629 253,4%
Ver. Arab. Emirate 1995 742,0 1873,2 (1) 1390
2008 830,8 1705,9 (1) 1417 102,0%
Summe Anfangsjahr 1240039,8 2393861
Endjahr 1471008,8 2756268 115,1%

(1) Durchschnitt der Länder aus dem 1. Quartil des HDI
(2) Durchschnitt der Länder aus dem 2. Quartil des HDI

Die obige Tabelle 3 zeigt die Entwicklung der produktiven Arbeitsstunden, also die Anzahl der produktiv Beschäftigten multipliziert mit der durchschnittlichen Arbeitszeit pro Jahr. Auch hier ergibt sich noch eine leichte Zunahme der produktiven Arbeit um etwa 15 Prozent. Im Vergleich zur Zunahme der produktiven Beschäftigten fällt der Anstieg etwas geringer aus, weil die Arbeitszeit pro Person im Durchschnitt fast überall gesunken ist. Warum das so ist, wird von den Statistiken nicht erfasst, doch dürfte es mehr daran liegen, dass sich Teilzeitstellen und prekäre Jobs mit nur temporärer Beschäftigung verbreitet haben, und weniger an erfolgreichen Kämpfen der Arbeiterklasse für mehr Freizeit.

Die in Tabelle 3 dargestellten Zahlen lassen sich mit der Gewichtung aus Tabelle 2 kombinieren, um die unterschiedlich eingeschätzte Arbeitsproduktivität einzubeziehen. Im Ergebnis ergibt sich ein Wachstum der gemäß Entwicklungsstand (HDI) gewichteten produktiven Arbeitsstunden um nur noch 11,6 Prozent.

Diskussion

Unabhängig davon, welche der ermittelten Kennzahlen man verwendet: die produktive Arbeit ist in den letzten 30 Jahre gewachsen, nicht gefallen. Haben Lohoff und Trenkle (2012) also unrecht? In einem absoluten Sinne kann tatsächlich nicht die Rede davon sein, dass dem Kapital „die Arbeit ausgeht“. Betrachtet man die Entwicklung der produktiven Arbeit relativ zur Zunahme der Weltbevölkerung, ergibt sich ein anderes Bild. Im Jahr 1983 (dem durchschnittlichen Anfangsjahr der Untersuchung) lebten 4690 Millionen Menschen, 2010 hingehen 6840 Millionen (World Population Statistics 2014) – eine Zunahme um 46 Prozent. Im Vergleich dazu nimmt sich der Zuwachs der produktiven Arbeit um knapp 12 bis 19 Prozent (je nach Berechnungsmethode) sehr bescheiden aus.

Intuitiv könnte man erwarten, dass die produktive Arbeit ähnlich stark wie die Weltbevölkerung wächst. Schließlich stellen neue Menschen einerseits Arbeitskräfte dar (sofern sie ein Unternehmen profitabel einsetzen kann) und andererseits Konsumentinnen (sofern sie über Geld verfügen, was wiederum von der Verwertbarkeit ihrer Arbeitskraft abhängt). Dass die produktive Arbeitskraft so viel schwächer gewachsen ist als die Weltbevölkerung, weist also darauf hin, dass sich das Kapital tatsächlich schwertut, neue Verwertungsmöglichkeiten zu finden. An Arbeitskräften fehlt es nicht, also muss es wohl an Wachstumsmärkten mangeln, auf denen die zusätzlichen Arbeitskräfte produktiv genutzt werden könnten.

Oder vielleicht mangelt es gar nicht an Verwertungsmöglichkeiten, sondern an Kapital? Vielleicht verkonsumieren die Kapitalisten den Großteil ihres neu gewonnen Kapitals lieber, statt es in produktive Unternehmungen zu stecken? Diese Erklärung des langsamen Anstiegs der produktiven Arbeit – über 27 Jahre gemittelt, lediglich 0,6 Prozent (Beschäftigtenzahlen, ungewichtet) bzw. 0,4 Prozent (Arbeitsstunden, gewichtet) pro Jahr – ist zwar denkbar, erscheint aber wenig plausibel.

Lohoff und Trenkle (2012: 68) weisen darauf hin, dass es seit der unter Margaret Thatcher und Ronald Reagan begonnenen Liberalisierung der Finanzmärkte zu einer massiven Kapitalverschiebung von der „Realwirtschaft“ in die Finanzsphäre kam. Während vorher beide Bereiche in vergleichbaren Umfang wuchsen, hat sich seitdem die „Finanzindustrie“ von der Realwirtschaft scheinbar abgekoppelt und ein Vielfaches an Kapital gebunden. Die Liberalisierung der Finanzmärkte ist dabei ihrer Ansicht nach nicht eigentlicher Auslöser dieser Entwicklung. Vielmehr eröffnete sie dem Kapital, das sich in der „Realwirtschaft“ zunehmend schwertat, profitable Anlagemöglichkeiten zu finden, einen zumindest temporären Ausweg. An Kapital hat es also nicht gefehlt, nur floss es großteils nicht in realwirtschaftliche Unternehmen, sondern in Finanzprodukte. In der Finanzsphäre allein wird allerdings kein Wert geschaffen, obwohl sie durch Kredite an Konsumenten, Produzenten und Staaten die „Realwirtschaft“ ankurbeln und damit zur Zunahme der Wertverwertung beitragen kann.

Darauf, dass es nicht an Kapital, sondern an erfolgversprechenden Verwertungsmöglichkeiten fehlt, deutet auch hin, dass sich die Zentralbanken in den USA und Europa seit Jahren weitgehend vergeblich darum bemühen, die Wirtschaft durch die Vergabe von Krediten zu Niedrigstzinsen wieder „in Gang zu bringen“:

Die Firmen wollen gar keine Kredite – denn sie wissen nicht, wie sie das Geld investieren sollen. Die Autoren [des Buches The House of Debt, Atif Milan und Amir Sufi] behaupten das nicht einfach, sondern sie stützen sich auf bislang nicht analysierte Daten von Städten und Gemeinden, die sie in akribischer Arbeit aufgedröselt haben. (Münchau 2014)

Zwar geht dem Kapital nicht im absoluten Sinne die Arbeit aus, doch an produktiven Verwertungsmöglichkeiten scheint es sehr wohl zu mangeln. Insofern haben Lohoff und Trenkle (2012) ihre These zwar etwas zu hart formuliert, doch im Vergleich zur von Heinrich (2007) postulierten tendenziell unendlichen Ausdehnungsfähigkeit des Kapitalismus scheinen sie der Wahrheit näher zu kommen.

Nicht berücksichtigt wurde für diese Untersuchung zudem die von Lohoff und Trenkle (2012: 244f) vertretene sogenannte „Universalgüterthese“, derzufolge Softwareentwicklerinnen und andere Produzentinnen von Informationsgütern überhaupt keinen Wert produzieren. Begründet wird dies damit, dass sie keine besondere Privatarbeit verrichten (die in eine einzelne Ware fließt), sondern allgemeine Arbeit (die tendenziell allen zugute kommt und nur durch Monopolprivilegien – „geistiges Eigentum“ – mühsam privatisiert und zu Geld gemacht werden kann). Zwar ist die Universalgüterthese meiner Ansicht nach durchaus plausibel, doch ist sie heiß umstritten (vgl. Lohoff (2007) vs. Kurz (2008)) und dürfte auch unter Marxistinnen nur von einer kleinen Minderheit akzeptiert werden.

In dieser Arbeit bin ich konservativ vorgegangen und habe die Informations- und Kommunikationstechnologien (Sektor J in ISIC Rev. 4) generell als wertproduktiv eingestuft. Würde man die Wissensproduktion dagegen als „wertlos“ (nicht wertproduktiv) einstufen, würde der Zuwachs der produktiven Arbeit in den letzten 30 Jahren wahrscheinlich nochmal um einiges kleiner ausfallen, da dieser Sektor stark an Bedeutung gewonnen hat.

Literatur

Anhang

Die untersuchte Zeitspanne wurde in allen Ländern so groß wie möglich gewählt. Die zur Entwicklung der Beschäftigtenzahlen herangezogene Statistik basierte im Anfangsjahr normalerweise auf Version 2 der ISIC-Klassifikation, im Endjahr auf Version 4. Ausnahmen sind im Folgenden dokumentiert.

  • Mehrere Länder verwendeten im letzten verfügbaren Jahr noch ISIC Rev. 3: Ägypten, Brasilien, Indonesien, Iran, Japan, Kanada, Mexiko, Philippinen, Südkorea, Thailand.
  • Einige Länder verwendeten sowohl im Anfangsjahr als auch im Endjahr ISIC Rev. 2: Chile, Kolumbien, Nigeria, Südafrika, Venezuela.
  • Einige Länder verwendeten sowohl im Anfangsjahr als auch im Endjahr ISIC Rev. 3: Indien, Russland, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate.
  • Argentinien: für das erste Jahr (1996) wurde ISIC Rev. 3 verwendet. Die für frühere Jahre ausgewiesenen Daten beziehen sich nur auf den Großraum Buenos Aires und sind daher nicht vergleichbar.
  • China: ISIC Rev. 2 wurde auch für das letzte Jahr (2002) verwendet. Die für spätere Jahre ausgewiesenen Daten basieren auf Rev. 3, beziehen sich aber nur auf städtische Gebiete und sind daher nicht mit den zuvor erhobenen Statistiken vergleichbar.

Die in den originalen KILM-4-Tabellen enthaltenen Beschäftigtenzahlen sind in Tausend mit einer Nachkommastelle, also auf 100 Beschäftigte genau. Beim Zusammenzählen mehrerer Sektoren für die in Tabelle 1 gezeigten Beschäftigtenzahlen habe ich der Einfachheit halber im Regelfall auf ganze Zahlen gerundet, also auf Tausend genau. Nur wenn die Summe auf ,5 endete, habe ich sie direkt übernommen, um größere Rundungsungenauigkeiten zu vermeiden. Wo die gezeigten Zahlen nur einen einzigen Sektor betreffen (nämlich den einzig unproduktiven Sektor 8 aus ISIC Rev. 2), habe ich dessen Zahl ohne Rundung übernommen.

In mehreren Ländern beziehen sich die für Tabelle 3 verwendeten Statistiken zur durchschnittlichen Arbeitszeit pro Person (KILM 7b) auf andere Jahre als die ISIC-Daten zur Beschäftigtenzahl, weil diese Kennzahl nicht in allen Jahren erhoben wurde. Da der verglichene Zeitraum dadurch tendenziell etwas verkürzt wurde, wäre der im Durchschnitt festgestellte Arbeitszeitrückgang mit weniger lückenhaften Statistiken wahrscheinlich noch ein wenig stärker ausgefallen.

  • Argentinien: Anfangsjahr 1995
  • Belgien: Anfangsjahr 1983
  • Brasilien: Anfangsjahr 1990, Endjahr 1999
  • Chile: Anfangsjahr 1996
  • Griechenland: Anfangsjahr 1983
  • Mexiko: Anfangsjahr 1991 – eine für 1990 angegebene Zahl erschien mir nicht vertrauenswürdig, da sie aus einer anderen Quelle stammt als die in den Folgejahren ausgewiesenen Kennzahlen und sehr viel niedriger ausfällt.
  • Polen: Anfangsjahr 2000 (statt 1981!)
  • Russland: Anfangsjahr 1992
  • Schweiz: Endjahr 2010
  • Venezuela: Anfangsjahr 1997, Endjahr 1999 (!)
From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Geht dem Kapitalismus die Arbeit aus? (Teil 1)

Verfallene Autofabrik in Detroit, wo die Verwertung ins Stocken geraten ist (Foto von Albert duce, CC-BY-SA, URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Abandoned_Packard_Automobile_Factory_Detroit_200.jpg)Eine erste empirische Annäherung

In den an Karl Marx orientierten Theorien gibt es einige, die als wertkritisch bezeichnet werden können, weil sie das Kernproblem des Kapitalismus nicht lediglich in der Aufteilung des Mehrwerts sehen, sondern in der Tatsache, dass der Wert vermittelndes Moment des Produktionsprozesses ist. Daraus ergibt sich, dass eine Wert- und Warenproduktion „unter sozialistischen Vorzeichen“ (wie sie etwa in der DDR angestrebt wurde) als unmöglich erkannt wird. Ein konsequenter Bruch mit dem Kapitalismus würde vielmehr auch die Aufhebung der Wertform – und des Geldes als seiner allgemeinsten Form – erfordern.

Jenseits dieser Gemeinsamkeit gibt es unterschiedliche Einschätzungen dazu, was die „Zukunftsfähigkeit“ des Kapitalismus angeht. Lohoff und Trenkle (2012) sehen ihn in einem unauflösbaren Widerspruch gefangen, indem die Dynamik der Produktivkraftentwicklung ihm mehr und mehr seine essenzielle Grundlage entzieht, nämlich die Verwertung menschlicher Arbeit. Heinrich (2007) dagegen sieht trotz zyklischer Krisenhaftigkeit „Tendenzen zur Ausdehnung […] des Kapitalismus, die noch längst nicht an ihr Ende gekommen sind.“

Einig dürften sich beide Seiten darin sein, dass das Ziel aller kapitalistischen Produktion die Geldvermehrung ist: Geld wird eingesetzt (investiert, verwertet), um am Ende mehr Geld zurückzuerhalten (vgl. Lohoff und Trenkle 2012: 22f). Da am temporären Ende jeder erfolgreichen Geldvermehrung mehr Geld steht, das wiederum verwertet werden will, ist dem Kapitalismus die Tendenz zum endlosen Wachstum inhärent. Zwar könnten die Kapitalistinnen (ich verwende in diesem Text weibliche und männliche Formen zufällig im Wechsel) ihren kompletten Neugewinn theoretisch auch konsumieren (für Yachten u.a. Luxusgüter ausgeben), doch dürfte ihnen in der Regel ein Teil des Gewinns dafür ausreichen (ebd.: 24f).

Geld ist im Kapitalismus die allgemeinste und wichtigste Form von Wert – von abstraktem Reichtum, der durch menschliche Arbeit entsteht. Wert ist das Ergebnis von Arbeit („tote Arbeit“), aber nur soweit und sofern diese Arbeit gesellschaftlich nötig ist. Wenn jemand weniger effizient arbeitet als andere (weil er langsamer ist oder über schlechtere Werkzeuge verfügt), produziert er damit nicht mehr Wert als diese, sondern (sofern er das gleiche Produkt herstellt) nur genauso viel (ebd.: 27ff).

Wenn immer mehr Geld verwertet werden muss, bedeutet dies im Regelfall also, dass immer mehr menschliche Arbeit produktiv und effizient eingesetzt werden muss, denn nur dann entsteht neuer Wert und die Geldvermehrung ist erfolgreich (ebd.: 28f). Gleichzeitig hat aber jedes Unternehmen (= jede Kapitalistin) ein Interesse daran, die zur Produktion seiner Waren benötigte Arbeitszeit zu senken. Denn um sich gegen die Konkurrenz durchsetzen, ist es gezwungen, mindestens ebenso effizient zu produzieren wie diese, besser aber effizienter. Schafft es das Unternehmen, mit weniger Arbeit die gleiche Warenmenge zu produzieren, oder (um denselben Sachverhalt auf andere Weise auszudrücken) mit gleichem Arbeitseinsatz mehr oder bessere Waren, kann es mehr Profit machen oder durch Preissenkungen den eigenen Marktanteil vergrößern. Zumindest zum Teil wird dies auf Kosten der Konkurrenz gehen. (Nur zum Teil, da der Markt auch vergrößert werden kann, wenn günstiger gewordene Waren von Menschen gekauft werden, die sie sich zuvor nicht leisten konnten.)

Um nicht auf der Strecke zu bleiben, sind die Konkurrenten gezwungen, nachzuziehen und die Effizienzsteigerungen zu übernehmen oder selbst noch bessere zu finden. Auch diese Dynamik ist tendenziell endlos. Zumindest solange die „vollautomatische Fabrik“ nicht komplett erreicht ist, also irgendwo im Produktionsprozess noch Menschenarbeit steckt, muss jedes Unternehmen auf immer neue Möglichkeiten lauern, diese zu reduzieren – da die Konkurrenz nicht schläft, sondern dasselbe tun muss (ebd.: 30f).

Diese Dynamik erschwert aber die Kapitalverwertung: Unter Einsatz einer bestimmten Menge Kapital (das so verwertet wurde) wurden zuvor jährlich z.B. 100.000 Fernseher hergestellt. Dank Effizienzsteigerung sind es hinterher vielleicht 120.000 Fernseher. Die zusätzlichen Fernseher müssen aber auch verkauft werden, damit die Kapitalmenge weiterhin verwertet werden kann. Was, wenn zwar 10.000 neue Fernseher Abnehmer finden (erleichtert durch den gesunkenen Preis), aber niemand die anderen 10.000 haben will? In diesem Fall kommt das Kapital in eine Verwertungskrise, die Fernseher müssen verschrottet oder weit „unter Wert“ zum Schnäppchenpreis verscherbeln werden. Die Investitionen müssen zum Teil abgeschrieben werden, die Kapitalistinnen erleiden Verluste – das Kapital hat sich verringert, statt sich zu vermehren (ebd.: 31f).

Dieser Verwertungskrise kann der einzelne Kapitalist entgehen, indem er rechtzeitig die Branche wechselt. Das TV-Unternehmen kann vielleicht rasch genug auf die drohende Absatzkrise reagieren, indem es einen Teil seiner Mitarbeiter entlässt und einen Teil seiner Produktionsanlagen verkauft oder auslaufen lässt (indem es veraltetes Equipment nicht mehr ersetzt). So wird ein Teil des zuvor gebundenen Kapitals freigesetzt, statt in der drohenden Verwertungskrise vernichtet zu werden.

Um das freigesetzte Kapital weiterhin verwerten zu können, müssen die Kapitalistinnen andere Waren herstellen – sie müssen die Branche wechseln. Statt in die Produktion von Fernsehern investieren sie es vielleicht in die von Spielkonsolen, Sportschuhen oder was sonst gerade „in“ ist. Gesamtgesellschaftlich kann dies gut gehen, solange es zumindest einige Wachstumsmärkte gibt, in die zusätzliches Kapital fließen kann, ohne nur bereits gebundenes Kapital zu verdrängen.

Aber gibt es solche Wachstumsmärkte immer in ausreichendem Umfang, um (a) das durch Effizienzsteigerungen freigesetzte Kapital und (b) das durch erfolgreiche Verwertungsprozesse neu entstandene Kapital aufzunehmen? Lohoff und Trenkle bezweifeln dies. Ihrer Ansicht nach war die fordistische „Wirtschaftswunderzeit“ nach dem Zweiten Weltkrieg die letzte Epoche, wo dies geklappt hat, seitdem wird durch Rationalisierung mehr Kapital freigesetzt als durch Erschließung neuer Märkte gebunden werden kann (32f). Heinrich (2007) sieht dagegen keine Probleme – er verweist auf den wachsenden Konsum in Entwicklungs- und Schwellenländern sowie neue Anlagesphären als Auswege.

Auf einer rein theoretischen Ebene lässt sich meiner Ansicht nach nicht entscheiden, wer recht hat. Dass das Kapital sich unfreiwillig immer wieder die eigene Verwertungsgrundlage ein Stück weit entzieht, ist zweifellos richtig; dass neue und wachsende Märkte dies grundsätzlich ausgleichen können, auch. Dagegen gibt es keinen Mechanismus, der dafür sorgen würde, dass das verfügbare Kapital jederzeit immer Verwertungsmöglichkeiten findet. Dies lässt sich für bestimmte Zeiten und Orte nur empirisch klären. Dieser Text ist ein erster Versuch, eine solche Klärung vorzunehmen.

Die Fragestellung: Die Entwicklung der produktiven Arbeit weltweit

Zur Grundlegung dieser Untersuchung ist es unumgänglich, auf Marx’ Begriff der produktiven Arbeit im Kapitalismus einzugehen. Wert entsteht für Marx aus Arbeit, soweit sie (a) zum Zwecke der Verwertung geleistet wird (es wird eine Ware produziert) und (b) gesellschaftlich nötig ist. Jede Ware muss Gebrauchswert haben (von jemand als brauchbar erachtet werden), sonst wird sie keine Käuferin finden. Wert entsteht nur dann, wenn die Ware erfolgreich verkauft wird und nur soweit ihr Herstellungsprozess dem Stand der Technik entspricht (unnötige Mehrarbeit etwa aufgrund veralteter Maschinen schafft keinen zusätzlichen Wert).

Marx fragt sich, was produktiv für den Kapitalverwertungsprozess ist – wertproduktiv oder kapitalproduktiv wäre daher ein genauerer Begriff. Arbeit, bei der kein Kapital verwertet wird, scheidet also als produktive aus. Das betrifft alle Arbeit für den Eigenbedarf, die eigene Familie oder Freunde ebenso wie ehrenamtliche Aktivitäten und private Hausangestellte. Wenn eine wohlhabende Familie einen Koch oder eine Hauslehrerin beschäftigt, gibt sie Geld aus, verwertet aber kein Kapital. Die Angestellte verdient sich damit ihren Lebensunterhalt, verwertet aber ebenfalls kein Kapital. Diese Arbeit ist also nicht produktiv. Anders ist es, wenn der Koch statt bei einem Privathaushalt bei einem Unternehmen angestellt ist, das ihn gegen Bezahlung an Haushalte vermittelt – in diesem Fall wird das Kapital des vermittelnden Unternehmens vermehrt, die Arbeit ist also produktiv. Nicht der Inhalt der Arbeit, sondern die Form, in der sie geleistet wird, ist für die Frage der Produktivität ausschlaggebend.

Staaten arbeiten in der Regel nicht renditeorientiert. Sie können zwar als „ideelle Gesamtkapitalisten“ betrachtet werden, die für optimale Verwertungsbedingungen auf ihrem Staatsgebiet sorgen wollen, aber selbst Profite zu machen und sich dabei gegen andere Kapitalisten durchzusetzen, ist in aller Regel nicht ihr Ziel. Staatsangestellte sind daher nicht produktiv. Dasselbe gilt für Beschäftige in zwischenstaatlichen Organisationen und im Non-Profit-Sektor.

Aber auch Arbeit, die für kapitalistische Unternehmen geleistet wird und zum erfolgreichen Verkauf von Waren beiträgt, ist nicht in allen Fällen produktiv. Hier wird es etwas haarig, zumal Marx dazu selbst nur verstreute Hinweise hinterlassen hat. Meine Rekonstruktion ist: Arbeit ist auch dann nicht produktiv, wenn sie nur dazu dient, den Verwertungsprozess des Kapitals aufrecht zu erhalten, den „Händewechsel“ zwischen Geld- und Warenbesitzern zu vermitteln oder unfreiwillige „Händewechsel“ zu verhindern.

Der Erleichterung des „Händewechsels“ dient der gesamte Handel: Waren müssen verkauft werden, sonst scheitert der Verwertungsprozess. Doch an dem Gebrauchswert der gekauften Zahnbürste ändert sich durch die Tatsache, dass ich einer Verkäuferin Geld geben muss, um sie nutzen zu dürfen, kein Stück, deshalb leistet die Verkäuferin auch keine produktive Arbeit. Dasselbe gilt für Werbung: sie sorgt dafür, dass Waren verkauft werden können, ohne aber an deren Gebrauchswert – ihrer sinnlich-stofflichen Nützlichkeit – etwas zu ändern.

Der „Händewechsel“ im Kapitalismus ist dann gewollt, wenn er in Form eines (Äquivalenten-)Tausches stattfindet, auf den sich beide Beteiligten einigen können. Ungewollt ist er dagegen, wenn sich jemand Dinge aneignet, ohne sich mit deren bisherigen Besitzer auf eine Gegenleistung geeinigt zu haben. Wachschützer und Sicherheitsdienste existieren, um solche ungewollten Händewechsel (Diebstahl, Raub) zu verhindern. Sie sorgen dafür, dass Gebrauchswerte bei ihren „legitimen“ (im Sinne der kapitalistischen Rechtsordnung) Eigentümerinnen verbleiben, ohne aber den Gebrauchswerten selbst etwas hinzuzusetzen. Sie leisten keine produktive Arbeit.

Verkäufer und Wachschützerinnen dienen zwar der individuellen Kapitalverwertung, indem sie die Eigner des Supermarktes und des Sicherheitsdienstes reicher machen. Doch diese Kapitalvermehrung geht auf Kosten anderer Kapitalistinnen, die dafür einen Teil des Mehrwerts, den sie andernfalls hätten verdienen können, abtreten müssen. Zur gesamtgesellschaftlichen Kapitalvermehrung tragen sie daher nicht bei.

Auch in der Finanzsphäre wird keine produktive Arbeit erbracht. Wer ein „gutes Händchen“ hat und es schafft, die richtigen Aktien zu kaufen und im richtigen Moment wieder zu verkaufen, hat zwar das eigene Vermögen vermehrt, aber den auf der Welt existierenden Reichtümern nichts hinzugefügt und daher nicht produktiv gearbeitet. Dasselbe gilt, wenn man derartiges als Dienstleistung für andere macht, ihnen Vermögenstipps gibt oder bei der Steuerberatung hilft.

Generell handelt es sich bei nichtproduktiven, aber im Kapitalismus nötigen Arbeiten um Nebenkosten der kapitalistischen Produktion. Sie müssen aus dem von produktiven Arbeitern erwirtschafteten Mehrwert bezahlt werden, mehren aber den gesellschaftlichen Reichtum nicht. Dem Kapital eröffnen sie daher nur dann neue Anlagemöglichkeiten, wenn zugleich die Menge produktiver Arbeit steigt: Eine kapitalistische Gesellschaft kann nicht dadurch reicher werden, dass sie mehr und mehr Werbung macht oder neue Supermärkte baut, ohne aber dadurch bzw. darin zusätzliche Produkte zu verkaufen.

Der zwischen Lohoff und Trenkle einerseits und Heinrich andererseits strittige Punkt lässt sich also auf die Frage herunterbrechen, ob die Masse produktiver Arbeit in der modernen kapitalistischen Gesellschaft tendenziell wächst oder fällt. Sinnvoll kann dies nur im weltweitem Rahmen untersucht werden, da das Kapital heutzutage global und mobil ist. Wenn die produktive Arbeit in einem einzelnen Staat fällt, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass das Kapital in diesem Staat in der Krise ist – das aus dem Staat kommende Kapital kann ebenso gut in andere Länder ausgewichen sein, weil es dort bessere Verwertungsbedingungen vorfindet.

Datenbasis

Zur Untersuchung der Fragestellung wurden Arbeitsmarktstatistiken der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) herangezogen (ILO 2013). Mein Plan war eigentlich, die Entwicklung der produktiven Arbeit seit ungefähr 1970 zu untersuchen, d.h. seit dem Ende der fordistisch-keynesianistischen Periode (1971 wurde die Goldbindung des US-Dollars aufgehoben). Die von der ILO veröffentlichten Statistiken gehen allerdings nicht weit genug zurück, sondern beginnen in den meisten Fällen erst 1980, für manche Länder auch erst später. Das durchschnittliche Anfangsjahr der ausgewerteten Statistiken ist 1983. Die verfügbaren Daten enden meist 2010 oder 2011, gelegentlich auch einige Jahre früher – im Durchschnitt 2010.

Die wichtigste verwendete Statistik ist KILM 4, das die Beschäftigtenzahlen eines Landes nach verschiedenen Branchen aufgeschlüsselt enthält. Eine Schwierigkeit der Analyse ergibt sich dabei daraus, dass die genaue Abgrenzung zwischen „produktiver“ und „unproduktiver“ Arbeit schon innerhalb der marxistischen Theoriebildung umstritten ist und sich in den (vermutlich nicht von Marxistinnen erstellten) ILO-Statistiken überhaupt nicht wiederfindet. Selbst wenn das anders wäre, wäre eine exakte Unterscheidung wohl schon deshalb unmöglich, weil eine Firma sowohl produktive (z.B. Facharbeiter, Ingenieure) als auch unproduktive (z.B. Werbefachleute) Beschäftige haben kann. Die in KILM 4 genannten Branchen lassen sich daher nur grob als „eher produktiv“ oder „eher unproduktiv“ einordnen.

Verschärft wird dieses Problem dadurch, dass die verwendete Brancheneinteilung im Lauf der Zeit mehrmals geändert wurde. In den meisten der untersuchten Länder wurde um 1980 die Version 2 der „International Standard Industrial Classification“ (ISIC) der Vereinten Nationen verwendet, um 2010 dagegen die heute aktuelle Version 4 (UN Statistics Division 2008). In einigen Ländern wurde zum Ende des Untersuchungszeitraums noch Version 3 verwendet. Jede dieser Versionen hat die Branchengliederung gegenüber der vorigen Fassung verändert und verfeinert.

Für meine Untersuchung habe ich die folgenden Sektoren in ISIC Revision 4 als (überwiegend) produktiv eingestuft:

  • A. Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei
  • B. Bergbau und Bodenschätze
  • C. Fertigung (Manufacturing)
  • D. Elektrizität, Gas, Dampf und Klimatechnik
  • E. Wasserversorgung; Kanalisation, Abfallentsorgung und Sanierungsmaßnahmen
  • F. Baugewerbe
  • H. Verkehr und Lagerung
  • I. Beherbergung und Gastronomie
  • J. Informations- und Kommunikationstechnik
  • R. Kunst, Unterhaltung und Erholung

Die folgenden Sektoren wurden als (überwiegend) unproduktiv betrachtet:

  • G. Groß- und Einzelhandel; Reparatur von Kraftfahrzeugen und Motorrädern
  • K. Finanz- und Versicherungsdienstleistungen
  • L. Immobilienwirtschaft
  • O. Öffentliche Verwaltung und Verteidigung; staatliche Sozialversicherung
  • T. Hauspersonal in privaten Haushalten; Produktion von Waren und Dienstleistungen in Haushalten für den Eigenbedarf
  • U. Exterritoriale Organisationen und Körperschaften

Als unproduktiv wurden von privaten Haushalten (T), Staaten (O) und zwischenstaatlichen Organisation (U) bezahlte Beschäftigungsverhältnisse eingestuft, da hier kein Kapital verwertet wird. Ebenso der Handel (G), der selbst keinen neuen Wert generiert, sondern nur den „Händewechsel“ zwischen Geld- und Warenbesitzern organisiert sowie Branchen, in denen vorhandene Werte gemanagt, aber kein neuer Wert produziert wird (K und L).

Besonders problematisch ist die Zuordnung der restlichen Sektoren, da hier sowohl Branchen einsortiert werden, die ich als überwiegend produktiv einstufen würde, als auch überwiegend unproduktive. Da die Daten keine weitere Aufschlüsselung ermöglichen, habe ich diese Sektoren als „halbproduktiv“ gewertet, d.h. 50 Prozent der dort angesiedelten Arbeitszeiten werden als produktiv gezählt. Dies gilt für folgende Sektoren:

  • M. Freiberufliche, wissenschaftliche und technische Tätigkeiten
  • N. Verwaltungs- und unterstützende Dienstleistungen
  • P. Bildung
  • Q. Gesundheits- und Sozialwesen
  • S. Sonstige Dienstleistungen
  • X. Wird nicht erläutert, bedeutet anscheinend „nicht klassifiziert“

Sofern eine Tätigkeit zur Entstehung eines Gebrauchswerts beiträgt, hängt ihre Wertproduktivität davon ab, ob sie für ein Privatunternehmen erbracht wird oder nicht:

[S]o ist ein Schulmeister produktiver Arbeiter, wenn er nicht nur Kinderköpfe bearbeitet, sondern sich selbst abarbeitet zur Bereicherung des Unternehmers. Daß letztrer sein Kapital in einer Lehrfabrik angelegt hat, statt in einer Wurstfabrik, ändert nichts an dem Verhältnis. (MEW 23: 532)

Da in den genannten Sektoren (insbesondere P, Q und S) sowohl staatliche als auch privatwirtschaftliche Unternehmen verbreitet sind (z.B. öffentliche und private Schulen und Bildungsinstitute), werden sie von mir als „halbproduktiv“ betrachtet. Eine genauere Aufschlüsselung, die den Umfang der privatwirtschaftlich organisierten (und damit wertproduktiven) Tätigkeiten genauer erfasst, wäre wünschenswert, kann aber auf Basis des vorliegenden Zahlenmaterials nicht erbracht werden.

In den Sektoren M und N sind sowohl produktive (z.B. in M: Architekten und Ingenieure; in N: Reinigung und Verpackung) als auch unproduktive Tätigkeiten (z.B. in M: Steuerberatung und Marketing; in N: Arbeitsämter und -vermittler, Vermietung und Leasing) zusammengefasst. Der Sektor X scheint gelegentlich als „Restkategorie“ für nicht anderweitig zugeordnete Tätigkeiten verwendet zu werden (in vielen Ländern ist er leer), weshalb keine Einstufung als „produktiv“ oder „unproduktiv“ möglich ist.

In ISIC Revision 3, der bis 2008 verwendeten vorigen Version des Standards, habe ich die folgenden Sektoren als produktiv eingestuft (in Klammern jeweils der entsprechende Sektor in Rev. 4):

  • A. Land- und Forstwirtschaft (Teil von A)
  • B. Fischerei (Teil von A)
  • C. Bergbau und Bodenschätze (B)
  • D. Fertigung (C)
  • E. Elektrizität, Gas und Wasserversorgung (D sowie E)
  • F. Baugewerbe (F)
  • H. Hotels und Restaurants (I)
  • I. Verkehr, Lagerung und Kommunikation (H sowie J)

Als nichtproduktiv gelten:

  • G. Groß- und Einzelhandel; Reparatur von Kraftfahrzeugen, Motorrädern und Haushaltsgegenständen (G)
  • J. Finanzdienstleistungen (K)
  • K. Immobilien und Vermietung (L)
  • L. Öffentliche Verwaltung und Verteidigung; staatliche Sozialversicherung (O)
  • P. Hauspersonal in privaten Haushalten (T)
  • Q. Exterritoriale Organisationen und Körperschaften (U)

Als halbproduktiv gelten:

  • M. Bildung (P)
  • N. Gesundheitswesen und Sozialarbeit (Q)
  • O. Andere Dienstleistungen (M, N, S)
  • X. Nicht klassifiziert (X)

In der bis 2002 genutzten Revision 2 werden noch weniger Sektoren unterschieden, die mit Nummern statt Buchstaben bezeichnet werden (in Klammern jeweils der entsprechende Sektor in Rev. 4). Als überwiegend produktiv betrachte ich dabei:

  • 1. Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei (A)
  • 2. Bergbau und Bodenschätze (B)
  • 3. Fertigung (C)
  • 4. Elektrizität, Gas und Wasser (D, E)
  • 5. Baugewerbe (F)
  • 7. Verkehr, Lagerung und Kommunikation (H, J)

Überwiegend unproduktiv:

  • 8. Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, Immobilienwirtschaft und Wirtschaftsdienstleistungen (K, L)

Halbproduktiv:

  • 6. Groß- und Einzelhandel, Hotels und Restaurants (G, I)
  • 9. Dienstleistungen jeder Art (M, N, O, Q, S, T, R, U)
  • 0. Nicht zugeordnete Aktivitäten (X)

Die ILO stellt Statistiken für mehr als 200 Staaten bereit, doch alle diese Daten auszuwerten wäre unpraktisch gewesen. Deshalb habe ich mich auf die 40 Länder mit dem größten Bruttoinlandsprodukt beschränkt (nach Wikipedia 2014a; verwendet wurde die Liste der Vereinten Nationen für 2012). Zusammen haben diese Staaten 90,2 Prozent des Bruttoweltprodukts erwirtschaftet (im Jahr 2012). Meine Annahme ist dabei, dass diese 90 Prozent ausreichen, um einen guten Einblick in die weltweite Entwicklung zu nehmen.

Entwicklung der Beschäftigtenzahlen

Die folgende Tabelle zeigt, wie sich die Zahl der produktiv und unproduktiv Beschäftigten zwischen dem jeweils ersten und letzten Jahr der Statistik entwickelt hat.

(1) Anzahl der produktiv und unproduktiv Beschäftigten (in Tausend)
Land Jahr Produk­tiv Halb­prod. Unprod. Summe Prod. Delta Prod.
Ägypten 1980 6623,0 3049,0 126,8 8147,5
2008 14322,0 3225,0 4960,0 15934,5 195,6%
Argentinien 1996 2672,0 1345,0 3353,0 3344,5
2011 2567,0 2538,0 4033,0 3836,0 114,7%
Australien 1980 2813,0 2945,0 517,7 4285,5
2009 3111,0 3614,0 2881,5 4918,0 114,8%
Belgien 1980 1660,0 1814,0 226,0 2567,0
2011 1026,0 1523,0 1250,0 1787,5 69,6%
Brasilien 1981 26293,0 17949,0 1223,0 35267,5
2009 44266,0 12812,0 35611,0 50672,0 143,7%
Chile 1980 1513,0 1643,0 101,1 2334,5
2010 2916,0 3641,0 573,3 4736,5 202,9%
China 1987 448420,0 77320,0 2090,0 487080,0
2002 476190,0 256630,0 4580,0 604505,0 124,1%
Dänemark 1981 1033,0 1178,0 157,4 1622,0
2011 621,0 1040,0 659,0 1141,0 70,3%
Deutschland 1991 18955,0 15697,0 2796,0 26803,5
2011 8541,0 12617,0 9986,0 14849,5 55,4%
Frankreich 1980 10857,5 9247,0 1642,5 15481,0
2011 6088,0 8296,0 7576,0 10236,0 66,1%
Griechenland 1981 2380,0 1034,0 116,7 2897,0
2011 1375,0 925,0 1309,5 1837,5 63,4%
Groß­britannien 1980 11660,0 11802,0 1865,0 17561,0
2011 7226,0 11069,0 7435,0 12760,5 72,7%
Indien 1994 233029,0 20929,0 35875,0 243493,5
2010 297104,0 20364,0 56817,0 307286,0 126,2%
Indonesien 1980 37319,0 13931,0 304,0 44284,5
2008 70840,0 8341,0 23371,0 75010,5 169,4%
Iran 1982 2080,0 2865,0 80,0 3512,5
2008 13233,0 2129,0 5138,0 14297,5 407,0%
Italien 1980 11733,0 8419,0 522,0 15942,5
2011 5822,0 6238,0 6215,0 8941,0 56,1%
Japan 1980 28830,0 23350,0 3170,0 40505,0
2008 27390,0 13170,0 23270,0 33975,0 83,9%
Kanada 1980 4420,0 5269,0 1018,0 7054,5
2008 6314,0 3963,0 6912,0 8295,5 117,6%
Kolumbien 1980 7770,0 7884,0 843,4 11712,0
2010 8067,0 8078,0 1350,3 12106,0 103,4%
Malaysia 1980 3145,0 1643,0 0,0 3966,5
2010 4086,0 1817,0 3179,0 4994,5 125,9%
Mexiko 1988 15144,0 12590,0 395,0 21439,0
2008 21888,0 5381,0 16597,0 24578,5 114,6%
Niederlande 1981 2165,0 2533,0 410,0 3431,5
2011 1833,0 3766,0 1924,0 3716,0 108,3%
Nigeria 1983 12029,0 15531,0 215,0 19794,5
2004 24122,0 16714,0 146,0 32479,0 164,1%
Norwegen 1980 890,0 916,0 101,0 1348,0
2011 608,0 1033,0 566,0 1124,5 83,4%
Österreich 1983 1744,0 1240,5 173,6 2364,3
2011 1214,0 1106,0 1110,0 1767,0 74,7%
Philippinen 1980 12254,0 4592,0 308,0 14550,0
2011 21682,0 2566,0 12905,0 22965,0 157,8%
Polen 1981 14004,0 4130,0 371,5 16069,0
2011 5130,0 3359,0 4026,0 6809,5 42,4%
Russland 1990 46565,5 12802,0 15740,0 52966,5
2009 31767,0 13247,0 21943,0 38390,5 72,5%
Saudi-Arabien 1999 1899,0 1063,0 2631,0 2430,5
2009 2614,0 1387,0 4146,0 3307,5 136,1%
Schweden 1980 1895,0 2054,0 283,0 2922,0
2011 1090,0 1932,0 1006,0 2056,0 70,4%
Schweiz 1980 1425,0 1741,0 0,0 2295,5
2011 968,0 1610,0 1137,0 1773,0 77,2%
Singapur 1980 518,0 471,0 79,1 753,5
2008 607,0 267,0 665,0 740,5 98,3%
Spanien 1980 7045,0 4115,0 397,2 9102,5
2011 5248,0 4713,0 5588,0 7604,5 83,5%
Südafrika 2000 5199,0 5822,0 923,3 8110,0
2011 4593,5 6961,0 1710,5 8074,0 99,6%
Südkorea 1980 9239,0 4114,0 332,0 11296,0
2008 11493,0 4408,0 7677,0 13697,0 121,3%
Thailand 1980 18720,0 3803,0 0,0 20621,5
2011 26448,0 2902,0 9114,0 27899,0 135,3%
Türkei 1982 2471,0 2629,0 228,0 3785,5
2011 9992,0 3600,0 5805,0 11792,0 311,5%
USA 1980 39190,0 51760,0 8351,0 65070,0
2010 34096,0 54084,0 36072,0 61138,0 94,0%
Venezuela 1980 2114,0 1944,0 186,9 3086,0
2011 4780,5 6732,0 684,3 8146,5 264,0%
Ver. Arab. Emirate 1995 685,0 114,0 513,0 742,0
2008 733,0 195,5 918,0 830,8 112,0%
Summe Anfangsjahr 1240039,8
Endjahr 1471008,8 118,6%

Insgesamt ist die Zahl der produktiv Beschäftigen um knapp 19 Prozent gestiegen, von 1240 auf 1471 Millionen (Beschäftige aus „halbproduktiven“ Sektoren wurden dabei wie erläutert zu 50 Prozent gezählt).

Im Vergleich zur Gesamtzahl aller Beschäftigen fällt dieser Anstieg allerdings vergleichsweise schwach aus. Dieser beträgt 37,2 Prozent, von 1509 auf 2071 Millionen.

Ein auffälliger Unterschied ergibt sich in der Tendenz der Entwicklung zwischen den hochentwickelten Industriestaaten Europas und den USA einerseits (wo die Zahl der produktiv Beschäftigen generell gefallen ist), und der asiatischen, afrikanischen und südamerikanischen Staaten andererseits (wo sie gestiegen oder zumindest nahezu unverändert geblieben ist). Nicht in dieses Schema passen allerdings die hochentwickelten Industriestaaten Kanada und Australien, die ebenfalls eine steigende Tendenz aufweisen.

[Teil 2 – dort ist auch das Literaturverzeichnis zu finden.]

From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Overpopulation – Is It a Myth?

The hype of ‘overpopulation’ has been going on for years in the media. And even some ‘philanthropists’ like Bill Gates is promoting de-population through vaccines and more to lower the population of this ‘overpopulated’ world. Now, is the planet really overpopulated? Or will it be, if we continue multiplying? Obviously, it will be if we exponentially increase ourselves indefinitely, […]

Six Philosophies Which Enable a Resource-Based Economy

The resource-based economy has become a popular topic of discussion, and this paper is the author’s inaugural foray into the field. Far from being an easy convert to social movements, I am inherently distrustful of them. However, a hard-won ally is a hard-lost one. Perhaps it is time for me to endorse the movement and […]
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Contesting capitalism and Leo Panitch

In the 7th Annual Wheelwright Lecture, delivered in Sydney in September 2014, Leo Panitch let forth against the likes of David Harvey and Wolfgang Streek — including many in the audience. I respond here, which is the prose version that inspired the poem at the same site (see last post):

http://ppesydney.net/let-100-flowers-bloom-without-cracking-down/

Be a flower!

Political poem on the Progress in Political Economy site

The first poem to appear on the University of Sydney's great Progress in Political Economy site advocates a life beyond money and the state:

http://ppesydney.net/were-all-thats-left/

Gift economies/networks on the ground

Over the last two weeks I've talked with some key people in a couple of groups pursuing gift networks and collective sufficiency without money on the ground:
 
1. Patrick Jones and Meg Ulman, who live in the rural town of Daylesford (Central Victoria), have been active in a series of sustainability activities locally.

They've just returned from a fifteen month tour of Australia checking out on what other communities are up to, too.

Read more of their adventures at home and interstate here:

http://permapoesis.blogspot.com.au/

http://theartistasfamily.blogspot.com.au/

http://gardennotesforrelocalisation.blogspot.com.au/


2. Another group — whose members are active in our Melbourne ecosocialism discussion group — is urban. They include Theo Kitchener, who wrote about the Doing It Ourselves network's early ideas in an article that appears as a pdf that can be downloaded here:

http://www.sustainabilitysc.org/strategies-for-sustainability-melbourne-showcase-theo-kitchener/

They are experimenting with developing a series of cooperatives that try to do as much as they can with as little money as possible.

3. Gift economy advocate Terry Leahy will be in Melbourne to speak at a New International Book Shop arranged event at the Victorian Trades Hall Council on the night of Friday 13 March. He will show the documentary film that his sister Gillian Leahy and he made on an African village that became collectively sufficient by applying permaculture methods, amongst other techniques.

You can find out some more on The Chikukwa Project and on Terry's work more broadly here.


“Degrowth and Demonetization”: one of the most popular Routledge sociology papers in 2014

Andreas Exner My paper on degrowth and demonetization was published recently for free until March 2015 on the website of the publishing house Routledge (including Taylor&Francis), since it is one of the most popular articles of the publisher in social … Continue reading
From: social-innovation.orgBy: Andreas ExnerComments