Schuld/en

Streifzuege 69[Kolumne Immaterial World in der Wiener Zeitschrift Streifzüge]

Die Diskussion um transkapitalistische Veränderungen ist durchzogen von anthropologischen Annahmen. Zu diesen gehört, dass tätigkeitsteilige Gesellschaften – also alle – notwendig soziale Verpflichtungen hervorbringen, die sich als „Schulden“ ausdrücken: Tut jemand etwas für mich, stehe ich in seiner oder ihrer Schuld. Solche „Schulden“ werden mit Geld operabel. So kommt die Frage auf, ob mit postmonetären Verhältnissen auch soziale Verpflichtungen obsolet werden oder ob diese gar überhistorischen Charakter besitzen und sich als soziale Schuldverhältnisse Ausdrucksformen suchen, die am Ende doch wieder bei Geld landen.

Im Folgenden verwende ich den Begriff der Reziprozität (Gegenseitigkeit) in einem zweifach erweiterten Sinne. Erstens fasse ich damit allgemein die Beziehung zwischen Handelnden, also sowohl solche, in denen Geben und Nehmen – allgemeiner: Beiträge und Nutzungen – aneinander gekoppelt sind wie solche, in denen das nicht der Fall ist. Bei gekoppelt-reziproken Handlungen wird eine Gegengabe erwartet (etwa implizit beim Schenken oder explizit bei Tausch), bei entkoppelt-reziproken Handlungen nicht. Zweitens verwende ich den Begriff nicht nur für unmittelbare, sondern auch für vermittelte Beziehungen, also insbesondere gesellschaftliche Beziehungen, bei denen sich die Handelnden indirekt auf einander beziehen, sich aber nicht kennen.

Eine freie Gesellschaft ist eine, in der die Reziprozitätsverhältnisse (inter-) individuell, kollektiv und gesellschaftlich inklusiv strukturiert sind. Hier geht die Bedürfnisbefriedigung der einen nicht auf Kosten von anderen (wie im Kapitalismus), sondern schließt sie tendenziell mit ein. Die Frage bleibt jedoch, ob solche positiv-inklusiven Reziprozitätsverhältnisse entkoppelt sind oder ob auch hier soziale Verpflichtungen in Form gegenseitiger „Schuld“ bestehen bleiben. Ich springe gedanklich in die freie Gesellschaft und diskutiere die Frage für die Ebenen (inter-) individueller, kollektiver und gesellschaftlicher Beziehungen.

Für die Individuen in einer freien Gesellschaft verwirklicht sich die genuine Möglichkeitsbeziehung zur Realität unbeschränkt. Menschen sind zwar grundsätzlich immer frei, ihre Handlungen selbst zu bestimmen, in herrschaftsförmigen Gesellschaften werden sie jedoch dazu gedrängt, bestimmte Handlungen auszuführen (Gottesdienst, Lohnarbeit etc.) – mittels direkten Zwangs und Gewalt, ideologischer Beeinflussung oder anderen Nahelegungen. Fallen Zurichtungen und Einschränkungen weg, so bekommen Handlungen den Charakter der Freiwilligkeit.

Interindividuell, also in den unmittelbaren Beziehungen zwischen Menschen, gilt die volle Freiwilligkeit dann in gleicher Weise. Interpersonale Beziehungen sind nicht mehr von „dritten Gründen“ überlagert – etwa, sich in einer unsicheren Gesellschaft sicherer zu fühlen –, sondern allein vom Grad der Zuneigung. Ob wir uns in einer freien Gesellschaft gegenüber anderen Personen in der Pflicht sehen oder ob wir die grundsätzlich strukturell entkoppelte positive Reziprozität emotional entspannt wahrnehmen können, ist heute nicht entscheidbar.

Für die kollektive Ebene bedeutet es, dass in einer freien Gesellschaft Kollektive genauso wie Individuen nicht gezwungen sind, Nutzungen und Beiträge auszugleichen. Das ist für die Phase der Transformation zu einer freien Gesellschaft anders: Hier ist es gerade eine besondere Qualität, auf kollektiver Ebene für einen Ausgleich von Nutzungen und Beiträgen zu sorgen, um eine Entkopplung auf individueller Reziprozitätsebene zu erreichen. Darauf basieren etwa solidarische Beitragssysteme in Commons, bei denen sich die individuellen Beiträge unterscheiden können, solange auf Projektebene das reinkommt, was rausgeht.

Es liegt auf der Hand, dass auf gesellschaftlicher Ebene eine Kopplung der Reziprozität, also der wechselseitigen Herstellung der Lebensbedingungen durch Schaffung und Nutzung von Mitteln und Leistungen zur Befriedigung von Bedürfnissen, nicht aufgehoben werden kann. Was genutzt wird, muss geschaffen und erhalten werden – will die Gesellschaft ihre Zukunftsfähigkeit nicht verlieren. Aus systemischer Perspektive ist es jedoch irrelevant, wer die notwendigen Beiträge leistet, sofern gewährleistet ist, dass dies durchschnittlich gesichert erfolgt. Ist das der Fall, dann gibt es individuell wie kollektiv keinen Zwang zur Kopplung von Nutzungen und Beiträgen. Eine solche Gesellschaft wäre im vollen Wortsinne frei, weil alle Beiträge freiwillig geleistet werden – in der kapitalistischen Logik von Tausch, Erpressung und Zwang schier unvorstellbar.

Die Entkopplung von Geben und Nehmen auf individueller wie kollektiver Ebene ist eine wichtige Qualität einer freien Gesellschaft. Zudem es vielfach gar nicht möglich ist, einen Ausgleich herbeizuführen – etwa im Bereich von Sorgetätigkeiten. Auch jene Menschen, die kaum oder gar nicht in der Lage sind, Beiträge zu leisten, haben Anspruch auf unreduzierte Nutzung des gesellschaftlichen Reichtums. Gerade im Sorge-Bereich gibt es Tätigkeiten, zu denen wir nicht verpflichtet sind, die wir aber selbstverständlich tun. Selbstverständliche Sorge ist jedoch nicht mit Pflicht oder Schuld gleichzusetzen.

Löst man sich vom Produktionsfetisch, so wird zudem sichtbar, dass es zahlreiche Beiträge zur gesellschaftlichen Lebensweise – zur Kultur im weitesten Sinne – gibt, die nicht anerkannt sind, weil sie ökonomisch nicht zählen und nicht oder nur als Nutzungen wahrgenommen werden. Genau besehen ist jedoch jede Entfaltung individueller Möglichkeiten ein Beitrag zur Lebensweise. Auch wer nur gesellschaftlich geschaffene Dinge nutzt, trägt durch die Weise der Nutzung zur Kultur bei.

Soziale Verpflichtungen und Schuldverhältnisse lösen sich in einer freien Gesellschaft strukturell auf. Gesellschaftlich bleibt eine gekoppelte Reziprozität bestehen – was alle nutzen, muss von allen geschaffen werden. Doch einmal gegeben besitzen nun die gesellschaftlichen Notwendigkeiten individuell uneingeschränkt den Charakter von Möglichkeiten. Alle Weisen der Teilhabe an der Schaffung der Lebensbedingungen erfolgen nicht nur freiwillig, sondern sind auch gesellschaftlich anerkannt. Nur in einer freien Gesellschaft können wir auch individuell frei sein.

From: keimform.deBy: Stefan MeretzComments

MOVE UTOPIA – Zusammen!Treffen!

Für eine Welt nach Bedürfnissen und Fähigkeiten

Vom 21. – 25. Juni 2017 auf dem Kulturkosmos (Müritz)

MOVE heißt: Wir möchten Miteinander Offen Vertrauensvoll Emanzipatorisch … die Zukunft gestalten!

Wir teilen die Vision, überkommene Verhältnisse menschlicher Vereinzelung ab- und neue Formen des Zusammenlebens aufzubauen. Wenn wir Bedürfnisse und Talente offen teilen und mitteilen, kann eine neue Art von Beziehungen entstehen. Eine, die Individualität als Grundlage unseres Miteinanders anerkennt und darauf aufbaut, Unterschiedlichkeit zu genießen und als Bereicherung zu erfahren. Wir möchten Formen des Zusammenlebens entwickeln, die für alle Menschen ein gutes Leben ermöglichen. Im Bewusstsein, dass wir von dieser Erde und immer auch voneinander abhängig sind: Wir sind der tiefen Überzeugung, dass wir miteinander gemäß unserer Bedürfnisse und Fähigkeiten leben können. Wir feiern das Experiment der gelebten Utopie, um uns jenseits von Nationen den globalen Problemen dieser Zeit zu stellen.

Wer wir sind: Ein loser Zusammenhang von Menschen, die diese Vision in die Welt bringen wollen – wenn Du unsere Vision teilst, kannst Du Dich uns gerne anschließen.

Unterstützung bekommen wir durch die Bundeskoordination Internationalismus (BUKO), yunity, living utopia, Konzeptwerk Neue Ökonomie und weitere Initiativen.

Auf dem MOVE UTOPIA möchten wir uns gemeinsam Wege aufzeigen, wie wir den Traum einer herrschaftsfreien und auf Commons, auf Kooperation basierten Welt verwirklichen können. Wir wissen, dass Herrschaft sich nicht auf Ökonomie beschränkt, und möchten euch daher ganz besonders einladen, wenn ihr euch mit Anti-Rassismus, (Queer-)Feminismus oder anderen Formen von Herrschaftskritik beschäftigt. Wir wünschen uns ganz verschiedene Formate bei unserem Zusammen!Treffen!: Wir wollen gemeinsam diskutieren, tanzen, lernen, bauen, singen, zuhören, kochen, uns in Stille üben, basteln, Körpererfahrungen machen, mit Kindern Zeit verbringen, uns streiten, uns sehen, in den Austausch kommen, aufräumen, schenken, Räume erschaffen, beschenkt werden. Wir freuen uns, wenn ihr dazu beitragt!

Einladung zum Mitwirken: MOVE UTOPIA Open Call

From: keimform.deBy: Stefan MeretzComments

LIFE WITHOUT MONEY: Building Fair and Sustainable Economies 2017-03-11 20:43:00

If development is centered on money while the other aspects of human life are ignored such as environment, land, culture or social support systems then the majority of us will be at the losing end.
Money is a game just as soccer that requires the players of the game to understand the rules. In this money game, the rules of the game are not controlled by the players but by the person who introduced the game.

Once Papua New Guineans are hooked into the ‘money’, then it is just like being hooked to alcohol or any other foreign goods where satisfaction is far from being reached that there is a hunger for more.
Quoted from — see more at — https://pngnri.org/png-today-no-money-no-development/

Marx, money and revolution

Marking the release of Marxist Monetary Theory: Collected Papers by Costas Lapavitsas, read this report on the ‘Thinking about Money’ Symposium launching it at SOAS, University of London (18 January).

Marx, Money and our Future

Check out this post for news about the ‘Marx’s Critique of Political Economy and the Global Crisis Today’ conference that will be held on 6–7 April 2017 — organised by members of the Economics and Sociology departments of Hofstra University, New York — one of many events in 2017 to celebrate the 150th Anniversary of the publication of Karl Marx’s Capital I. Harry Cleaver is a guest speaker and there will be a discussion on radical interpretations of money and associated revolutionary strategies.

Eberswalde: Raus aus der Blase

Raus aus der Blase, rein in die GesellschaftFür Kurzentschlossene: morgen (27.1.) gibt es in Eberswalde unter dem Motto „Raus aus der Blase, rein in die Gesellschaft“ einen Info-Abend zu Commons, Open-Source-Ecology, DIY & einem geldfreieren Leben.

Wo und wann?

HNEE Aula, Friedrich-Ebert-Straße 28 (Haus 6)
Einlass ab 17:30Uhr
Der erste Vortrag startet um 18:oo Uhr
Programmende 21:15 Uhr

anschließende Podiumsdiskussion, Soli-Buffet, funky Musik & Gespräche
Musik & Buffett bis 00:00 Uhr

Eintritt frei
Organisiert vom selbstverwalteten Kurs „Projektwerkstatt Commons“ der HNE Eberswalde, pw.commons@hnee.de

Warum?

Immer häufiger tauchen Commons in Debatten auf, die sich mit Wegen aus dem derzeitigen Wirtschaftssystem befassen. Sie werden als eine Alternative sowohl zur Privatisierung als auch zur Verstaatlichung von Gütern betrachtet. Die Ressourcen – und das können materielle und immaterielle sein – sollen wieder zurück in die Hand der Community. In unsere Hände! Es handelt sich um Gemeingüter, die gewisse Regeln der Selbstorganisation benötigen, um gemeinschaftlich hergestellt, genutzt, gepflegt und geteilt zu werden.

Die Open Source Ecology Germany ist eine offene Bewegung, die eine Open Source Ökonomie aufbaut, welche sowohl Produktion als auch Verteilung optimiert und dabei die Regeneration der Umwelt und soziale Gerechtigkeit fördert.

Auch dass immer mehr Menschen sich dafür entscheiden, Produkte selbst herzustellen, anstatt sie zu kaufen (Do-it-yourself), ist Ausdruck eines Streben nach Selbstbestimmtheit. Massenkonsum und die kapitalistische Wirtschaftsweise werden abgelehnt und Alternativen bevorzugt.

Doch können Commons-, DIY- und Open-Source-Ideen tatsächlich außerhalb ihrer Blase existieren und vielleicht sogar Schlüssel für ein neues, kollaboratives Gesellschaftsmodell sein?

Seid dabei, hört, fragt und diskutiert!

Wer trägt was vor?

„Geldfreier Leben – Wege in ein neues Miteinander“
Tobi Rosswog (Aktivist, GeldfreierLeben, LivingUtopia)

„Commons & Open Source: Wie freies Wissen eine kooperative Wirtschaft ermöglicht“
Timm Wille (Ingenieur und Vereinsvorstand von Open Source Ecology Germany e.V.)

„Ein Prozess: Die Entstehung eines DIY und Open-Source-Fahrradanhängers“
Ayosha Kortlang und Julian Preindl (Produktdesign-Studenten der UdK Berlin)

„Taugen die Commons als allgemeines Modell der Gesellschaftsorganisation?“
Christian Siefkes (Softwareentwickler und Autor, bloggt auf keimform.de)

anschließend (Podiums-)Diskussion, auch mit dem Publikum

Anfahrt

Per Bahn: Der Eberswalder Hauptbahnhof ist von Berlin aus gut zu erreichen: stündlich mit dem RE3 von den Stationen Berlin-Südkreuz – Potsdamer Platz – Berlin Hbf (tief) Gesundbrunnen, über Bernau (gelegentlich fahren ICE, IC und EC auf derselben Streckenführung) und stündlich mit der RB24 von Berlin-Ostkreuz via Berlin-Lichtenberg und Berlin-Hohenschönhausen über Bernau.

Per Auto: Die Stadt Eberswalde liegt nordöstlich von Berlin und ist über die A11 Abfahrt Finowfurt zu erreichen. Die Bundesstraßen B167 aus Richtung Freienwalde oder Liebenwalde und B2 aus Bernau oder Angermünde bieten weitere Anfahrtsmöglichkeiten.

Links

Wer sich im Vorfeld über Commons und Open Source informieren möchte, hier ein paar Links:

https://commons-institut.org/was-sind-commons
https://blog.commons.at/commons/
https://commonsblog.wordpress.com/
http://www.denknetz-online.ch/IMG/pdf/Denknetz_Infobrief_14._Die_Debatte_um_Commons.pdf
https://kratzwald.wordpress.com/commons/
http://farmhack.org/tools
https://creativecommons.org/about/videos/wanna-work-together/

From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

MOVE – Sommertreffen 2017

MOVE: Miteinander Offen Vertrauensvoll Emanzipatorisch…

…die Zukunft gestalten

Das Wirtschaftssystem, das unsere Welt beherrscht, ist an sein Ende gekommen. Immer mehr Menschen begreifen dies, und fürchten um die Zukunft. Doch die Antworten linker Parteien gehen über ein ‚Wir machen es etwas weniger schlimm‘-nicht hinaus und überlassen das Feld rechtspopulistischen Bestrebungen.

Wir sehen es als absolute Notwendigkeit, diesen Strömungen eine Bewegung entgegenzusetzen, an der jeder Mensch teilhaben kann. Wir möchten miteinander, nicht gegeneinander leben.

Statt uns von nationalistischen Ideologien blenden zu lassen, glauben wir nicht daran, dass wir in Schubladen passen, sondern möchten der Besonderheit jedes einzelnen Menschen mit Achtsamkeit begegnen. Dabei offen und kritisch unseren eigenen Mechanismen gegenüber zu sein, auch scheinbare Tabuthemen wie Macht und Hierarchie zu beleuchten, ist selbstverständlicher Teil der Bewegung.

…dem Wachstum entwachsen

Die Erhaltung unseres Planeten und ein friedliches Zusammenleben sind nicht mit einem Wirtschaftssystem vereinbar, das auf der Ausbeutung von Menschen und unserer Mitwelt beruht und nur durch ständiges Wachstum am Laufen gehalten werden kann – von dem gleichzeitig immer mehr Menschen ausgeschlossen werden, da sie nicht ‚verwertet‘ werden können. Das Klima wird nicht nur in der Atmosphäre, sondern auch auf der Erde immer rauer, Konflikte werden angeheizt und unter großen Kosten wird immer mehr aufgerüstet und Krieg geschürt. Dabei sterben seit wir denken können täglich Zigtausende an diesem System, und fast eine Milliarde Menschen hungert, während ein Drittel der Lebensmittel weggeworfen wird.

Wir wandeln lieber das System als das Klima und verweigern uns einer Gesellschaft, die die Natur nur als Ressource und Tiere als Fleisch begreift, die keine Zeit für Sorgetätigkeiten lässt und Menschen nach Kosten- und Leistungsfaktoren beurteilt.

Wir gehen einen neuen Weg.

…die Utopie leben

Wir teilen die Vision, überkommene Verhältnisse menschlicher Vereinzelung ab- und neue Formen des Zusammenlebens aufzubauen. Wenn wir Bedürfnisse und Talente offen teilen und mitteilen, kann eine neue Art von Beziehungen entstehen. Eine, die Individualität als Grundlage unseres Miteinanders anerkennt und darauf aufbaut, Unterschiedlichkeit zu genießen und als Bereicherung zu erfahren.

Die Herausforderungen unserer Zeit können nicht einzeln behandelt und nicht von einzelnen Menschen oder Parteien gelöst werden. Wir möchten Formen des Zusammenlebens entwickeln, die für alle Menschen ein gutes Leben ermöglichen.

Im Bewusstsein, dass wir von dieser Erde und immer auch voneinander abhängig sind: Wir sind der tiefen Überzeugung, dass wir miteinander gemäß unserer Bedürfnisse und Fähigkeiten leben können. Viele unter uns nennen es geldfrei-er leben, andere Ecommony, Commonismus oder Beitragsökonomie, wieder andere sprechen von unconditional sharing – doch statt uns über Begriffe zu zerreden, fangen wir an, die Welt neu zu erschaffen: Wir feiern das Experiment der gelebten Utopie, um uns jenseits von Nationen den globalen Problemen dieser Zeit zu stellen.

Im Sommer 2017 treffen wir uns!

Du fühlst Dich angesprochen? Mach mit beim gemeinsamen Weiterentwickeln! Informier Dich auf www.move-utopia.de

MOVE – Bewegen  wir uns!

From: keimform.deBy: Stefan MeretzComments

LIFE WITHOUT MONEY: Building Fair and Sustainable Economies 2016-11-17 14:24:00

In this Youtube video David Suzuki explains economics as 'a form of brain damage'. Check it out:
https://www.youtube.com/watch?v=1Jlyv1hCTr0

Vortrag zum Commonismus in Leipzig

Ankündigungsplakat „Where Is an Alternative?“ (zum Vergrößern klicken)Am kommenden Dienstag, 15. November, ab 19 Uhr halte ich in Leipzig einen Vortrag mit Diskussion zum Thema Commonismus – selbstorganisiert und bedürfnisorientiert produzieren. Der Vortrag ist Teil der Reihe „Where Is an Alternative? Wege in eine bedürfnisorientierte Ökonomie“, veranstaltet von der Gruppe the future is unwritten (Facebook-Link) in Kooperation mit dem Student_innenRat der Uni Leipzig. Ort: Universität Leipzig, Hörsaal 10.

Aus der Ankündigung:

Im Kapitalismus wird nur gemacht, was Profit verspricht, auch wenn das zwangsläufig auf Kosten von Menschen und Natur geht. Doch diese Logik ist nicht alternativlos – Ansätze wie Freie Software, Open Hardware, solidarische Landwirtschaft oder das Mietshäuser-Syndikat zeigen, dass es anders geht. Sie basieren auf Commons, die kollektiv hergestellt und gepflegt werden und von vielen oder allen genutzt werden können. Und die Menschen kooperieren auf Augenhöhe, statt sich anderen unterzuordnen oder gegen andere konkurrieren zu müssen.

Wie lässt sich diese alternative gesellschaftliche Logik verallgemeinern? Wie kann die allgemeine Re/Produktion so umgestaltet werden, dass sie sich (statt um Profit) um die Bedürfnisse aller dreht? Wie könnte eine solche Gesellschaft funktionieren, die dann nicht mehr kapitalistisch, sondern commonistisch wäre, und – drängender noch – wie kommen wir dorthin? Darum wird es an diesem Abend gehen. Vorab sei gesagt: Der Weg in den Commonismus wird nicht einfach, aber er ist möglich – und notwendig.

Linke Alternativen sind heute wohl nötiger denn je, insofern hoffe ich auf eine gute Veranstaltung.

From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments

Eine Welt, in der alle gut leben können

Titelbild „Die Welt reparieren“Das Potenzial der commonsbasierten Peer-Produktion

[Mein Beitrag zum neuen Sammelband Die Welt reparieren. Open Source und Selbermachen als postkapitalistische Praxis, herausgegeben von Andrea Baier, Tom Hansing, Christa Müller und Karin Werner (Transcript, Bielefeld 2016). Es ist auch möglich, das komplette Buch herunterzuladen (Lizenz: CC BY-NC-ND).]

Die Grundideen des Internets sind Offenheit und Dezentralität – jede soll mitmachen können, ohne erst andere um Erlaubnis fragen zu müssen. Wer heute das WWW benutzt, spürt davon womöglich nicht mehr viel. Wird nicht alles von einigen großen Plattformen wie Google, Facebook, Youtube und Amazon dominiert? Es mag so scheinen, doch ist das WWW nur ein kleiner Teil des Internets und die großen Plattformen sind nur ein kleiner Teil des WWW.

Und was auffällig ist: Auch bei Plattformen wie Facebook, Youtube und Twitter sind es die Benutzer (ich verwende weibliche und männliche Formen zufällig im Wechsel), die alle Inhalte beitragen – anders als beim Fernsehen und bei gedruckten Medien, deren Inhalte von bezahlten Profis erstellt werden. Google ist als Suchmaschine für die Vielfalt des WWW groß geworden, produziert also ebenfalls keine eigenen Inhalte, sondern ermöglicht es, diese zu finden. Beim Onlineshop Amazon spielt der „Marketplace“, auf dem Drittanbieter eigene Produkte verkaufen, eine zunehmend größere Rolle, und eBay lebt komplett von der Vermittlung der Angebote anderer Menschen und Firmen.

Selbstorganisierte Räume des Mitmachens und Teilens

Sogar bei diesen Plattformen scheint die Idee des allgemeinen Mitmachens noch durch, allerdings mit dem wichtigen Unterschied, dass es sich im Gegensatz zum Internet selbst um privat betriebene Orte handelt, die die Erlaubnis zur Beteiligung nach eigenem Gutdünken erteilen und widerrufen dürfen – was Facebook oder eBay nicht passt, wird von ihnen gelöscht. In den Weiten des Internets können dagegen alle beitragen, was sie für richtig halten, und nur im Falle von Gesetzesbrüchen können sie dafür von staatlichen Stellen zur Verantwortung gezogen werden.

Als digitaler Raum basiert das Internet auf Software und Wissen, und seinen Grundprinzipien der Freiheit und Vielfalt entsprechend sind Freie Software (auch Open Source genannt) und Freies Wissen seine Grundlagen. Auch hier steht die Erlaubnisfreiheit im Vordergrund: Freie Software ist nicht nur frei in dem Sinne, dass alle sie kostenlos herunterladen können. Sie räumt vielmehr allen Nutzerinnen umfassende Rechte ein, die als vier Freiheiten bekannt geworden sind:

  1. Alle haben das Recht, die Software für beliebige Zwecke zu verwenden. Es gibt dafür keine Voraussetzungen (etwa dass man in irgendeiner Form „bedürftig“ sein muss) und keine Einschränkungen in der Nutzung (etwa ein Verbot, die Software in Firmen oder für kommerzielle Ziele zu verwenden).
  2. Alle haben das Recht, die Software zu studieren und zu verstehen, wie sie funktioniert. Dafür bekommt man (bei Interesse) Zugang zum sogenannten Quellcode der Software, den Programmierer erstellt haben und verändern können. Das ist bei Software, die von Konzernen wie Microsoft und Apple verkauft wird, fast nie möglich – dort erhält man nur eine maschinenlesbare Form der Software, die vom Computer ausgeführt werden kann, aber für Menschen unverständlicher Zeichensalat ist. Und auch bei Webgiganten wie Google und Facebook kriegt niemand außerhalb der Firma die Software zu Gesicht, die in ihren Rechenzentren läuft.
  3. Man kann die Software verbreiten, also an andere weitergeben, ohne dafür um Erlaubnis bitten zu müssen.
  4. Man kann die Software auch verbessern und den eigenen Vorstellungen gemäß umgestalten. Stört mich etwas an dem, was die Software macht, kann ich es verändern; fehlt mir etwas, kann ich es hinzufügen. Und auch die so veränderte Version darf ich an andere weitergeben, die sie wiederum verbessern und an andere weitergeben können.

Das Internet basierte von Anfang an und bis heute auf Freier Software. Der Großteil aller Webseiten wird von freien Webservern wie Apache und nginx ausgeliefert, und unzählige Webseiten werden mithilfe freier Programme wie WordPress und Drupal erstellt. Programmiersprachen – die Sprachen, in denen Programme erstellt werden – sind heute in den meisten Fällen Open Source oder als offener Standard verfügbar. Auch die zahlreichen Programme, die unsichtbar auf Servern und Routern laufen, sind zum großen Teil frei. Die allermeisten Server und Supercomputer laufen unter dem freien Betriebssystem Linux, und auch zahlreiche Programmierer und Computerprofis verwenden dieses System. Das auf Smartphones am weitesten verbreitete Betriebssystem, Android, ist ein von Google entwickelter Linux-Ableger, den Google selbst wiederum (wenn auch zögerlich) als Freie Software bereitstellt.

Der Erfolg des Internets selbst basierte maßgeblich darauf, dass es auf offenen Standards beruht. Wer diese Standards umsetzt, kann sich beteiligen – es gibt keine Firma oder Zentralinstanz, die kontrollieren könnte, wer mitspielen darf.

Das Teilen jeder Art von Wissen ist mit dem Internet sehr einfach geworden. Zu den sieben am häufigsten besuchten Webseiten gehört die Wikipedia, die freie Enzyklopädie in unzähligen Sprachen, die ebenfalls die vier Freiheiten bietet. Man kann sie nicht nur lesen, sondern auch verbessern und erweitern, wobei die Community selbst darüber wacht, dass Unsinn und Spam schnell wieder entfernt werden. Ein Prozess, der nicht immer perfekt, aber alles in allem bemerkenswert gut funktioniert.

Weitere riesige Sammlungen von Freiem Wissen sind OpenStreetMap, ein Projekt zur Erstellung von freien und vielfältig nutzbaren Landkarten, und das Internet Archive, eine gigantische, ständig erweiterte Sammlung von eingescannten Büchern, nicht mehr regulär vertriebenen Computerprogrammen und archivierten Versionen von Webseiten, die so für die Nachwelt verfügbar bleiben. Unzählige weitere freie Werke – Texte, Bilder, Musik, selbst Filme – sind dezentral übers ganze Internet verstreut. Viele von ihnen werden von ihren Autorinnen unter Lizenzen der Creative-Commons-Initiative veröffentlicht, die sich zum Ziel gesetzt hat, Urhebern das freie Teilen ihrer Werke leicht zu machen. (Wobei allerdings nicht alle CC-Lizenzen die vollständigen vier Freiheiten einräumen – manche erlauben nur die nichtkommerzielle Weitergabe oder verbieten das Verändern gleich ganz.)

Die ABCD-Prinzipien

Gemeinsam sind dem offenen Internet und den freien Projekten, die auf seiner Basis florieren, vier wesentliche Prinzipien, die man nach den Anfangsbuchstaben ihrer Kernbegriffe als ABCD-Prinzipien bezeichnen könnte:

A Kooperation auf Augenhöhe:

Die Beteiligten in freien Projekten arbeiten oft freiwillig zusammen, um zu einem gemeinsamen Ziel beizutragen. Deshalb kann keine von ihnen den anderen Befehle erteilen, da es keine Druckmittel wie etwa die Angst vor Entlassung und Arbeitslosigkeit gibt, um Gehorsam zu erzwingen. Alle machen aus freier Entscheidung mit – oder eben gar nicht. Oft gibt es Koordinatorinnen (gerne „Maintainer“ oder „Admins“ genannt), die ein Projekt auf Kurs halten und entscheiden, ob Beiträge integriert oder zurückgewiesen werden, aber diese sind auf die freiwilligen Beiträge der anderen angewiesen und können keinerlei Zwang anwenden. Dieser Modus der Zusammenarbeit wird gerne als „Peer-Produktion“ bezeichnet, denn das englische Wort peers bezeichnet (unter anderem) Gleichberechtigte, die sich niemandem unterordnen müssen. In einem offenen Prozess entwickeln die Projektbeteiligten die Regeln und Organisationsformen der Zusammenarbeit selbst.

Das gilt in vollem Umfang allerdings nur da, wo sich Freiwillige ohne finanzielle Interessen engagieren. Bei Wikipedia und OpenStreetMap ist dies fast ausschließlich der Fall. Freie Software wird dagegen oft von Firmen mitentwickelt, die einige ihrer Programmierer mit der Weiterentwicklung der Software beauftragen – etwa weil sie diese selber nutzen oder mit Zusatzangeboten wie Support Geld verdienen wollen. In solchen Fällen gelten natürlich die Regeln der Firmenwelt weiter und diese Programmiererinnen müssen den Weisungen des Managements Folge leisten.

B Beitragen statt tauschen:

Projekte haben ein gemeinsames Ziel, und alle Teilnehmenden tragen auf die eine oder andere Weise zu diesem Ziel bei. Dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen. Manche wollen das entstehende Produkt selber nutzen, anderen macht die jeweilige Tätigkeit Spaß oder sie wollen ihr Wissen teilen. Wieder andere beteiligen sich, um etwas zu lernen oder der Community etwas zurückzugeben. Durch das allgemeine Beitragen kommen alle schneller zum Ziel, als wenn sie vereinzelt vor sich hinwursteln würden.

An Peer-Projekten Beteiligte tragen direkt zu einem Ziel bei, das sie für wünschenswert oder unterstützenswert halten. Ganz anders der marktwirtschaftliche Ansatz, wo alle arbeiten und produzieren, um etwas zu verkaufen (oder zu tauschen – Kauf und Verkauf sind die geldvermittelte Form des Tauschens). Wer in Hinblick auf die Verkaufbarkeit produziert, verfolgt ein indirektes Interesse – es geht gar nicht um das Produzierte, sondern darum, einen erhofften Geldgewinn zu erzielen. Die Peer-Produktion lässt dieses Tausch-Paradigma hinter sich.

C Commons und Besitz statt Eigentum:

Eigentümer haben das Recht, andere von der Nutzung ihres Eigentums auszuschließen oder ihnen – üblicherweise gegen Gebühr – den Zugang dazu temporär oder dauerhaft einzuräumen. In Peer-Produktion entsteht in aller Regel kein Eigentum einzelner, denn wieso sollten Menschen freiwillig zur Entstehung einer Sache beitragen, von deren Nutzung sie dann hinterher ausgeschlossen sind oder werden können? Freie Software, Freie Wissensartefakte und auch das offene Internet selbst sind keine Waren, die von Firmen hergestellt werden, um verkauft oder vermietet zu werden und der Firma so Profite zu verschaffen. Stattdessen sind sie Commons (auf Deutsch auch „Gemeingüter“ oder „Allmenden“ genannt), die niemandem exklusiv gehören, sondern kollektiv genutzt werden. Zur Nutzung gehört auch die gemeinsame Pflege und Weiterentwicklung, weshalb hinter jedem größeren Freie-Software- oder Wissens-Projekt eine Community von Menschen steht, die sich darum kümmert, dass das Werk zugänglich bleibt und weiter verbessert wird.

Commons sind kein neues Konzept, ganz im Gegenteil. Schon vor Jahrtausenden galten etwa natürliche Ressourcen wie Wasser, Wälder und Land sowie kollektiv genutzte Einrichtungen wie Wege und Wasserversorgungen oft als Allmenden, die gemeinschaftlich gepflegt und gemäß von der Gemeinschaft festgelegter Regeln genutzt wurden. Das Internet hat dieser uralten Praxis, die in Vergessenheit geraten, wenn auch nie ganz verschwunden war, zu einer Renaissance verholfen. Doch eins ist bei den digitalen Commons anders: Während bei traditionellen Allmenden die Gemeinschaft der Kümmerer und Nutzerinnen lokal begrenzt war – etwa auf die Bewohner eines bestimmten Dorfs –, sind diese neuen Allmenden grundsätzlich offen für alle, die mitmachen wollen und bereit sind, sich an die kollektiv festgelegten Spielregeln zu halten.

Was aber ist mit Gütern, die nicht gemeinsam genutzt werden können, sondern nur von einzelnen oder kleinen Gruppen? Etwa mit dem Apfel, den niemand mehr essen kann, wenn ich ihn gegessen habe, oder mit dem Fahrrad, mit dem niemand anderes fahren kann, während ich es fahre? Da es bei Peer-Produktion um ein gemeinsames direktes Ziel statt um das indirekte Ziel der Verkaufbarkeit geht, kommt es hier weniger auf formale Eigentumsrechte an als auf Nutzungsmöglichkeiten. Das wird als Besitz bezeichnet – die Wohnung, die ich gemietet habe, ist mein Besitz, aber das Eigentum meines Vermieters. Einen Peer-produzierten Apfel könnte ich essen, aber ich habe vielleicht kein Recht, ihn zu verkaufen, wenn ich ihn nicht selber essen will – stattdessen kann ihn dann jemand anderes essen (nutzen), ohne dafür meine Erlaubnis zu brauchen. Genaueres bestimmen die Regeln, die sich die Community gibt.

D Dezentral-selbstheilend:

Das Internet unterscheidet sich von älteren Netzen wie dem klassischen Telefonnetz dadurch, dass es auf dem Prinzip des packet switching (Paketvermittlung) basiert. Für Telefongespräche braucht es eine feste Verbindung zwischen Anruferin und Angerufenem; wird diese Verbindung irgendwo unterwegs unterbrochen, ist das Gespräch vorbei. Solange die Verbindung offengehalten wird, belegt sie jedoch auch dann Kapazitäten, wenn gerade keine der Beteiligten etwas sagt. Kommunikationsvorgänge im Internet werden dagegen in viele kleine Pakete aufgeteilt, und jedes dieser Pakete sucht sich seinen eigenen Weg. Bricht der bisher gewählte Weg weg, finden die weiteren Pakete einfach einen anderen, so dass die Kommunikation weitergehen kann. Internetkommunikation ist daher selbstheilend: Solange es nur irgendeinen denkbaren Weg zwischen den Beteiligten gibt, wird dieser gefunden; man muss nicht „neu wählen“, weil das Gespräch unterbrochen wurde. Und wenn sich die Beteiligten gerade nichts zu sagen haben, werden keine oder nur ganz wenige Pakete verschickt, so dass mehr Kommunikationskapazität für andere bleibt.

Beim klassischen Telefonnetz gibt es Vermittlungsstellen, die alle Verbindungen herstellen – ist die Vermittlungsstelle nicht erreichbar, kann man niemanden mehr anrufen. Dagegen gibt es im Internet (jedenfalls auf der Ebene der Paketvermittlung) keine derartigen Zentralstellen, sondern alle direkt ans Internet angeschlossenen Computer sind grundsätzlich gleichberechtigt. Selbst wenn das Internet komplett in zwei Teile zerfallen würde, würde innerhalb jedes dieser Teile alles weiterlaufen wie bisher.

Auch digitale Commons produzierende Projekte weisen diesen dezentral-selbstheilenden Charakter auf. Bei proprietärer Software (oder anderen Verkaufsprodukten) hängt alles von der Herstellerfirma ab – wenn diese pleitegeht oder das Interesse an dem Produkt verliert, sitzen die Kunden auf dem Trockenen. Und wenn sich Kundinnen eine bestimmte Erweiterung wünschen, an der der Hersteller kein Interesse hat, sind sie machtlos, denn selbst verändern können und dürfen sie die Software nicht. Ganz anders bei Freier Software: Hier gibt es zwar typischerweise ein Team, das sich um die Entwicklung kümmert, doch hat es keine exklusiven Rechte an dem Produkt. Verliert das Originalteam irgendwann die Lust, können andere dort weitermachen, wo es aufgehört hat. Und alle haben das Recht, eigene veränderte Versionen der Software zu erstellen und zu verbreiten, ohne dafür irgendjemanden um Erlaubnis bitten zu müssen.

Vom Freien Wissen über Freies Design zur verallgemeinerten Peer-Produktion?

Am besten funktioniert die Peer-Produktion bislang bei der Produktion und Verbreitung von Wissen und Zeichenartefakten. Ansatzweise greift dies schon in die materielle Welt über, wenn etwa Baupläne und Konstruktionsbeschreibungen für materielle Dinge geteilt werden. Das wird Freies Design oder Open-Source-Hardware genannt. Die Dinge selbst werden hier freilich noch nicht frei verfügbar gemacht, sondern nur das Wissen darum, wie man sie herstellt.

Der Berliner Designer Ronen Kadushin entwirft frei verfügbare Möbel und vom SketchChair-Projekt kommt eine Software, die es allen ermöglicht, selbst zu Möbeldesignern zu werden. Das Open Prosthetics Project entwickelt frei nutzbare Arm- und Beinprothesen, die den individuellen Bedürfnissen besser angepasst werden können als bei kommerziellen Produkten üblich. Das von einem im Krieg verstümmelten Soldaten gegründete Projekt hat auch den Anspruch, eine bessere medizinische Versorgung von Menschen zu erreichen, die sie sich normalerweise nicht leisten können, wie z.B. in „Entwicklungsländern“. Mehrere Projekte veröffentlichen Baupläne für kleine Computer, deren Grundbausteine auf eine einzige Platine passen und die modular erweitert werden können – neben dem sehr bekannten Arduino gibt es unter anderem das PandaBoard und das BeagleBoard. Zahlreiche weitere Projekte aus dem Elektronikbereich sind im Open Hardware Repository zu finden.

Auch die Baupläne für Produktionsmittel werden frei geteilt. Besonders populär ist der 3D-Drucker RepRap, der seine eigenen Bauteile selbst „ausdrucken“ kann und inzwischen in zahlreichen Varianten existiert. Auch Laserschneidmaschinen, Platinenfräsen und programmgesteuerte Webstühle gibt es als Open Source. Bislang sind diese Maschinen allerdings eher zum Experimentieren und für Prototypen geeignet, mit der hochindustrialisierten kapitalistischen Massenproduktion können sie nicht mithalten.

Der Sprung vom freien Teilen von Bauplänen und anderen Zeichenartefakten zum freien Teilen auch materieller Dinge ist noch nicht geglückt. Das sollte aber kein Grund sein, nicht schon weiterzudenken. Ist eine Welt möglich, in der Peer-Produktion und Commons allen Lebensbereichen zugrunde liegen? Wie könnte eine solche Gesellschaft funktionieren?

Es wäre eine Welt, in der die oben genannten ABCD-Prinzipien alle Lebensbereiche durchdringen. Das würde bedeuten, dass Dinge hergestellt, gewartet und repariert, Dienstleistungen angeboten und Infrastrukturen am Laufen gehalten werden, weil sie jemand gebrauchen kann, und nicht, weil jemand damit Geld verdient. Die Menschen gehorchen nicht, weil sie die Angst vor Jobverlust oder vor der Polizei dazu zwingt, sondern sie arbeiten mit anderen zusammen, weil sie das für sinnvoll halten – selbstbestimmt und auf Augenhöhe.

Dinge werden hergestellt, um genutzt, nicht um verkauft zu werden. Das Eigentum im heutigen Sinne verliert deshalb seine Bedeutung. Ich lebe in meiner Wohnung, so lange ich das möchte, doch wenn ich in eine andere Stadt ziehe, verkaufe ich sie nicht, sondern gebe sie der Community zurück, die dann jemand anderes findet, der darin wohnen möchte.

Die Güterverteilung funktioniert nach dem Prinzip der Flatrate. Niemand lebt im Elend und keine hat so viel, dass sie gar nicht mehr weiß, wohin damit – sondern alle nehmen sich, was sie brauchen, weil sie es brauchen. Alle oder die meisten tragen auf die eine oder andere Weise zu dieser kollektiv selbstorganisierten Flatrateproduktion bei – nicht weil sie andernfalls ins Elend abrutschen oder ins Gefängnis geworfen würden, sondern weil sie das für sinnvoll halten und weil es allgemein üblich ist.

Allgemeine Beteiligung ohne Zwang

Aber würde das funktionieren? Werden nicht alle faul auf dem Sofa liegen, weil Menschen nur arbeiten, wenn sie dazu gezwungen sind – wenn ihnen andernfalls Elend und soziale Ausgrenzung oder Schlimmeres drohen? Und wenn die Dinge kein Geld mehr kosten, werden sich dann nicht alle massenhaft Dinge aneignen, egal ob sie sie wirklich gebrauchen können oder nicht, so dass alle Versorgungsinfrastrukturen rasch zusammenbrechen würden?

Es gibt keine Patentrezepte für eine andere Gesellschaft und deshalb keine Gelingensgarantie. Jede Gesellschaftsorganisation hat ihre Probleme und die in der Gesellschaft lebenden Menschen werden geeignete Wege finden müssen, damit umzugehen. Doch das eben skizzierte Negativszenario basiert auf falschen Annahmen. Es verallgemeinert bestimmte, nur im Kapitalismus geltende Bedingungen.

Faul zu sein, ist schön und wichtig, und die Menschen in einer Peer-Commons-Gesellschaft werden viel Zeit dafür haben, denn die notwendigen (re-)produktiven Arbeiten werden sehr viel weniger Zeit in Anspruch nehmen als heute. Das liegt daran, dass der kapitalistische Produktionsprozess in mancher Hinsicht sehr ineffizient ist. Firmen stehen in Konkurrenz zueinander und versuchen ihr Wissen deshalb möglichst geheim zu halten. Das führt zu viel unnötiger Doppelarbeit, weil jede ihre eigenen Lösungen finden muss, statt dass alle gemeinsam weiterdenken und gegenseitig an ihre Vorarbeiten anknüpfen können. Jede Firma muss so viel verkaufen wie sie kann. Sie versucht ihre Kunden zu überzeugen, dass sie immer mehr und Neues brauchen, und gestaltet ihre Produkte so, dass sie rasch kaputtgehen oder veralten („geplante Obsoleszenz“). Und weil sich konkurrierende Firmen in ihrem Versuch, möglichst viel Umsatz zu machen, nicht abstimmen können, kommt es immer wieder zur Überproduktion von Waren, die sich als unverkäuflich entpuppen.

Peer-Produzenten ähnlicher Güter werden sich dagegen abstimmen, um kollektiv für den bestehenden Bedarf zu produzieren, aber nicht darüber hinaus. Sie werden ihr Wissen miteinander teilen und langlebige sowie leicht reparierbare Produkte entwickeln, von denen die Nutzerinnen möglichst viel haben – schließlich produzieren sie für deren Bedürfnisse, nicht für den Profit. Außerdem werden ganze Wirtschaftszweige, etwa das Finanzwesen, der Immobilienhandel und die Rüstungsindustrie wegfallen, weil sie niemand mehr braucht.

Es wird also sehr viel weniger Arbeit geben als heute, aber natürlich muss auch diese Arbeit noch geleistet werden. Zum Glück ist die These falsch, dass Menschen nur unter Zwang arbeiten. Heutige Peer-Projekte zeigen, dass es viele andere Gründe gibt, etwa die Freude am Tun oder der Wunsch, etwas zu lernen. Es ist auf Dauer unbefriedigend, immer nur von anderen abhängig zu sein, ohne selbst etwas für die anderen zu tun und damit die einseitige Abhängigkeit in eine gegenseitige zu verwandeln. Beziehungen in Familien und im Freundeskreis basieren auf einer informellen Gegenseitigkeit – jeder tut etwas für die anderen, ohne dass es sinnvoll oder praktikabel wäre, das gegeneinander aufzurechnen.

Eine Peer-Commons-Gesellschaft würde auf dieser informellen Gegenseitigkeit als allgemeinem Organisationsprinzip basieren. Typischerweise würden sich alle, sofern sie nicht zu jung, zu alt oder zu krank sind, auf die eine oder andere Weise an den gesellschaftlich nötigen Tätigkeiten beteiligen – ob sie sich um Kinder kümmern, Alte oder Kranke pflegen, Landwirtschaft betreiben, Busse fahren, Fahrräder bauen oder reparieren, Energie- und Wasserversorgung in Betrieb halten etc. Peer-Produktion ist generell „hinweisbasiert“. Wer sich etwas wünscht oder etwas sieht, das im Argen liegt, hinterlässt Hinweise darauf, was zu tun ist. Andere sehen diese Hinweise und wer sich selbst für geeignet und die entsprechende Aufgabe für relevant hält, beteiligt sich dann vielleicht an ihrer Erfüllung. So können sich die Menschen selbst aussuchen, auf welche Weise sie sich in den gesellschaftlichen Prozess einbringen.

Vermutlich werden sich die allermeisten gesunden Erwachsenen beteiligen. Schon die Erwartungen der anderen dürften dafür sorgen, dass sich niemand ohne guten Grund verweigert. Wer das tut, hätte zwar keine Sanktionen zu erwarten, aber vermutlich schiefe Blicke und kritische Fragen von Nachbarinnen und Freunden. Und wenn sich fast alle auf die eine oder andere Weise beteiligen, hat niemand sehr viel zu tun, was die Attraktivität der „Verweigerungslösung“ weiter vermindert.

Kollektive freiwillige Selbstorganisation führt manchmal zu sehr unausgewogenen Belastungen – manche hängen sich sehr stark rein, um „den Laden am Laufen“ zu halten, andere tun nur gelegentlich einmal etwas und kümmern sich um Dinge, die ihnen sowieso gefallen. Auf Dauer kann das bei Ersteren leicht zu Frust und einem Gefühl von Überforderung führen. Dieses Risiko lässt sich nicht ganz aus der Welt schaffen, ohne den freiwilligen Charakter der Zusammenarbeit zu zerstören – es gibt aber Möglichkeiten, bewusst damit umzugehen und es so zu minimieren.

Eine Möglichkeit ist ein allgemeines Trackingsystem, in die Freiwilligen den Umfang ihres Engagements eintragen. Jede kann so sehen, wie sie relativ zum Durchschnitt aller (die sich am Tracking beteiligen) steht. Hat man deutlich weniger gemacht, kann das ein Hinweis sein, sich mehr zu engagieren; ist die eigene Beteiligung überdurchschnittlich, kann man es ruhiger angehen lassen oder sich eine Auszeit gönnen. Auch wer sich nicht aktiv am Tracking beteiligt, weiß so, wie viel Beteiligung gesellschaftlich üblich ist und kann sich daran orientieren. Alle diese Entscheidungen werden aber weiterhin freiwillig von den Einzelnen getroffen, und nur die Einzelne erfährt, wie viel sie selbst beiträgt – alle anderen erfahren nur Durchschnittszahlen.

Eine allgemeine Beitragspflicht dürfte kaum sinnvoll sein, da sie demotivierend wirken würde. Wer sich noch an die eigene Schulzeit erinnern kann, dürfte wissen, dass Dinge, die man tun muss, immer deutlich unattraktiver sind als solche, für die man sich freiwillig aus eigenem Interesse entschieden hat. Sie wäre auch nicht effektiv durchsetzbar, da man beim Erfassen der Zeiten schummeln oder einfach herumtrödeln könnte.

Im Kapitalismus sorgen Marktmechanismen dafür, dass nur Zeit „zählt“, in der effektiv gearbeitet wurde – ein trödelnder Tischler, der sich doppelt so viel Zeit gelassen hat wie andere, kann seinen Tisch trotzdem nicht teurer verkaufen. Aber diesen Effekt gibt es nur bei Konkurrenz einzelner Privatproduzenten, die dann notwendigerweise gegeneinander arbeiten. Und diese Konkurrenz führt notwendigerweise zu Gewinnern und Verliererinnen – manche bleiben im Konkurrenzkampf auf der Strecke. Konkurrenz führt außerdem zu einem Unterbietungswettbewerb, der oft auf Kosten der Natur (die übernutzt wird), der eigenen Mitarbeiter (deren Arbeitskraft möglichst intensiv ausgebeutet wird) oder der Kundinnen (denen unter Umständen ein gesundheitsschädigendes oder kurzlebiges Produkt angedreht wird) geht.

Will man dies nicht, dann ist auch kein effektives Einfordern von Mindestbeteiligungszeiten möglich. Es dürfte aber auch nicht nötig sein, weil die meisten verantwortungsvoll genug sein dürften, sich in angemessenem Maße einzubringen, wobei ihnen Hilfsmittel wie das skizzierte Trackingsystem helfen können, ihre Beiträge im Auge zu behalten.

Welt ohne Geld

Da es keine Gehälter mehr gibt, entfällt auch der Zwang, sich das Notwendige oder Gewünschte kaufen zu müssen. Die produzierten Güter (ob materiell, immateriell oder Dienstleistung) werden stattdessen nach dem Flatrateprinzip verteilt: Alle nehmen sich, was sie brauchen, sobald sie es brauchen. Und was man nicht mehr braucht, gibt man (wenn es noch gut ist) zurück, so dass andere es gebrauchen können. Schließlich gibt es kein Eigentum mehr, das man durch Verkaufen oder Vermieten „zu Geld machen“ kann, und auch keine Notwendigkeit mehr dazu. Statt Läden gibt es Verteilstellen, aus denen man sich bedient, und in die man nicht mehr Gebrauchtes zurückbringen kann. Die Menschen werden sich bald angewöhnen, diese Verteilstellen als ausgelagerten Lagerraum anzusehen, und sich nur bei Bedarf das Benötigte holen, statt unnötigen Plunder in der eigenen Wohnung oder Garage zu behalten.

Aber würde das Flatrateprinzip nicht zu allgemeiner Übernutzung führen – würden nicht alle einen Mercedes fahren und eine viel zu große Wohnung bewohnen? Wohl nicht, denn teure Autos und Luxuswohnungen sind heute ein Statussymbol. Man leistet sie sich zu einem guten Teil, um zu zeigen, dass man sie sich leisten kann, und um sich so von der Masse abzusetzen. Dieser Effekt würde entfallen, denn was frei verfügbar ist, kann kein Statussymbol sein.

Ohne Geld, das es seinen Besitzerinnen ermöglicht, sich ohne Weiteres zu kaufen, was sie wollen, bleibt den Einzelnen auch gar keine Möglichkeit, sich ohne Rücksicht auf die anderen und deren Bedürfnisse nur um das eigene Wohl zu kümmern. Niemand kann alles allein herstellen, was er zum Leben braucht, weshalb nur eine allgemeine Verständigung mit anderen darüber bleibt, was gewünscht wird und wie das Gewünschte auf eine Weise aufgeteilt werden kann, die alle als fair empfinden. Statt Luxusvillen für einige und Slums für den großen Rest wird ausreichend Wohnraum entstehen, in dem sich alle wohlfühlen können. Das heißt nicht, dass es nur noch langweilige Einheitswohnungen gäbe, sondern Stil, Schnitt und Ausstattung werden gemäß individuellen Präferenzen variieren.

Generell wird es darum gehen, die (re-)produktiven Infrastrukturen so zu gestalten, dass niemand zu kurz kommt – also Lösungen zu finden, die allen ein Leben gemäß ihren individuellen Vorstellungen und Wünschen ermöglichen. Dabei kommt es im Zweifelsfall darauf an, auf die „Bedürfnisse hinter den Bedürfnissen“ zu schauen – hinter dem Wunsch, ein bestimmtes Auto zu fahren, steckt etwa das Bedürfnis nach Mobilität. Ein Mercedes für jede ist ein Ding der Unmöglichkeit, aber eine flexible Verkehrsinfrastruktur, die Mobilität für alle ermöglicht, ist machbar. Umfassen wird sie wahrscheinlich vor allem Bahnlinien und öffentlichen Nahverkehr, Fahrräder (mit oder ohne elektrischen Hilfsmotor) sowie Pools von Fahrzeugen (z.B. Lastenräder oder Kleinbusse), die man sich bei Bedarf ausleiht.

In einem einzelnen Artikel können die Möglichkeiten und Herausforderungen einer Gesellschaft nach dem Kapitalismus und nach dem Geld nur skizzenhaft dargestellt werden. Wer mehr wissen will, ist eingeladen, auf dem Gemeinschaftsblog keimform.de weiterzulesen und gerne auch mitzudiskutieren.

Literatur

Habermann, Friederike (2016): Ecommony: UmCARE zum Miteinander, Sulzbach.

Meretz, Stefan (2015): Commonismus statt Sozialismus. In: Marxistische Abendschule Hamburg (Hg.): Aufhebung des Kapitalismus. Die Ökonomie einer Übergangsgesellschaft, Hamburg, 259–277. Online unter: http://keimform.de/2015/commonismus-statt-sozialismus

Nuss, Sabine (2015): Die stigmergische Zukunft. In: neues deutschland vom 11.04.2015. Online unter: http://keimform.de/2015/die-stigmergische-zukunft/

From: keimform.deBy: Christian SiefkesComments